Bundeswehrexperten

„Das Ziel ist nicht, die Beschäftigten happy zu machen. Das gilt aber für jede Firma!“

Interview von Tilo Jung
etwa 25 Min. Lesedauer

http://youtu.be/fVWNK6w-ZEU


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Es gibt einen Showroom?

Noch nicht so lange, erst seit ein, zwei Wochen. Funkelnagelneu, mitten in Berlin am Bahnhof Friedrichstraße. Showroom ist so ein neudeutsches Wort, nicht? Also, das ist ein Vorzeigeraum.

Was wird denn hier vorgezeigt?

Es wird die Bundeswehr vorgezeigt. Das ist natürlich schwierig, die Bundeswehr in so einem Ladenlokal mitten in Berlin vorzuzeigen.

Warum zeigt man die Bundeswehr nicht da, wo sie eingesetzt wird?

Ja...

Bei der Feuerwehr gehst du ja auch nicht zum Feuerwehrhaus, sondern da guckst du, wenn es brennt. Da guckst du, was die Feuerwehr macht, was sie kann, wofür sie da ist.

Ja, das Problem ist, das ist nicht so in Berlin-Mitte, sondern das ist entweder im Einsatz oder auf irgendeinem Truppenübungsplatz. Und die sind dann JWD, wie der Berliner sagen würde: janz weit draußen. Oder in Bayern womöglich. Und man kann schlecht Leute, die vielleicht mal gucken wollen, was die Bundeswehr macht, alle nach Bayern auf den Truppenübungsplatz karren. Deswegen ist die Idee dahinter...

Man könnte ja einen Livestream machen!

Ja, bringt auch nicht so viel. Also die Idee dahinter ist, das ist einfach mal ein Experiment, was die Bundeswehr gestartet hat: Zu sagen, wir haben hier ein Ladenlokal mitten in Berlin, und wenn Leute sich für die Bundeswehr interessieren, dann reden wir mit denen darüber.

Aber es soll nichts verkauft werden?

Nö. Was willste auch kaufen?

Weiß ich nicht.

So eine Uniform, oder was? Nein. Also ein Punkt ist ja interessant. Da habe ich mit denen vorhin auch gesprochen kurz: Die lehnen ja den Begriff Rekrutierungsbüro ziemlich ab.

Was soll das sein?

Was die Amis zum Beispiel haben. Die stehen zum Beispiel auf dem Times Square oder an Universitäten. Da kommst du rein: „Hast du Lust zur Armee zu gehen oder zu den Marines?“ - „Mmh, könnte ich mir vorstellen.“ - „Kriegst auch noch ein Studium obendrauf!“- „Ja, klingt gut.“ - „Unterschreib hier!“

Mmh.

Zack, bumm. Das wäre so ein typisches Rekrutierungsbüro. Da sagt die Bundeswehr: Nein, so sehen wir hier das nicht. Wenn Leute kommen und sich interessieren und sagen „Ich möchte aber gerne“, dann leiten wir die weiter. Nämlich hier im Haus gibt es das Karrierecenter. Heißt alles ganz schick heutzutage. Und da können die sich konkret darüber unterhalten: Was mach ich denn, was könnt ich denn, wo muss ich unterschreiben? Aber hier geht es eigentlich darum, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen und denen auch ein bisschen zu erzählen, was macht die Bundeswehr – und vielleicht hast du ja doch Interesse.

Warum sollte es mich interessieren, was die Bundeswehr macht? Ich zahle Steuern, damit die ihr Ding machen.

Ja, das ist natürlich das Problem. Ist wie bei der Feuerwehr, da zahlste auch Steuern, damit die ihr Ding machen. Ansonsten hast du nichts damit zu tun.

Eben.

Mit der Einstellung leben die meisten und das funktioniert ja auch.

Ja, hat ja anscheinend die ganzen letzten 60 Jahre funktioniert, also ohne Showroom.

Aber es hat sich ja vor zwei Jahren, drei Jahren etwas geändert.

Oh, was denn?

Du warst doch bei der Bundeswehr! Du musstest! Heute muss keiner mehr.

Wieso nicht?

Weil die Wehrpflicht zwar nicht abgeschafft ist, das heißt formal „ausgesetzt“. Das heißt, es werden keine jungen Männer mehr eingezogen.

Sind so viele freiwillig gekommen, dass man gesagt hat: Wir müssen die anderen nicht mehr einziehen?

