Uber, Airbnb, Fiverr

„Sobald es Konkurrenz gibt, wird sie einfach gekauft“

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Guy Standing macht sich Sorgen und das schon seit Jahrzehnten. Der linke Ökonom und Mitgründer des Basic Income Earth Networks befürchtet, dass immer mehr Menschen in prekäre, also unsichere und meist schlecht bezahlte Arbeitsverhältnisse gedrängt werden. Im neuen Prekariat arbeiten wir uns für einen Hungerlohn zu Tode. Schuld daran sind Standing zufolge Plattformen wie Uber, Airbnb oder Fiverr.

Herr Standing, welche Apps haben Sie auf Ihrem Smartphone?

Ich versuche, mein Handy kaum zu verwenden. Wir sind süchtig nach dieser Technologie und müssen diese Sucht bekämpfen, weil sie unsere Zeit stiehlt.

Es gibt doch Apps, die uns Zeit sparen.

Natürlich. Sie können ein Uber rufen oder mit Airbnb ein Zimmer buchen. Diese Apps sind nützlich.

Wann haben Sie das letzte Mal ein Uber gerufen?

Ich habe noch nie Uber oder Airbnb verwendet. Nie. Und ich werde es niemals tun.

Wieso?

Ich habe etwas gegen das aktuelle Konzept dieser Concierge Economy, wie ich sie nenne. Andere nennen sie Gig Economy. Menschen arbeiten etwa für Uber, sind aber nicht angestellt. Das Unternehmen drückt außerdem die Preise. Wenn Uber in eine neue Stadt kommt, bietet es seinen Service so billig an, dass es einen operativen Verlust erwirtschaftet, gibt also mehr Geld aus, als es einnimmt. Das können hunderte Millionen Dollar pro Jahr sein. Ihr Preis ist so niedrig, dass die Taxis nicht mithalten können. Wenn die Taxis dann aus dem Markt aussteigen, hat Uber ein Monopol geschaffen und kann seine Preise wieder erhöhen. Diese Praxis ist meiner Meinung nach ethisch nicht vertretbar. Airbnb wiederum macht das Zuhause zu einer Ware und führt bei manchen Anbietern zu enormer Selbstausbeutung.

Viele Leute kritisieren die Kommerzialisierung von bestimmten Lebensbereichen. Was ist so schlimm daran?

Stellen Sie sich vor, Sie wohnen in einem Haus mit drei Stockwerken, in denen es je eine Wohnung gibt. Die Wohnung im mittleren Stock wird Teil von Airbnb. Jetzt haben Sie zu jeder Tageszeit fremde Menschen, die Partys schmeißen, laut sind, das Treppenhaus verschmutzen. Das tötet jedes Gefühl von Nachbarschaft. Airbnb hat außerdem einen katastrophalen Effekt auf den Wohnungsmarkt. Mehr und mehr Leute investieren in Wohnungen, um sie auf der Plattform anzubieten. Diese Wohnung fehlt dann, wenn Einheimische ein langfristiges Zuhause suchen.

Ein weiteres Problem ist, dass die Menschen, die ihren Service anbieten, wenig Kontrolle haben. Wenn wir uns etwa die Bewertungen auf Uber ansehen: Ein Kunde gibt Ihnen eine schlechte Bewertung, weil er Sie unsympathisch findet. Er gibt Ihnen also nur drei von fünf Sternen. Das kann dazu führen, dass sie weniger Aufträge bekommen. Im Extremfall werden Sie deaktiviert und müssen einen Kurs bei Uber abschließen, den Sie natürlich bezahlen müssen. So werden Sie doppelt bestraft.

US-amerikanische Uber-Fahrer erzählten dem Observer, dass sogar ein Rating von unter 4,6 genügen kann, um gezwungen zu werden, teure Trainings abzuschließen. Sonst droht der Rausschmiss

Wenn ich auf Airbnb oder Uber eine schlechte Bewertung bekommen habe, kann ich ja auf andere Plattformen ausweichen.

Diese Plattformen beherrschen den Markt fast vollständig und stecken sich 20 Prozent der Transaktion in die eigene Tasche. Und wofür? Sie bauen die App und die Algorithmen, danach ist ihre Arbeit so gut wie getan. Und sie verdienen damit Milliarden.

Mit der Zeit wird es vermutlich mehr Plattformen geben, das Monopol wird dadurch dann geschwächt, und andere Seiten werden vielleicht nur fünf Prozent des Gelds verlangen.

Das ist interessant. Sie vermuten etwas, das bisher noch nicht passiert ist. Die Menschen, die ihr Eigenkapital in diese Plattformen stecken, haben großes Interesse daran, dass sie den Markt weiterhin beherrschen. Was tatsächlich passiert, ist eine ökonomische Revolution, die neben der technologischen stattfindet. In dieser neuen Ökonomie ist das Unternehmen zu einer Ware geworden. Vorher gab es viele Familienunternehmen, die vererbt wurden, es gab Wettbewerb. Neue Unternehmen und Start-ups sind aber mittlerweile käuflich geworden. Die fünf größten Plattform-Unternehmen Apple, Microsoft, Alphabet, Amazon und Facebook haben in den letzten zehn Jahren 519 Unternehmen aufgekauft. Das ist die Strategie. Sobald es Konkurrenz gibt, wird sie einfach gekauft.

