Ich will kein Rassist sein

Ich will kein Rassist sein

, etwa %minutes% Minuten Lesedauer

An Heiligabend 2012, nach einem Abendessen mit seinen Freunden, ist der junge französische Schriftsteller Édouard Louis auf dem Heimweg. Er überquert den Pariser Place de la République. Ein Fremder folgt ihm, läuft eine Weile neben ihm her. „Ça va? Feierst du nicht Weihnachten?“ fragt er. Édouard – eigentlich entschlossen, zu Hause in seine neuen Bücher hineinzulesen – ist angetan vom Lächeln dieses jungen Mannes, der sich „Reda“ nennt. Und von seinem Atemgeräusch, das er so anziehend findet. Er hätte diesen Atem am liebsten zwischen die Finger genommen und sich das Gesicht damit gesalbt, erzählt er später seiner Schwester. Er nimmt Reda mit nach Hause.

Eine spontane Liebesnacht. Die eskaliert. Die damit endet, dass Reda ihn vergewaltigt und zu erwürgen versucht. Am Ende der Nacht, als Reda weg ist, putzt Édouard wie manisch seine Wohnung. Läuft durch den Regen zum Waschsalon, um seine Laken auszukochen. Versucht jede Spur des Täters auszulöschen. Später überzeugen ihn seine Freunde, zur Polizei zu gehen. Dabei ist ihm selbst noch nicht klar, wie dieser Abend eine so brutale Wendung nehmen konnte, wann aus Lust Gewalt wurde, ob er selbst eine Mitschuld daran trug:

Ich beschwor die Erinnerung daran für die beiden Beamten herauf, eine Frau und einen Mann, beide mir gegenüber, er saß am Computer, sie stand neben ihm. Das war keine vierundzwanzig Stunden nach der Begegnung mit Reda. Die Befragung hatte gerade erst begonnen, ich wusste noch nichts von dem, was kommen würde. Noch hatte ich keinen Schimmer davon, wie sehr ich mich dafür hassen würde, dass ich zur Polizei gegangen war.

„Ich kam dort nicht mehr weg”

Édouard fühlt sich ohnmächtig gegenüber den rassistischen Ressentiments, die in ihm aufkommen. Aber er will sich ihnen nicht ergeben. Reda ist nicht alle anderen, alle anderen sind nicht Reda. Er konfrontiert sich mit seinen Ängsten – und schreibt sich mit seinem Buch ins „Herz der Gewalt“. So versucht er, die rassistischen Erklärungsmuster, die ihm aufgedrängt werden, zu durchbrechen. Stattdessen macht er die fatalen Dynamiken, die Gewalt erzeugen, für uns, seine Leserschaft, sichtbar. Das ist eine unangenehme Erfahrung, eine, die einen Rassismus ganz anders verstehen lässt, und die auch die Polizei und Justiz in ihrer Wirksamkeit hinterfragt. Ob es möglich ist, aus solchen Gewaltspiralen auszubrechen, lässt Louis offen.

Doch wie auch immer, ich kam dort nicht mehr weg, auch wenn ich mein Kommen bereute. Das begriff ich, als ich vor lauter Erschöpfung und angesichts der Wendung, die der Abend nahm, zu den beiden Beamten sagte, es tue mir leid, ich wolle abbrechen und nach Hause gehen. Der Polizist hatte das mit einem spöttischen Lachen quittiert, nicht böse gemeint, eher so ein Lachen, mit dem man ein Kind bedenkt, das etwas völlig Widersinniges von sich gegeben hat. Er verstummte, räusperte sich und erklärte: „Das hängt jetzt nicht mehr von Ihnen ab, Monsieur, tut mir leid. Das ist jetzt eine Sache der Justiz.”

Édouard Louis beschreibt der Polizei, wie Reda aussah: Braune Augen, schwarzes Haar, ein sanftes und zugleich markantes Gesicht. Grübchen... „Ah, Sie meinen maghrebinischer Typus“, unterbricht ihn der Polizist. Édouard meint so etwas wie Triumph herauszuhören. Als wäre ihm ein Geständnis entlockt worden. Als hätten die Beamten die ganze Zeit darauf gewartet, dass er sagt: Reda war Araber.

