Was wir gegen das Insektensterben tun können

Was wir gegen das Insektensterben tun können

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Das Unkrautgift Glyphosat ist in der EU für weitere fünf Jahre zugelassen, Deutschland stimmte wider Erwarten dafür – und sorgte für die notwendige Mehrheit. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hat mit seinem Ja gegen die Geschäftsordnung des Kabinetts verstoßen, die Enthaltung vorsieht, wenn sich die Ministerrunde nicht einig ist. Glyphosat zählt zu den Hauptverdächtigen in der Debatte über das Insektensterben: Es verkörpert eine Landwirtschaft, die gegen das Ökosystem und seine Artenvielfalt arbeitet. Soweit definitiv keine guten Nachrichten.

Was tun? Die Frage steigt nicht zum ersten Mal in mir auf. Ich denke an eine Zahl, die in den vergangenen Monaten immer wieder durch die Medien gereicht wurde: 76 Prozent. So viel weniger Insekten soll es heute in Deutschland im Vergleich zum Jahr 1989 geben. Das ist auch für Menschen ein Riesenproblem, weil sie ein wesentlicher Baustein der Nahrungskette sind. Der größte Schwund ist bei Hummeln, Wespen, Wildbienen, Schmetterlinge und Faltern zu beobachten. Damit fehlen uns wichtige Bestäuber. Und entziehen wir den Insekten die Nahrungsgrundlage, finden auch Vögel nichts mehr zu fressen, nehmen wir nützlichen Säugern wie Maulwürfen, Fledermäusen oder Igeln die Nahrung, werden wir deren Abwesenheit unmittelbarer spüren als die der Insekten.

Puh.

Wie können wir diese Entwicklung aufhalten? Und: Tut schon jemand was?

Nach einer intensiven Recherche-Woche zu diesen Fragen stehe ich kurz vor der Kapitulation. Frust. Zweifel.

Dann schüttele ich das Gefühl der Ohnmacht ab, denke: spannend. Das ist genau der Punkt, der einen lösungsorientierten Journalismus so schwierig und aufwendig macht – und gleichzeitig umso relevanter: Die Lage scheint aussichtslos. Jedes Handeln scheint zu spät. Und der Einzelne – der kann sowieso nichts bewegen, wenn er gegen die Interessen der (Agrar-)Industrie spielt.

Dann bin ich über ein Projekt in Österreich gestolpert. Und es hat „Klick!“ gemacht.

Es gibt keinen Grund zur Resignation

Wir können nämlich doch etwas tun, und zwar in mehrfacher Hinsicht:

  1. Wir können sorgfältig mit Studien umgehen. Grundsätzlich. Und im Besonderen mit solchen, die sich wie ein Lauffeuer verbreiten. Die Studie des Entomologischen Vereins aus Krefeld ist so ein Beispiel, sie hat bei vielen Betroffenheit und Ratlosigkeit zurückgelassen. Die Forscher haben über 27 Jahre hinweg Insektenfallen in drei Bundesländern aufgestellt. In einer davon haben sie im Jahr 2016 nur 2.732 Schwebfliegen gefunden, während es 1989 noch 17.291 waren. Die Biomasse der Fluginsekten ist an diesem Messungsort um über 80 Prozent zurückgegangen; durchschnittlich waren es knapp 76 Prozent. Es sind jedoch nicht 76 Prozent der Insektenarten in Deutschland verschwunden – ein Fazit, das manche Journalisten gezogen haben. Die Zahlen sind ernst genug sind, sie müssen nicht aus dem Kontext gerissen, verdreht und aufgerundet werden. Das nimmt ihnen nur ihre Glaubwürdigkeit.
  1. Wir können in unserem eigenen Hinterhof kehren – oder eben nicht. Denn schon in diesem winzigen Abbild unserer Gesellschaft stellt sich jedes Jahr die Frage: Unkraut wachsen lassen? Darf die Laubdecke liegenbleiben? Lassen wir die Brennnesseln da hinten stehen? Ästhetisch scheint die Antwort schnell gefunden. Ökologisch sieht sie anders aus. Die Brennnesseln im Hof zum Beispiel dienen einer lebendigen Biotopvernetzung. Das heißt, sie bauen eine Art Brücke zwischen gleichartigen Biotopen und machen einen beidseitigen Austausch möglich. Sicher, erst mal ist es ganz angenehm, wenn in schwülen Sommernächten weniger Mücken um meinen Kopf surren. Doch dann rufe ich mir in Erinnerung, dass Mücken für andere Tiere wichtige Beute sind. Worauf ich hinaus will: Wir können unser Verständnis von „Schädlingen“ hinterfragen (wenn ich auch weiterhin manche Mücke daran hindern werde, sich mein Blut einzuverleiben). Wir können unseren Ekel und unsere Vorstellung von angenehmen und lästigen, ja auch von schönen und hässlichen Insekten (Schmetterlinge versus Schmeißfliegen) hinterfragen. Kurz: Wir können uns als Teil einer Nahrungskette begreifen, die uns auch mit der Wespe in unserem Apfelsaft verbindet.

