Wie dich Sprache beeinflusst - am Beispiel der AfD

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Die Flüchtlingswelle hat uns 2015 ganz schön erwischt. Natürlich tun mir die einzelnen Flüchtlinge Leid, aber jedes Land kommt an seine Grenze, wenn es so überschwemmt wird. Schließlich flüchten viele nicht vor dem Krieg, sondern schleichen sich langsam als Schmarotzer in unsere Sozialsysteme ein. Mal ganz ehrlich: Das Boot ist voll!

Stößt dir gerade die letzte Mahlzeit auf? Vielleicht empfindest du jetzt auch ein bisschen Hass auf mich? Das passt schon. Denn ich versuche, dir etwas zu demonstrieren, was unangenehm, aber wichtig ist. Während du diese Sätze liest, passiert etwas in deinem Gehirn. Die Metaphern übernehmen die Kontrolle über das, was du denkst. Egal, wie bewusst du dir über all das bist. In diesem Moment hat die AfD, und alle, die vom vollen Boot und Flüchtlingswellen sprechen, schon gewonnen.

Denn: die AfD macht alles richtig – aus linguistischer Sicht.
Ihre Formulierungen sind ein wichtiges politisches Werkzeug, das sie extrem erfolgreich einsetzt. So erfolgreich, dass selbst SPD-Mann Martin Schulz im TV-Duell mit Angela Merkel von einer „Flüchtlingswelle” sprach – ein Wort, das die AfD in sehr hoher Frequenz benutzt und das genau ihrer Ideologie entspricht. Aber nicht dem, was Schulz sonst über Flüchtlinge sagt.

In einem solchen Fall sagt man gerne hinterher: „War nicht so gemeint.” Das stimmt vielleicht für Schulz, aber nicht für das Wort an sich. Alles, was wir sagen, transportiert eine Meinung. Nur nicht immer unsere eigene.

Die AfD spricht von Schmarotzern, die in unsere Sozialsysteme einwandern. Du weißt, was ein Schmarotzer eigentlich ist, und schon wird in deinem Kopf alles aktiviert, was du mit einem Schmarotzer verbindest. Und nicht nur das: Je öfter du diese Metapher hörst, desto stärker wird die Verbindung zwischen Flüchtenden und Schmarotzern, zwischen Flüchtenden und negativen Eindrücken in deinem Kopf. Ganz egal, ob das deiner Meinung entspricht, oder nicht. Das ist gut für die AfD, weil sie mit Fremdenhass und Vorurteilen auf Stimmenfang geht.

Wieso solche Ausdrücke auch dich beeinflussen?

Das hat viel damit zu tun, was Metaphern mit unserem Gehirn machen. Sprache beeinflusst, welche Meinung sich Menschen bilden und wie Menschen handeln. Wenn jemand an Diebe als Raubtier denkt, möchte er sie erlegen. Denkt er an sie als Krankheit, möchte er sich vor ihnen schützen. Und denken wir an Wellen, möchten wir am liebsten einen Deich bauen. Und zwar nicht metaphorisch, sondern ganz konkret, vielleicht in Form eines Grenzzauns.

Ohne Metaphern können wir nicht miteinander kommunizieren

Wir alle benutzen Metaphern, jeden Tag, fast in jedem Satz. Ich spreche nicht von dem Stilmittel, das wir mal irgendwann im Deutschunterricht besprochen haben. Das ist in literarischen Texten und in großen Reden zwar oft schön und rhetorisch geschickt, aber in unserem Alltag brauchen wir es nicht. Ich spreche von Metaphern, die für uns ganz normal geworden sind, in denen wir nicht nur sprechen, sondern auch denken.

Versuch mal, ohne Metaphern über solch abstrakte Konzepte wie Liebe, Zeit oder Moral zu sprechen. Ich habe es probiert - bei mir funktioniert es nicht.

Um über Zeit oder Moral zu sprechen, brauchen wir Metaphern. Hier sind ein paar Beispiele: „Ich habe viel Zeit investiert“, „Damit verliere ich zu viel Zeit “ oder „Du verschwendest meine Zeit“ – alles Beispiele für die Metapher Zeit ist Geld.

„Nicht zurückblicken!“ und „Das liegt noch vor uns“ sind Beispiele für unsere Vorstellung, dass Vergangenheit hinten und Zukunft vorne ist. Diese Metaphern sind uns so vertraut, dass sie uns ganz natürlich erscheinen. Wir sprechen nicht nur in diesem Konstrukt, sondern denken auch in ihm. Sätze wie „Ich habe mich rein gewaschen“ oder „Ich fühle mich dreckig“ zeigen: sauber ist moralisch, dreckig ist unmoralisch. Dass uns ganz warm ums Herz wird oder jemand eine kalte Persönlichkeit hat, spricht für die Zuordnung Zuneigung ist Wärme.

