Nach meiner Süßigkeiten-Orgie überlege ich, eine Bewegung gegen Zucker zu gründen

Nach meiner Süßigkeiten-Orgie überlege ich, eine Bewegung gegen Zucker zu gründen

, etwa %minutes% Minuten Lesedauer

In meinen Küchenschubladen sind tütenweise Altlasten. Gummibären, Schokolade, Limo. Mir wird schlecht, alles riecht nach dem Mist. Ich trete die Verpackungen in den Müll, und es fühlt sich an, als würde ich einen Tatort bereinigen.

Vier Wochen lang habe ich mich jetzt von Süßigkeiten ernährt, obwohl ich sie hasste; ich hatte die Überdosis probiert und war in die Kita gegangen, hatte eisschleckend vor süßer Werbung gestanden und in der letzten Woche radikal auf Zucker verzichtet, um zu sehen, ob das Zeug süchtig machte und ich schwitzend im Bett liegen würde. Dabei fragte ich mich: Warum ist uns Zucker so wichtig, warum horten wir Süßigkeiten für die Feiertage? Und das, obwohl wir alle wissen, dass man das Zeug maßvoll essen sollte? Warum sagen wir nicht einfach: Der Zucker muss weg?

Ich habe einen Verdacht. Denn während ich die Reste meines Experiments entsorge, jemand nach dem Sport eine Cola trinkt, Kinder glücklich an der Capri-Sonne im Auto Richtung Urlaub nippen und draußen irgendwo eine Katze schreit, geht es uns gut für den Moment. Weil Zucker, kurzfristig zumindest, glücklich macht. Nur einem geht es dabei noch besser: der Zuckerindustrie.

Stell dir vor, du triffst die Zuckerindustrie

Mit jedem Tag des Experiments wurde mein Zuckerkonsum etwas schlimmer. Und mit jedem Tag wird die Zuckerindustrie auch etwas reicher. Am Ende meines Experiments ist mir klar: Zwischen beidem gibt es einen Zusammenhang.

Ich stelle mir vor, ich würde ihr begegnen. Ich träume und dämmere und lande in einem Konferenzraum. Jalousien sind zugezogen. Die Zuckerindustrie steht vorne, begrüßt mich, trägt Sakko und lächelt einen Tick zu kumpelhaft, so dass sie es aussieht, als habe sie gerade etwas im Laden geklaut. „Gut, dass sie fragen!”, sagt die Zuckerindustrie und hievt den Koffer auf den Tisch, Laptop daneben, Beamer angeschmissen. Zucker, sagt die Zuckerindustrie, sei ein natürliches Nahrungsmittel und schaffe wichtige Arbeitsplätze.

Projektionsflimmern.

„Seit mehr als 200 Jahren bildet der Anbau von Zuckerrüben in Deutschland die Grundlage für die Erzeugung von Zucker”, referiert die Zuckerindustrie. „Rübenanbauer und Zuckerfabriken gewährleisten gemeinsam die Versorgung der Verbraucher mit diesem hochwertigen, nachhaltigen Lebensmittel aus der Natur. Von erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung sind der Zuckerrübenanbau und die Zuckerindustrie in Deutschland ...”

Im Jahr 2016/2017 wurden allein in Deutschland in 28.509 landwirtschaftlichen Betrieben Zuckerrüben angebaut, die in 20 Zuckerfabriken zu Zucker verarbeitet wurden. Es gibt Rohrzucker, Rübenzucker, Ahornzucker und Palmzucker – der mit Abstand wichtigste ist der Rübenzucker.

Die Zuckerindustrie wächst weltweit, aber in Deutschland sind die Aussichten, Entschuldigung: besonders süß.

  • Zuckererzeugung: 3,5 Millionen Tonnen, ein Plus von 21 Prozent;
  • Anbaufläche: 299.692 Hektar, 18 Prozent mehr als im Vorjahr – so viel zur Nachhaltigkeit;
  • 22,5 Millionen Tonnen verarbeitete Zuckerrüben hierzulande macht: 24 Prozent mehr.

Zucker ist ein mächtiger Wirtschaftsfaktor

Wenn man also dem Geld folgt und dem Einfluss, kommt man zwangsläufig zu der Frage: Muss nicht der Zuckerindustrie dringend daran gelegen sein, dass wir den Zucker nicht schlimm und ein bisschen zu wichtig finden, um ihn zu verbieten? Tatsache ist, dass sie bisher effektiv verhindern konnte, dass ihre Werbebotschaften eingeschränkt und ihr gutes Werk infrage gestellt wurde. Weil Menschen Süßes lieben, und weil die Zuckerindustrie es geschafft hat, das wissenschaftliche System so zu manipulieren, dass sie nicht in Verdacht geriet, unserer Gesundheit wirklich ernsthaft zu schaden.

