Stadtflucht

Warum ich ein Dorf gründe

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Ich war viel zu spät. 2007 zog ich nach Berlin und habe damit die wohl aufregendsten Jahre der Stadt verpasst. Trotzdem: Die Mieten waren immer noch lächerlich günstig. Wo man hinsah, gab es Leerstand, Zwischennutzungen und Brachen. Die Stadt bot sich an: Mensch, mach was aus mir!

Zehn Jahre später ist etwas aus ihr geworden. Nur was? An Stelle der Brachen stehen nun fast überall Vertreter der berühmt-berüchtigten Schießscharten-Architektur. Leerstand ist keine Not mehr, sondern Strategie, und bei Zwischennutzungen denkt man heute eher an Pop-up- Stores als an Clubs und Ateliers.

Das hier soll aber kein Berlin-Rant werden, denn Berlin ist nur ein besonders drastisches Beispiel für ein allgemeines Phänomen: Stadtversagen. Die Stadt hört zunehmend auf, ein Raum der Möglichkeiten zu sein und wird zum Ort der Grenzen.

Ganz konkret wird zum Beispiel mein Balkonblick gerade begrenzt. Ich wohne unweit des Neubaugebiets Europa-City, einer der ehemals größten Brachen der Stadt, direkt nördlich des Hauptbahnhofs. Zentraler geht kaum. Wo gibt es so etwas noch ohne Krieg? Eine Fläche groß wie eine Kleinstadt darf von Grund auf geplant und bebaut werden. Aber was wird gebaut? „Begehbare Anlagedepots“, so nennt der Architekturkritiker Niklas Maak diese Art von Neubausiedlungen. Vor mir erstrecken sich nun keine grünen Parzellen mehr, sondern graue Mittelfinger aus Beton.

Begrenzt sind aber auch die Möglichkeiten, Gemeinschaft zu leben. Innerhalb von zehn Jahren hat sich mein Freundeskreis großflächig über das Stadtgebiet verteilt. Ich komme vom Wedding aus fast schneller mit dem ICE nach Hamburg als mit den Öffis zu manchen meiner Freunde.

Besonders deutlich werden die Grenzen aber natürlich beim Wohnraum. Kaum noch jemand wohnt in einer Wohnung, die zu den Lebensumständen passt. Die meisten wohnen auf zu kleiner Fläche und/oder zu weit entfernt vom Arbeitsplatz. Einige wenige wohnen umgekehrt auf zu großer Fläche, weil eine Verkleinerung keinen Sinn macht, solange man dabei einen alten gegen einen neuen Mietvertrag tauscht. Die Stadt ist autogerecht, sie ist investorengerecht, aber menschengerecht ist sie offensichtlich immer weniger.

Das alles sind natürlich Petitessen im Vergleich zu früher, als Städte stanken wie ein Sarg in der Sonne. Als sie so voll waren, dass sich mehrere Menschen ein Bett teilen mussten und vor allem, als sie so verwüstet waren wie heute Syrien.

Die Stadt ist zu einem Moloch geworden, der krank macht

Trotzdem ist das Stadtversagen kein Luxusproblem. Städte machen krank, und sie befördern eine Perspektivlosigkeit, die im krassen Kontrast steht zum nominellen Wohlstandschub, den unser Land erlebt.

Was also hält die Menschen in dem Moloch, unter dem sie leiden? Die naheliegende Antwort: Die Stadt ist nicht nur freie Wahl, sie ist Notwendigkeit. Hier sind die Arbeitsplätze, hier sind die Freunde, hier ist Bildung, hier ist Kultur, hier ist Gemeinschaft, hier ist ein Lebensstil zu Hause, den selbst diejenigen nicht ablegen können, die es in vielen Momenten eigentlich gerne würden.

Aber vielleicht ist auch die Frage falsch gestellt? Vielleicht müssen wir uns gar nicht mehr entscheiden zwischen Stadt und Land. Tatsächlich haben wir seit wenigen Jahren fast überall in Deutschland die Voraussetzungen für urbanes Leben. Alleine um Berlin sind laut „Kreativorte Brandenburg“ in den letzten Jahren über ein Dutzend Coworking-Spaces im ländlichen Raum entstanden. Die Kombination aus Hotelzimmer oder Ferienwohnung und gemeinsamen Arbeitsräumen lockt Freiberufler und Firmen für ein paar Tage in die Provinz. Ihr Wachstum beweist, dass es einen Bedarf gibt für ein anderes Leben.

