Die ganze Wahrheit

Wie ich eine Woche radikal ehrlich war – Folge 3

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Serie: Wie ich eine Woche radikal ehrlich war
Folge 1
Folge 2
Folge 3


Schnaubend sitzt der Typ auf seinem Stuhl und blickt mich feindselig an, die Augenbrauen zu einem bedrohlichen Ausdruck zusammengezogen, sein Gesicht sieht aus, als würde es gleich explodieren. Er ist zwei Köpfe größer als ich, etwa drei Meter Entfernung liegen zwischen seinem und meinem Stuhl. Nicht viel, denke ich, falls er gleich aufsteht, um mir eine reinzuhauen.

Hier findet ihr den ersten und den zweiten Teil der Serie.

Dass ihn meine Piepsstimme nervt, hatte er mir gerade eben an den Kopf geknallt, dass ich ihn an seine Mutter erinnere, und dass er überhaupt keinen Bock habe, mich anzuschauen. Er und ich, wir sitzen in einem Ein-Tages-Seminar zum Thema radikale Ehrlichkeit in München. Ich wollte erproben, wie es ist, im Alltag öfter zu sagen, was ich wirklich denke und fühle. Deswegen war ich zu diesem Kurs nach München gefahren. Um mir das nötige Rüstzeug anzutrainieren.

Und weil ich im Rahmen des Kurses einen kleinen Scherz auf Kosten seines Kumpels gemacht hatte, der ebenfalls als Teilnehmer mit im Stuhlkreis sitzt, glaubt dieser Typ nun, mich anblaffen zu müssen.

Alle Ehrlichkeit in Ehren, denke ich, aber so viel davon brauche ich dann doch nicht. Dabei ist das erst der Anfang.

„Gut so, gut so, sagt alle, was ihr wirklich denkt!“

„Ich ärgere mich über dich!“, ruft der Typ von seinem zu meinem Stuhl herüber und schnaubt immer noch. Ich höre mir seinen Ärger jetzt ungefähr seit einer Viertelstunde an, die sich anfühlt wie fünf Stunden.
Mir reicht es jetzt.
„Ich finde es richtig scheiße, wie du dich hier verhältst!“, rufe ich zu ihm zurück, meine Stimme bebt, „‚deine Mutter‘ und so ein Quatsch!“

Daraufhin klinkt sich plötzlich der Typ links neben mir auf dem Stuhl in die Diskussion ein. Er schaut mir wütend ins Gesicht: „Und ich ärgere mich auch über dich! Wie du mit meinem Kumpel redest!“ (Er meint den Schnauf-Typ). „Du erinnerst mich an meine Schwester!“

In seinem Blick liegt so viel Geringschätzung, dass es nicht mehr zu toppen ist. Ich glaube, ich höre nicht richtig! Ich rücke ein Stück auf meinem Stuhl zur Seite – nach rechts – und schaue ihn entgeistert an.
„Gut so, gut so“, kommentiert Selina, „sagt, was ihr wirklich denkt.“

Ich glaube, ich spinne! Und dann höre ich einen weiteren Teilnehmer (nennen wir ihn Typ III) sagen, diesmal an meinen Stuhlnachbar und den Schnauf-Typen gerichtet: „Ich ärgere mich richtig über dich und den anderen, wie ihr Esther objektifiziert!“

Ich lache hysterisch. Noch jemand, der sich über irgendwen ärgert und seine wirklichen Gefühle mitteilen will?

Wenn jeder jedem stets seine Gefühle mitteilt, entsteht Chaos

Mir ist so unwohl, dass ich mir wünsche, in einem Loch im Boden zu verschwinden. Sofort. Die Situation ist mir maximal peinlich vor den anderen Teilnehmern. Ich schäme mich. Bin wütend. Und überlege gleichzeitig:

Was, wenn der Typ recht hat? Stimmt etwas nicht mit meiner Stimme? Rudere ich wirklich mit den Armen? Ich merke, wie die ehrlichen Worte des Schnauf-Typs sofort eine Unsicherheit in mir verursachen. Flehend blicke ich zu Selina und Christoph hinüber. Warum brechen sie diesen Wahnwitz nicht ab, denke ich.

Irgendwann hat Selina schließlich ein Einsehen, beendet die Schlussrunde. Vielleicht will sie aber auch verhindern, dass die Szene sich weiter zuspitzt. Als die anderen sich zur Verabschiedung noch wie gewünscht viele Umarmungen schenken (ich umarme lediglich Gockel, jenen Typ mit dem Hemd, über das ich mir einen kleinen Witz geleistet hatte), mache ich mich schnell davon. Mir reicht es.