Von den 15 größten Zuckerproduzenten der Welt kommen 3 aus Deutschland: Platz 1 – Südzucker, Platz 6 – Nordzucker, Platz 15 – Peffer & Lange. Allein Südzucker hat 18.000 Mitarbeiter und fährt einen Umsatz von 6,8 Milliarden Euro ein. Zum Vergleich: Die Rheinmetall AG, ein börsennotierter deutscher Automobilzulieferer und Rüstungskonzern, machte im selben Zeitraum eine Milliarde weniger.

Auch die Propaganda ist zuckersüß

Gute Propaganda spaltet die Massen und teilt sie in Lager. Über Zucker wird gut gestritten. In der Erziehung. Aber auch in der Medizin. Die einen sagen: Zucker sei schlecht. Zucker sei das neue Crack, „das weiße Pulver”, das „süße Gift”. Die anderen sagen: Gott, stellt euch bitte nicht so an, ihr Ernährungsnazis.

Wenn wir Kohlenhydrate essen, speichert unser Körper deren lange Zuckerketten und spaltet den Zucker bei Bedarf ab. Wir essen also täglich und fast immer Zucker. Wir brauchen nicht noch zusätzliche gesüßte Lebensmittel.

Besonders viel Zucker ist in den industriell-verarbeiteten Lebensmitteln wie Fertiggerichten. Natürlich können wir auf diese und generell auf Süßkram verzichten, wir wissen ja alle, dass Zucker keinen so guten Ruf hat. Er verursacht maßgeblich Karies, er steht im Verdacht, Übergewicht zu begünstigen, ist wohl Mitverursacher der Diabetes und – darüber wird gestritten – kann koronale Herzerkrankungen begünstigen, da er die Gefäße mit Plaque verdickt. Und trotzdem werden Softdrinks und Süßigkeiten überall beworben – am liebsten im Umfeld von Kindern: vor und nach Kindersendungen, in der Werbung spielen Kinder Hauptrollen und Spielzeug wird beigepackt. Oder es werben gleich Helden aus Kinderserien mit. Und es wird umetikettiert und der Zucker wird einfach Ahornsirup genannt – oder „natürliche Süße”. Es bleibt aber Zucker.

Die Zuckerindustrie besucht ihre Freunde im Knast, sozusagen

Natürlich weiß diese Industrie, dass sie da etwas verkauft, das nicht wirklich gesund ist. Und dass Leute dagegen sein könnten; und Regierungen es verbieten.

Sie hat von der Tabak- und Alkoholindustrie gelernt. Man kann sich die drei als Kumpels vorstellen. Nur die Zuckerindustrie hat bisher Glück gehabt. Die Alkohol- und Tabakindustrie haben schon Regeln und Verbote aufgebrummt bekommen. Der Alkoholindustrie wurden die süßen Alkopops verboten, weil Teenager darauf abgefahren sind. Die Werbung im Fernsehen muss teils auf alkoholfreie Getränke ausweichen.

Die Tabakindustrie wiederum darf jetzt hauptamtlich Bilder von Toten, Särgen und Witwen verkaufen, weil die mittlerweile größer sein müssen als die Verpackung. Das Rauchen geht zurück. Das Saufen auch. Die Zuckerindustrie besucht ihre Freunde im Knast, könnte man sagen – und weiß schon, was kommt.

Und deshalb verteidigt sie früh: Das ist nicht weiter verwunderlich, hält man sich vor Augen, dass von den knapp 3,5 Millionen Tonnen Zucker in Deutschland etwa 89,4 Prozent an die Zucker verarbeitende Industrie und das Handwerk, an die chemische Industrie und die Fermentationsindustrie gehen, und „nur” 10,6 Prozent als Haushaltszucker, Puderzucker, Würfelzucker und Kandis über den Lebensmittelhandel verkauft werden. Die Zuckerindustrie bewirbt ihren Löwenanteil, während Eltern, die mit ihren Kindern gestresst an der Kasse stehen, versuchen, den Nachwuchs vom Süßigkeitenregal fernzuhalten.

Ich frage die Zuckerindustrie im Projektionslicht des Beamers, ob sie das in Ordnung findet. Sie zuckt nur mit den Achseln und sagt christianlindnerhaft: Das sei der freie Markt. Und was nicht verboten ist, sei eben explizit erlaubt.

