Armut

Warum ich mit 74 Jahren immer noch arbeiten muss

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  • Zahlen aktualisiert 21. September, 19:07 Uhr
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Während wir uns unterhalten, nimmt Frau Voss oft ihre Brille von der Nase und reibt über die Gläser. „Was am meisten schmerzt, ist die eigene Eingeschränktheit“, sagt sie. „Allein hier hingehen und mit Leuten einen Kaffee trinken – wie oft mache ich das?“

Frau Voss ist nicht einsam. Sie hat einen intakten Freundeskreis mit Menschen, auf die sie sich verlassen kann, sechs Geschwister und eine Tochter, die gerade ihr erstes Kind zur Welt gebracht hat. Trotzdem kann sie nicht in dem Maße am gesellschaftlichen Leben teilhaben, wie sie das gerne möchte. Denn natürlich kostet alles Geld. Und die Rente reicht nicht, obwohl sie immer gearbeitet hat, ihr Abitur nachgeholt, eine Ausbildung gemacht und ein Studium abgeschlossen hat. Wie konnte das passieren?

Nicht alle Rentner haben Spaß an der Arbeit

Arbeiten in Deutschland macht richtig viel Spaß. Könnte man denken, wenn man sich die Arbeitsmarktzahlen beim Statistischen Bundesamt anguckt und feststellt: Immer weniger Menschen im Rentenalter setzen sich wirklich zur Ruhe. Der Anteil der arbeitenden Senioren hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Etwa jeder Neunte zwischen 65 und 74 Jahren ist erwerbstätig. Was ist da los? Was ist aus dem Rentner geworden, dem guten, alten, der seinen wohlverdienten Ruhestand in Badehose im Schrebergarten verbringt? Können sich ältere Menschen in Deutschland schlecht vom Berufsleben verabschieden, oder kommen sie mit ihrer Rente nicht aus?

Diese Frage habe ich vor einigen Wochen in der Krautreporter-Recherchegruppe gestellt. Die Antwort darauf habe ich gefunden – beziehungsweise neun Antworten, denn das war die Anzahl der Personen, mit denen ich über das Thema gesprochen habe. Repräsentativ ist meine kleine Umfrage nicht. Aber aufschlussreich schon, finde ich.

Ein Grund ist tatsächlich der Spaß an der Arbeit. Einige meiner Gesprächspartner gaben an, nicht auf ihren Beruf verzichten zu wollen, die Wertschätzung zu genießen und sich vor dem „Leerlauf” im Ruhestand zu fürchten. Wieder andere würden zwar gerne in Rente gehen, fühlen sich ihrem früheren Arbeitgeber aber verpflichtet, weil der keinen Nachwuchs findet. Dann wiederum gibt es jene, die weiter arbeiten müssen, weil die Rente schlicht nicht reicht. Zu ihnen gehört Marietta Voss.

Mit 800 Euro durch den Monat

Mit ihr treffe ich mich an einem Montagmorgen in einem Berliner Café. Ich erkenne sie an dem lila-farbenen Nickipullover, den sie mir zuvor per Mail beschrieben hat, als sie ein paar Minuten nach mir den Gastraum betritt und sich suchend umsieht. Sie ist eine kleine Frau mit einem freundlichen, runden Gesicht, roten Wangen, weißen, kurzen Haaren. „Ach ja”, sagt sie energisch, als ich sie begrüße und zwinkert hinter ihrer Brille, „wir haben telefoniert, ja?”

Das Café hat sie ausgesucht, weil sie schon mal hier war. Die Atmosphäre ist eher urig als schick – Holztische, zusammengewürfelte Stühle, eine große Kuchentheke. Ein normaler Kaffee kostet weniger als drei Euro – keine Selbstverständlichkeit für den Prenzlauer Berg. Wir setzen uns auf eine Eckbank und klären die Bedingungen für das Interview.

Ihren richtigen Namen möchte Frau Voss nicht öffentlich preisgeben. Ihre Lage ist ihr unangenehm, Mitleid von Bekannten will sie nicht. Dass ich mein Handy als Aufnahmegerät verwende, ist in Ordnung für sie, macht sie aber trotzdem nervös. Sie trommelt mit den Fingern auf den Tisch und fegt nicht vorhandene Krümel von der Oberfläche.

Neben uns plant eine Touristenfamilie lautstark ihren Tag. Auf den Ku’damm soll es gehen, zum Brandenburger Tor und später noch in ein Restaurant. Frau Voss wirft der Familie einen kurzen Blick zu. Ausflüge kann sie sich nur selten leisten.