Dabei war er Kabyle. Er hat algerische Wurzeln, aber er stammt von den Berbern ab, nicht von den Arabern. Als Édouard versucht das klarzustellen, fragt der Polizist ihn, ob das so sein Ding sei, das Arabische. Und warum er überhaupt einen Unbekannten mit zu sich nach Hause genommen habe. Édouard verteidigt sich, das würden doch alle die ganze Zeit machen, oder „Leute wie ich“. Während er sich noch fragt, wie er dazu kam, das zu sagen, unterbricht die Polizistin. Die Befragung verlaufe viel zu chaotisch. Sie müssten von vorne anfangen, sagt sie. Und Louis muss alles noch einmal erzählen, so wie später immer wieder. Immer schön der Reihe nach.

„Reda hatte mir in die Taschen gegriffen”

Der Reihe nach? Die Nacht mit Reda überschlägt sich in seinen Gedanken, dehnt sich, zerfasert, läuft in Schleifen. Er kann das nicht der Reihe nach erzählen. Auch später nicht, beim Schreiben seines Buchs. Darin ist es die Stimme seiner Schwester, die diesen Part übernimmt: Édouard hat ihr alles erzählt und lauscht nun, während sie die Geschichte ihrem Mann berichtet - in ihren eigenen Worten, mit ihrer eigenen Sicht auf die Dinge, mit ihren ganz eigenen Vorurteilen. Sie liefert das Protokoll des Abends. Louis korrigiert und ergänzt sie in Gedanken, aber unterbricht sie nicht. Vielleicht weil sie sein Erlebnis in eine logische Reihenfolge bringt:

Und dann sind sie also hoch in Édouards Wohnung. Haben auf der Treppe ein Wettrennen veranstaltet. Ohne Grund, einer ist vorgerannt, der andere hinterher. Wie die Kinder. Sie lachten und ärgerten sich, hielten einander zurück, an den Kleidern, um den anderen zu überholen (unser Lachen hallte im Treppenhaus wider). Er hat mir erzählt, dass sie laut lachten und schnauften, und als sie vor seiner Wohnung ankamen – er wohnt im fünften Stock –, da hat er aufmachen wollen, aber den Schlüssel nicht gefunden.

Reda hatte mir in die Taschen gegriffen und sie durchsucht, eine nach der anderen. Er hinterließ in jeder durch den Stoff hindurch die Wärme seiner Hand, und mein Schwanz wurde hart wegen der Nähe seiner Finger. Seine Finger waren feucht und warm. Er fand dann auch den Schlüssel. Das ist eines von den Details, die ich weder meiner Schwester noch der Polizei berichtet habe, nur Didier und Geoffroy. Zum Beispiel habe ich der Polizei auch nichts darüber gesagt, obwohl dieser Moment sehr zur Atmosphäre der Nacht und meinen Gefühlen für Reda – im weitesten Sinne – beigetragen hat, dass ich, als wir dann in meiner Wohnung waren, das Licht ausmachte und die tintenblaue Nacht von draußen durch die Läden schimmerte, und wie dieser blaue Schein streifenartig auf Redas Brust fiel, seine Arme, sein Gesicht. Ich habe auch niemandem erzählt, dass Reda mir angeboten hatte, mich zu massieren, bevor er floh, lange davor, vor der Vergewaltigung, dem Schal, der Wut, und dass ich mich dafür auf den Bauch legte. Er sagte, ich solle mich entspannen, ganz tief einatmen, die Luft anhalten und sie dann langsam ausatmen, in langsamen, langen Zügen, und er flüsterte: „Denk an etwas Schönes”, ich sagte: „An dich”, er lachte und korrigierte: „Lieber an einen schönen Ort”, und ich sagte: „An dich”. Nur Didier und Geoffroy erzählte ich das, jedem anderen gegenüber wäre ich mir lächerlich vorgekommen.

Nach ein paar Stunden sagt Reda, er müsse zur Arbeit. Während Reda duscht, sucht Édouard sein Handy. Er kann es nicht finden. Bei der Polizei zögern sie keinen Moment mit der Vorverurteilung: Die meisten Fälle von Diebstahl, die bei ihnen gemeldet werden, würden von „Arabern“ beziehungsweise „Ausländern“ begangen. Édouard verteidigt Reda, sagt, er sei müde gewesen, hätte sein Handy vielleicht irgendwo liegen gelassen... Dabei erinnert er sich, wie an jenem Abend in ihm derselbe Verdacht keimte. Aber er versucht das Misstrauen niederzukämpfen. So will er nicht denken.