Aber müssten wir die Eltern und Kinder nicht schützen? Werbung für Kinder sollte restriktiven Regeln folgen. Und egal, wie schädlich Zucker am Ende ist: Gesund ist er jedenfalls nicht.

Die Industrie sponsert „unabhängige Studien”

Die Süßigkeiten, die ich in den vergangenen Wochen gegessen haben, waren unfassbar süß, und Kinder, gerade sehr kleine, sind auf süß gepolt, das hat evolutionäre Gründe. Die Zuckerindustrie nutzt das aus und macht Kindern eine Substanz schmackhaft, die überflüssig ist und zur Maßüberschreitung verleitet, nicht sättigt und keinerlei Nährstoffe bietet.

Die Zuckerindustrie räuspert sich vorne: „Aber sie macht schnell fit im Kopf! Und liefert Energie! Wir reden hier vom Hauptenergieträger des Körpers.” Das stimmt, grundsätzlich: Aber eben nur für wenige Minuten, bis der Zucker wieder verbraucht ist und noch größerer Hunger kommt.

Manchmal vergibt die Zuckerindustrie einfach Drittmittel an Wissenschaftler, die uns weismachen, dass sie unabhängige Studien zu dem Thema betreiben. Zum Beispiel hier. Und hier. Ach, und hier.

Und immer stellen sich die Zuckerindustrie und ihre mächtige Lobby nicht als Teil des Problems, sondern als die Lösung dar.

„Warum gibt es dann so viele Übergewichtige”, frage ich keck.

Das, sagt die Zuckerindustrie, und zeigt drohend mit dem Zeigestock auf mich, sei nur die Bewegungsarbeit. Dafür könne man nichts.

Eine lang angelegte Kampagne der Verschleierung

Im Prinzip muss man sich das Leben der Zuckerindustrie als einen lang angelegten und sehr geschickt geführten Verschleierungsfeldzug vorstellen.

Ein Beispiel: 1972 brachte der Physiologe und Ernährungswissenschaftler John Yudkin ein revolutionäres Buch auf den Markt, darin legte er Experimente mit Ratten dar und medizinische Analysen, die bereits seit den 50er-Jahren unter seiner Ägide durchgeführt worden waren. Yudkin behauptete: Zuckerkonsum steht in direktem Zusammenhang mit Adipositas, Diabetes, koronaren Herzerkrankungen und weiteren typischen Zivilisationskrankheiten. Zucker, so der Autor, seit damit verantwortlich für über 35 Millionen Todesfälle pro Jahr – weltweit. Das Buch macht ihn schlagartig berühmt. Sein Titel: „Pure, White, Deadly”.

Wäre nichts dran, hätte die Zuckerindustrie alles dabei belassen können.

Hat sie aber nicht.

Bezahlte Studien wurden in Auftrag gegeben, konkurrierende Wissenschaftler begannen, Yudkins Studien und sogar seine persönliche Eignung infrage zu stellen. Das Buch erhielt quasi einen Bann und wurde zum Ladenhüter. Yudkin war als Wissenschaftler diskreditiert. Erst heute weiß man: durchaus zu Unrecht.

Die Zuckerindustrie hatte zeitnah ein eigenes Projekt in Auftrag gegeben, das den Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum und tödlichen Herzerkrankungen herunterspielen sollte. Dafür beschuldigte sie, Kalorien und Fette und Cholesterin. Heute gehen Ernährungswissenschaftler davon aus, dass dies so ähnlich war wie Nebelkerzen werfen.

Damals, die Zuckerindustrie war noch deutlich jünger, stand sie auch vor einer Leinwand und referierte: Die Studien Yudkins reichten nicht aus. Es seien Ratten, Ratten seien keine Menschen, daraus durfte man folgern: Man müsse schon Menschen 40 Jahre ausschließlich mit Zucker füttern und ihnen beim Sterben zusehen, damit es für die Aussagekraft reicht.

Ziemlich zynisch. Wurde dann auch nicht gemacht, gilt bis heute als ethisch nicht durchführbar. Ein Glück für die Zuckerindustrie. Aber das würde die selbst natürlich pikiert zurückweisen. Jemand wird erst schuldig, wenn man ihm etwas nachweisen kann. Und die Zuckerindustrie hat gute Anwälte.

Ich kann diese Studien natürlich nicht durchführen. Wenn ich an die vergangenen vier Wochen denke, möchte ich das keine 40 Jahre machen, um anschließend auszusehen wie Jabba the Hutt.

Ich schmeiße eine weitere Tüte weg und das letzte Zehnerpaket Billig-Capri-Sonne aus dem Discounter. Könnte man besteuern, das Zeug.