Nein, nicht ganz. Es war ein bisschen komplizierter. Also zum einen war die Stimmung: Seit der Wiedervereinigung, seit dem Ende des Kalten Krieges, brauchen wir das eigentlich nicht mehr wirklich. Die Bundeswehr ist auch viel kleiner geworden. Und zum anderen war ein Problem, dass man befürchtet hat... Es gab Leute, die den Kriegsdienst verweigert haben,...

So wie du?

So wie ich. Die wurden eigentlich alle eingezogen. Für die gab es überall Plätze und überall Bedarf, also in Krankenhäusern, in Pflegeeinrichtungen, in Betreuungseinrichtungen. Wer nicht verweigert hat, sondern gesagt hat „Okay, dann gehe ich halt zur Bundeswehr“, der wurde mit ein bisschen Glück gar nicht eingezogen, weil die gar nicht so viel Platz für die Leute hatten.

Und dann war die Befürchtung, das halten wir nicht durch. Irgendwann rennt einer los zum Verfassungsgericht und sagt: Hör mal, das geht doch nicht! Ihr könnt doch nicht... Wenn einer verweigert, dann muss er garantiert Dienst leisten und wenn einer nicht verweigert, ist es so. Stichwort: Wehrgerechtigkeit. Also das waren verschiedene Gründe, die dazu führten. Kurz und klein: Es gab den Beschluss, die Wehrpflicht wird ausgesetzt. Es werden keine jungen Männer mehr eingezogen – es ging ja nur um Männer bei der Wehrpflicht, also nicht um Frauen.

Ist ja unfair!

Steht aber so im Grundgesetz.

Artikel 12 a des Grundgesetzes: Frauen „dürfen auf keinen Fall zum Dienst mit der Waffe verpflichtet werden“. (tw)

In Israel, da müssen ja alle hin.

Ja, in Norwegen auch. Aber in Deutschland sagt eben das Grundgesetz, Frauen können nicht zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Und daraus folgt: keine Wehrpflicht für Frauen. Seitdem muss die Bundeswehr sehen, wo kriegt sie die Leute her, die sie braucht.

Wieviel braucht sie?

Sie braucht etwa 24.000 neue Leute jedes Jahr. Der Punkt ist einfach: Es hängt damit zusammen, dass nur ein kleiner Teil der Soldaten Berufssoldaten sind.

Kannst du kurz erklären, was der Unterschied zwischen Soldat und Berufssoldat ist?

Die meisten, die bei der Bundeswehr sind, die verpflichten sich auf eine begrenzte Zeit, vielleicht vier Jahre, acht Jahre. Als Offizier mindestens zwölf Jahre. Inzwischen geht das sogar bis zu 25 Jahre. Es ist immer eine begrenzte Zeit. Das heißt, nach zwölf Jahren sagen die: Danke, ich war zwölf Jahre Soldat, und jetzt mache ich ganz was anderes. Vielleicht etwas, was ich vorher gelernt habe. Vielleicht habe ich Lust auf ganz etwas anderes. Das heißt, die Zahl der Leute, die anfangen und sagen: Bis zur Pensionierung, bis zur Rente bleibe ich Soldat, die ist relativ gering. Und daher kommt es dann, dass jedes Jahr 24.000 neue Leute gefunden werden müssen, um einfach das Personal zu ersetzen, langfristig, was ausscheidet. Das ist eine Kette.

Jedes Jahr scheiden 24.000 andere aus.

So ungefähr kann man das sagen, ja.

Wie viel haben wir denn aktuell?

Irgendwas bei 100... Nein, ich glaube, es liegt höher als die angepeilten 175.000. Das weiß vielleicht der Hauptmann Klau, den fragen wir mal eben! Herr Klau?

Stand vom 3. Dezember 2014 laut Bundeswehr: 181.253 aktive Soldaten. Davon 171.440 Berufs- und Zeitsoldaten und 9.813 freiwillig Wehrdienstleistende

Hauptmann Klau: Wir sind derzeit bei der Obergrenze von 185.000. Aber wir wollen die nächsten Jahre auf 170.000.

Und wir sind momentan bei? Wissen Sie denn, wie viele Soldaten es tatsächlich gibt?

Da bin ich überfragt,...

Okay, wir wissen es beide nicht. Wir einigen uns darauf, es liegt über 175.000 oder so?

Genau.

Ich komme gleich nochmal auf Sie zu, weil Sie wissen lauter Details, die ich immer vergesse... So, das war der Hauptmann Klau übrigens, der hier in diesem Showroom arbeitet und solche Dinge weiß und erklärt.

