Das Erdbeer-Dilemma

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Ahmad Filfil hofft auf die Erdbeeren, obwohl er weiß, dass dieses Jahr nicht wie die anderen sein wird. Der Krieg hat alles auf den Kopf gestellt. Es ist Erntezeit in Beit Lahiya, und damit eigentlich Erdbeerzeit. “Heute keine Ernte”, sagt der Bauer. Er zeigt auf den Himmel, grau und voller Wolken. Den ersten großen Regen der Saison wolle er noch abwarten. Die Früchte sind noch nicht reif, noch schlafen sie unter weißen Plastikplanen. Dann fallen auch schon die ersten Tropfen.

Im Schuppen stehen die Kartons zum Export bereit: Nach Russland soll es gehen, Frankreich und Holland. „Strawberries“ steht in Großbuchstaben auf der Pappe. „From Palestine Land to the Global Markets“ darunter.

Ahmad Filfil in seinem Schuppen. Dort stehen die Kartons zum Export der Erdbeeren bereit.

Foto: Victoria Schneider

„Unsere Erdbeeren sind weltberühmt“, sagt Filfil, „so gut wie in Beit Lahiya schmecken sie nirgends.“

Der Export ist wichtig für die Bauern des Gaza-Streifens, vor allem in diesem Jahr. Die Bauern müssen die Verluste dieses Sommers wettmachen. 30 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe sind laut palästinensischer Autonomiebehörde vom Krieg betroffen, Ernten gingen verloren, Felder wurden zerstört, Bewässerungs- und Düngesysteme beschädigt.

Im September veröffentlichte die palästinensische Autonomiebehörde einen 80-seitigen Bericht, den „National Early Recovery and Reconstruction Plan for Gaza 2014 - 2017“, der die Verluste durch den letzten Krieg zusammenfasst. 2.145 Menschen starben, darunter 581 Kinder. Ein paar Zahlen aus dem Bericht:
60.000 Häuser wurden beschädigt, 20.000 komplett zerstört. Jeder vierte Palästinenser wurde während des Krieges zum Flüchtling. Zum Erscheinungszeitpunkt des Berichts lag die Zahl der intern vertriebenen Menschen bei 110.000. 15 von 32 Krankenhäusern seien beschädigt worden, drei mussten aufgrund des Schadens schließen. 25 Krankenwagen wurden zerstört oder beschädigt, 23 Krankenpfleger starben im Krieg, mehr als 80 wurden verletzt. Auch die Wirtschaft hat erheblichen Schaden davongetragen. 40 Prozent des Geflügelbestandes wurde zerstört, der Fischfang ging um fast 10 Prozent zurück. 297 Fabriken und Werkstätten wurden zerstört. Der ganze Bericht ist auf der Seite der Palästinensischen Autonomiebehörde abrufbar.

Die Überbleibsel einer Geflügelfarm in Beit Lahiya. Zwei F-16-Bomben fielen im Krieg auf den Betrieb.

Foto: Victoria Schneider

“Der Sommer war heiß, und wir konnten uns den Feldern nicht widmen, die ganze Gegend war evakuiert.” Nur während der kurzen Waffenstillstände habe er ein-, zweimal gewässert. Dadurch seien die Mutterpflanzen der Erdbeeren zum Großteil kaputtgegangen.

Zudem wurde aufgrund des Krieges später gepflanzt als sonst. Jetzt hat er Angst, dass die Welt nicht wartet - die Exportsaison nach Europa begann, bevor die Erdbeeren in Beit Lahiya rot waren.

Ein paar Felder weiter treffen wir auf einen Karottenbauern, der in dieser Woche begonnen hat, sein Gemüse zu ernten. Zehn Arbeiter helfen ihm dabei: Die Frauen sitzen im hinteren Teil des Feldes und reißen die Karotten aus dem Boden und werfen sie auf einen Haufen, die Männer schleppen die Karotten zu der großen Wanne, in der sie gewaschen werden und hieven sie dann in Paketen auf den Wagen, der sie in die Lagerhalle bringt. Überall auf dem Feld liegen Häufchen von Karotten, die nichts geworden sind. Halb so groß wie ein kleiner Finger, verschrumpelt und unförmig. 75 Prozent der Ernte seien in diesem Jahr ungenießbar, sagt der Bauer. Der Schuppen, in dem das Wasser und die Pestizide lagerten, wurde zerstört, Chemikalien flossen auf Teile des Feldes und haben das Gemüse beschädigt.