  2. Wir können auf apokalyptische Metaphern verzichten. Ich stolpere in vielen Artikeln über eine Sprache, die Verzweiflung schürt und mich als Leser lähmt: Ein ökologisches Armageddon. Insektizid. Insekten-Apokalypse. Ökokatastrophe. Dramatisch. Mysteriös. Fatal. Sicher, beim Insektenschwund wird auch mir ganz anders, und die Ergebnisse der Studie machen mich traurig und wütend. Aber wir mystifizieren ein Thema, das auf einer rationale(re)n Ebene besprochen werden muss.

  3. Und schließlich können wir aufhören, in Kategorien von „Wir-gegen-die“ zu denken. Agrarindustrie und Umweltschutzaktivisten werfen sich den Ball gegenseitig zu, zeichnen abwechselnd Untergangsszenarien und weisen jede Schuld weit von sich. Fest steht, dass eine zunehmende Polarisierung weder den Insekten noch dem Menschen dient. Wir können uns stattdessen gemeinsam an den Tisch setzen – mit gezücktem Geldbeutel und gesundem Menschenverstand – und nach Lösungen suchen. Streiten. Tun, was ansteht.

Und es geht auch mit weniger Gift

Dieser letzte Punkt führt mich endlich zu dem besagten Projekt GLOBAL 2000. Dort wagt man nämlich eine lösungsorientierte Kooperation mit der REWE International AG und die Zusammenarbeit mit der konventionellen Landwirtschaft: Im Rahmen ihres „Pestizidreduktionsprogramms“ (PRP) hat die Umweltschutzorganisation in den vergangenen zehn Jahren einige konkrete Erfolge erzielt. Zum Beispiel in Sachen Paprika:

2002 wurden bei der spanischen Paprika extrem hohe Pestizidwerte gemessen. Das war der Startschuss für das PRP. GLOBAL 2000 hat das Programm konzipiert und Schritt für Schritt alle Obst- und Gemüselieferanten der teilnehmenden Supermärkte verpflichtet, die Pestizid-Höchstwerte des PRP einzuhalten – diese sind meist deutlich niedriger als gesetzlich vorgeschrieben. Durch die Zusammenarbeit von Experten und Produzenten konnten viele Alternativen erprobt werden.

Heute ist die konventionelle Landwirtschaft so weit, dass sie „Nützlinge" so effizient nutzt, dass fast keine Insektizide beim Paprikaanbau nötig sind. Unter anderem rücken gezielt eingesetzte Raubmilben schädlichen Spinnmilben in Gewächshäusern zu Leibe. Europaweit machen Produzenten dieses Vorgehen auch bei anderem Fruchtgemüse wie Tomaten oder Zucchini zum Standard. Die Ergebnisse des Programms stehen der Öffentlichkeit fortlaufend zur Verfügung.