Ich kann also auch Showroom-Offizier werden bei der Bundeswehr?

Im Prinzip.... Ich glaube nicht, dass das so ein richtig fest beschriebener Dienstposten ist, aber theoretisch schon. Allerdings gibt es ja nur einen Showroom.

Aber vielleicht gibt es bald mehr?

Das wird, glaube ich, davon abhängen – es ist ja ein Experiment -, wie das läuft und wie das angenommen wird und wie die Leute das finden.

Wie finden die Leute das?

Es kommen ab und zu Leute herein. Berlin ist da ein ganz schwieriges Pflaster, weil Berlin hat ein sehr gespaltenes Verhältnis zum Militär und insbesondere Westberlin zur Bundeswehr oder Berlin zur Bundeswehr.

Warum?

Naja, bis zur deutschen Einheit hatte ja Westberlin einen Sonderstatus, und deswegen gab es hier keine Bundeswehr, und die Westberliner haben auch keinen Wehrdienst machen müssen. Das führte dann zum Beispiel dazu, dass sich viele aus der BRD, also aus Westdeutschland, also aus der Bundesrepublik, schnell mit ihrem Hauptwohnsitz in Westberlin angemeldet haben.

So hast du's gemacht?

Nein. Das ist etwas anderes! Die haben ja nicht verweigert, sondern die haben einfach gesagt: Bin ich jetzt Westberliner! Und deswegen haben die damit auch kein Problem.

Du hast verweigert?

Ja.

Du hast es gerichtlich durchsetzen müssen?

Nein, das ist nochmal was anderes.

Wie war es bei dir?

Das war Anfang der 80er. Ich habe verweigert, dass heißt gesagt, ich will nicht Kriegsdienst mit der Waffe leisten. Das war ja nur aus Gewissensgründen zulässig, weil niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Und bei mir wurde dann noch von einer Prüfungskommission geprüft, was denn mit meinem Gewissen ist. Das hat sich später geändert.

Und jetzt, jetzt muss ich mich ja aktiv dafür entscheiden?

Also vor zehn Jahren oder so, da musstest du sagen: Ey, ich will nicht.

Und begründen wahrscheinlich auch?

Und begründen. Und jetzt musst du aktiv sagen: Ich will. Du musst es nicht begründen. Aber du musst aktiv sagen: Jawohl, ich möchte gern Soldat werden.

Das ist der Unterschied zwischen einer Freiwilligenarmee und einer... Wie heißt das?

Wehrpflichtarmee, ja. Es ist übrigens keine Berufsarmee, das wird ja auch manchmal durcheinander gebracht, einfach durch diese Zeitsoldaten. Also nicht diese Soldaten, die angestellt werden und den Rest ihres Berufslebens da verbringen, sondern halt viele, die für ein paar Jahre oder eine begrenzte Zeit da sind. Deswegen Freiwilligenarmee.

Angenommen, du bist jetzt kein Journalist, sondern hast doch noch Bock, Soldat zu werden. Kannst du hier reingehen und sagen: Ich bin Thomas Wiegold, ich bin frische 39 Jahre alt! Kannst du jetzt noch Soldat werden?

Ich bin ein bisschen zu alt dafür.

Wirklich?

Jajaja.

Weil da steht „mindestens 17“, nicht maximal!

Ich bin sogar mehr als mindestens 17 Jahre.

Du bist deutscher Staatsbürger?

Jawohl. Also das ist eigentlich immer so die Eingangsvoraussetzung.

Deutscher sein?

Deutscher Staatsbürger.

Kann ich auch einen Doppelpass haben?

Ja, kannst du. Du musst deutscher Staatsbürger sein. Ob du nebenbei noch was weiß ich bist, ist davon unabhängig. Das kann höchstens mit dem anderen Land Probleme geben.

Bei der körperlichen, geistigen, charakterlichen Eignung habe ich jetzt Zweifel.

Ja, ich auch. Also nicht an der geistigen und charakterlichen, aber an der körperlichen. Ich bin nicht mehr fit genug.

Warum?

Alter verfetteter Schreibtischtäter!

Wurde das in den letzten Jahren jetzt angehoben, also der Anspruch an Fitness? W****ird jetzt gesagt: Und unsere Leute müssen jetzt ziemlich fit sein? Fitter als früher?

Es gibt Leute, die behaupten, das sei genau umgekehrt. Das sei abgesenkt worden, damit man mehr Leute kriegt.