Sollen wir mehr Verantwortung für unser Konsumverhalten übernehmen?

Nein, ich glaube nicht, dass das geht.

Aber Sie verhalten sich doch verantwortungsvoll, indem Sie etwa Uber nicht nutzen.

Ja. Ich denke aber, dass dieses Phänomen nur auf einem politischen Level angegangen werden kann. Unsere Aufgabe ist es, den Politikern und den Parteien zu sagen, dass sie diese Unternehmen regulieren müssen, sodass die Vorteile dieser Dienstleistungen beibehalten und die Nachteile ausgemerzt werden können.

Eine der schlimmsten Sachen ist die Selbstausbeutung der Menschen, die online als Taskers arbeiten. Sie verrichten kleine Aufgaben, schreiben etwa kurze Texte, beantworten Umfragen oder erstellen Tabellen. Sie sind nicht angestellt, haben keine Einkommenssicherheit und leben von einem Miniauftrag nach dem anderen.

Eine der größten Plattformen für solche Arbeit ist MTurk von Amazon. Die Onlinearbeit von Taskers kann zu psychischen Zusammenbrüchen führen, dem Verfall persönlicher Beziehungen. Diese Menschen müssen Tag und Nacht erreichbar sein. Das ist eine kranke Kommerzialisierung des Lebens.

Auf der Plattform Fiverr kann jeder seine Dienste anbieten. Es gibt Illustratoren, Autoren, Webdesigner und sogar selbsternannte Hexen, die für wenig Geld Arbeiten verrichten, die unabhängig vom Ort sind. Eine der Fiverr-Werbekampagnen klingt so: „Kaffee ist dein Mittagessen, du ziehst deine Pläne durch, Schlafmangel ist deine Lieblingsdroge. Du könntest ein Macher sein.“

Das ist die letzte Phase der Prekarisierung des Lebens. Wir haben die Kontrolle über unsere Zeit verloren. In der industriellen Gesellschaft war das Leben in Blöcke gegliedert: Aufstehen, in die Fabrik oder ins Büro gehen, nach acht Stunden nach Hause. Wegen der modernen Technologien sind unsere Arbeitsverhältnisse viel flexibler geworden. Wir machen Lohnarbeit, spielen, konsumieren, machen unbezahlte Arbeit – alles ist durcheinandergemischt. Wenn man Teil dieses Prekariats ist, wird das zum Problem. Man fragt sich, wie man seine Zeit optimal nutzen soll: „Soll ich mehr networken, einen Kurs machen?“ Das ist extrem stressig.

Wieso? So schlimm hört es sich nun auch wieder nicht an.

Wer im Prekariat lebt, darf sich keinen einzigen Fehler leisten, lebt immer in der Gefahr, die nächste Miete nicht bezahlen zu können. Ich bekomme viele E-Mails von Menschen im Prekariat, die schreiben: „Genau so ist mein Leben!“ Wir befinden uns mitten in der Krise. Diese Menschen werden eine Gefahr für sich selbst.

Plattformen wie Fiverr machen den Arbeitsmarkt zu einem globalen. Das bedeutet, dass es gut sein kann, dass ein Schweizer und eine Brasilianerin um denselben Auftrag buhlen.

Dadurch passieren zwei Dinge. Erstens, wird der Lohntarif gedrückt. Der Effekt wirkt noch stärker, weil der Schweizer und die Brasilianerin nicht wissen, ob sie gleichzeitig im Wettbewerb mit einem Ghanaer stehen, der dieselbe Arbeit für noch weniger Geld macht. Also bieten die beiden ihre Dienste zu einem geringeren Preis an, als sie unter anderen Umständen tun würden.

Zweitens, führt dieser Wettbewerb zur Selbstausbeutung. Jemand, der online Aufgaben erledigt, muss angeben, wie lange er dafür braucht. Viele geben dann eine kürzere Zeit an, als sie tatsächlich benötigen. So müssen sie vielleicht die Nacht durcharbeiten. Diese Effekte werden immer stärker eintreten, weil immer mehr Dienstleistungen virtualisiert werden.

Hat wenigstens der Ghanaer etwas davon?

In gewisser Weise, ja. Das Problem ist aber, dass die Löhne in Ghana noch die nächsten Jahrzehnte sehr viel niedriger bleiben werden als die in der Schweiz oder in Brasilien. Das Drücken der Lohntarife wird also in diesen Ländern weitergehen. Das ist der Grund, warum wir ein neues System brauchen, Einkommen zu verteilen. Hier kommt das bedingungslose Grundeinkommen ins Spiel.