Reda war da, stand immer noch einen, zwei Meter neben mir. Ich ging zu ihm hin, um ihn ein letztes Mal zu küssen, und als ich die Hände an seinen Mantel legte (warum ich das wohl tat?), der noch die Wärme des Heizkörpers ausstrahlte, neben dem er gehangen hatte, spürte ich etwas Hartes, Rechteckiges. Dann sah ich die metallene Ecke meines iPads aus seinem Mantel schauen, grau glänzend. Mir war noch gar nicht aufgefallen, dass das Gerät weg war. Ich wandte den Kopf zu dem Tisch, wo es gewöhnlich lag. Es war nicht dort.

„Édouard spielt seine Rolle dermaßen gut, dass am Ende seinesgleichen ihn angreift ”

Logisch, dass Reda ihn beklaut, findet Édouard. Er hat als Jugendlicher selbst viel Mist gemacht. Als Jugendlicher in einem nordfranzösischen Dorf hat er auch gestohlen und geraubt. Und getrunken wie blöde. Seine Familie beschämt. Aber nicht nur mit dem Klauen, sondern auch damit, dass er schwul ist. Wie sehr er darunter gelitten hat, beschreibt Louis in seinem Roman „Das Ende von Eddy“, mit dem er 2014 schlagartig berühmt wurde. Heute gilt er als der neue Star der französischen Literatur.

Für Édouard war die Flucht aus dem Arbeitermilieu, in die Pariser Intellektuellen-Szene, die einzige Möglichkeit zu überleben. Seine Schwester, die immer noch in dem Dorf in der Picardie lebt, fühlt sich deswegen von Edouard – nicht mehr „Eddy“ – verraten. Er taucht kaum noch zuhause auf, nicht mal an Weihnachten, weigert sich, Dialekt zu sprechen, gibt sich überhaupt ganz schön elitär, findet sie. Vielleicht wäre Reda nicht so ausgeflippt, wenn er gemerkt hätte, dass Édouard auch nicht immer auf Rosen gebettet war.

Die Schwester:

Und darum find ich auch, es wäre besser gewesen, er hätte das alles Reda erzählt, um ihn zu beruhigen. Dann hätte Reda gewusst, wo er war und mit wem er es zu tun hatte. Und vielleicht wäre es anders gelaufen. Er hätte begriffen, dass Édouard gar nicht so viel anders war als er, weil, ich wette, er hat Édouard auf dem Platz angesprochen wegen, also nicht nur deswegen, aber vor allem wegen seines Aussehens und Auftretens, also Édouards, aber das ist aufgesetzt, diese Art sich zu geben hat er nicht immer gehabt. Ironie des Schicksals, wenn man drüber nachdenkt. Schon lustig. Édouard setzt eine Maske auf und spielt seine Rolle dermaßen gut, dass am Ende seinesgleichen ihn angreift und denkt, er gehört zur Gegenseite. Ich bin sicher, wenn er ihm diese Geschichten erzählt hätte, das hätte ihn beruhigt, das Ganze hätte anders laufen können, es wäre anders ausgegangen.

Und deswegen fragt er sich immer wieder, wie er Reda auf das Handy angesprochen hat. Hat er, nachdem er Reda das iPad aus der Tasche gezogen hat, gesagt: Hast du mein Handy gesehen? Oder hat er gesagt: Hast du mein Handy? Hätte er Letzteres gesagt, hätte er Reda beschuldigt. Damit hätte er Redas Wut provoziert, den Mordversuch, die Vergewaltigung. Denn er hätte den Verdacht ausgesprochen, den auch die Polizei sofort formuliert hat, der Verdacht, mit dem Reda wahrscheinlich ständig konfrontiert wird: Dass er kriminell ist. Edouard weiß nicht mehr, wie er es gesagt hat. Er weiß nur noch, wie Reda reagiert: „Willst du sagen, ich bin ein Dieb? Du beleidigst meine Mutter.“ Immer wieder sagt er das. Er rastet völlig aus. Schnappt sich den Schal, legt ihn Édouard um den Hals und zieht zu. Édouard ringt um Luft, verliert fast das Bewusstsein.