Es geht gleich ans Eingemachte, wir sprechen über Geld. Ich bitte Frau Voss, mir vorzurechnen, wie sich ihre Einkünfte und Ausgaben zusammensetzen. Achthundert-irgendwas bekomme sie jeden Monat, erzählt sie. Die genaue Zahl hat sie nicht im Kopf, das darin enthaltene „irgendwas“ sei aber sehr klein. Deswegen brauche sie auch den Nebenjob.

250 Euro extra für einen Aushilfsjob im Büro

Drei bis vier Stunden, zweimal die Woche, erledigt sie Papierkram in einem Büro, scannt Dokumente und legt ein digitales Register an. Seit etwa vier Jahren. Die Arbeit hat ihre Tochter ihr vermittelt, die weiß, dass ihre Mutter gut mit Computern umgehen kann. Davor hat Frau Voss in einem Callcenter gearbeitet, da war sie 70. „Richtig unglücklich war ich da”, sagt sie. Mit ihrer jetzigen Beschäftigung ist sie zufrieden, die Bezahlung sei gut und die Aufgaben unterfordern sie nicht.

Mit den 250 Euro extra hat sie genug zum Leben. Knapp. Etwa 500 Euro bezahlt sie allein für die Miete. Wohnküche, Schlafzimmer, Bad, weniger als 50 Quadratmeter. Kein Luxus, Berlin ist teuer. Dazu kommen Strom und Gas, der Telefonanschluss, die Hausratsversicherung, GEZ-Gebühren und das BVG-Ticket für Senioren. Dann noch Zuzahlungen für Medikamente, die sie braucht.

Esther Göbel schreibt mehr über das Thema Armut in ihrer Kolumne:

Arm gleich krank? Welchen Zusammenhang gibt es wirklich zwischen sozialem Status und Lebenserwartung?

Mit etwa 700 Euro Fixkosten rechnet Frau Voss jeden Monat. Davon hat sie noch nichts gegessen, kein Klopapier gekauft, kein Waschmittel, kein Shampoo, keine Zahnpasta. 200 Euro etwa gibt sie für Lebensmittel aus. Sie kocht mit Leidenschaft, gern mit viel Gemüse, gerne frisch. Das gönnt sie sich. Ein Auto hat sie nicht, Einkäufe erledigt sie meist mit dem Fahrrad.

Eine neue Brille – eine Katastrophe

Die Kosten für Wohnen, Fortbewegung und Lebensmittel übersteigen so mit 900 Euro bereits die Rente, die ihr jeden Monat ausgezahlt wird. Würde sie damit auskommen müssen, dürfe aber wirklich nichts schiefgehen, sagt sie.

Nichts darf schiefgehen: Damit meint sie die kleinen Unwägbarkeiten des Alltags, die für die meisten Menschen zwar ärgerlich, aber auch keine Katastrophe sind. Dazu gehören beispielsweise ein kaputter Kühlschrank, eine veränderte Sehstärke oder abgelaufenes Schuhwerk. 80 Euro legt Frau Voss jeden Monat auf Seite, um diese Fälle abzudecken – mehr geht für sie nicht, und trotzdem reicht diese kleine Rücklage nicht immer. Wie damals, als ihr der graue Star wegoperiert wurde und sie plötzlich eine Gleitsichtbrille brauchte, die die Krankenkasse aber nicht übernahm. Sechs Monate zahlte sie an den Raten für die Brille.

Dabei ist sie ein aktiver Mensch, geht gern ins Theater oder in Kunstausstellungen. Da wünscht sie sich manchmal, auch mal spontan sagen zu können: Was für ein tolles Stück, das sehe ich mir an! In Wirklichkeit ist sie auf kostenlose Angebote angewiesen. Auch weiterbilden würde sie sich gern, Kurse an der Volkshochschule muss sie sich aber verkneifen.

Mehr über das Thema schreibt Rico Grimm:

Deutschlands Unternehmen geht es hervorragend, immer mehr Menschen arbeiten, die Löhne steigen. Wenn wir es jetzt nicht schaffen, darüber zu sprechen, wie arme Menschen in Deutschland permanent diskriminiert werden, schaffen wir es wahrscheinlich nie. Deswegen beantworte ich hier die wichtigsten Fragen zur Verachtung der Armen.

„Die Ärzte sagen mir immer, ich soll mich gut ernähren, Sport machen, viel unter Menschen gehen“, sagt Frau Voss. „Aber ich weiß gar nicht, wie ich mir das leisten soll.“ Sie hat Angst, dass sie irgendwann wirklich nicht mehr arbeiten kann. Denn dann würde das Geld hinten und vorne nicht mehr reichen und ihr bliebe nur, Grundsicherung zu beantragen.