Den Anspruch ein bisschen gesenkt? Warum?

Damit man mehr bekommt. Aber da fragen wir wieder den Hauptmann Klau! Herr Klau, jetzt bin ich auch mal ganz naiv. Körperliche Eignung: Jetzt hört man ab und zu mal, das sei in den letzten Jahren, das sei ab und zu verwässert worden, abgeschwächt worden, damit man mehr Leute kriegt. Ist das eigentlich festgelegt / definiert, also 17 Klimmzüge, 100 Liegestütze und 23 Kilometer laufen, oder...?

Hauptmann Klau: Es gibt einen festgelegten Eignungsfeststellungstest im Sport, wo genau festgelegt worden ist, was gemacht werden muss. Und das wird nach Männlein und Weiblein unterschieden. Und dahingehend wird dann die körperliche Fitness festgestellt.

Können Sie nochmal so eine Merkzahl sagen, wissen Sie da etwas? Also muss man 100 Meter in 9,7 Sekunden laufen?

Nein, beim Laufen geht es gar nicht. Statt dem Laufen wurde dann irgendwann der Ergometer-Test eingeführt, und da sind wir ungefähr bei unter 9 Minuten für 3.000 Meter.

Und was so Klimmzüge angeht oder Liegestütze: Gibt es da Zahlen? Muss ich 100 schaffen ohne Umzukippen?

Nein, da geht es nicht um die Zahlen. Es gibt auch keine Liegestütze und Klimmzüge, in dem Fall wie man sie vielleicht kennt, sondern man hat einen Klimmhang eingeführt, und dann muss man eine gewisse Anzahl oder Zeit lang an dieser Stange hängen können, mit dem Kinn über der Stange.

Also wie ein nasser Sack?

Fast wie ein nasser Sack. Aber trotzdem ist die körperliche Fitness, also eine gewisse Grundspannung im Körper, ist da schon notwendig.

Würde ich das schaffen?

Sicher.

Das sagen Sie so! Da habe ich meine begründeten Zweifel. Das heißt, körperlich wäre ich vielleicht nicht so ein Problem, sondern könnte das machen?

Wer normal körperlich fit ist und sich normal bewegen kann, ohne großes Übergewicht, oder auch nicht total unsportlich ist oder keine zwei linken Hände hat, der ist wirklich geeignet und kann auch diesen Test schaffen.

Der „Basis Fitness Test“ ist Teil der sogenannten Eigungsfeststellungen. Die Details dazu hat die Bundeswehr hier veröffentlicht. (tw)

Ich bin nun ein Verweigerer, ich werde es nicht tun, aber würden Sie denn – mit meinen 54 Jahren – sagen: Ach, ein bisschen alt?

Also für den freiwilligen Wehrdienst könnte ich Ihnen das bis 65 anbieten, wenn Sie sich noch entscheiden wollen. Ansonsten für eine allgemeine Tätigkeit als Soldat auf Zeit wären wir ein paar Tage zu alt.

Da liegt die Grenze wo?

Bei 50. Je nachdem, was Sie für eine Einstellungsvoraussetzung bringen. Wenn Sie mit Hochwertstudium kommen oder mit einem Beruf, den die Bundeswehr unbedingt brauchen könnte, dann würden wir Sie sogar noch bis 50 einstellen.

Aber für diesen freiwilligen Kurzdienst, da kann man auch mit 64, kurz vor der Rente, noch kommen?

Ja, könnten Sie noch machen.

Passiert das?

Nein, es passiert eigentlich nicht. Die Frage ist auch, was es für einen Sinn macht. Aber es besteht die Möglichkeit.

Frag ihn mal, wie alt der älteste neue Soldat ist!

Ich weiß nicht, wie alt der älteste Rekrut ist, den wir derzeit bei uns in der Bundeswehr haben. Ich kann nur so ungefähr sagen: Die Altersgruppe, die sich bei uns immer so vorstellt, die noch mit einer Einstellung, mit Studium, zu uns kommen wollen, und da sind wir locker im mittleren 40er-Bereich.

Ich hörte ja die Tage von einem 51-jährigen Rekruten. Erzählte mir jemand.

Dann hatten wir Eintreten für die freiheitliche, demokratische Grundordnung. Wie könnte ich das jetzt testen bei dir ?

Das kann man natürlich schlecht messen, nicht? Aber wenn einer reinkommt „Ey, Demokratie ist scheiße“ und „Ich komme von der Nazi-Kameradschaft Sowienoch aus Ichweißnichtwo, dann hat der vielleicht ein Problem.

