Gerade kommen in Griechenland vier Mal so viele Flüchtlinge an wie vergangenes Jahr

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In der Nacht von Montag auf Dienstag wird es hektisch auf der griechischen Insel Lesbos. Sechs Boote kommen in den frühen Morgenstunden mit insgesamt 234 Flüchtlingen aus der Türkei an. Vier der Boote wurden auf offenem Meer von der griechischen Küstenwache und einem Frontex Schiff gerettet. Zwei weitere sind an der Küste der Ägäis-Insel gestrandet.

Allein in den vergangenen vier Tagen sind über 1.000 Flüchtlinge auf Lesbos angekommen. Das sagen Menschenrechtler auf der Insel. Diese Zahlen folgen einem Trend, der in den vergangenen Wochen immer deutlicher wird: Die Flüchtlingszahlen in Griechenland steigen seit Anfang des Jahres wieder sprunghaft an. Im April hat sich die Zahl der an Griechenlands Grenzen angekommenen Asylbewerber im Vergleich zu letztem Jahr vervierfacht, sagt der griechische Migrationsminister Dimitris Vitsas in einer Parlamentssitzung.

Aber nicht nur übers Meer fliehen wieder mehr Menschen. Auch weiter nördlich, an Griechenlands Landgrenze zur Türkei, überquerten in der Nacht von Montag auf Dienstag 340 Flüchtlinge den Grenzfluss Evros. Dort wurden im März bereits 1.658 illegale Grenzübertritte festgestellt, gegenüber 262 im Vorjahresmonat. In den ersten beiden Aprilwochen waren es 2.000, mehr als im ganzen Vormonat.

Neonazis beschießen Flüchtlinge auf Lesbos mit Leuchtpistolen

Auf den griechischen Inseln verschlechtert sich die Lage zunehmend. Auf Lesbos kam es am vergangenen Wochenende zu Handgreiflichkeiten zwischen Einheimischen und 200 Flüchtlingen, die sieben Tage lang für bessere Bedingungen in den Lagern demonstriert hatten und einen Platz in der Inselhauptstadt, Mytilini besetzten. Sie machten die fehlende Gesundheitsfürsorge für den Tod eines Flüchtlings verantwortlich, der im Krankenhaus der Insel an Herzversagen gestorben war.

Menschen, die dabei waren, beschreiben die Szene so: Als Bürgermeister Spyros Galinos die Flüchtlinge bittet, den Platz zu räumen, damit die Reinigungskräfte ihre Arbeit machen können, weigern sich sie sich und legen selbst Hand an. Männer ziehen ihre T-Shirts aus und wischen den Boden auf. Mit dieser Aktion wollen die Flüchtlinge dem Vorwurf entgegnen, sie hinterließen Dreck auf dem Platz. Abziehen wollen sie aber trotz der Bitten des Bürgermeisters nicht.

Dieser ist entschlossen, den Platz sauber zu halten, mit oder ohne Zeltlager und Demonstranten. Nach einigen fehlgeschlagenen Verständigungsversuchen zwischen beiden Parteien lassen sich die Flüchtlinge doch auf eine Teilräumung ein, während das Reinigungsfahrzeug seine Runden dreht und die Beamten mit Wasserschläuchen den Platz reinigen.

Am Sonntagabend allerdings kommt es dann zu Ausschreitungen. Mehrere hundert aufgebrachte Bürger, angeführt von Anhängern der griechischen Neonazi-Partei „Goldene Morgenröte“, marschieren auf den Platz, um die Flüchtlinge zu vertreiben. Die Neonazis werfen Flaschen und Steine gegen die versammelte Menschenmenge, beschießen sie mit Leuchtpistolen. Laut Zeugen fallen Sätze wie: „Verbrennt sie lebendig!“.

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Die Polizei greift nur sehr zögerlich ein. Sie stellt sich in letzter Sekunde als Schutzschild vor die Flüchtlinge, nimmt aber auch keinen der Angreifer fest. Stattdessen werden 122 Flüchtlinge verhaftet. Selbst der griechische Migrationsminister Dimitris Vitsas zeigte sich in einer Parlamentssitzung am Dienstag darüber entsetzt. Unter den Flüchtlingen gab es drei Dutzend Verletzte, darunter mehrere Kinder.