In Dänemark gibt es das. Seltsamerweise wurde eine solche Zuckersteuer auch hierzulande und für die EU diskutiert, wird von Initiativen wie Foodwatch ausdrücklich gefordert und von Krankenkassen unterstützt. Die Kassen finden nämlich, dass sie all das Übergewicht und die Zuckerkrankheiten am Schluss bezahlen müssten.

Die Zuckersteuer kam nicht. Dafür fielen in diesem Jahr sämtliche Quotenregelungen für den Zuckerexport.

Die Zuckerindustrie hat was gegen neue Steuern

Sicher, eine Zuckersteuer ist einerseits ein massives Regulativ und ein Eingriff in die persönliche Freiheit des Käufer: Andererseits, wäre eine Cola nicht nur 40 Cent teurer als eine Flasche Wasser, wäre a) der Anreiz kleiner und b) würde man die teureren Süßigkeiten und Softdrinks eben nur zu Feiertagen reichen. Bei einer 20-Prozent-Steuer, rechnen Experten, würde der Zuckerkonsum in der Gesellschaft spürbar zurückgehen. Und die Steuereinahmen könnte man, wie bei Tabak und Alkohol, in präventive Aufklärung für Familien, an Schulen und Kindergärten stecken.

Übergriffig, findet die Zuckerindustrie. Sie kennt das schon. Und sie fürchtet sich.

Ich meine: Wir müssen den Zucker nicht verdammen, müssen ihn unseren Kindern und uns selbst nicht verbieten. Es würde reichen aufzuhören, geistlos Süßigkeiten zu essen, einfach, weil sie im Haus sind. Niemand würde Eltern einen Vorwurf machen, wenn sie Kindern auf einer langen Autofahrt ein paar Süßigkeiten in den Rachen werfen, damit die mal fünf Minuten (!) die Klappe halten.

Tipp: Zucker nicht überhöhen und nicht verbieten. Wird nur begehrenswerter. Stattdessen einfach nur Zucker im Haus haben und ihn sparsam verwenden wie Salz. Stellen Sie sich vor, Zucker wäre eine extrem-scharfe Chili. Wie viel davon würden sie ihrem Kleinkind verabreichen? Eine scharfe Chili hat übrigens so viel Vitamin C wie eine ganze Zitrone.

Eine Ampel ist überfällig

Nach meiner Abstinenzwoche fühlte ich mich betrogen. Überall war Zucker drin, und alle Produkte, gerade Fertiggerichte, die ihn übermäßig enthalten, wurden am massivsten beworben. Mir wird der Zucker praktisch untergeschoben, als würde man einem Ahnungslosen eine LSD-Pappe beim Tanzen unbemerkt in den schwitzigen Nacken drücken.

Die Zuckerindustrie verschleiert nicht nur im öffentlichen Diskurs. Sie verschleiert auch auf den Etiketten und im Kleingedruckten. Das ist unlauter Wettbewerb.

Meine zuckerfreien Tage kann man – übrigens - mal selbst probieren. Lustiges Familienspiel sozusagen.

Tipp: Gehen sie mit ihren Kindern einkaufen – und kaufen sie ohne Zucker. Wird der Witz des Tages. Und die Kinder lernen was dabei.

Wieso darf man einen Babykeks verkaufen, der 25 Prozent Zucker enthält? Man kann Babykekse vermutlich nicht zuckerfrei herstellen. Aber man muss nicht das Wort „babygerecht” draufschreiben, um Verbraucher und Eltern mit großen Schlafdefizit zu täuschen. Die Karies bekommt immerhin nicht die Zuckerindustrie. Für dieses Verhalten sollte es empfindliche Strafen geben.

Auch eine Ampel ist überfällig: Warum nicht, wie Initiativen wie Foodwatch längst wünschen, ein Ampelkennzeichnungssystem entwickeln und sie auf die Verpackung drucken: rot = viel zu viel Zucker.

Das wäre für die Konsumenten und Eltern wesentlich übersichtlicher – und auch für Leute, die einfach auf ihr Gewicht achten wollen oder gar wie Ubbo Diabetes haben. Dass wir, wie ein Ernährungsexperte sagte, die Ernährungspyramide falsch herum essen, muss endlich aufhören.

Tipp: Kochen Sie selbst. Ich habe meinen Sohn immer bekocht, seit er keine Milch mehr nimmt. Ich hatte dafür nie die Zeit und die Nerven schon gar nicht. Aber er isst Spinat und Dill und Fisch und alles. Wenn ich ihm etwas Fertiges gebe, guckt er mich empört an wie ein zerzauster kleiner Mann, der gerade 70 Euro für ein Menü ausgegeben hat – und nun auf die Austern wartet.