„Das wollte ich immer vermeiden“, sagt sie und klingt ein bisschen bitter dabei. „Unabhängigkeit, auch finanziell – das war mein größter Anspruch an mich selbst. Und ich hab es nicht geschafft.“

Mit über 40 macht sie den Magister in Kulturwissenschaften

Um herauszufinden, woran das liegt, reicht ein Blick auf ihren Lebenslauf. Viele, relativ kurze Beschäftigungsverhältnisse in unterschiedlichen Feldern, eine abgebrochene Ausbildung und ein nicht beendetes Studium folgen aufeinander, bevor sie mit über 40 ihren Magister macht. Und zwar in einer Geisteswissenschaft, auch das noch. Damit ist der Fall eigentlich klar: Marietta Voss ist in ihrem Leben einige Male falsch abgebogen. Und somit selbst schuld an ihrer geringen Rente – oder?

Irgendwie schon. Zumindest, wenn man nicht mehr über Marietta Voss wissen will, als auf ein DIN-A4-Blatt passt. Ob man ihr damit gerecht wird, ist eine andere Frage. Nicht nur, weil jeder Mensch mehr ist als sein Lebenslauf. Sondern auch, weil es nicht immer nur unsere Entscheidungen sind, die unser Leben beeinflussen – sondern auch die Umstände. Und die waren in Frau Voss' Fall nun mal schwierig.

1945 wird sie in der nordrhein-westfälischen Stadt Soest geboren, bevor die Familie nach Münster zieht. Ihre Eltern, nur „formal Akademiker“, wie sie sagt, kämpfen noch mit den Folgen des Krieges, in dem sie bei einem Bombenangriff ihre gesamte Habe verloren haben. „Sie kamen damit gar nicht klar“, erzählt Frau Voss. „Mein Vater weigerte sich, Stellen anzunehmen, die er als unter seinem Niveau betrachtete. Als Folge haben wir hier, im Wirtschaftswunderland, gehungert.“

Marietta Voss, älteste von sieben Geschwistern, weiß schnell, was sie im Leben will: Raus aus der Armut. „Wir wurden eigentlich dauernd vorgeführt“, sagt sie heute. In der Schule, wenn das Geld für die Lehrbücher nicht da war, die Strumpfhosen Laufmaschen hatten oder der für die Klassenfahrt geforderte Regenmantel nicht bezahlt werden konnte. Oder im Laden, wenn die Eltern die Kinder vorschickten, um anschreiben zu lassen. „Ich wollte meinen Geschwistern zeigen, dass es auch anders geht, wenn man will. Ich war es auch, die ihnen mit den Hausaufgaben geholfen hat. Mir hat niemand geholfen.“

Sie träumt von einer Karriere als Journalistin – und putzt Krankenhausflure

Nach der zehnten Klasse geht sie von der Schule ab und beginnt eine Lehre zur Goldschmiedin. 45 Mark bekommt sie im Monat, für zwölf Stunden Arbeit täglich. Schon damals nicht viel, aber immerhin eigenes Geld. Dann unterläuft ihr ein Fehler im Betrieb, als sie einen Umschlag ihres Chefs für das Finanzamt in den Briefkasten wirft, statt ihn persönlich abzugeben.

„Das Amt war geschlossen, deshalb habe ich den Umschlag eingeworfen. Natürlich war das naiv ... Aber ich hatte einfach keine Erfahrung mit der Bürokratie.” Das Verhältnis zu ihrem Arbeitgeber wird daraufhin immer schlechter, bis sie schließlich kündigt. Mit einem Koffer und 70 Mark in der Hand macht sie sich auf nach Berlin. Sie möchte dort einen Beruf erlernen, träumt von einer Karriere als Journalistin oder Naturwissenschaftlerin.

Ihr Alltag sieht anders aus. Sie hat mehrere Jobs nebeneinander, putzt in Krankenhäusern, teilt Essen aus, arbeitet bei der Auskunft. Gleichzeitig erhält sie Einblick in eine andere Welt. Sie kommt mit einem Studenten zusammen und beginnt, sich in einer linken Studentenbewegung zu engagieren.

