Krautreporter

Rückkehr zur Abschreckung

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  • Zahlen aktualisiert 15. Oktober, 23:27 Uhr
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In den Wäldern Estlands ist der mobile Friseursalon vor der deutschen Baracke vorgefahren. Für die rund 150 Bundeswehrsoldaten, die für vier Monate auf dem Fliegerhorst Ämari stationiert sind, eine willkommene Gelegenheit zum Haareschneiden. Karges Soldatenleben am Ende der Welt? Der Eindruck täuscht: In Ämari, knapp eine halbe Autostunde von der Hauptstadt Tallinn entfernt, hat Estland mit kräftiger finanzieller Unterstützung der NATO eine Luftwaffenbasis nach dem neusten Stand der Technik installiert. Nicht für die eigene Luftwaffe, die gerade mal 300 Mann zählt und über ein paar Trainingsflugzeuge, kleine Frachtmaschinen und Oldtimer des weltgrößten einmotorigen Doppeldeckers Antonov AN-2 verfügt. An der Nahtstelle zwischen dem NATO-Gebiet und Russland will sich der baltische Staat der Allianz als Flugzeugträger andienen – im wohlverstandenen eigenen Interesse.

Ämari Air Base in Estland

Quelle: OpenStreetMap

Schon seit zehn Jahren entsenden andere Bündnispartner in rotierendem Turnus Abfangjäger nach Estland, Lettland und Litauen. Sie sollen die Luftüberwachung, das so genannte Air Policing, über den baltischen Staaten sicherstellen, so lange die drei Länder keine eigene Luftwaffe aufgebaut haben. Was im vergangenen Jahrzehnt Routine war, hat seit diesem Frühjahr eine neue, gefährlichere Dimension bekommen: Die Ukraine-Krise, vor allem die russische Annexion der Krim, hat in den osteuropäischen Bündnisländern im Baltikum wie in Polen die Furcht vor dem unmittelbaren großen Nachbarn Russland neu aufleben lassen.

Die NATO plant wieder für die Abschreckung. In den vergangenen 20 Jahren, seit der Auflösung des Warschauer Pakts, hat das mächtigste Militärbündnis der Welt seine Aufgaben vor allem im Krisenmanagement an weit entfernten Orten gesehen, bis nach Afghanistan. „Out of area, oder out of business“, lautete die Formel. Der einstige Kalte-Krieg-Gegner Russland wurde als Partner umworben, die 28 Bündnismitglieder und Moskau schlossen 1997 eine Vereinbarung über eine enge Zusammenarbeit.

Doch seit einem halben Jahr ist alles wieder anders: Der Gegner, so scheint es, steht erneut im Osten.

Oberst Jaak Tarien bringt in seiner Ansprache vor den angetretenen deutschen Luftwaffensoldaten die Stimmung in seinem Land auf den Punkt. „Im Frühjahr haben mich die Menschen hier gefragt: Sollen wir alles auf ein Boot packen und nach Schweden gehen?“, erzählt der Kommandeur der estnischen Mini-Luftwaffe. „Als es dann eine Präsenz allierter Soldaten in unserem Land gab, haben sich die Leute beruhigt.“ Die deutschen Soldaten, mit vier Eurofighter-Abfangjägern von September bis Dezember in Ämari stationiert, seien ein Teil dieser Beruhigung: „Sie tragen bei zu dem Gefühl der Sicherheit, das die Menschen hier heute haben.“

Das gilt aus Sicht der Balten nicht nur für die vier – und bei Bedarf sechs – Abfangjäger mit dem Eisernen Kreuz auf dem Rumpf. Sondern auch für die zusätzlichen weiteren Kampfjets, die andere NATO-Staaten wie Portugal und Kanada auf anderen Basen in Šiauliai (Litauen) und Malbork (Polen) in Bereitschaft halten. Natürlich, das weiß auch der deutsche Luftwaffeninspekteur Generalleutnant Karl Müllner, wären sie in einem Ernstfall nicht ausreichend, der russischen Luftwaffe die Stirn zu bieten.

Doch darum geht es eigentlich gar nicht, ebenso wenig bei den Tausenden von Infanteristen, die vor allem die USA in den vergangenen Monaten immer wieder durch Übungen in den osteuropäischen NATO-Ländern schleusen. Auch nicht bei einem Verband von Minensuchern, den die Allianz im vergangenen Jahr wegen zu geringer Beteiligung eingemottet hatte und dann im Frühjahr - unter deutscher Führung - in der Ostsee patrouillieren ließ; auch nicht bei den Seefernaufklärern der Deutschen Marine, die ihre Übungsflüge statt über der Nordsee jetzt über Ostseewellen absolvieren.

