Landwirtschaft und Umwelt

Eigentlich müssten wir alle Veganer werden, um die Erde zu retten

etwa 6 Min. Lesedauer
  • Metriken
  • Probemitglieder: 7
  • Conversion Rate: 564.2857 (Gast-Aufrufe pro neuem Mitglied)
  • Aufrufe: (Gesamt: 5553, Gäste: 3950)
  • Kommentare: 10
  • Audio-Zugriffe: 149
  • Ebook-Downloads: 20
  • Zahlen aktualisiert 16. November, 21:55 Uhr
| Matomo-Analytics

Die Blätter der Zwiebeln am ausgetrockneten Bachlauf waren verdorrt, die Paprika hatte erst gar nicht gekeimt, die Hirse ließ die Köpfe hängen. „Jetzt haben wir nur noch unsere Ziegen und das Kamel“, sagte der Bauer in der Sahelzone in Westafrika zu mir und zeigte auf die dürren Sträucher, die noch Blätter für sein Vieh trugen.

Das alles ist schon lange her, eine Begegnung in den Achtzigerjahren, ich arbeitete damals als Agrarberaterin im Niger. Doch ich hatte sie sofort wieder vor Augen, als jetzt eine große Studie über die Umwelteffekte von Lebensmitteln Schlagzeilen machte: „Vermeide Fleisch und Milchprodukte – das ist die beste Einzelmaßnahme, deine Auswirkung auf den Planeten zu vermindern“, titelt die britische Tageszeitung The Guardian sinngemäß zu den Forschungsergebnissen.

Eine bessere Welt ohne Tierhaltung – ich frage mich, was wohl der nigrische Bauer dazu sagen würde? Vermutlich wäre ihm das egal, im zweitärmsten Land der Welt geht es für einen Farmer um das nackte Überleben. Doch die großangelegte Studie des Umweltforschers Joseph Poore von der Universität Oxford und des Agronomen Thomas Nemecek vom Forschungsinstitut Agroscope in Zürich zeichnet ein viel größeres Bild: Für die Ernährung von 7,6 Milliarden Menschen produzieren 570 Millionen Farmen weltweit Nahrungsmittel. Die gesamte Kette der Lebensmittelversorgung verursacht rund ein Viertel des durch Menschen verursachten Ausstoßes an Treibhausgasen.

Die Studie konzentriert sich aber nicht nur auf klimaschädliche Gase, sondern untersucht auch die Auswirkung der Landwirtschaft auf die Landnutzung, die Süßwasserentnahme (gewichtet mit der örtlichen Wasserknappheit), den Nährstoffeintrag in Böden und Gewässern sowie deren Versauerung.

Die beiden Wissenschaftler haben nun die bisher umfassendste Datenbank über die Umweltauswirkungen von Landwirtschaft zur Lebensmittelproduktion erstellt. Mit den Daten von 38.700 rentablen Betrieben aus 119 Ländern sowie von Verarbeitern, Verpackern und Einzelhändlern können sie Ökobilanzen für die 40 Lebensmittel aufstellen, die 90 Prozent aller verzehrten Produkte ausmachen.

Ein zentrales Ergebnis, das die Forscher im Wissenschaftsmagazin „Science“ veröffentlichten: 83 Prozent der weltweiten Agrarflächen werden für die Produktion von Fleisch, Eiern, Milchprodukten sowie für Aquakultur (also die Zucht von zum Beispiel Fischen und Krabben) genutzt. Und das verursacht bis zu 58 Prozent der Emissionen. Könnte also ein veganer Nahrungsmittelkreislauf unsere Umwelt schützen?

Die beiden Forscher räumen ein, dass auf lokaler Ebene die Produzenten von Nahrungsmitteln bestimmten Zwängen unterliegen, also, dass wie in der Sahelzone beispielsweise nicht genug Regen fällt, um Getreide anzubauen. Aber aus globaler Sicht könne die Ernährungsumstellung Umweltvorteile bringen. In den Vereinigten Staaten zum Beispiel ist der Pro-Kopf-Fleischkonsum dreimal so hoch wie im weltweiten Durchschnitt. Hier läge der Studie zufolge das Potenzial, die verschiedenen Umweltauswirkungen von Lebensmitteln um 61 bis 73 Prozent zu vermindern.

Für vegane Ernährung brauchen wir nur ein Viertel unserer Ackerflächen

Selbst die am nachhaltigsten produzierten Fleisch- und Milchprodukte haben demnach eine weitaus schlechtere Umweltbilanz als pflanzliche Lebensmittel. Forschungsleiter Poore erklärte, die pflanzliche Ernährung senke nicht nur die Treibhausgasemissionen, sondern reduziere auch die Versauerung von Böden und Gewässern sowie die Belastung mit Nährstoffen. Auch sei etwa ein Viertel weniger Wasser nötig. Am erstaunlichsten sei aber vielleicht, dass 76 Prozent weniger Ackerland benötigt werden – das sind etwa 3,1 Milliarden Hektar (ein Hektar ist etwa so groß wie ein Fußballfeld). „Das würde die Tropenwälder der Welt entlasten und Land in die Natur zurückgeben.“

Im Gespräch mit dem Guardian ergänzte Poore, eine vegane Ernährung sei wahrscheinlich die beste Einzelmaßnahme für den Verbraucher, seine Umweltauswirkungen auf den Planeten Erde zu reduzieren. Der Effekt „ist weitaus größer als die Verminderung der Zahl der Flüge oder der Kauf eines Elektroautos“. Denn damit könne man nur den Ausstoß von Treibhausgasen senken.