Müsste das Grundeinkommen dann nicht global eingesetzt werden?

Nein, das muss es nicht. Die Technologie-Riesen machen Geld damit, dass sie die Löhne drücken. Hier können wir argumentieren: „Euer Einkommen steigt nur, weil die Architektur unseres Systems es euch erlaubt, also verlangen wir einen Teil dieses Einkommens.“ Ich wurde nach Silicon Valley eingeladen, um genau darüber zu sprechen. Die meisten dort, die ihre Milliarden mit Plattformen gemacht haben, sind recht offen für diese Idee. Die Politiker hinken nach.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen hilft aber der Brasilianerin nicht, die immer noch mit dem Ghanaer im Wettbewerb steht.

Ich glaube nicht, dass man vom bedingungslosen Grundeinkommen verlangen kann, all unsere Probleme zu lösen. Es kann aber Menschen in Österreich, in Großbritannien und Deutschland eine Grundsicherheit geben. Wir können den Reichtum anders verteilen, der aktuell zum großen Teil an die Eigentümer geht.

Wie viele Menschen gehören dieser neuen Klasse des Prekariats an?

Ich kann keine genauen Zahlen nennen, weil wir keine geeigneten Daten haben. Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass sehr viele Menschen auf die eine oder andere Art Teil des Prekariats sind. Ich schätze, dass in Ländern wie Österreich etwa 30 Prozent der Menschen dazugehören. In Großbritannien oder den Vereinigten Staaten sind es etwa 40 Prozent und in Japan schon 50. Auch in China gibt es ein riesiges Prekariat.

Sie schreiben, dass diese neue Klasse nicht vom politischen Establishment vertreten wird, unter anderem, weil sie nicht organisiert ist. Dabei hat das Internet es doch so einfach gemacht, uns miteinander zu verbinden. Warum ist das nicht passiert?

Ich glaube, dass es eine falsche Annahme ist, dass wir durch Facebook und Co. mehr miteinander verbunden sind. Auf diesen Plattformen bauen wir schwache Beziehungen auf. Eine gute Gesellschaft braucht aber starke Verbindungen. So, dass ich Sie kenne und Sie mich, weil wir einander auf einer bedeutungsvollen Ebene kennengelernt haben. E-Mails, Facebook und so weiter, das ist alles sehr oberflächlich. Twitter ist am schlimmsten. Nur 140 Zeichen!

Mittlerweile haben wir immerhin 280 Zeichen.

Ja, stimmt. Trotzdem. Diese Oberflächlichkeit zerstört Beziehungen. Niemand kann 1.000 Freunde haben.

Aber man braucht doch keine echten Freunde, um sich zu organisieren. Man braucht lediglich Menschen, die dasselbe wollen.

Richtig.

Und die gibt es online. Es gibt Petitionen, Gruppen, Proteste werden organisiert. Siehe alleine zum Beispiel die metoo-Bewegung. Da klappt das Organisieren doch auch.

Ich habe festgestellt, dass Petitionen nicht viel wert sind. Ich unterschreibe tendenziell sehr viele. Dann steht da, ich bin einer von 80.000 und ich fühle mich gut, als hätte ich meinen Teil getan. Dann sage ich zu mir selbst: „Eigentlich habe ich gar nichts getan.“ Ich denke, dass Online-Petitionen sogar ein gefährliches Substitut für echtes Handeln sind. Die Gefahr liegt in dem Gefühl, dass wir gehandelt hätten, ohne es tatsächlich getan zu haben. Das ist eine weitere Form der schwachen Reaktion, die eine starke Reaktion verdrängt.

Ich denke, dass die Proteste der Occupy Bewegung, der Indignados in Spanien und der Arabische Frühling extrem wichtig waren, weil sie gezeigt haben, was wir nicht wollen. Bisher haben wir es aber nicht geschafft zu demonstrieren, was wir stattdessen wollen. Zumindest haben diese Proteste eine Identität geschaffen, ein Gefühl, dass wir Macht haben, etwas zu verändern. Seitdem sind wir in die nächste Phase gegangen. Immer mehr Menschen wollen sich stärker organisieren und engagieren. Die neuen politischen Bewegungen wie die spanische Partei Podemos sind vielleicht nicht perfekt, aber sie artikulieren die Anliegen des Prekariats.

Was fordern Sie ganz konkret?

Wir alle sind jetzt gefragt. Und damit meine ich nicht, Online-Petitionen zu unterschreiben. Ich rede von echter Veränderung. Viele neue Technologien sind extrem nützlich. Ich bin sicher niemand, der den Fortschritt blockieren möchte. Aber die Politik hat in ihrer Reaktion noch nicht aufgeholt. Weder in Europa noch in den Vereinigten Staaten. Ich denke, wir sind mitten in einer Krise, und es liegt in unserer Verantwortung, genau das den Politikern klar zu machen.


Redaktion: Esther Göbel; Produktion: Vera Fröhlich und Susan Mücke; Aufmacherfoto: privat