Coliving auf dem Land ist keine Lösung (für mich)

Aber diese Orte sind nicht als dauerhafte Alternative gedacht – zumindest nicht für Menschen wie mich. Ich gehöre zu dem Drittel der Bevölkerung, die eher introvertiert ist. Die Vorstellung, über Wochen keine echte Privatsphäre zu haben, keine eigene Küche, kein eigenes Wohnzimmer, verursacht mir Stress. Ich liebe das Leben in einer Gemeinschaft, aber als Option, nicht als Zwang.

Das richtige Verhältnis zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit zu bestimmen, ist nicht trivial. Mein Bedürfnis nach Austausch oder Ruhe variiert von Kontext zu Kontext. Morgens bin ich zum Beispiel seltenst in Parlierlaune. Erst der Kaffee macht mich zum Menschen. Arbeiten tue ich dagegen besser in Gesellschaft.

Ich sehne mich daher nach einem Ort, der Ruhe bietet ohne Einsamkeit, ein Leben in der Gemeinschaft, ohne auf Privatsphäre verzichten zu müssen, und einen Ort, der mir die Perspektive bietet, etwas Eigenes aufbauen zu können, statt lebenslang Miete zu zahlen.

Im Ko-Dorf habe ich diesen Ort gefunden. Ko-Dörfer bestehen aus 50 bis 150 kleinen Wohnhäusern und einigen größeren Gemeinschaftsgebäuden. Dies können sein: Coworking Spaces, Seminarräume, Gemeinschaftsküchen und Cafés — kurzum: Alles, was Großstädter in der Stadt hält.

So ein Ko-Dorf will ich mit Freunden und Bekannten gründen.

Wir wollen nicht die Großstadt kopieren. Ko-Dörfer sind nicht als fester Wohnsitz gedacht. Ihr Potenzial entfalten sie als Zusatz zur Stadt. Sie stehen für einen neuen Lebensstil, der das beste beider Welten verbindet und nicht zu Entweder-oder-Fragen zwingt. Denn viele Menschen leben doch auch jetzt schon beruflich in verschiedenen Welten. Insbesondere Digitalarbeiter müssen nicht mehr täglich ins Büro, aber wenn sie die Stadt dauerhaft verlassen, verlassen sie damit auch ihre Kontakte, Kollegen und Freunde. Sie geben ihr Netzwerk auf. Nachhaltig ist das nicht.

Ko-Dörfer gehen somit über die Trendthemen Coworking und Coliving hinaus. Sie ebenen den Weg für einen Lebensstil, der auf breiter Basis beliebt werden könnte, wenn sich neue, flexiblere und ortsunabhängigere Arbeitsmodelle durchsetzen.

Durch die Mischung aus privatem Rückzugsort im eigenen Haus und niedrigschwelligen Zugang zur Gemeinschaft bleibt es den Bewohnern selbst überlassen, wie sie ihre Zeit auf dem Land nutzen wollen. Konzentriertes Arbeiten ist so im eigenen Garten ebenso möglich wie im Coworking Space. Kochen kann man am eigenen Herd oder gemeinsam mit anderen in der Gemeinschaftsküche. Eine App macht es möglich, diese und ähnliche Aktivitäten zu koordinieren und Räume zu buchen.

Die Community steht im Mittelpunkt – wir halten das für wichtig, denn in einer Gesellschaft, die sich immer weiter vereinzelt, gewinnt Gemeinschaft neu an Wert. Ko-Dörfer ermöglichen dabei moderne, fluide Formen der Gemeinschaft. Durch die sich ständig verändernde Bewohnerschaft begegnen einem bei jedem Besuch neue Gesichter. Umgekehrt: Wer mal für einige Tage wieder alle Freundinnen und Freunde um sich versammeln möchte, mietet einfach mehrere Häuser und verwandelt das Dorf in sein Dorf.