Ich bin geschafft. Und desillusioniert. Radikale Ehrlichkeit hat wohl nicht das Potenzial für eine neue, übergeordnete gesellschaftliche Norm – wenn die ganze Sache schon im Rahmen einer Workshop-Gemeinschaft ins Absurde zu rutschen droht. Denn was diese Szene zeigt: Wenn jeder zu jeder Zeit jeden mit den eigenen Gedanken und Gefühlen konfrontiert, entsteht irgendwann zwangsläufig Chaos.

„Eine Gesellschaft bricht auseinander, wenn sie keine gemeinsame Wahrheit mehr kennt“, schrieb der Journalist Stefan Kornelius im Februar in der Süddeutschen Zeitung. Es gilt aber auch: Eine Gemeinschaft – und damit auch eine Gesellschaft – kann nie ein unbegrenztes Maß an wirklicher Wahrheit verkraften. Was passiert, wenn Menschen auf einmal beginnen, jegliche Gedanken, zum Beispiel Ressentiments, und jegliche Gefühle, zum Beispiel Hass, ungefiltert zu kommunizieren, nur weil sie damit ihr vermeintliches Recht auf eine Wahrheit, nämlich ihre subjektive Wahrheit, einfordern, weiß man spätestens seit der Facebook-Kommentar-Funktion. Oder seit Donald Trumps Twitter-Account.

Wann ist es angebracht, ehrlich zu sein – und wann nicht?

Daran muss ich denken, als ich am Ende des Workshop-Tages erschöpft nach Hause fahre. Mir fällt noch ein Satz ein, den Christoph im Rahmen des Workshops gesagt hatte: Es gehe bei Radical Honesty gar nicht darum, zu jeder Zeit die eigenen Gefühle in die Welt zu posaunen. „Es ist ein Experimentieren“, sagte er und hatte folgendes Gedankenszenario angeführt: „Wenn die Nazis heute kämen und mich fragten, wo Anne Frank sich versteckt und ich das wüsste, würde ich trotzdem lügen.“ Auch er wägt also ab, wann er radikal ehrlich ist und wann nicht.

Und noch etwas fällt mir ein, als ich in der S-Bahn sitze: Ein Video über Brad Blanton, den „Erfinder“ von Radical Honesty. Ich hatte das Video für meine Recherche angeschaut, es ist ein Interview im amerikanischen Fernsehen. „Was habe ich davon, wenn ich immer ehrlich bin?“, fragt der Interviewer, wohlwissend, dass Ehrlichkeit nicht nur befreiend, sondern sehr belastend sein kann für das Gegenüber.

„Nun ja“, antwortet Brad Blanton, „eine innige und intime Beziehung zum Gegenüber.“ Und einige Sequenzen später sagt Blanton in dem Video noch: „Man vermeidet die Wahrheit, um jemanden nicht zu verletzen. Aber: Du wirst verletzt – und du kommst darüber hinweg. Genau das nennt man Vergebung. Jemand verletzt dich – und du kommst darüber hinweg. Wenn du radikal ehrlich einem anderen Menschen gegenüber bist, gibst du ihm die Möglichkeit, Vergebung zu lernen.“

Dieser Ansatz gefällt mir. Er zeugt von einem heroischen Menschenbild. Und obwohl ich durch die Workshop-Erfahrung („Ich habe gar keinen Bock, dich anzusehen! Deine Piepsstimme! Und wie Du mit den Armen ruderst! Du erinnerst mich an meine Mutter!“) nun selbst weiß, wie schwer es ist, die Wahrheit auszuhalten, will ich jetzt nicht aufgeben. Noch nicht.

Ich sage dem Typ auf der Straße, wie heiß ich ihn finde

Am nächsten Tag starte ich eine letzte Attacke im radikal Ehrlichsein: Freitagsmorgens in der Krautreporter-Wochenkonferenz, in der nach dem Rotationsprinzip immer jemand anderes aus der Redaktion „Blattkritik“ hält, sage ich, was ich in der vergangenen Woche alles mies fand an sämtlichen Krautreporter-Texten, an der Gestaltung, an den Bildern, an den redaktionellen Abläufen. Mein Urteil ist vernichtend, ohne Rücksicht auf Verluste. Ich rege mich auf. Die Kollegen werden immer kleiner in ihren Stühlen, verfallen in den Verteidigungsmodus, der Chef sieht mich irgendwann sauer an.