Eine verschrumpelte Karotte aus Beit Lahiya

Foto: Victoria Schneider

Wirtschaftliche Autonomie verloren

“Wie soll man eine funktionierende Exportindustrie aufbauen, man kann ja nicht planen”, sagt Omar Schaban. Ständig komme ein Krieg dazwischen. Schaban hat zehn Jahre lang für ein von den Niederlanden initiierte Erdbeerprojekt in Gaza gearbeitet, mit dem der Export der Früchte nach Europa unterstützt wurde. Jetzt hat der Ökonom einen Think Tank in einem Gebäude namens “Dream Building” in der Nähe des Strandes von Gaza-Stadt. Er berät Institutionen und NGOs, wie sie ihr Geld am besten in Gaza anlegen.

Schaban leitet damit ein wichtiges Unterfangen, gerade in diesen Monaten, in denen Organisationen und Regierungen aus aller Welt Geld nach Gaza werfen, um den Wiederaufbau voranzutreiben.

“Gaza könnte ein Paradies sein – wir haben das Wissen, um das beste Gemüse der Welt anzubauen”, sagt er. Er zündet sich eine Zigarette an, guckt auf die Pinnwand gegenüber, ein Foto von ihm in jungen Jahren. “Ich träumte einmal davon, mein Land aufzubauen. Ganz ehrlich, ich kann nicht fassen, wo wir jetzt stehen.”

“Wir sind zu einer Gesellschaft geworden, die auf Hilfe von außen angewiesen ist”, sagt Schaban. “In den 1980ern und 90ern hatten wir keine Sorgen in Gaza, aus wirtschaftlicher Sicht, wir konnten uns selbst versorgen.” Laut der Bauerngenossenschaft Beit Lahiyas exportierte Gaza seit 1967 Tomaten, Süßkartoffeln, Paprika nach Europa. Anfang der 1990er lieferte die Enklave am Mittelmeer tonnenweise Erdbeeren und Millionen von Schnittblumen in die ganze Welt.

Die Blumen seien vielleicht das beste Beispiel für den Niedergang des Güteraustauschs.

“Gaza schickte einst 20 Millionen Schnittblumen nach Holland, sie wurden in alle Länder Europas verkauft”, sagt Schaban. Sie wollen kein Geld in Gaza; sie wollen das Ende der Blockade, die habe alles ruiniert. Die Wirtschaft. Und den Ruf.

Nach der Machtübernahme der islamistischen Hamas in Gaza 2007 schloss Israel alle Grenzen zu dem schmalen Streifen. In den ersten beiden Jahren wurden nur humanitäre Produkte nach Gaza gelassen, die Ladenregale waren leer, die Versorgung mit Gas und Öl war mangelhaft. Exporte wurden komplett gestoppt. Das hatte verheerende Folgen für die Bevölkerung des Gaza-Streifens, deren Lebensverhältnisse sich verschlechterten. Auch die Wirtschaft des Streifens wurde von der Blockade getroffen, vor allem der private Sektor, der durch die Schließung der Grenzen so gut wie zum Erliegen kam. Die Produktivität des Landwirtschaftssektors, der vor der Schließung der Grenzen zum großen Teil auf Exporte nach Israel und in das Westjordanland angewiesen war, reduzierte sich drastisch. 2010 wurde die Blockade leicht gelockert, inzwischen werden wieder Güter über den Karm-Abu- Salem-Grenzübergang ein- und ausgefahren. Problematisch sind jedoch noch immer die Restriktionen, die für die Einfuhr von Baumaterialien gelten, die von Israel als „dual-use goods“kategorisiert werden: Güter, die potenziell zu militärischen Zwecke verwendet werden könnten. Gerade nach dem Krieg behindert der Mangel an Zement den Wiederaufbau des Gaza-Streifens erheblich.

“Stell dir vor, wenn es in Deutschland Blumen aus Gaza gäbe, vielleicht hätten die Menschen ein anderes Bild von uns.”

Doch seit der Abriegelung des Streifens im Jahr 2007 hat die Welt nicht mehr viele Blumen aus Gaza gesehen.

Es gibt einen Grenzübergang, über den Produkte in und aus dem Streifen gelangen: Abu Salem (auf Arabisch) / Kerem Shalom (auf Hebräisch). Er wird von Israel kontrolliert. Wann, was und wieviel rein- und rauskommt liegt nicht in der Macht der Palästinenser.