Metaphern beeinflussen unser Denken und unser Handeln

Das grundlegende Prinzip hinter jeder Metapher: Wir nehmen ein konkretes Konzept und beschreiben damit ein abstraktes Konzept. Das klingt erstmal wissenschaftlich, bedeutet aber nur: Geld können wir anfassen und benutzen (zumindest noch), Zeit nicht. Deswegen verwenden wir Formulierungen, mit denen wir sonst über Geld reden, um über Zeit zu sprechen.

Die beiden Linguisten George Lakoff und Mark Johnson haben die sogenannte Konzeptuelle Metapher-Theorie mit ihrem Buch Metaphors We Live By 1980 populär gemacht. In ihrem Buch listen sie eine Metapher nach der anderen auf, die wir ganz alltäglich benutzen. Und sie sagen, dass das Auswirkungen hat: „Metaphern sind nicht nur Sprachfiguren, sondern eine Denkweise.”

Zeit ist eben nicht wirklich Geld. Mit einer Metapher können wir immer nur Teile eines abstrakten Konzepts hervorheben, während wir andere Aspekte in den Hintergrund stellen, sie sind selektiv. Meist ordnen wir die Konzepte so zu, dass sie uns auch wirklich weiterhelfen. Wenn wir über Liebe sprechen, bietet sich die Zuordnung Liebe ist eine Reise an, weil wir viele Aspekte vom Reisen auf Liebe übertragen können. Wir befinden uns an einem Wendepunkt unserer Beziehung, gehen getrennte Wege oder sind mit unserem Partner schon weit gekommen.

Eine Metapher besteht nicht aus einer einzigen Formulierung. Wir übertragen alle Formulierungen des Konzepts “Reisen” auf das Konzept “Liebe”, die für uns Sinn ergeben.

Manche Metaphern sind mittlerweile so tief in uns verankert, dass sie sich auf unser Verhalten auswirken. Soll sich ein Mensch vorstellen, wie sein Leben in vier Jahren aussieht, macht er kleine Schritte nach vorn. Soll er sich an sein Leben vor vier Jahren erinnern, macht er währenddessen kleine Schritte nach hinten.
Zukunft ist vorn, Vergangenheit ist hinten, nicht nur in unserer Sprache – das hat diese Studie gezeigt.

Unsere politischen Debatten sind durchzogen von Metaphern

Steuern, Zuwanderung, Medien, Sozialstaat, Arbeit, Klima - auch in der öffentlichen Debatte gibt es abstrakte Konzepte, über die wir ohne die Hilfe von Metaphern kaum sprechen könnten. Ein populäres Beispiel: Steuern sind eine Last. Wir reden von Steuererleichterung, wollen die Mittelschicht entlasten oder die Steuerlast senken.

Wie Metaphern in der Politik verwendet werden, erforscht Lakoff seit Jahrzehnten. Elisabeth Wehling, die mit ihm an der University of Berkeley forscht, hat sich ihm angeschlossen und sorgte mit ihrem Buch Politisches Framing 2016 für Aufsehen. Manche Linguisten werfen ihnen vor, dass sie ihre Forschung benutzen würden, um Politik zu machen, dass sie stets auf der Seite der Liberalen seien, deren Sprache sie aufbessern möchten, und der Sprache eine zu große Macht zusprechen würden.

An ihren grundsätzlichen Erkenntnissen über den unbewussten und subtilen Einfluss von Sprache zweifeln aber nur wenige. Denn Metaphern haben eine weitere Eigenschaft: Sie betten das Gesagte in einen Rahmen ein. Worte werden in einen Zusammenhang mit unserem Weltwissen gestellt. Man spricht dann von Framing.

Warum beeinflusst Framing uns?

Sprechen wir von Steuererleichterung, akzeptieren wir also die Metapher Steuern sind eine Last, wird ein Frame im Gehirn aktiviert, der Steuern negativ konnotiert. Denn: wenn wir das Wort Last hören oder lesen, werden in unserem Gehirn die Erfahrungen, die wir dem diesem Wort gemacht haben, mit aktiviert.