Aber es gibt Nazis bei der Bundeswehr?

Ja.

Im Jahr 2013 wurde in 309 Fällen gegen mutmaßliche Rechtsextremisten in der Bundeswehr ermittelt, teilte die Bundesregierung offiziell mit. (tw)

Die hatten wir auch bei uns.

Ja, natürlich. Es gibt auch immer wieder diese sogenannten rechtsextremistischen Vorfälle bei der Bundeswehr. Das waren dann Leute, die mit Hitlergruß rumliefen und Nazilieder grölten und solche Geschichten. Das gibt es immer wieder.

Fliegen die sofort raus?

Die fliegen ziemlich schnell raus, ja.

Gibt es auch Linksextreme oder Linksradikale?

Äh, nein. Eigentlich kaum. Weil die fühlen sich, glaube ich, beim Militär nicht so richtig wohl.

Wäre lustig.

Das gab's mal, zumindest theoretisch, in den 70er, 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, muss man dazu sagen.

So RAF-mäßig: Wir lassen uns bei der Bundeswehr ausbilden...?

Genau! Wir gehen alle zum Bund, damit wir wenigstens schießen lernen für die Weltrevolution. Das gab es schon. Ich weiß nicht, inwieweit das von den Zahlen her bedeutsam war.

Es kann ja sein, dass ISIS-Freunde sagen, ich gehe jetzt erstmal zwei Jahre zur Bundeswehr, lasse mich ausbilden und gehe dann in...

Kannst du nicht ausschließen. Auf der anderen Seite ist natürlich die Frage: Fallen die nicht doch irgendwann auf? Also wie auch Rechtsextremisten auffallen. Du kannst nie ausschließen, dass sich Leute so gut tarnen und anpassen, dass das so gut funktioniert, klar.

Nächste Voraussetzung: Hast du Vorstrafen?

Nein, ich habe keine.

Jetzt kommt natürlich das Problem mit illegalen Drogen... Als Kiffer dürfte ich jetzt nicht zur Bundeswehr?

Im Prinzip nicht, nein.

Jetzt kann ich natürlich aus eigener Erfahrung sagen: Bei uns haben sie auch gekifft.

Ja, das ist immer so mit Theorie und Realität.

Wenn der Einstellungstest oder Drogentest kommt, dann sorge ich dafür, dass ich erstmal ein paar Wochen, Monate keine Drogen genommen habe...

Ich habe keine Ahnung, wie lang man das nachweisen kann.

Frag ihn doch mal, ob es nur am Anfang bei der Einstellung oder ob regelmäßig Drogen getestet werden! Gibt es regelmäßige Tests?

Hauptmann Klau: Es kommt immer darauf an, welche Verwendung Sie haben. Es gibt ja auch bei gewissen Verwendungen jährliche Check-Ups, dann werden auch solche Tests durchgeführt.

Wenn du Pilot bist, ist vielleicht besser, wenn du nicht dauernd kiffst.

Erklär mir noch den letzten Punkt: keine überhöhten Schulden.

Das hat mit der Sicherheitsproblematik zu tun. Leute, die überhöhte Schulden haben, gelten als erpressbar. Aber ich habe keine Ahnung, was überhöhte Schulden sind. Was sind überhöhte Schulden, Herr Klau?

Hauptmann Klau: Überhöhte Schulden sind eigentlich relativ flexibel, weil das, was Sie monatlich decken können mit dem, was Sie verdienen, dass sind keine überhöhten Schulden. Aber wenn Sie jetzt zum Beispiel Spieler sind und regelmäßig in irgendwelchen Zockerclubs rumhängen und da immer in die Miesen gehen, dann würde das unter überhöhte Schulden laufen.

Aber wenn ich mir ein Einfamilienhaus kaufe, was ich mir eigentlich gar nicht leisten kann, dann auch?

Es kommt ja immer darauf an, welche Sicherheiten Sie haben. Es wird Ihnen die Bank ja kein Geld geben, wenn Sie nicht Sicherheiten nachweisen, also sind Sie wahrscheinlich auch nicht überhöht überschuldet.

Das Häuschen im Grünen ist kein Problem, aber die Spielschulden.

Anders als er, ich war ja schon bei der Bundeswehr. Er war ja noch nie bei der Bundeswehr. Komme ich in den Rang zurück, oder?

Es kommt darauf an, wie sie sich in der Zwischenzeit weiterentwickelt haben. Wenn Sie sagen, okay ich habe jetzt mittlerweile studiert, ich habe einen Zivilberuf,...