Heute findet man kaum mehr Blumenbauern in Gaza. In Rafah, der Grenzstadt zu Ägypten und einstigen Hochburg für Gazas Blumen, finde ich einen, Salah Siyam. Er begann 2004 Blumen zu pflanzen, nachdem er infolge der graduellen Schließung des Gaza-Streifens seinen Job in Israel verlor. Mehr als 80 Gärtner habe es bis vor ein paar Jahren gegeben, sagt er. Die komplizierten Ausfuhrregulationen und die willkürliche Öffnung der Grenzen habe den Handel jedoch ruiniert.

In Salah Siyams Gewächshäusern wachsen heute nur noch Rosen. Einst hatte er eine Vielzahl an Blumen, doch das ist finanziell nicht mehr lukrativ.

Foto: Ezz Al Zanoon

50 Minuten Autofahrt von Gaza-Stadt entfernt, am südlichen Ende des Gaza-Streifens, liegt Rafah. Wir ruckeln auf dem Sand des Sinais Ägypten entgegen und finden wenige Kilometer von der Grenze entfernt die Gewächshäuser Salah Siyams.
Es ist heiß in seinem Gewächshaus, Rosenstauden reihen sich aneinander, vorgestern hätten sie viel geschnitten, heute sind nur ein paar Knospen geöffnet. “Ich war in Deutschland”, erzählt er stolz, “um dort den Blumenanbau zu besichtigen, unsere Blumen wurden einst auch nach Deutschland exportiert.” Über den Weltmarkt in Holland gelangten die Blumen in die ganze Welt.
10.000 Blumen, jeden Tag. Zwei Schekel pro Blume, das sind umgerechnet 40 Cent, es war ein gutes Geschäft. Jetzt sei alles anders, die Kollegen hätten reihenweise zugemacht, und er pflanze sogar andere Blumen als zuvor, weil er sich die aus Amerika nicht mehr leisten könne.
Die Zeiten der Blumen sind vorbei. “Aber was tun? Was soll ich machen? Wir müssen irgendetwas machen, es gibt keine Arbeit in Gaza.”

Genau das sieht Ciro Fiorillo von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) in Jerusalem als eines der großen Hindernisse für den Export der Produkte aus Gaza. “Es gibt viele Regularien, angefangen bei der Größe der Verpackung, die zu den Schwierigkeiten beitragen”, sagt Fiorillo. “Manchmal kommen die Produkte am Grenzposten an, doch er ist geschlossen.” Es gebe kein Kühlsystem, um Obst, Gemüse oder Blumen frisch zu halten. Die Ware verfällt. Siyam, der Blumengärtner, sagt, das sei der Grund für die Holländer gewesen, den Import aus Gaza zu beenden. “Unsere Blumen kamen verwelkt in Europa an – wer will schon kaputte Blumen, die noch dazu teurer sind als die anderen?”

Fiorillo von der FAO sagt, es müsse nachhaltig investiert werden, um Gaza wieder wirtschaftlich autonom zu machen. Durch die Blockade ist Gaza in den vergangenen Jahren in ein prekäres Abhängigkeitsverhältnis gerutscht, das in Zeiten einer Eskalation zum Zusammenbruch der Versorgungslage führt.

Wie in diesem Sommer.

Laut UN waren bereits vor dem Krieg 57 Prozent der in Gaza lebenden Palästinenser auf Nahrungshilfe angewiesen. Im Krieg stieg die Zahl laut palästinensischer Autonomiebehörde auf fast 71 Prozent. Der Grenzübergang war nur sporadisch geöffnet, und die Familien, die sich selbst hätten versorgen können, hatten durch die Kämpfe keinen Zugang zu ihren Feldern, Obstbäumen oder Viehställen.

Ein Teufelskreis. Denn das Ende des Krieges bedeutete nicht automatisch das Ende der instabilen Versorgungssituation. Die Ernte fiel kleiner aus, die Fläche der kultivierten Felder hat sich reduziert. Ein Beispiel: Vor 2007 wurden beispielsweise auf 2,5 Quadratkilometern Erdbeeren kultiviert – heute sind es nur noch knapp 600.000 Quadratmeter. Durch den Krieg ist ein Teil davon ungenießbar geworden.