So gibt unser Gehirn dem Wort überhaupt erst eine Bedeutung. Bei den meisten sind das negative Erfahrungen, wer hat schon besonders schöne Erfahrungen mit einer schweren Last gemacht? Steuern werden also ganz automatisch in unserem Gehirn mit etwas Negativem verbunden. Wo liegt eigentlich die Steueroase oder das Steuerparadies? Dort, wo man wenig Steuern zahlen muss.

Wer Steuern als Last sieht, von ihrem Nutzen für die Gesellschaft nicht überzeugt ist oder sie grundsätzlich senken möchte, verwendet damit genau die richtige Metapher. Wer Reiche aber davon überzeugen möchte, dass höhere Steuern genau das sind, was die Gesellschaft jetzt braucht, wird mit dieser Metapher schlechte Karten haben. Er gibt der Diskussion einen negativen Rahmen, aktiviert im Gehirn einen negativen Frame. Eine Last verkauft sich nicht gut. „Hier, halt mal bitte, ist sehr schwer.“

Wer aber jetzt denkt: „Dann tauschen wir einfach die Metapher aus und schon sind die Reichen überzeugt”, überschätzt die Macht von Sprache. Eine Steuersenkung beschließt man nicht von heute auf morgen. Es gibt keinen Beleg dafür, dass Reframing gleich einen sozialen Wandel nach sich zieht. Sprache bestimmt nicht unsere Meinung, sie beeinflusst sie unterbewusst, subtil, und ist so ein Faktor – manchmal der entscheidende – in unserer Meinungsbildung.

Metapher und Ideologie sollten immer Hand in Hand gehen

Möchtest du jemanden überzeugen, sollten deine Metaphern zu deiner Ideologie passen. Für Politiker sind passende Sprachbilder noch wichtiger. Es ist ihr Job, Menschen von ihrer Ideologie zu überzeugen, um sie dann umzusetzen. Und wir haben es geahnt: Die AfD ist richtig gut darin – aus linguistischer Sicht.

Ihre Metaphern verbinden Flüchtende mit Schmarotzern, mit Wellen, mit einer Flut, die unser Land überschwemmt. Sie verbinden die Presse bei jeder Möglichkeit mit der Zuordnung: Lüge! Und die etablierten Parteien sind nicht einfach Parteien, sondern Altparteien. Je öfter du diese Metaphern und Zuordnungen hörst, desto stärker verbinden sich diese Konzepte miteinander.

Denn so funktioniert unser Gehirn: Es speichert jedes Wort irgendwo ab. Je öfter zwei Wörter gemeinsam auftauchen, desto stärker wird die Verbindung zwischen ihnen im Gehirn. Der Psychologe Donald Hebb brachte das in den Vierzigern auf den Punkt: “Neurons that fire together wire together” – Neuronen, die gleichzeitig aktiviert werden, verbinden sich – eine grundlegende Erkenntnis über die Funktionsweise des Gehirns. Das Gehirn lernt. Irgendwann hören wir das Wort castle und denken die Bedeutung Burg gleich mit – mit all den dazugehörigen Assoziationen.

Wenn unsere Sprache und unsere Ideologie getrennte Wege gehen, tun wir unserem politischen Gegner einen Gefallen

Also: lieber nur Metaphern benutzen, die auch deine Meinung wiedergeben. Gar nicht so schwer? Und trotzdem steht Martin Schulz beim TV-Duell 2017 neben Angela Merkel und sagt: „Die Flüchtlingswelle kam auf uns zu. Und sie kam nicht erst seit Tagen, sondern sie kam über Monate und Monate.“

Was passiert in deinem Kopf?

Schulz benutzt die Metapher Flüchtende sind eine Welle. Und aktiviert dabei in deinem Kopf alle möglichen Assoziationen, die du mit Wellen verbindest. Das könnten positive Assoziationen sein, wie dein letzter Surfurlaub, oder aber negative:

https://twitter.com/TiloJung/status/904411354563477504

Aber für alle ist eine Welle: eine Naturgewalt. Das macht die Flüchtenden zu einer großen, anonymen Masse, in manchen Fällen zu einer Bedrohung. Welche Assoziationen die AfD mit Wellen verbindet, zeigt ihre Sprache, die auf dieser Metapher aufbaut: „Wir werden überschwemmt“ oder „Asyl-Flut.“

In dieser Hinsicht macht die AfD einen guten Job. Es entspricht genau ihrer Ideologie, so von Flüchtenden zu sprechen. Martin Schulz hingegen wird sich nach dem Duell geärgert haben.