Habe ich nicht. Bin nur Krautreporter.

Okay, dann könnte es im schlimmsten Fall passieren, dass Sie wieder als Obergefreiter eingestellt werden, wenn Sie die Wiedereinstellung machen. Aber wir haben auch viele, die sich weiterentwickelt haben, weitergebildet haben, und die dann vom Obergefreiten vielleicht sogar zum Offizier über-, eintreten.

Ich könnte Social Media Manager der Bundeswehr werden.

Könntest du, ja. Aber wollen wir das?

Jetzt hast du alle Einstellungsvoraussetzungen erfüllt.

Ja, bis auf die körperliche Fitness. Das glaube ich immer noch nicht. Aber gut.

Sind die Einstellungsvoraussetzungen die gleichen für Mann und Frau?

Ja.

Durch die Bank?

Ja.

Kann eine Frau das gleiche und alles werden wie der Mann?

Es gibt in einem bestimmten Bereich Ausnahmen, beziehungsweise... Nein! Die Ausnahmen sind eher faktischer Natur, nämlich bei den sogenannten Spezialkräften. Also das sind diese Kommando Spezialkräfte, das sind die Kampfschwimmer.

So etwas wie Navy Seal Team 6?

Ja, so etwas in der Richtung. Da ist nur die Frage: Da sind sehr hohe körperliche Anforderungen, die Frauen in der Regel einfach vom Leistungsspektrum her nicht erfüllen können.

Vom körperlichen Leistungsspektrum?

Ja, rein körperlich gesehen. Es gibt dann angepasste Leistungsregeln für etwas andere Verwendungen, für etwas andere Einsatzmöglichkeiten von Frauen. Also an der Stelle muss man sagen, ist ein Unterschied. Sonst gibt es keinen Unterschied.

Allerdings gibt es bisweilen Ungereimtheiten bei der Einstellung von Frauen für das Kommando Spezialkräfte, wie der Wehrbeauftragte des Bundestages 2013 in seinem Jahresbericht beklagte. (tw)

Die Bundeswehr ist aber kein Arbeitgeber wie jeder andere.

Hui, das klingt ja wie aus der Werbung! Kein Arbeitgeber wie jeder andere.

Bei anderen Arbeitgebern muss ich am Ende theoretisch nicht mein Leben aufs Spiel setzen.

Ja, es ist schon noch ein bisschen anders als bei der Feuerwehr und Polizei, weil es wird bei der Bundeswehr eigentlich vorausgesetzt, dass du bereit bist, auch dein Leben aufs Spiel zu setzen. Also einem Feuerwehrmann oder einem Polizisten kann man nicht verübeln, wenn er sagt: Jungs, das ist mir zu gefährlich, da gehe ich jetzt nicht rein. Bei der Bundeswehr und beim Militär kann es passieren, dass die sagen: Du gehst du jetzt rein – auch wenn die Chance, dass du es nicht überlebst, relativ hoch ist.

Jetzt steht hier: Wir. Dienen. Deutschland. Warum dient man Deutschland, wenn man zur Bundeswehr geht?

Weil Streitkräfte, also ich sage es mal ein bisschen brutal, das klingt immer so ein bisschen hart: Streitkräfte sind das Mittel eines Staates, Gewalt auszuüben unter sehr...

Gewalt ausüben, damit dient man Deutschland?

In dem Fall ja. Weil es geht darum: Kommt ein Staat an einen Punkt, wo er seine Ziele, insbesondere das Ziel, sich zu wehren gegen einen Angriff, nur mit Gewalt erreichen kann.

Wann wurden wir zum letzten Mal angegriffen?

Achtzehnhundert... das Jahr weiß ich jetzt nicht mehr genau.

Achtzehnhundert?

...irgendwas. Es gab im 19. Jahrhundert eine Vielzahl von Kriegen, die das damalige Deutschland und die Deutschen – war ja ein Flickenteppich aus Ländern – geführt haben. Es hat sich ja einiges geändert. Im vergangenen Jahrhundert war Deutschland eher der Angreifer.

Und jetzt im 21. Jahrhundert? Der Mitläufer?

Nein. Was heißt Mitläufer? Deutschland ist Mitglied in einem Bündnis, in der NATO, was als Verteidigungsbündnis angelegt ist. Jetzt kann man darüber streiten. Ich würde sagen, nein, ich wüsste keinen NATO-Angriffskrieg.