Trotzdem fühlt sie sich nicht wirklich dazugehörig. „Ich wurde gern in die klassische Arbeiterschublade gesteckt“, erinnert sich Frau Voss. Nach drei Jahren kehrt sie zu ihrer Familie nach Münster zurück, der Vater liegt im Sterben. Während sie die Pflege übernimmt und sich um den Haushalt kümmert, holt sie ihr Abitur nach. Um das zu finanzieren, arbeitet sie in verschiedenen Nebenjobs. „Ich wollte nicht die Fehler meiner Eltern ausbaden müssen. Sondern was aus mir machen. Ich war ja nicht dümmer, als die anderen.“

„Sie als Hausfrau dürfen gerne Protokoll führen”

Mit Mitte 20 heiratet sie und zieht mit ihrem Mann nach Bremen. Dort nimmt sie ihren Mut zusammen und beginnt ein Studium der Ingenieurwissenschaften. „Wir waren damals nur sehr wenige Frauen“, erzählt sie. „Manchmal begrüßte mich der Prof schon mit den Worten: Sie als Hausfrau dürfen gerne Protokoll führen.“ Abends trafen sich die Männer in der Kneipe. „Da wurden dann Verbindungen geknüpft, auch zu möglichen Arbeitgebern. Und ich hatte das Gefühl, da keine Chance zu haben.“

Entmutigt bricht sie ab. Mittlerweile ist sie Ende 20 und bekommt langsam Angst. Immer weniger greifbar scheint ihr Traum von Unabhängigkeit. Marietta Voss ist klar: Die nächste Chance muss sie nutzen.

Sie bekommt eine Ausbildungsstelle als labortechnische Assistentin und schließt mit guten Noten ab. Darauf folgen einige gute Jahre, mit einer ordentlich bezahlten Anstellung in einem Forschungslabor an der Universität. Die Arbeit macht Frau Voss Spaß, sie ist endlich frei von Geldsorgen und engagiert sich für die Rechte von Frauen in naturwissenschaftlichen und technischen Berufsfeldern. In dieser Zeit kommt auch ihre Tochter zur Welt.

Wenn Frau Voss heute von ihrem Berufsweg erzählt, kommt sie immer wieder auf diese Jahre im Labor zurück. Die einzige Zeit, in der sie ein Arbeitsverhältnis als sicher empfindet. Als die Stelle ausläuft, ist sie verzweifelt. „Es war gerade Personalstopp im öffentlichen Dienst. Ich habe wirklich alles versucht, um etwas Vergleichbares zu finden. Aber entweder war ich über- oder unterqualifiziert.“ Dazu kommt die Trennung von ihrem Mann, plötzlich ist sie alleinerziehende Mutter. Und somit schon mit Ende 30 in einer der Risikogruppen für Altersarmut.

Wenn die Eltern kaum Rente beziehen, belastet das auch die Kinder

Marietta Voss' Tochter Marike ist heute im gleichen Alter wie ihre Mutter damals. Nach der Geburt ihres Kindes ist sie gerade in Elternzeit, eigentlich arbeitet sie als Office-Managerin. Dass ihre Mutter noch immer eine berufliche Beschäftigung hat und sich fit hält, empfindet sie als positiv – dass sie die jedoch zum Leben braucht, macht sie oft traurig.

„Ich finde es erschütternd, dass da so wenig Unterstützung vom Staat kommt. Gerade Frauen, besonders Mütter, müssen oft zurückstecken, und das spiegelt sich dann in der Rente wider”, sagt sie. Auch bereitet ihr die Zukunft Sorge, wenn Frau Voss irgendwann nicht mehr für sich selbst aufkommen kann.

„Natürlich ist das auch für mich eine finanziell bedrohliche Situation. Ich weiß nicht, wie das mal wird, wenn meine Mutter vielleicht Pflege braucht.” Trotzdem ist sie froh, dass Frau Voss eine vergleichsweise gute Stelle gefunden hat, fair behandelt und anständig bezahlt wird. „Ich finde, dass mehr Unternehmen gezielt ältere Menschen einstellen sollten”, meint Marike. „Offensichtlich werden diese Jobs ja benötigt.”

„Ich musste immer kämpfen. Geholfen hat mir keiner“

Dass es mit zunehmendem Alter auf dem Arbeitsmarkt eng wird, weiß Marietta Voss zur Genüge. Um der Arbeitslosigkeit zu entkommen, beginnt sie mit über 40 nochmal ein Studium, Kulturwissenschaften diesmal. „Es war relativ leicht, als Studentin an Jobs ranzukommen. Das war auf jeden Fall ein Faktor“, sagt Frau Voss. Manchmal hat sie gleichzeitig drei Stellen, um sich selbst und ihre Tochter versorgen zu können. Nach dem Magister wird ihr eine Promotionsstelle bei ihrem betreuenden Professor angeboten. An dem Tag, als sie ihre Abschlussarbeit abgibt, stirbt er.

