US-Punk Jello Biafra

„Trump galt in Queens als Abschaum – darüber ist er immer noch verbittert“

etwa 7 Min. Lesedauer
  • Metriken
  • Probemitglieder: 5
  • Conversion Rate: 1136.6 (Gast-Aufrufe pro neuem Mitglied)
  • Aufrufe: (Gesamt: 7153, Gäste: 5683)
  • Kommentare: 6
  • Audio-Zugriffe: 0
  • Ebook-Downloads: 8
  • Zahlen aktualisiert 17. Oktober, 21:51 Uhr
| Matomo-Analytics

Mit den Dead Kennedys sang Jello Biafra schon Anfang der 80er Jahre gegen so ziemlich alles an, was ihm vor die Flinte lief: Ronald Reagan, kalifornische Yuppies, die Roten Khmer. Dann zerstritt er sich mit seiner Band darüber, einen Song für einen Levis-Jeans-Werbespot herzugeben. Für den Punk Biafra wäre das Verrat an seinen Idealen gewesen.

Und heute? Ist Biafra, 59, immer noch wütend. Er geht mittlerweile mit seiner eigenen Band auf Welttournee. Auf seinem T-Shirt der Aufdruck: „Nazi Trumps Fuck Off“.

Jello Biafra, geboren 1958, aufgewachsen in Boulder, Colorado. Nachdem er die Dead Kennedys verlassen hatte, übernahm er das Independent-Label „Alternative Tentacles“, das er 1979 mitbegründet hatte. Dort erfährst du mehr über ihn.


Jello Biafra, in den Achtzigern hast du in Songs wie „California über alles“ vor einer erstarkenden nationalen Bewegung in Amerika gewarnt. Heute sehen manche in Trump die Verwirklichung deiner rechten Dystopie. Hätte man dir besser zuhören sollen?

Ich habe eher überlegt, ob ich nicht damit aufhören sollte, Lieder über solch schlimme Szenarien zu schreiben – denn offenbar wird ja alles wahr, was ich texte. Für mich fühlt sich Trumps Sieg an wie einziger, groß angelegter Staatsstreich, der schon lange vor Trumps Kandidatur begonnen hat: Erst schleichend, mit Carter in den Siebzigern und Ronald Reagan in den Achtzigern, dann wieder schneller, wie nach 9/11. Aber immer wie ein Panzer, der Stück für Stück alles vernichtet, was uns wichtig ist.

Aus europäischer Sicht kam Trump viel überraschender daher. Seine Kandidatur fand man lange vor allem: lustig.

Ich konnte damals nicht mitlachen. Ich habe hier ja seit den Achtzigern miterlebt, wie der Unternehmer Donald Trump immer populärer wurde. Es gibt in New York zwar eine Menge verwöhnte Millionäre. Aber nur Trump war von ihnen am meisten darauf aus, berühmt zu werden. Er war geradezu süchtig danach. So süchtig, dass er es sogar in Kauf nahm, mit einem negativen Ereignis wie seiner Scheidung groß in den Medien aufzutauchen.

Woher kommt dieser Geltungsdrang?

Donald Trump ist schon immer so verbittert, empfindlich und reizbar, wie wir ihn heute erleben. Dahinter steckt die Geschichte über seine Herkunft. Denn Trump kommt, im Gegensatz zu den verwöhnten Milliardären, nicht aus Manhattan. Er kommt aus Queens.

Einem Stadtteil mit sehr großer ethnischer Vielfalt.

Und dort hat man auf ihn herabgeschaut. Er galt dort als Abschaum, als White Trash. Und tief in ihm drin ist er immer noch darüber verbittert. Daher hat er auch seinen Antrieb genommen, Präsident zu werden. Und das, obwohl er das eigentlich nie wollte.

Wie bitte?

In Michael Wolffs berühmten Enthüllungsbuch „Fire and Fury“ wird das sehr genau beschrieben: Trump wollte eigentlich nie Präsident sein. Er hielt es selbst für unmöglich zu gewinnen. Als es dann wirklich passierte, hatte seine Frau einen Nervenzusammenbruch. Und im Gesicht seines Sohns Barron konnte man bei der Amtseinführung ablesen, wie wenig Bock die Familie auf den neuen Job des Vaters hatte.

Warum wird einer Präsident, der dies überhaupt nie wollte?

Das Geheimnis liegt in der Tatsache, dass Trump nicht nur Unterstützer hat, sondern vor allem: Fans. Die Trump-Fans lieben seine mitreißenden Reden, und wie entspannt er den Wahlkampf anging. Wie Trump redet und gestikuliert, das erinnert alles eher an Stand-up-Comedy als an einen ernstzunehmenden Kandidaten. Er macht weniger Politik, vielmehr unterhält er die Menschen. Und genau das honorieren ihm die Amerikaner.

Was soll nach Trump noch kommen?

Das ist nicht ganz klar. Denn er hat zwar genug Feinde in den eigenen Reihen, die ihn gern des Amtes entheben würden. Aber ehrlich: Wer soll auf den Unterhalter Trump noch folgen? Die meisten Republikaner scheiden schon aus, weil sie den Trump-Fans nicht mehr rechts genug sind.

Und dabei arbeitet die Regierung Trump recht effektiv.

Klar, Trump twittert etwas, und die Öffentlichkeit zerreißt sich das Maul darüber. Aber ein Stockwerk tiefer machen seine Minister ihre Arbeit. Und zwar nicht zu knapp. Amerikas Rechte setzen aktuell mehr von ihren Plänen um, als sie es sich je erträumten. Man könnte fast sagen: Die Rechten plündern gerade das Land – und seine Gesetze. Und das in einem Ausmaß, dass schon nach vier Jahren Trump nicht mehr viel übrigbleiben dürfte.