Auf der anderen Seite hast du auch mal gesagt, die NATO wurde auch nie angegriffen, also der Bündnisfall ist nie eingetreten – außer 9/11.

Aber klassisch gesehen, ist der Bündnisfall nie eingetreten.

Theoretisch hätte es eigentlich nie Kriege geben müssen, wenn wir nie angegriffen haben und auch nie angegriffen wurden.

Das ist jetzt müßig, so nach dem Motto, die Henne-Ei-Diskussion. Oder gab's keinen Angriff, weil es dieses Verteidigungsbündnis gibt? Das ist jetzt eine sehr theoretische Frage.

Kann ich jetzt, wenn ich sage, ich bin ja auch ein Mensch bei der Bundeswehr, und Soldaten, politisch eingestellt, kann ich sagen, also diesen Einsatz in Afghanistan kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, da will ich nicht hin. Kann ich da sagen, ich will lieber nach Mali und da die Soldatenausbildung?

Im Prinzip nein. Nein.

Warum?

Weil, wenn der Einsatz rechtmäßig ist und zum Beispiel vom Bundestag gebilligt ist, dann ist es Sache der Bundeswehr, wo sie dich hinschickt in so einen Einsatz. Das hast du sozusagen mit unterschrieben.

Dass ich gehorchen muss?

Dass du gehorchen musst, ja. Also es gibt da keine Wahlfreiheit, genau das, das du sagst: Afghanistan finde eigentlich nicht so cool, Kosovo ist eigentlich ganz hübsch zur Zeit, gerade im Frühling, da würde ich jetzt lieber hin, das geht nicht.

Jetzt habe ich gehört, die Bundeswehr soll familienfreundlich sein oder werden?

Naja, ich glaube eher werden.

Also ist sie bisher familienunfreundlich?

Ja.

Warum?

Also das hängt unter anderem damit zusammen: Die Bundeswehr ist ja kleiner geworden. Deswegen gibt es weniger Orte, an denen Bundeswehr ist, und das führt dazu, dass immer mehr Soldaten Pendler sind, also die fahren jedes Wochenende hunderte von Kilometern von zu Hause, wo sie wohnen, zu ihrer Kaserne. Also es gibt irre viele Leute, die pendeln inzwischen. Das hängt auch damit zusammen, dass nicht, wie vor 20, 30 Jahren, eine Ehefrau sagt: Ach Schatz, ich ziehe jetzt mit dir irgendwohin...

Das ist in Amerika so! Da gibt es fast Städte, um die Basen herum...

Das gibt es hier, ich glaube zum Glück, nicht. Das ist natürlich auch eine sehr abgeschottete Community dann gegenüber der Normalbevölkerung. Also zunehmend ist es nicht wie vor zwanzig Jahren, dass eine Frau sagt: Ach Schatz, ich ziehe mit dir irgendwohin. Im Zweifel hat die Ehefrau oder der Ehemann, der nicht Soldat ist, einen Job irgendwo. Und wenn jetzt der Soldat dann versetzt wird oder woanders hingeht, findet er oder sie keinen neuen Job.

Warum lässt man die Soldaten nicht da stationiert sein, wo die Familie in der Nähe wohnt? So war es bei mir. Also drei Kilometer weiter habe ich dann gewohnt. Ich konnte jeden Tag...

Das funktioniert nicht immer und das funktioniert umso weniger, je kleiner und spezialisierter die Bundeswehr wird. Wenn einer Spezialist ist für Fernmeldetechnik oder so etwas, und dann in einem Fernmelde-Bataillon arbeitet, wenn jemand da Spezialist ist und dummerweise ist die nächste Einheit, die sich mit so etwas beschäftigt, 500 Kilometer entfernt, dann wird er da arbeiten. Aber er wird nicht seine ganze Familie dahin mitnehmen. Unter anderem auch deswegen, weil manche alle zwei, drei, vier Jahre versetzt werden. Das wollen sich Familien heutzutage nicht mehr zumuten lassen, alle drei, vier Jahre komplett umzuziehen.

Nach Angaben des Wehrbeauftragten des Bundestages sind mehr als 50 Prozent der Soldaten Dauerpendler. (tw)

Ist das ein Ist-Zustand oder ein War-Zustand?

Das ist der Ist-Zustand.

Wie soll es denn jetzt werden?