Eine Flüchtlingshelferin auf Lesbos ist entsetzt

Eine Menschenrechtlerin, die unerkannt bleiben will, sagt mir: „Es ist unvorstellbar, wie menschenverachtend die Verhältnisse im Flüchtlingslager Moria sind.” 6.456 Menschen sitzen nach Angaben des Innenministeriums in dem Lager fest, das eigentlich nur Platz für 2.000 Menschen hat. „Mangelnde Hygiene, keine Ärzte, kein fließendes Wasser”, zählt die Aktivistin die Liste der Probleme auf. „Und das bloß, damit ein Tankwagenbesitzer, der das Lager mit Wasser beliefert, gut an den Flüchtlingen mitverdienen kann. Obendrauf werden die Flüchtlinge angegriffen, damit sie die Insel verlassen”, fügt sie hinzu. Die Flüchtlinge selbst würden gerne gehen, sagt sie, dürfen es aber nicht.

Die junge Frau sieht das Problem im EU-Flüchtlingsabkommen mit der Türkei. „Seit dem Deal mit der Türkei dürfen Flüchtlinge, die auf den griechischen Inseln landen, nicht weiter auf das Festland reisen, bevor ihr Asylanspruch untersucht wird.” Das Abkommen sieht vor, dass alle Flüchtlinge, die auf den Inseln der Ostägäis ankommen, von dort zurück in die Türkei gebracht werden müssen, wenn sie in Griechenland kein Asyl bekommen. Die Mehrheit der Asylbewerber muss deshalb auf den Inseln verharren, solange ihr Verfahren läuft. Der höchste Gerichtshof des Landes entschied am 17. April, das diese Form der sogenannten Residenzpflicht rechtswidrig ist. Zwei Tage später verbot die griechische Regierung den Flüchtlingen erneut das Reisen, dieses Mal mit einer anderen Begründung.

Zwischen Januar und April seien mehr als 7.000 Migranten und Flüchtlinge auf den Inseln der östlichen Ägäis angekommen, sagt der griechische Migrationsminister. In der gleichen Zeit seien nur 112 Menschen in die Türkei zurückgekehrt. Aber für den Minister ist die Lage an der Landgrenze im Norden Griechenlands noch kritischer. „Auf den Inseln wissen wir, wie wir mit dem Problem umgehen können. Im Norden fehlen dazu einfach die Einrichtungen.”

Am Grenzfluss Evros kommen türkische Akademiker und Richter an

Da das Reiseverbot nur für die Ägäis-Inseln gilt, versuchen immer mehr Flüchtlinge, über den Landweg von der Türkei nach Griechenland einzureisen. An diesem Punkt bildet der Fluss Evros die Außengrenze der EU. Nur auf einem kleinen Abschnitt vor der türkischen Großstadt Edirne fließt der Fluss vollständig auf türkischer Seite. Dort errichtete Griechenland 2012 einen Grenzzaun, um die illegalen Migranten zu stoppen, und lenkte die Migrationsbewegung Richtung Ägäis.

Nun wagen sich die Flüchtlinge wieder über den Grenzfluss. Der Anstieg der Zahl der Neuankünfte hat laut der griechischen Tageszeitung Kathimerini mehrere Gründe. Weil der Wasserstand des Flusses im Frühjahr sinkt, ist die Überquerung weniger riskant. Plausibel, aber unbewiesen ist, dass die Türkei wegen der jüngsten politischen Spannungen mit Griechenland die Kontrollen auf ihrer Seite des Flusses gelockert hat.

Im Evros-Tal sieht Ilias Aggelakoudis jeden Tag dutzende Flüchtlinge. „Sie kommen jeden Morgen in Scharen aus den Maisfeldern heraus.” Der 33 Jahre alte Stadtrat und Bauer hat Felder in der Sicherheitszone gleich neben dem Grenzfluss. „Die Flüchtlinge sehen sehr anders aus, als die, an die wir uns noch vor ein paar Jahren gewöhnt hatten.” Gutgekleidete Menschen sollen das laut dem Stadtrat sein. Akademiker, Journalisten und höhere Beamte aus der türkischen Justiz. Viele wollen sich sofort bei den griechischen Behörden als Asylbewerber registrieren lassen. Sie haben Angst davor, als Illegale wieder in die Türkei abgeschoben zu werden.