„Das Boot ist voll!“, sagte Alexander Gauland schon 2015 und bezieht sich dabei auf die Nation Deutschland. Spricht Gauland so über Deutschland, wird in deinem Kopf ein Frame aktiviert und somit auch alle Assoziationen, die du mit vollen Booten verbindest. Das könnte bedeuten: sie sind wackelig, haben wenig Platz und können leicht untergehen. Das entspricht vielleicht nicht deiner Meinung über Deutschland. Wenn du diese Metapher aber oft genug hörst, kommt irgendwann der Punkt, an dem du in einer Diskussion über Flüchtende „Deutschland” hörst und „Boot” gleich mitdenkst. Das Gehirn lernt immer, es kann gar nicht anders.

Gern widersprechen andere politische Parteien oder Zeitungen der AfD-Rhetorik: „Das Boot ist nie voll!“ nennen die Grünen in Baden-Württemberg 2017 eine Mitgliederzeitschrift. Dabei übersehen sie etwas. Damit dein Gehirn diese Metapher verarbeiten kann, muss es sie zunächst einmal verstehen.

Also aktiviert dein Gehirn wieder fleißig, die Metapher verfestigt sich in deinem Gehirn und ob sie dann negiert wird oder nicht, spielt kaum noch eine Rolle. Was die Grünen sagen wollen, steht im Gegensatz dazu, wie sie es sagen. Metapher und Ideologie gehen getrennte Wege.

Achte auf die Sprache, bevor du dir eine Meinung bildest! Ja, auch du!

Du denkst, einen so starken Einfluss werden solche Metaphern schon nicht auf dich haben? Ob du jetzt über eine Flüchtlingswelle oder die Flüchtlingsfrage oder einfach über Flüchtende sprichst, wird dich schon nicht beeinflussen? Ob Martin Schulz manchmal in AfD-Sprache verfällt, ist dir egal?

Vielleicht denkst du: Das wird deine Meinung nicht beeinflussen! Schließlich entscheidest du rational!

Die beiden Psychologen Paul Thibodeau und Lera Boroditsky würden dir lautstark widersprechen, so wie ihre Studie. Denn manchmal ist Sprache der entscheidende Faktor.

Sie gaben zwei Versuchsgruppen zwei Text-Versionen, in denen es darum ging, dass die Kriminalitätsrate in der Kleinstadt Addison drastisch angestiegen ist. Der eine Text begann mit der Metapher Kriminalität ist ein Virus, im anderen Text war die Rede von Kriminalität als Raubtier, der Rest war identisch:

Übersetzung: Bent Freiwald

Danach fragten sie die Teilnehmer, was sie gegen den Anstieg der Kriminalität tun würden. Und tatsächlich: Wie die Teilnehmer sich entschieden, hing vor allem von einem Faktor ab: Welche Metapher wurde benutzt? Während die Virus-Gruppe vor allem Prävention und soziale Reformen bevorzugte, entschied sich die Raubtier-Gruppe meistens für härteren Vollzug, bessere Polizeiarbeit und neue Gefängnisse.

Damit nicht genug. Als sie die Teilnehmer fragten, warum sie sich so entschieden hätten, antworteten fast alle: Natürlich wegen der Statistiken im Text! Die Statistiken waren in beiden Texten gleich.

Die AfD möchte die Einwanderung stoppen und ihre Sprache hilft ihr dabei. Nicht, indem sie konkrete Probleme benennt oder Lösungen anbietet, sondern indem sie Bilder in unseren Köpfen erzeugt. Ich persönlich finde zum Beispiel: Deutschland ist kein volles Boot, sondern eher ein großes Containerschiff. Die Metapher gibt es zwar noch nicht, entspricht aber viel mehr dem Bild, das ich von Deutschland habe.

Wir wissen, dass Sprache unsere Meinung beeinflusst. Wir wissen aber auch, dass eine veränderte Metapher allein unsere Grundüberzeugungen nicht verändern wird. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Sprache ist ein Faktor, aber nur einer von vielen.

Deswegen sollten wir das, was Politiker sagen, nicht nur inhaltlich kritisch hinterfragen, sondern auch sprachlich.

Und wenn es noch keine Metapher gibt, die deiner Meinung entspricht, erfinde eine neue! Jede Metapher entsteht, weil irgendjemand genau diese Zuordnung für richtig hält. Angst vor Metaphern hilft uns nicht weiter, ohne sie geht es schließlich nicht.


Redaktion: Christian Gesellmann. Produktion: Theresa Bäuerlein. Fotoredaktion: Martin Gommel. Schlussredaktion: Rico Grimm. Aufmacherfoto: H.Heyerlein/unsplash.