Also an dieser Pendlergeschichte wird sich so viel nicht ändern, nicht ändern können. Die Bundeswehr hat eine bestimmte Größe, wird eher kleiner und nicht größer, die Standorte werden eher weniger und nicht mehr. Deswegen wird sich daran nichts ändern. Woran sich etwas ändern kann, sind die Rahmenbedingungen. Zum Beispiel gibt es Versetzungen erstens nicht mehr so häufig, also vielleicht kann man sehen: Muss jemand wirklich alle zwei, drei Jahre versetzt werden woanders hin? Zweitens sollen Versetzungen etwas besser getimed werden, also zum Beispiel mit Rücksicht auf die Schulferien der Kinder. Ja, es gibt dann große Scheiße: Ich ziehe zwar mit meiner Familie um, aber die sind dann mitten im Schuljahr oder so etwas. Das ist auch nicht so praktisch. Also es gibt dann schon Ansätze, da zu versuchen, den Leuten entgegenzukommen. Oder das ganz typische Beispiel, das auch immer in den Meldungen auftaucht: die Kindertagesstätten.

Bundeswehr-Kitas?

Im Prinzip Bundeswehr-Kitas. Zum Beispiel, wenn beide Eltern Soldaten sind und vor allem Bundeswehr-Kitas, die eher den zeitlichen Bedürfnissen von Soldaten angepasst sind, also Dienstzeiten, die etwas anders sind als normalerweise.

Widerspricht sich das nicht, Familienfreundlichkeit und Soldat sein? Weil Soldat sein, heißt ja auch: Bereit sein, sein Leben dafür zu geben? Ist das nicht eine der familienunfreundlichsten Voraussetzungen?

Letztendlich ja. Aber das kannst du natürlich für jeden Beruf mit Gefährdung sagen.

Das ist ein bisschen zynisch zu sagen: Hier, werdet Soldat! Kommt vielleicht nach Afghanistan oder wo wir sonst irgendwann eingesetzt werden. Wie soll das familienfreundlich sein? Ich meine, der Anspruch der Verteidigungsministerin ist doch jetzt: Wir sollen, Deutschland soll mehr Verantwortung übernehmen!

Ja.

Das heißt ja wahrscheinlich auch irgendwie nicht nur Diplomatie, sondern auch mehr Einsatz.

Derzeit sind Bundeswehrsoldaten in 17 Einsätzen auf drei Kontinenten unterwegs. Im kommenden Jahr soll eine Ausbildungsmission im Irak hinzukommen. Außerdem gibt es Missionen im Ausland, die formal nicht als Auslandseinsätze zählen, zum Beispiel der - bis zum Jahresende begrenzte - Einsatz von Kampfflugzeugen der Luftwaffe zur Luftraumüberwachung der NATO-Mitgliedsstaaten im Baltikum. (tw)

Man muss gucken, was das bedeutet. Also seitdem sie das angekündigt hat, hat es exakt einen Einsatz mit vier Soldaten zusätzlich gegeben. Gucken wir mal, was das bedeutet.

Im Jahr 2013 wurde als zusätzlicher „bewaffneter Einsatz deutscher Streitkräfte“ im Ausland die deutsche Beteiligung an einer EU-Mission in der Zentralafrikanischen Republik beschlossen. (tw)

Es fängt klein an.

Ja, gut.

Aber ist das nicht ein grundsätzlicher Widerspruch, Familienfreundlichkeit der Bundeswehr und gleichzeitig mehr Einsätze der Bundeswehr?

Ja.

Familienfreundlich würde ja sein, wir machen weniger Einsätze.

Ja. Dann ist immer die Frage: Was ist das Entscheidende? Auch das gilt wiederrum für jeden Arbeitgeber: Ist das Produkt entscheidend, oder ist es entscheidend, den Beschäftigten die besten Arbeitsbedingungen zu bieten?

Ich weiß nicht.

Ja, schau es dir an! Würde Mercedes sagen, Schichtarbeit ist ziemlich schlecht für die Gesundheit und Familie, deswegen schaffen wir die Schichtarbeit in unseren Werken ab...

Aber das ist ja trotzdem etwas anderes als Soldat sein.

Ja, klar ist es etwas anderes als Soldat sein. Ich wollte nur sagen: Was ist das Ziel einer Armee? Was ist das Ziel einer Firma? Und das Ziel ist nicht, das klingt jetzt ein bisschen brutal, aber de facto ist es doch so,...

Das Ziel, das hattest du gesagt, ist die Verteidigung eines Landes.

Ja. Das Ziel ist nicht, die Beschäftigten happy zu machen. Das gilt aber für jede Firma!

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