„Ich hoffte, jemand, ein Nachbar, würde uns hören und eingreifen. ”

Aber er zieht es nicht durch, vielleicht weil er nicht in Édouards sterbendes Gesicht schauen kann. Jedenfalls befiehlt Reda ihm, sich umzudrehen. Das verschafft Édouard eine kurze Atempause. Édouard wehrt sich nicht, aber er beginnt zu flüstern:

„Du bist noch so jung, wenn du was Schlimmes machst, wirst du sicher gefunden”; ich vermied das Wort Polizei, sondern beließ es bei diesem unpersönlichen Passiv, um ihn zu schonen und alles zu unterlassen, was seine Wut erneut anfachen könnte. Ich sagte: „Es werden immer alle gefunden, und dann ist dein Leben zerstört. Du wanderst für den Rest deines Lebens ins Gefängnis, für immer, das wäre idiotisch, ich weiß nicht, ob dir klar ist, wie es im Gefängnis zugeht.” Aber er entfernte sich wieder: „Das wirst du mir bezahlen, ich mach dich fertig, dreckige Schwuchtel, ich geb dir den Rest, schwule Drecksau”, und ich dachte: Ach darum – so dachte ich, heute bin ich mir nicht mehr so sicher, ob es sich so verhält, aber in dem Moment dachte ich: Er begehrt dich und verabscheut sein Begehren zugleich. Er will dich für sein Begehren büßen lassen. Er will sich selber glauben machen, dass ihr das alles nicht getan habt, weil er dich begehrt, sondern als Vorwand für das, was er jetzt tut, ihr habt nicht miteinander geschlafen, sondern das war nur das Vorspiel zum Raub.

(...)

Ich hoffte, jemand, ein Nachbar, würde uns hören und eingreifen. Aber niemand kam. Er versuchte beharrlich, meine Hände mit dem Schal zu fesseln. Weil er es nicht schaffte, griff er wieder nach der Waffe, die er zwischendurch noch einmal in der Innentasche seines Kunstledermantels verstaut hatte. Er wirft den Schal auf den Boden oder legt ihn sich um den Hals, ich weiß es nicht mehr, er wirft mich auf die Matratze, presst mir das Gesicht auf den beigen Stoff des Lakens, das vom Waschmittel mehr oder weniger echt nach Pfirsich riecht. Als er mich vergewaltigte, schrie ich nicht, aus Angst, er könnte auf mich schießen. Ich rührte und regte mich nicht. Ich atmete in die Matratze, die Luft schmeckte nach Pfirsich.

(…)

Die Polizistin sagte, an meiner Stelle hätte sie so laut geschrien, wie sie nur konnte.

Dann zuckte und verkrampfte sich sein Körper, sein Penis schwoll, ich spürte, wie er härter, dicker, schmerzhafter wurde; während des Orgasmus würde er schwächer sein, weniger wachsam, ich würde mich befreien können. Und in diesem Moment, genau dann, während seines Orgasmus, verpasste ich ihm einen Stoß mit dem Ellbogen in die Rippen.
Édouard kann sich befreien und läuft zur Tür. Dann ist Reda wie gelähmt. Édouard sagt: „Jetzt gehst du, oder ich schreie.“

Und tatsächlich: Reda geht. Édouard schließt die Tür. Kurze Zeit später zieht er sich an und geht zu Fuß ins Krankenhaus. Er will eine Notfallbehandlung, nicht, dass er auch noch Aids bekommt. Im Krankenhaus riecht er immer noch den Pfirsichduft seines Bettlakens. Es ist wie ein Alptraum: Er läuft im Kreis, während er auf die Ärztin wartet, er hat Visionen seiner eigenen Beerdigung. Die Ärztin versucht ihn von einer Anzeige zu überzeugen. Bevor sie ihm das Rezept gibt, bemerkt sie nebenbei, dass er ja schon einmal wegen einer HIV-Prävention da gewesen sei. Sie sagt: „Kein Schandfleck“, meint damit das genaue Gegenteil. Édouard geht heim und putzt seine Wohnung.

„Ich blute schnell”

Später trifft er seine Freunde. Sie überzeugen ihn, Anzeige zu erstatten. Édouard will nicht: Er findet es falsch, er will nicht, dass Reda ins Gefängnis kommt, er hat Angst. Trotzdem findet er sich auf der Wache wieder. Dort wird er vernommen, bis sich herausstellt, dass dieses Kommissariat nicht zuständig ist. Er wird auf eine andere Wache gefahren, dort beginnt die Vernehmung von vorne. Am nächsten Tag muss er noch einmal ins Krankenhaus. In eins, in dem kriminaltechnische Dienste angeboten werden. Man muss seine Würgemal vermessen, um herauszufinden, ob es sich um einen Mordversuch oder um Körperverletzung gehandelt hatte. Man muss seine Wunden untersuchen, um festzustellen, ob er wirklich vergewaltigt wurde:

Dann sollte ich mich ausziehen, und sofort schämte ich mich; ich hatte mich immer geschämt, grundlos, schon die ärztlichen Untersuchungen in der Grundschule waren eine Prüfung für mich, und ebenso die Schulausflüge ins Schwimmbad, wo ich mit vor die Badehose gehaltenen Händen von einem Bassin zum anderen lief, vor meinen unter dem Stoff gekrümmten Penis, mit schmächtigem, fast rachitischem Körper, meiner so blassen Haut, dass ich ihretwegen Komplexe hatte, so durch- scheinend, dass man das Netz der Adern darunter sehen konnte. Ich zog mich so langsam aus, wie es ging.

Arzt und Schwester betrachteten mich dabei, sie sahen mich an, taten nicht erst so, als würden sie meinen Körper nicht betrachten, und einer von beiden sprach wie nebenbei den Satz aus, der unweigerlich fallen musste: „Sie können alles ausziehen”, und zu wissen, dass sie ihn sagen würden, ihn zu erwarten, minderte die Überraschung kein bisschen. Dann musste ich mich auf allen vieren auf die große Behandlungsliege stellen, sie war mit diesem grauen, rauen Papier bespannt, das wie Sandpapier brannte. „Ich muss Sie warnen, das könnte jetzt unangenehm werden.” Er wollte die tieferen Wunden und Verletzungen mit einem Spatel untersuchen. Später sagte ich zu Clara, es sei nicht demütigend gewesen, denn es zuzugeben, hätte die Demütigung verdoppelt. Er steckte den Spatel in mich hinein. Er machte Fotos, sie fotografieren das Innere meines Körpers. Bei jeder Aufnahme hörte ich das leise Klicken des Auslösers, und der Arzt murmelte der Schwester seine Beobachtungen zu, Läsion, Hämatom. Clara sagt, er habe mich gefragt: „Bluten Sie schnell?” Ich blute schnell. Das Blut fließt ohne Vorwarnung. Ich sagte zum Arzt: „Man kann dem eigenen Blut nicht trauen, es ist verräterisch.” Es befleckte meine Hosen. Ich sagte: „Man könnte mir anhand der Blutspur folgen.” Er lachte nicht über meinen Witz. Er reagierte gar nicht. Ich hätte gern gelacht. Ich weiß nicht, warum ich lachen wollte, ich unternahm noch weitere Versuche, jeder einzelne scheiterte kläglich, es hinterließ einen Geschmack von Selbstverachtung unter der Zunge.

In den folgenden Wochen ist Édouard wie gelähmt. Jede kleinste Tätigkeit kostet ihn Überwindung. Manchmal schafft er es, seine löchrigsten Klamotten anzuziehen. Er zieht die Kapuze über die ungewaschenen Haare und starrt im Café die anderen Leute an. „Probebohrungen“ nennt er diese kleinen Versuche, ins Leben zurückzukehren. Dabei bemerkt er, was ihn schockieren würde, hätte er die Kraft dafür:

Ich war zum Rassisten geworden. Der Rassismus, also das, was ich immer als das meinem Wesen radikal Entgegengesetzte empfunden hatte, das absolut andere meiner selbst, erfüllte mich unvermittelt, ich war die anderen geworden. Ich wurde das, was ich in meinem Werden immer zurückgewiesen hatte – man wird nur, indem man andere Möglichkeiten des Werdens ausschließt, andere Möglichkeiten zu leben, und eine dieser Möglichkeiten kam jetzt aus der Vergangenheit wieder.

Eine zweite Person war in meinen Körper eingezogen; sie dachte an meiner Stelle, redete an meiner Stelle, zitterte an meiner Stelle, sie hatte Angst um meinetwillen und zwang mir ihre Angst auf, zwang mir auf, mit ihrem Zittern zu zittern. Im Bus, in der Metro senkte ich den Blick, wenn ein Schwarzer oder Araber oder möglicher Kabyle mir näher kam – ausschließlich Männer, das war eine weitere Absurdität, in der rassistischen Besessenheit, die in mir siedelte, hatte die Gefahr immer ein Männergesicht. Ich senkte den Blick oder wandte den Kopf ab und flehte stumm Tu mir nichts, tu mir nichts. War der Mann blond oder rothaarig oder sehr hellhäutig, wandte ich den Kopf nicht ab. Ich war doppelt traumatisiert: von der Angst und von meiner Angst.