Felder in Rafah, die im Krieg zerstört wurden

Foto: Victoria Schneider

Zwischen den Feldern sieht man die Spuren der israelischen Panzer, die im Sommer während der Bodenoffensive durch Beit Lahiya kamen

Foto: Victoria Schneider

Die Bauern stecken in einem Dilemma: Um keine Verlust zu machen, müssten sie ihre Ernte eigentlich zu höheren Preisen exportieren. Doch das liegt nicht in ihrer Macht. Die Folge: Die Preise auf den lokalen Märkten steigen. Der Preis eines Kilos Tomaten ist in diesem Jahr von umgerechnet 20 Cent auf 90 Cent gestiegen. Das Kilo Kartoffeln von 30 auf 50 Cent. Auch die Erdbeeren werden in diesem Jahr teurer als sonst: Normalerweise kostet das Kilo einen Euro. In diesem Jahr kostet es 1,50 Euro.

Eine Orangenplantage in Beit Lahiya

Foto: Victoria Schneider

Um die Situation zu entspannen, muss die internationale Gemeinschaft weniger Nothilfe leisten und dafür mehr nachhaltig investieren. “Gaza hat alles, um sich selbst zu versorgen”, sagt Fiorillo. Die Industrien müssten wieder aufgebaut werden, und anschließend müsste die Ausfuhr vereinfacht werden.

Dennoch sieht Ciro Fiorillo von der FAO Licht am Horizont. In den vergangenen Wochen habe sich die Situation am Grenzübergang verbessert. Zum ersten Mal seit 2007 dürften die Bauern ihre Ware ins Westjordanland ausführen. Zwar zunächst nur in kleinen Mengen, bisher sind ein paar Dutzend Lastwagen über die Grenze gekommen. “Das ist noch keine Revolution, aber ein sehr wichtiges, positives Zeichen.” Vielleicht ein Schritt in die richtige Richtung.

Der landwirtschaftliche Export des Gaza-Streifens in Zahlen

Quelle: FAO elaboration on export data from the Palestinian Ministry of Agriculture

Trotzdem ist Ahmad Filfil nicht glücklich, als er endlich ernten kann. Zwei Wochen nach dem ersten Besuch sind die Plastikplanen weg, die Felder strahlen in Grün, überall blitzen rot die Erdbeeren hervor. Die Farbe stimmt, der Geschmack, die Größe, vorige Woche passierten sie den Qualitätstest in Israel, jetzt sind sie fertig für die Welt.

Die Erlaubnis, seit sieben Jahren zum ersten Mal wieder ins Westjordanland zu exportieren, entschädigt nur geringfügig für den Schmerz, den er empfindet. “Ja, ja, die Farbe und der Geschmack und die Größe, das alles ist schön und gut”, grummelt Ahmad Filfil. Er und seine Frau sitzen im Schuppen neben den Feldern, der süße Geruch von Erdbeeren erfüllt den Schuppen. “Die Preise sind zu niedrig”, sagt Filfil. In diesem Jahr zahle die israelische Firma, über die die Bauern exportieren, knapp drei Euro pro Kilo. Im vergangenen Jahr habe der Preis bei fünf Euro gelegen. Er macht den Israelis keinen Vorwurf, sie müssten ja schließlich auch ihr Brot verdienen.

“Wir haben den Anschluss an die Welt verloren”, sagt der 60-Jährige betrübt. “Wir wollen exportieren, doch wir sind zu spät dran, die anderen Länder sind mal wieder schneller.” Sie bestimmen den Preis, die Bauern in Gaza ziehen hinterher.

Ahmad Filfil

Foto: Victoria Schneider

Wenn sie Glück haben, sagt Ahmad Filfil, wird es an Weihnachten besser. Dann sind sie aus Gaza die Einzigen, die Erdbeeren liefern, vielleicht können sie dann den Preis beeinflussen. Blitzschnell sortiert er die roten Früchtchen: Die perfekten in die 250-Gramm-Packungen, die am nächsten Tag nach Russland gehen. Die nicht perfekten zurück in den Karton – für die Kilopackungen, die auf den Märkten in Gaza verkauft werden.

In der Ecke des Raumes stehen die abfahrbereiten Kartons, fein säuberlich sind die Erdbeerschälchen darin sortiert. Zehn Packungen à 250 Gramm. Morgen geht's mit dem Flugzeug in die Welt.

Mehr Bilder über die Erdbeerernte und die Landwirtschaft in Gaza findet ihr in der Fotobox von Victoria Schneider


Im Oktober reiste ich nach Gaza, um das Leben jenseits der schwarzen Fernsehbilder zu erkunden. Das Ergebnis ist eine Reihe von Geschichten, die in den vergangenen zwei Monaten entstanden sind, über Menschen und ihre Versuche, sich von der Situation nicht unterkriegen zu lassen. Weitere Folgen:


Aufmacher-Bild: Ezz al Zanoon