Nach dem Bau des Grenzzauns kamen nur weniger als hundert Flüchtlinge im Monat über den Evros. Allein in der vergangenen Woche überquerten 1.500 Flüchtlinge die Grenze am Fluss, die meisten von ihnen Kurden aus Syrien und dem Irak, sagte mir das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen. Aber es befinden sich auch Türken unter den Geflüchteten – Kritiker des Erdogan-Regimes, die aus Furcht vor Repressionen ihr Heimatland verlassen haben. Zafer Kilinç, der ehemalige Staatsanwalt der türkischen Provinz Izmir, wurde am 16. April von der türkischen Polizei in Edirne verhaftet, als er mit seiner Frau und seinen Kindern nach Griechenland flüchten wollte.

Die Polizei in der Grenzstadt Orestiada schweigt dazu. Niemand möchte etwas zu den neuen Flüchtlingen sagen. Die Beamten befürchten, dass die Zahl der über den Evros Geflüchteten weiterhin steigen wird, da das Wetter der vergangenen Wochen zu niedrigeren Wasserständen geführt hat.

Warum kommen die Geflüchteten jetzt?

Ein Schlüsselfaktor sind die immer schlechter werdenden Beziehungen zwischen Griechenland und der Türkei. Anfang März haben türkische Grenzsoldaten zwei griechische Soldaten verhaftet, nachdem sie versehentlich auf türkisches Hoheitsgebiet eingedrungen waren. Seitdem sind auch die griechischen Patrouillen sehr vorsichtig geworden. In der Vergangenheit haben außerdem türkische und griechische Behörden, ihre Aktionen gegen Schmuggler koordiniert. Diese Kooperation leidet laut griechischen Medien ebenfalls unter den angespannten Beziehungen. Als ich versucht habe, diese Meldung zu überprüfen, ernte ich nur Stille. Sieben offizielle griechische Stellen, die ich kontaktiert habe, verweigerten einen Kommentar.

Türkische Behörden scheinen seitdem weniger bereit, die Flüchtlinge aufzuhalten. Möglicherweise drücken sie auch ein Auge zu, weil sie wissen, dass die überwiegende Mehrheit der Flüchtenden Kurden sind. Gegen sie führt die Türkei in Syrien und im eigenen Land Krieg.

Wie die türkischen politischen Flüchtlinge in Griechenland leben

Nach dem Putschversuch im Juli 2016 ließ die türkische Regierung viele Oppositionelle und Erdogan-Kritiker verhaften. Deswegen haben sich politische Flüchtlinge aus der Türkei – Akademiker, hochrangige Beamte, Ärzte, Ingenieure und verschiedene andere qualifizierte Fachleute – in den vergangenen Monaten in Athen und Thessaloniki niedergelassen. Die ideologischen Hintergründe der türkischen Flüchtlinge variieren – einige unterstützen Fetullah Gülen, andere sind Linke oder Kurden, aber alle gelten sie mittlerweile als Feinde des Erdogan-Regimes.

Wenn sie in Griechenland Fuß gefasst haben, bleiben geflüchtete Türken untereinander in Kontakt und bilden Informations- und Unterstützungsnetzwerke. Viele der Ärzte und Psychologen unter ihnen bieten ihren Landsleuten kostenlos ihre Dienste an. Ihre Hilfe ist entscheidend, da Türken, die ohne Papiere in Griechenland sind, keinen Anspruch auf Gesundheitsversorgung haben und viele von ihnen vor ihrer Ankunft schwere psychische und sogar körperliche Verletzungen erlitten haben.

Die Befürchtungen, dass die Anzahl der Neuankünfte im Laufe des Sommers steigen wird, werden stärker. Griechenland plant, seine Grenztruppen am Fluss zum 1. Mai um weitere 150 Polizisten zu verstärken. Abgesehen von der Tatsache, dass der Wasserpegel des Evros aufgrund der frühen Dürre etwas früher als gewöhnlich gefallen ist, haben sich seit 2016 die Verhältnisse an beiden Ufern des Flusses verändert. Für die Flüchtlinge heißt das nichts Gutes.


Redaktion: Sebastian Christ; Produktion: Rico Grimm; Bildredaktion und Aufmacherfoto Martin Gommel (Lesbos im Herbst 2015).