Sexuelle Belästigung

Wie eine Deutsche die metoo-Debatte unfreiwillig in die Mongolei trug und nun bitter dafür bezahlen muss

etwa 4 Min. Lesedauer
  • Metriken
  • Probemitglieder: 0
  • Aufrufe: (Gesamt: 2436, Gäste: 2226)
  • Kommentare: 7
  • Audio-Zugriffe: 0
  • Ebook-Downloads: 1
  • Sharewall submit count: 0
  • Sharewall skip count: 0
  • Zahlen aktualisiert 10. Dezember, 09:25 Uhr
| Matomo-Analytics

Letzte Woche zum Frauentag habe ich meinem Girlfriend sauteure Blumen gekauft, weil sich das so gehört. Mir ist das auch primelegal, wenn immer am Frauentag Leute drauf rumreiten müssen, dass man den Frauen doch viel öfter Blumen schenken müsste, oder dass ein paar Blümchen nicht gutmachen, dass blabla. Vielleicht ist es ein typisch deutsches Ding, selbst todromantische Dinge mit moralischen Gretchenfragen zu ruinieren wie zu später Frost die Blumenzwiebeln.

Aber später an jenem Tag habe ich mit einer Kollegin telefoniert, Anne Westwards, und was sie mir erzählt hat, ist so kurios, so schmerzhaft und vor allem so: Frau. In dem Sinne, dass mir als Mann so etwas nie passieren könnte. Eine Frau zu sein, ist immer noch oft genug Grund, traumatische, das Leben verändernde Erfahrungen machen zu müssen. Das ist die Geschichte von Anne.

Sie wollte, dass ich sie hier erzähle und teile: Anne ist 34 Jahre alt, und heißt eigentlich nicht Westwards mit Nachnamen. Das ist ihr Pseudonym als Autorin. Nebenbei ist Anne auch noch wissenschaftlich aktiv, an der Schnittstelle zwischen Informatik und Medizin arbeitete sie an Dingen, die für mich zu kompliziert zu erklären sind. Ich erwähne das nur deshalb, um zu sagen: Anne ist sehr schlau und sehr tough. Niemand, der schnell anfängt zu jammern.

Seit ein paar Tagen hält die halbe Mongolei Anne für den Staatsfeind Nummer 1

Das klingt jetzt erstmal ein bisschen absurd. Wie das kam? Anne hat vor zwei Jahren die Mongolei alleine mit dem Fahrrad durchquert. Das war Teil ihrer einjährigen solo-Radexpedition durch Asien und den Nahen Osten. Tough, hab ich doch gesagt. Dabei ist sie wiederholt so massiv sexuell belästigt worden, dass sie darüber in ihrem Reiseblog einen Beitrag verfasst hat: The Dark Side of Mongolia. Es ist ein sehr langer, sehr differenzierter und sehr ergreifender Bericht. Und erstmal hat ihn niemand interessiert.

Erst vor ein paar Tagen haben Menschen in der Mongolei den Artikel entdeckt und er hat seitdem einen Erdrutsch an Berichten über den Bericht, über Anne, über Sexismus ausgelöst. Viele Menschen haben sich bei Anne bedankt dafür, dass sie ein Licht auf dieses Problem geworfen hat. Anne hat eine #metoo-Debatte in der Mongolei angestoßen.

Seither geht ein Shitstorm über sie her, der ohnegleichen ist. Hass, Lügen, Drohungen. In einigen mongolischen Medien, zum Beispiel bei Foxnews Mongolia, wird nun zum Beispiel behauptet, dass es sein könne, dass Anne in der Mongolei Kinder vergewaltigt hätte. Dafür werden sogar „echte” Zeugen vorgeführt. Dazu Fotos von „der perversen” Anne. Ihren Name hat ein Unbekannter auf einer mongolischen Sex-Webseite eingestellt – zusammen mit dem Link zu ihrem Blog. Da wollte jemand wohl weitere „Beweise“ liefern. Angetrieben von solchen „Berichten“ flutet die Hass-Kampagne die sozialen Medien des Landes.

Wer schon einmal eine Panikattacke hatte, weiß vielleicht, wie man zum Zombie im eigenen Körper wird

Nun ist das alles in der Mongolei. 6400 Kilometer weit entfernt. In einem Land mit so vielen Einwohnern wie Berlin. Wie gesagt, ich hab als Mann wenig Einfühlungsvermögen für sowas. „Wenn das alles soweit weg ist, warum geht dir das so nah?”, hab ich sie gefragt.

Sie hat mir dann erzählt, wie körperlich die Auswirkungen sind. Angst bis zu Schwindelgefühlen. Wer schonmal eine Panikattacke hatte, weiß vielleicht, wie man zum Zombie im eigenen Körper wird. Die Gefahr ist eine zischende Schlange vor deinen Füßen, egal wie abstrakt. Annes Verletzlichkeit hat Ursprünge in den tatsächlich erlebten ständigen Übergriffen. Aber das Traumatische hier ist die Schutzlosigkeit und, in diesem Fall noch extremer: der Machtlosigkeit im Umgang damit.

Foxnews Mongolia kann man nicht schreiben: Hey, hört auf zu behaupten, ich hätte Kinder vergewaltigt. Das wissen die selbst. Die Behörden in der Mongolei schreiten (bisher) auch nicht ein. An Anne wird gerade ein Exempel statuiert: Hier hat die Frau ihren Platz und Männer dürfen immer noch alles mit ihnen machen, was sie wollen, wann sie wollen und so oft sie wollen.

Deshalb habe ich eine für einen Journalisten sicher etwas ungewohnte Bitte: Helft Anne! Lasst sie nicht allein! Um ehrlich zu sein, wissen wir selbst nicht genau, was wir derzeit anderes tun könnten, als das: Mut machen, trösten. Anne das Gefühl geben, das jede Frau, jeder Mensch braucht, der Opfer von sexueller Belästigung geworden ist, dessen Intimsphäre erschüttert worden ist: Das Gefühl, nicht allein zu sein.

Und das Wissen: Nicht Du hast falsch gehandelt, sondern der oder die Täter. Der öffentliche Support für ein Opfer sexueller Gewalt ist immer auch ein Signal an andere Opfer und auch an Täter! Das ist etwas, dass wir gelernt haben in der konstruktiven Auseinandersetzung mit Sexismus, hier kannst du das Nachlesen. Schreibt hier einen Kommentar, teilt diesen Artikel oder gebt Anne „Flausch” in den sozialen Medien mit dem Hashtag #westwards.

Von ganz praktischer Hilfe wäre noch: Kontakte zu Anwälten in der Mongolei oder Kontakte zu mongolisch sprechenden Menschen sowie Tips, wie eine solche Situation emotional zu bewältigen ist.


Aufmacherbild: iStock/zulufriend