Aber auch die Forscher sind keine Traumtänzer. In der Studie heißt es: „Obwohl eine Ernährungsumstellung für jeden einzelnen realistisch ist, wird eine weit verbreitete Verhaltensänderung in dem engen Zeitrahmen, der bleibt, um die globale Erwärmung zu begrenzen und einen weiteren, irreversiblen Verlust der biologischen Vielfalt zu verhindern, schwer zu erreichen sein.“

Doch selbst, wenn nur die umweltschädlichste Hälfte der Fleisch- und Milchproduktion durch pflanzliche Lebensmittel ersetzt wird, bringt das immerhin noch zwei Drittel aller Vorteile der Abschaffung der gesamten Fleisch- und Milchproduktion. Laut Studie lassen sich dadurch sogar 73 Prozent der Treibhausgase einsparen. Die Verminderung beträgt bei der Landnutzung 67 Prozent, bei der Versauerung 64 und dem Nährstoffeintrag 55 Prozent.

Die Ökobilanzen hängen auch vom Produzenten und der Lieferkette ab

Die beiden Forscher haben außerdem dokumentiert, dass es große Unterschiede bei den Umweltauswirkungen von Nahrungsmitteln gibt, und zwar nicht nur abhängig davon, ob es sich dabei zum Beispiel um Fleisch oder Pflanzen handelt. Die Emissionen sind auch abhängig vom Hersteller, also der Art und Weise, wie produziert wird. Was damit gemeint ist, erklärte Poore viel verständlicher als in der mit Fachausdrücken gespickten Studie im Deutschlandfunk: „Bei Grundnahrungsmitteln wie Reis gab es Bauern, die 500 Prozent mehr Treibhausgase verursachen als die umweltverträglichen Landwirte. Eine Tasse Kaffee von einem Hersteller sorgte nur für 80 Gramm CO2, bei einem anderen für 1,3 Kilo.“ Die Verbraucher hätten aber keine Chance, die weniger umweltschädliche Variante im Verkaufsregal zu erkennen.

Auch eine Sorte Bier kann der Studie zufolge dreimal mehr Emissionen verursachen und viermal mehr Land verbrauchen als eine andere. Und dazu kommt noch – wie bei den anderen Lebensmitteln – der Einfluss der Lieferkette: So erzeugen Mehrwegfässer aus Edelstahl nur 20 Gramm CO2-Äquivalente (was das ist, erkläre ich in der Anmerkung rechts oben) pro Liter Bier, Recycling-Glasflaschen bis zu 750 Gramm und auf Deponien entsorgte Flaschen sogar bis zu 2.500 Gramm.

CO2-Äquivalente sind eine Maßeinheit, die dazu dient, die Klimawirkung der unterschiedlichen Treibhausgase zu vereinheitlichen. Denn neben dem wichtigsten von Menschen verursachten Treibhausgas Kohlendioxid (CO2) gibt es weitere Treibhausgase wie beispielsweise Methan oder Lachgas. Die verschiedenen Gase tragen nicht in gleichem Maß zum Treibhauseffekt bei und verbleiben über unterschiedlich lang in der Atmosphäre. So hat zum Beispiel Methan eine 28mal größere Klimawirkung als CO2, bleibt aber kürzer in der Atmosphäre.

Nachhaltigen Konsum mit konkreten Maßnahmen fördern

Was also tun? Dass ein globaler Wechsel unserer Ernährungsgewohnheiten hin zu pflanzlicher Nahrung ideal wäre, haben die Forscher ja deutlich gemacht. Doch sie gehen noch einen Schritt weiter und haben Maßnahmen formuliert, mit denen Politiker, Produzenten und Verbraucher auf die Erkenntnisse ihrer Studie reagieren könnten.

Hier sind die wichtigsten Punkte dieses integrierten Minderungskonzepts:

  • Die Hersteller überwachen ihre Umweltauswirkungen mit digitalen Instrumenten (solche Tools wurden in den USA bereits in Farm-Software integriert)

  • Die politischen Entscheidungsträger legen Ziele für Umweltindikatoren (wie den Treibhausgas-Ausstoß) fest. Anreize bieten Kredit- oder Steuervergünstigungen. Oder es werden die Agrarsubventionen, die weltweit immerhin mehr als eine Billion Dollar betragen, neu zugewiesen.

  • Der Verbraucher bekommt Informationen über alle Umweltweltauswirkungen der Produkte: Dafür brauchen wir ein neues Umweltzeichen.

„Wir müssen Wege finden, die Bedingungen leicht zu ändern, damit Produzenten und Verbraucher besser im Sinne der Umwelt handeln können“, sagt Poore. „Umweltzeichen und finanzielle Anreize würden einen nachhaltigeren Konsum fördern.“

Und vielleicht müssen wir, wie sein Ko-Autor Nemecek andenkt, umweltschädlich produzierte Nahrungsmittel einfach höher besteuern oder mit einer Abgabe belegen. Also schlicht: teurer machen. Dann kaufen sie die Verbraucher bestimmt nicht mehr.


Redaktion: Alexander von Streit. Schlussredaktion: Rico Grimm. Bildredaktion: Martin Gommel (unsplash / Rob Bye).