„Re-Assurance“, Rückversicherung, heißt der Begriff, mit dem die NATO das aus ihrer Sicht aggressive russische Vorgehen in den Ländern kontern will, die Moskau als seinen Hinterhof ansieht. Seit Jahren hatten die Osteuropäer beklagt, dass sich das Bündnis seiner Kernaufgabe, der „gemeinsamen Verteidigung“, nicht mehr stelle und lieber für den fernen Hindukusch plane als für ihre vertraglich festgelegten Verpflichtungen für ihre Mitglieder. „Wir haben für Einsätze in Afghanistan geübt, alles andere, auch die Landesverteidigung, wurde als Extra begriffen“, klagt der tschechische Generalstabschef Petr Pavel. Diese Haltung wird er wohl demnächst zu ändern versuchen: Als erster General aus einem früheren Mitgliedsland des Warschauer Pakts wurde Pavel im September zum künftigen Vorsitzenden des NATO-Militärausschusses gewählt.

„Mittlerweile ist Europa, ungeachtet der hervorragenden Arbeit unserer Vorgänger in den vergangenen 70 Jahren, wieder eine spannungsgeladene Region geworden“, fasste der NATO-Oberbefehlshaber in Europa, US-General Philip Breedlove, Mitte September seine Schlussfolgerungen aus den Beratungen der Staats- und Regierungchefs der Allianz zusammen. „Russland hat mit Gewalt die Grenzen mehrerer Länder verändert, indem es ihre territoriale Souveränität verletzt hat. Russland hat illegal einen Teil eines dieser Länder annektiert, was wir niemals hinnehmen werden. Russland führt zudem einen asymmetrischen, hybriden Krieg, mit dem es illegale Übergriffe vorantreibt - das ist eine Gefahr für die Nachbarn, aber auch für die Sicherheit Europas.“

Das klingt wie zuletzt in den 1980er Jahren, als die Frontlinie der Blöcke noch mitten durch Europa und durch Deutschland verlief. Aber es scheint der neue Ton zu sein, auf den sich die NATO einstellt.

Department of Defense Press Briefing by Gen. Breedlove in the Pentagon Briefing Room

Die neue Haltung müssen zuallererst diejenigen lernen, die an der neuen – und glücklicherweise bislang nur politischen – Frontlinie ganz vorn stehen.

Im modernen Bereitschaftshangar in Ämari, der so genannten Box, stehen die deutschen Eurofighter für den QRA, den „quick reaction alert“, bereit. Immer eine Woche lang haben die Bundeswehrsoldaten diesen Bereitschaftsdienst. Innerhalb von 15 Minuten, so die Vorgabe der NATO, müssen sie mit ihren Maschinen in der Luft sein, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit. Wenn die Sirene ertönt, schlüpfen sie in die Fliegerstiefel, ziehen den Druckanzug über die Fliegerkombi und rennen mit dem Helm in der Hand zum gleich nebenan geparkten Jet. Neun Minuten, sagen Piloten und Mechaniker nicht ohne Stolz, neun Minuten ist die Zeit, die sie brauchen, um „airborne“ zu sein.

Ein deutscher Eurofighter in der "Box" auf der Luftwaffenbasis Ämari

Foto: Thomas Wiegold

Eine solche Bereitschaft kennen die Piloten schon aus Deutschland, wo in Wittmund im Norden und auf dem bayerischen Lechfeld ebenfalls solche „Alarmrotten“ in Bereitschaft stehen. Im üblichen Einsatz über Deutschland stellten sie sich darauf ein, vor allem vom Kurs abgekommene Airliner zu eskortieren oder Zivilflugzeuge mit defektem Funkgerät zu überwachen – in der Hoffnung, nicht auf einen nach 9/11-Muster entführten und als fliegende Bombe vorgesehenen Flieger zu treffen. An der Grenze des baltischen Luftraums treffen sie dagegen auf russische Bomber und Abfangjäger, die wie sie selbst bewaffnet unterwegs sind.

„Das ist schon eine mentale Anspannung“, sagt ein 30 Jahre alter Pilot, der einen der deutschen Eurofighter von Ämari aus an die russische Grenze und über die Ostsee steuert. „Ich weiß dann nicht, wie der sich verhält“, schildert der Hauptmann, dessen Name wie bei allen deutschen Soldaten im Einsatz nicht genannt werden soll, die ungewohnte Situation. Allerdings haben die Piloten diese Mission zuvor ausführlich im Simulator geübt - „mit dem Hauptfokus auf De-Eskalation“. Einen internationalen Zwischenfall an dieser jetzt so sensiblen Grenze will keiner heraufbeschwören.

Auch der deutsche Luftwaffenchef Müllner unterstellt dem russischen Gegenüber im Normalfall keine bewusste Provokation: Dass ein Kampfflugzeug unabsichtlich mal eine Grenze verletze, sei schon immer vorgekommen – allerdings in den vergangenen gut drei Jahren, seit einer massiv verstärkten Übungstätigkeit der russischen Luftwaffe, in zunehmendem Maße.

Mit den bewusst zurückhaltenden Tönen der Militärs – und auch der Politik – ist Deutschland allerdings nicht unbedingt in der Mehrheit im Bündnis. Nur mit vielen Gesprächen konnte Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem NATO-Gipfel Anfang September die Erwartung vor allem der Osteuropäer dämpfen, nun sei es Zeit, massiver auf das russische Verhalten in der Ukraine zu reagieren und zum Beispiel das 1997 geschlossene Abkommen, die NATO-Russland-Grundakte, aufzukündigen. So weit will Deutschland auf keinen Fall gehen. Doch unterhalb dieser Schwelle, das sagte auch Merkel im August bei einem Besuch in der lettischen Hauptstadt Riga, sei eine ganze Menge vorstellbar.