Statt Rückschau einen optimistischen Blick in die Zukunft wagen

Der Mensch verändert jedes Ökosystem, in das er eintritt und eingreift. Wenn ich Veränderung messen will, brauche ich einen Bezugspunkt. Der liegt üblicherweise in der Vergangenheit, und von dort aus blicke ich in die Gegenwart oder Zukunft. Das Problem hierbei: Wir neigen dazu, diesen Bezugspunkt in der Vergangenheit zu idealisieren. Damals war die Welt in Ordnung, heute ist sie es nicht mehr. Alles wird schlechter.

Zwar ist eine solche Rückschau informativ und wichtig. Der nächste Schritt muss aber sein, den Blick nach vorne zu richten und zu fragen: „Wie könnte es anders sein, welche Veränderung will ich sehen?“. Das ist mindestens genauso wichtig. Und verlangt nach ungleich mehr Kreativität und Ausdauer.

Das relativiert nicht die Dringlichkeit des Insektensterbens. Es zeigt aber, dass hohe Zahlen, schnelle Schlüsse und eine reißerische Bildsprache vor allem eines sind: Verkaufsschlager und Panikmache. Der Grat zwischen „Puh, ist ja doch nicht so schlimm!“ und „Ich kann da eh nichts mehr tun!“ ist schmal. Die Erkenntnis bleibt: Insekten geht es hierzulande, heutzutage nicht gut. Das können wir im Kleinen ändern und das kann und muss die Politik im Großen ändern.

Die Umwelt besser beobachten – weniger Chemie einsetzen

Johannes Steidle, Tierökologe von der Universität Hohenheim, hat mir noch folgendes mitgegeben:

Kurzfristig müssten bundesweite Monitoringprogramme zur Überwachung der Arten- und Individuenzahlen eingeführt werden. Nur, weil bislang keine solchen Monitoringprogramme existiert haben, konnte es relativ unbemerkt zu derart drastischen Einbrüchen in der Biomasse kommen. Mit einem Monitoring lassen sich in Zukunft ähnliche Entwicklungen früher erkennen und die Wirksamkeit von Gegenmaßnahmen beurteilen und anpassen.

Mit Gegenmaßnahmen meint Steidle: weniger Pestizide auf den Feldern. Insbesondere Glyphosat als Unkrautvernichter und Neonicotinoide als Insektengifte sollten stark eingeschränkt oder ganz verboten werden.

Mittel- und langfristig muss die Landwirtschaft umgestaltet werden, was zwangsläufig bedeutet, dass Lebensmittel teurer werden. Neben weniger Pestiziden gehört dazu: mehr Strukturvielfalt der Landschaft (breitere Weg- und Waldränder, Ackerraine, geschützte Ufer von Gewässern und durch diese Strukturen gut vernetzte Lebensräume, die nicht landwirtschaftlich genutzt werden). Es gibt Schätzungen, dass die Artenvielfalt bewahrt werden könnte, wenn 20 Prozent der aktuell landwirtschaftlich genutzten Fläche ungenutzt blieben.

Der Schutz der Artenvielfalt beginnt im eigenen Garten

Der Einzelne kann in der Zwischenzeit: seinen Garten naturnah gestalten, einheimische Blütenpflanzen anpflanzen, Vögel – ganzjährig! – füttern. Strikt auf Pestizide verzichten. Ökologische Landwirtschaft konsequent unterstützen. Und sich keine Honigbienen zulegen.

Richtig gelesen: So faszinierend die kleinen Bestäuber sind, meint Steidle, seien sie doch Nutztiere – und aufgrund ihrer staatbildenden Lebensweise und unserer Pflege eine überlegene Konkurrenz der Wildbienen. Und schließlich können wir auch noch öffentlich Druck auf Politiker ausüben, so dass diese politische Schritte einleiten und unterstützen, die dem Ernst der Lage gerecht werden.


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Rico Grimm hat beim Erarbeiten des Artikels geholfen; Theresa Bäuerlein hat den Text gegengelesen; das Aufmacherbild hat Martin Gommel ausgesucht (Unsplash / Nathan Dumlao)