„Damit war es dann vorbei“, sagt Frau Voss, die jetzt in ihrer Erzählung immer häufiger Pausen einlegt, vom Sprechen ein wenig heiser klingt. „Ich war da ja schon ziemlich alt.“

Ihre Finger trommeln immer schneller auf den Tisch, sodass ich mein Aufnahmegerät in Sicherheit bringen muss. Frau Voss entschuldigt sich, sie werde etwas wütend, wenn sie über diese Periode in ihrem Leben spricht. „Ich musste einfach dauernd kämpfen“, sagt sie. „Ich war fast nie arbeitslos. Das hab ich hingekriegt. Aber ich hatte nach dem Studium immer nur Zeitverträge.“

Nach der Wissenschaftskarriere kommt die Altersarmut

Nur befristete Verträge verfügbar. Das klingt auch für die jüngere Generation in Deutschland schmerzhaft vertraut. Laut einer Auswertung des DGB vom Februar 2018 arbeiten heute 3,2 Millionen, fast jeder zehnte Arbeitnehmer, auf befristeter Basis. Besonders betroffen: Die junge Generation und das Berufsfeld Wissenschaft, in dem auch Frau Voss Fuß fassen wollte.

Für Hochschulen und Universitäten gilt ein eigenes Befristungsgesetz, um Kettenzeitverträge für den wissenschaftlichen Nachwuchs zu vermeiden. Ganz verschwinden werden solche Beschäftigungsverhältnisse wohl trotzdem nicht. Schon deshalb, weil viele Forschungsstellen aus Fördermitteln finanziert werden, die immer neu beantragt werden müssen oder nach Abschluss eines Projektes auslaufen. Sicherheit? Fehlanzeige! Aber auch ein Grund für Altersarmut? „Zumindest hat es mich wahnsinnig angestrengt.“

Frau Voss kommt jetzt richtig in Fahrt. „Man fängt einen Job an und überlegt schon, wohin es als nächstes geht und ob man überhaupt nochmal was findet. Was für eine Vergeudung von dem, was man leisten könnte, eine Verschwendung von Humankapital.“

Frau Voss verletzt sich das Handgelenk und wird berufsunfähig

Dann, 2007, ist es für Frau Voss wirklich vorbei. Beruflich zumindest, denn sie verletzt sich bei einem Unfall das Handgelenk schwer und wird ein Jahr später als berufsunfähig eingestuft. Seitdem lebt sie von ihrer kleinen Rente und den Einkünften aus ihrem Nebenerwerb. „Ich hab es wirklich versucht und bereue in dem Sinne meine Entscheidungen nicht,“ sagt sie. Traurig sei sie nur wegen der Träume, die sie sich wohl nicht mehr verwirklichen kann – wie der von einer weiten Reise oder auch nur der, ihre Tochter und das Enkelkind finanziell unterstützen zu können.

Von der Politik ist sie enttäuscht, auch von der neuen Großen Koalition erwartet sie nicht viel. „Zu sagen, dass man von Hartz IV nicht verhungern kann, ist wirklich dumm.“ Arrogant sei das, Armut könne jedem passieren, das sei wohl bei den „Damen und Herren da oben“ noch nicht angekommen. „Die wissen gar nicht, wie scheiße es sein kann, wenn die Waschmaschine kaputt geht.”

Noch vor seiner Ernennung zum Bundesgesundheitsminister hatte der CDU-Politiker Jens Spahn die Diskussion über Hartz IV neu angefeuert. Spahn sagte in einem Interview auf die Frage, ob Hartz IV zum Leben reicht:

„Die gesetzliche Grundsicherung wird mit großem Aufwand genau bemessen und regelmäßig angepasst. Hartz IV bedeutet nicht Armut, sondern ist die Antwort unserer Solidargemeinschaft auf Armut. Diese Grundsicherung ist aktive Armutsbekämpfung! Damit hat jeder das, was er zum Leben braucht. Mehr wäre immer besser. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass andere über ihre Steuern diese Leistungen bezahlen."

Die Idee von einer Mindestrente findet Frau Voss nicht schlecht. Die müsse dann aber auch zum Leben reichen – und nicht nur zum Überleben. Wenn sie sich etwas wünschen könnte, dann auch in Zukunft nicht auf Hilfen angewiesen zu sein. „Ich möchte nicht dreimal für alles Danke sagen müssen. Aber gerne einfach ein bisschen leben.”


Redaktion Christian Gesellmann, Produktion Vera Fröhlich, Bildredaktion Martin Gommel (istock / fstop123).