Warum hört man mehr über Trumps Ausfälle als über seine neuen Gesetze?

Weil Trump die brillanteste Propagandakampagne fährt, die dieses Land je gesehen hat. Durch seine vielen Tweets wird jede Neuigkeit direkt wieder von der nächsten abgelöst. Er überwältigt uns mit einer Masse an Informationen und alternativen Fakten, auf die wir irgendwann gar nicht mehr so richtig reagieren können. Übrigens ein Phänomen, das ich auch in der Musik beobachte: Seit es Spotify und Bandcamp gibt und jeder Musik veröffentlichen kann, muss man sich geradezu durch einen Dschungel hacken, um die guten Sachen zu finden.

Musik und alternative Fakten, das hast du schon einmal zusammengebracht: In „California über alles“ prophezeist du, dass Jerry Brown – der damalige demokratische Gouverneur von Kalifornien – zum „Führer“ Amerikas gewählt werden würde …

… aber mit dem Hintergrund, dass dieser Jerry Brown es selbst so prophezeit hatte: „Die Menschen wollen heute einen Diktator, einen Typen auf einem weißen Pferd“, das schrieb er in seiner Biographie. Aber es stimmt, niemand glaubte mir, dass dieser Brown es schaffen würde. Und es kam ja auch anders: Reagan wurde zum Präsidenten gewählt. Das fand ich noch viel schlimmer, also schrieb ich einen neuen Song: „We’ve got a bigger problem now.“

https://www.youtube.com/watch?v=eIqESwzCGg4

Gab es in deiner Subkultur denn keine Reagan-Fans, die ihn nicht als Problem gesehen haben? Oder, anders gefragt: Gibt es Trump-Fans in der Subkultur?

Tatsächlich habe ich einige alte Freunde, bei denen ich mir nicht sicher bin, wann ich die das nächste Mal sehen werde. Einfach, weil sie begeisterte Trump-Anhänger sind.

Leute, von denen du das niemals gedacht hättest?

Niemals hätte ich das gedacht. Es erinnert mich an Michael Moores These, nach der wir Linken viel zu sehr damit beschäftigt sind, unser Leben mit Spaß zu füllen – während die Rechten früh aufstehen, um sich zu überlegen, wie sie die Armen noch mehr ausbeuten und bescheißen können. Eine ganze Reihe dieser Menschen, die ich der extremen Rechten zuordne, hatten Jobs in der Regierung, etwa die Minister Dick Cheney und Donald Rumsfeld. Aber diese rechte Liga reicht noch weiter, bis zum Front National in Frankreich, zu UKIP in England, den Rechtspopulisten in Deutschland oder dem philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte, der in seinem Drogenkrieg Tausende töten ließ. Und den Trump lobte.

Man muss aber anerkennen: Viele dieser neuen Rechten, und auch Trump, wurden demokratisch gewählt.

Dass Trump gewählt wurde, ist ein Mythos. Hillary Clinton hatte drei Millionen mehr Stimmen. Aber das amerikanische Wahlsystem, das auf die Privilegien weißer Landbesitzer zurückgeht, ist einfach zu manipulieren. Meine Vermutung ist, dass einige korrupte, rechte Extremisten in ein paar Bundesstaaten an den Wahlergebnissen gefummelt haben, um das Ergebnis in dem jeweiligen Staat in die gegenteilige Richtung zu kippen.

Gefummelt?

Die Theorie geht so: Zuerst brauchst du die Befugnis, Doppelwähler zu streichen. Dann suchst du auf den Wahllisten nach herkömmlichen Namen, die Hispano- oder Afroamerikanern gehören könnten. Als eher demokratischen Wähler etwa einen John Washington oder einen José Martinez. Und weil diese Namen in vielen Bundesstaaten doppelt auftauchen – einfach, weil es herkömmliche Namen sind – behauptest du einfach, sie hätten doppelt gewählt. Die Stimmen werden gestrichen. So werden viele demokratische Stimmen auf ganz legalem Weg eliminiert.

Allerdings hast du kürzlich selbst eine Wahl manipuliert: Im Dezember schickte dein Label eine Pressemeldung herum, dass Jello Biafra nun der Bürgermeister von San Francisco sei.

Dazu muss man wissen, dass ich vor fast vierzig Jahren wirklich kandidiert habe. Und im Dezember war Ed Lee, der tatsächliche Bürgermeister von San Francisco, plötzlich verstorben. Er war nur kurz im Supermarkt und fiel dort – mitten in der Nacht – einfach tot um. Es gab sofort ein Gerangel um seine Nachfolge, und da dachte ich, ich erkläre mich einfach selbst zum amtierenden Bürgermeister und habe ein paar Tage Spaß. CNN hätte mir sogar fast geglaubt.

Was wäre deine erste Amtshandlung?

San Francisco wird derzeit systematisch zerstört von den Hightech-Firmen aus dem Silicon Valley. Am schlimmsten sind die Google-Busse, die jeden Tag die Angestellten aus der Stadt dorthin zur Arbeit bringen. Ich würde als erstes diese verdammten Busse verbieten. Stattdessen kommen Rikschas zum Einsatz – gezogen von den Chefs des Silicon Valley.


Das Interview mit Jello Biafra ist im jüngsten Punkrock-Fanzine OX erschienen, das Joachim Hiller herausgibt. Wir haben es auf die politischen Aspekte konzentriert. Wer mehr wissen will: Im Heft spricht Jello Biafra auch über die Musikbranche als solche und gibt Einblicke in seine riesige Plattensammlung.

Redaktion: Josa Mania-Schlegel. Schlussredaktion: Vera Fröhlich. Bildredaktion: Martin Gommel (Aufmacherfoto: Flickr / Montecruz Foto).