Urbanes Leben auf dem Land – das Beste beider Welten

Ein kleines Haus im Ko-Dorf ist dabei auch für Durchschnittsverdiener erschwinglich. Die kleinen Häuser kosten einmalig rund 100.000 Euro und lassen sich bequem durch die Vermietung finanzieren. Wer kein Geld hat für den Kauf, kann so als Mieter zum Ko-Dörfler auf Zeit werden. Um das Vermietungsmanagement und die Pflege der Gemeinschaftsflächen und -gebäude kümmert sich zentral eine Genossenschaft. Durch die Mischung aus Privatbesitz (die Häuser) und Genossenschaft (das Grundstück) wird Spekulation verhindert. Eigentümer können ihre Häuser jedoch jederzeit zu frei verhandelbaren Preisen verkaufen. Niemand wird in Strukturen festgehalten, die nicht passen.

Überhaupt geht es bei diesem Experiment darum, Freiheiten zu schaffen und nicht den Verzicht einzufordern: größere finanzielle Unabhängigkeit durch die Vermietung, leichteren Zugang zu anderen Menschen, ein freier Wechsel zwischen den Möglichkeiten der Stadt und der Erholung auf dem Land.

Die Hoffnung ist natürlich, dass Ko-Dörfer trotzdem zu einem nachhaltigeren Umgang mit unserem Wohnraum beitragen. Wer nicht mehr sein komplettes Leben in der Stadt verbringt, kommt dort auch mit weniger Platz aus. Ohnehin werden wir in einigen Jahren rückblickend den Kopf schütteln über unseren verschwenderischen Umgang mit Wohnfläche. So, wie dies heute schon viele Städter beim Gedanken an ein eigenes Auto tun – das die meiste Zeit ungenutzt rumsteht und der Stadt Platz raubt.

Ko-Dörfer als Katalysatoren für Wirtschaft und Kultur in ländlichen Regionen

Umgekehrt beleben Ko-Dörfer die ländliche Region. Sie schaffen Arbeitsplätze. Sie beleben das kulturelle und kulinarische Angebot vor Ort. Vor allem aber brechen sie mit dem Vorurteil, dass in der Provinz die Langeweile lauert. Selbst entlegenste Gegenden können Gestaltungsräume sein. Allerdings wollen wir die Ko-Dörfer bewusst mit Abstand zu bereits bestehenden Dörfern gründen, damit sie sich nicht als Fremdkörper in gewachsene Strukturen drängen. Sie stehen allen offen, zwingen sich aber niemandem auf.

Überhaupt haben Ko-Dörfer nur dort eine Zukunft, wo sie ausdrücklich erwünscht sind. Ko-Dörfer definieren sich über offene Strukturen, durch Einheit in der Vielfalt.

Für all jene, die Lust haben, ein solches Lebensmodell zu testen, habe ich eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte ist: Noch gibt es sie nicht, diese Ko-Dörfer. Die gute Nachricht: Sie entstehen gerade. Ein Team aus erfahrenen Architekten, Handwerkern und anderen Kreativen wartet nur auf den Startschuss. Schon jetzt gibt es genug Interessenten, um mehrere Ko-Dörfer mit Leben zu füllen. Aber was fehlt, ist die Fläche.

Die meisten Gemeinden haben entweder keine ausreichend großen Grundstücke mehr oder wollen bewusst Neubaugebiete vermeiden, um Ortskerne zu stärken und eine Zersiedelung zu verhindern. Das ist vielerorts nachvollziehbar und notwendig, aber neben der Stärkung des Bestehenden müssen Experimentierflächen für Neues geschaffen werden.

Die Zeit für diese Idee ist reif, und daher denken wir groß. Wir möchten uns nicht mit einem Ort begnügen, wir träumen davon, eine Bewegung zu starten und zeitgleich an verschiedenen Orten damit zu beginnen, wieder für Menschen zu bauen und zu planen. Nicht für Autos. Nicht für Investoren. Aber irgendwo müssen wir anfangen – und dafür brauchen wir eure Hilfe, liebe Gemeinden. Lasst uns bauen!


Frederik Fischer gehörte zum Gründungsteam von Krautreporter. Ab 2015 hat er dann als Chefredakteur die Empfehlungsplattform Piqd aufgebaut. Über das Ko-Dorf berichtet er in einem Newsletter. Bei Fragen könnt ihr ihn per Mail kontaktieren: frederikfischer@posteo.net

Redaktion: Rico Grimm. Schlussredaktion Vera Fröhlich. Aufmacherfoto: Martin Gommel.