Die gute Nachricht zum Schluss: Auch die Zuckerindustrie merkt mittlerweile, dass die Stimmung kippt. Der Traubenzucker-Hersteller Dextro Energy beispielsweise darf – nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs – seine „angeblichen gesundheitlichen Vorzüge” nicht mehr in der Werbung präsentieren.

Liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter: Fragen wir nicht, was der Staat für uns tun kann. Fragen wir, was wir für den Staat und die Gesellschaft tun können. Ziviler Ungehorsam. Vielleicht: eine Revolution.

Wir essen bei der Arbeit, beim Lernen und vor dem Fernseher immer und überall Süßigkeiten. Machen wir einen Protest daraus. Lassen wir es.

Ich bin wirklich kein Vegetarier. Aber ich habe ein Herz.

Deshalb verzichte ich regelmäßig auf Fleisch. Ich verzichte auf Billiges und Abgepacktes und Ekliges und Verarbeitetes. Ich verzichte nicht, weil ich mich als besseren Menschen fühlen möchte oder es besonders gerne tue. Im Gegenteil. Ich verzichte, weil ich es schlicht verantwortungslos finde, mir – bildlich gesprochen – einen Weber-Grill für 300 Euro zu kaufen und mir Fleisch für fünf Euro das Kilo draufzulegen. Alles eine Frage der Haltung und der Vorbilder.

Warum ich die „Zucker-Vegetarier” gründen will

Der Beamer geht aus.

„Vortrag zu Ende”, sagt die Zuckerindustrie. „Und, was machen sie jetzt noch in der Stadt?”

Ich überlege, eine Bewegung zu gründen. Angelehnt an die Vegetarier. Als weitere Forderung neben der Zuckersteuer und der Ampel: öffentliche Orte, die für Kinder bestimmt sind, wie Kinos und Freizeitparks, dazu zwingen, gesunde Alternativen anzubieten, die nicht der Salat auf dem Burger sind. Zum Schutz der Kinder, denn wer früh Übergewicht bekommt, kämpft sein ganzes Leben dagegen, wird gemobbt, fühlt sich hässlich, guckt Top-Model, hat kein Selbstwertgefühl mehr. Und zum Schutze der Eltern und ihrer Nerven.

Ich nenne es: die Zucker-Vegetarier. (Sollte mir ein besserer Name einfallen, werden ich ihn umgehend ändern.)

Mein Sohn darf den selbstgebackenen Kuchen seiner Oma essen und Schokolade an Feiertagen – und bestimmt auch mal Cola an einem der vertrottelten Feste trinken. Aber keine Capri-Sonne, die allein das Zuckerlevel des Tages überschreitet, keine aggressiven Billigsüßigkeiten, kein Fast Food.

Kinder kommen früh in die Kita, weil wir immer mehr arbeiten müssen. Meine Mutter hat mich anders erzogen.

Wenn die Zuckerindustrie jetzt eine Studie gegen meine Mutter in Auftrag geben möchte, binde ich die Industriellen hinten ans Auto und ziehe sie durch die Fußgängerzone.

Zucker ist nicht hochwertig oder nachhaltig oder irgendwas, das man uns einredet. Weder sein Anbau auf unseren Feldern noch seine Substanz.

Das einzige, was hier hochwertig und nachhaltig ist, ist der Gewinn der Zuckerindustrie. Wenigstens das weiß ich jetzt.


Wie gut oder gefährlich ist Zucker? Omas sind enttäuscht, Nachbarn verärgert, Bekannte wütend: Wenn man seinem Kind keinen Zucker gewährt, gerät man in permanenten Rechtfertigungsdruck. Wer seinen Kindern zu viele Süßigkeiten zusteckt, aber auch.

Deswegen habe ich mich an ein Experiment gewagt: Drei bis vier Wochen erlebe ich die Welt um mich herum im Hinblick auf Zucker als Kind. Ich esse Süßes wie Kinder. Stehe konspirativ vor Eisdielen. Greife mir jedes Bonbon, das in Reichweite ist. Und habe sogar einen Kita-Platz! (Da sage noch einer, in Leipzig herrsche Engpass. Hah!)

Wer keinen meiner Artikel verpassen will, der kann mir bei twitter folgen (@paulk3mp) oder meine Autorenseite besuchen (www.thewild.de).

Beim Erarbeiten des Textes hat Theresa Bäuerlein geholfen; Vera Fröhlich hat gegengelesen; das Foto stammt von Bernd Roeder, Berodi Fotostudio Leipzig.