Mittags schreibe ich ein paar E-Mails mit einer Freundin hin und her. Ihr geht es schlecht, seit Tagen hat sie Streit mit ihrem Partner. Sie schildert mir einige der problematischen Situationen, woraufhin ich ihr klipp und klar sage, sie solle sich gefälligst von diesem Vollspacken trennen. UND ZWAR JETZT!

Weil ich gerade so schön in Fahrt bin, schicke ich noch eine Mail an meine Mutter, in der ich ihr mitteile, dass ich richtig sauer bin, weil es mich nervt, wie sie erwartet, jeder Mensch müsse zu jedem Zeitpunkt funktionieren. Und ich schreibe ihr auch noch, dass ich die Bananenchips, die sie mir seit Jahren mit jedem Paket von zu Hause mitschickt, noch nie aufgegessen habe, weil ich sie nämlich gar nicht mag.

Nachmittags sage ich den Kids in der Schlange an der Supermarktkasse vor mir, dass ich ihr Geschnatter über Schminke lächerlich finde.

Als ich vom Supermarkt zurück zum Büro laufe, kommt mir ein junger Mann entgegen, genau mein Typ. „Wow!“, denke ich, „sieht der Hammer aus!“ Also rufe ich ihm im Vorbeilaufen hinterher, dass ich ihn heiß finde.

Abends zu Hause, mein Freund und ich stehen gerade in der Küche und kochen, erzähle ich ihm genau diese Begebenheit.

Und weil all das mir immer noch nicht reicht, rufe ich auch noch meine ehemals beste Freundin an, um ihr – mit der ich seit Monaten kein Wort mehr gewechselt habe – zu sagen, dass ich zwar immer noch sauer und beleidigt bin, aber sie wirklich vermisse.

Lieber Leser: Es tut mir leid!

Und jetzt, liebe Leser, muss ich endlich ehrlich zu euch sein. Ihr wolltet die Wahrheit – hier ist sie:

Ich habe gelogen.
Weil ich zu schwach bin für die Wahrheit. Und nicht mutig genug.

In der Konferenz und in den Mails an meine Freundin war ich es tatsächlich: radikal ehrlich. Aber die Mail an meine Mutter, die Situation im Supermarkt, der Moment, in dem ich dem fremden Mann auf der Straße sage, wie heiß ich ihn finde, das Gespräch mit meinem Freund und der Anruf an meine ehemals beste Freundin: stimmt nicht. Bloß ausgedacht. Alles gelogen.

Mein Sieben-Tage-Experiment radikal ehrlich sein habe ich auch nicht durchgehalten – nach Tag 5 war ich so müde und erschöpft vom Ehrlichsein, dass ich beschlossen habe, den Wert der Diplomatie über den der steten Ehrlichkeit zu stellen.

Ich hätte mich in den Situationen oben gerne so verhalten wie beschrieben. Ich wäre gerne stärker. Aber immer ehrlich zu sein und dazu auch noch klar und respektvoll zu kommunizieren, braucht viel Energie – Aufrichtigkeit erfordert Stärke. Das verstehe ich am letzten Tag meines Experiments.

Es tut mir leid.

Radical honesty kann einen nicht retten und wird die Welt auch nicht zu einem besseren Ort machen. Aber die Zweierbeziehung – egal ob innerhalb einer Freundschaft, einer Partnerschaft oder der Familie – ist der kleinste gemeinsame Nenner eines größeren gesellschaftlichen Zusammenlebens. Und in diesem Rahmen öfter auf die eigenen Gefühle zu hören und diese auch zu äußern, statt sich in Gedankenmustern und Ängsten zu verheddern, kann tatsächlich befreiend sein. Weil es Druck von einem nimmt. Vielleicht sollte man seinem Gegenüber wirklich mehr zutrauen. Und gleichzeitig großzügig zu sich selbst sein: Unsere Erwachsenenleben sind so komplex, dass es schlicht nicht möglich ist, immer ehrlich zu sein. Aber deswegen sollten wir nicht aufhören, es zu versuchen.

Es war der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski, der gesagt haben soll: „Menschen, die sich anlügen und ihren eigenen Lügen zuhören, können die Wahrheit in sich selbst oder um sich herum nicht mehr erkennen, und so verlieren sie allen Respekt vor sich selbst und für andere.“

Also werde ich weiter üben, ehrlicher zu sein.
Und das ist die Wahrheit.
Versprochen.


Redaktion: Theresa Bäuerlein; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion und Porträts: Martin Gommel.