Zum Beispiel wenige hundert Kilometer südwestlich von Ämari, in Polen. In Stettin (Sczecin) an der Ostsee existiert dort seit 15 Jahren eine Einrichtung der Allianz, die bislang nur Kennern ein Begriff war: Das Multinationale Korps Nordost, ein NATO-Stab mit knapp 200 Soldaten, aus dem Spezialisten zur zeitweisen Führung von Missionen wie ISAF in Afghanistan in einen Einsatz gingen.

Mit dem Fahrtziel „Baltic Barracks“ kann der Taxifahrer am Stettiner Hauptbahnhof wenig anfangen. Beim Stichwort „NATO“ dagegen nickt er begeistert und fährt los. Das Ziel, so scheint es, hat einen guten Ruf.

Das Stettiner Korps ist der einzige NATO-Kommandostab auf dem Gebiet des früheren Ostblocks – und damit in der neuen politischen Lage ein Vorzeigeobjekt für die Absicht des Bündnisses, im Osten mehr Präsenz zu zeigen. „Ein Juwel“ nannte der stellvertretende NATO-Generalsekretär Alexander Vershbow die Einrichtung. „Dieses Hauptquartier steht im Mittelpunkt unserer Verteidigung gegen die Bedrohung aus dem Osten.“ Noch haben sich die Gremien der Allianz nicht festgelegt,welche Rolle Stettin künftig konkret spielen soll. Möglicherweise bekommt dieser Stab auch das Kommando über die neue „Speerspitze“ der NATO: Eine „sehr schnelle“ Eingreiftruppe von mehreren tausend Soldaten, die innerhalb weniger Tage einsatzbereit sein soll.

Polnische Militärpolizei patrouilliert vor den "Baltic Barracks" in Stettin (Szczecin), Sitz des Multinationalen Korps Nordost

Foto: Thomas Wiegold

Das klingt sehr technisch, und auch die geplanten 400 Soldaten sind keine massive Streitmacht, die jetzt auf osteuropäischem Gebiet stationiert wird. Wichtig ist jedoch das politische Signal: Auch in den neuen Mitgliedsländern will die NATO mit allem präsent sein, was die Vereinbarungen mit Russland auf dem Papier zulassen. „Keine dauerhafte Stationierung von substanziellen Kampftruppen“ hatte Brüssel Moskau versprochen, und genau so soll es auch laufen: Immer nur zeitweise Stationierung – und was „substanzielle Kampftruppen“ sind, darüber hat jeder Mitgliedsstaat eine andere Vorstellung. Bis zum Umfang einer Division mit mehr als 10.000 Mann scheint alles möglich.

Die Deutschen mischen als große NATO-Nation mit. Heeresinspekteur Bruno Kasdorf hat schon die Pläne für ein Manöver in Polen in der Schublade: Die 1. Panzerdivision aus Hannover, also ein Führungsstab, verstärkt mit möglicherweise mehreren tausend Mann einer Bundeswehr-Brigade, soll im kommenden Jahr im östlichen Nachbarland üben. Damit soll auch die skeptische Haltung der Polen überwunden werden, die der ehemalige Solidarnosc-Aktivist und frühere polnische Verteidigungsminister Janusz Onyszkiewicz auf die Formel brachte: „Wir hatten lange Angst vor einer starken deutschen Armee. Jetzt haben wir eher Angst vor einer schwachen deutschen Armee.“

Das zeigten die Polen auch in den Gedenkfeiern zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Die Erinnerung an den Beginn, den deutschen Angriff am 1. September 1939, beging die Staatssspitze zusammen mit Bundespräsident Joachim Gauck als Schulterschluss an der Westerplatte in Danzig. Doch weit eindringlicher erinnerten die polnischen Medien an den 17. September 1939: den Angriff der sowjetischen Armee auf Polen, das zwischen den beiden damaligen Großmächten zerrieben wurde. „Der Vertrauensverlust gegenüber Russland war immer ein Problem“, bilanziert Onyszkiewicz. „Jetzt haben wir Null Vertrauen.“

In Ämari, oben in den estnischen Wäldern, haben Luftwaffenchef Tarien und sein deutscher Kollege eine kleine Eiche gepflanzt. Ein Baum für jede Nation, die mit ihren Abfangjägern zur Unterstützung der Balten auf die Luftwaffenbasis einrückt: Die Kanadier, die vor den Deutschen da waren, haben einen Ahorn hinterlassen. Beim Blick auf das Bäumchen sinniert Müllner: „Das wird möglicherweise nicht der einzige Baum bleiben. Das wird uns wohl auf längere Zeit begleiten.“

Die Luftwaffenchefs von Deutschland (l.) und Estland pflanzen eine Eiche auf der Luftwaffenbasis Ämari (Estland).

Foto: Thomas Wiegold


Aufmacherbild: Eurofighter der deutschen Luftwaffe über dem Baltikum;
Foto: Thomas Wiegold