Ob es möglich ist, aus solchen Gewaltspiralen auszubrechen, lässt Louis offen. Zu undurchsichtig sind die Regungen der Psyche: Zum Beispiel hatte Édouard doch seine ganze Wohnung geputzt, nachdem Reda gegangen war. Und trotzdem findet die Spurensicherung Zigaretten und ein Wörterbuch von Reda mitten im Zimmer, das Glas, das er benutzt hatte, unberührt im Spülbecken. Wollte er Reda gleichzeitig schützen und verraten?

Alles hatte ich geputzt, mit Chlorreiniger und allem, was mir in die Hände geriet, der scharfe Geruch des Chlorreinigers hatte mir Sicherheit vermittelt, aber das Glas, das er an seine Lippen gesetzt hatte, war unberührt, und das Unglaublichste, unglaublicher noch als das Glas, war, dass ich sein Zigarettenpäckchen auf dem Boden hatte liegen lassen – und dazu ein kleines Wörterbuch, das ihm aus der Tasche gefallen war. Ich hatte mich sämtlicher Spuren entledigen wollen, hatte den Boden aufgewischt, aber immer um die Zigaretten und das Buch herum, rechtsherum, linksherum, am Boden waren noch die Schlieren vom Putztuch zu erkennen. Ich hatte um das Wörterbuch und die Zigaretten einen Kreis beschrieben, man sah sehr deutlich jenen kreisrunden, mehr oder weniger matten Fleck mitten auf dem ansonsten sauberen, frisch geputzten Parkett, und in diesem Kreis, in seiner Mitte, die beiden Gegenstände, um keinen Millimeter verrückt. Das ist dir nicht aufgefallen, du hast die Lamellen der Jalousie geputzt, jede einzeln, die er nie angerührt hatte, du hast die Türklinken abgewischt, du hast Chlorreiniger ins Klo geschüttet, aber die Zigaretten und das Wörterbuch hast du da liegen lassen. Da liegen sie, mitten im Zimmer, und das ist dir nicht aufgefallen. Der Inspektor wollte von mir wissen, warum ich die beiden Dinge unter dem Stuhl verschont hatte, aber ich wusste nichts zu sagen.
Jetzt durfte Geoffroy zu mir in die Wohnung. Er setzte sich neben mich aufs Bett, und wir wussten nicht, was wir sagen sollten. Das gab es sonst nicht zwischen uns, das hatte es noch nie gegeben, im Gegenteil, oft redeten wir eher zu viel miteinander oder fielen einander ins Wort, unsere Sätze überlagerten sich, bedrängten sich, ein Satz drängelte sich in den Spalt einer Atempause und ließ sie implodieren, und das Gespräch nahm eine andere Richtung. Doch in jener Nacht in meiner nach Chlorreiniger stinkenden Wohnung hatten wir einander nichts zu sagen. Keinerlei Geräusch kam aus dem Innenhof, es gab nichts als die Stille und den Putzmittelgeruch.

Er sagte: „Ich nehme an, du würdest jetzt gern schlafen?” Auch das hatte er also verstanden, ich hatte mich nur nicht getraut, es zu sagen. Ich brachte es nicht über mich, ihm zu sagen, er solle nach Hause gehen und mich alleinlassen, jetzt, wo er eine Stunde lang, vielleicht länger, auf dem Absatz draußen im Dunkeln auf den kalten Stufen ausgeharrt hatte. „Hast du keine Angst, allein in der Wohnung zu sein?” Nein, ich hatte keine Angst. Ich brachte keinen Satz zustande, der länger als drei, vier Wörter war. Ich wollte allein sein. Ich wiederholte noch einmal: „Nein, ich habe keine Angst.”

Drei Jahre nach der Tat wurde in einem Vorort von Paris ein Mann verhaftet, dessen DNA mit Redas übereinstimmte. Dieser bestritt die Tat und verklagte Édouard Louis wegen Verletzung der Privatsphäre. Louis lehnte eine Gegenüberstellung ab und bedauerte öffentlich, Reda überhaupt angezeigt zu haben.


Édouard Louis: Im Herzen der Gewalt. Roman. 2017. S. Fischer. 217 Seiten, 20 Euro.

Redaktion: Theresa Bäuerlein. Produktion: Rico Grimm/Christian Gesellmann. Fotoredaktion: Martin Gommel. Aufmacherfoto: Larm Rmah/unsplash