Wie ich versuchte, fremde Menschen zu lieben

Wie ich versuchte, fremde Menschen zu lieben

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Rücklings und mit geschlossenen Augen liege ich auf dem Turnhallenboden und warte darauf, von fremden Menschen betatscht zu werden. Mir ist ein bisschen kalt, da hilft auch der provisorisch ausgelegte Baumarktteppich nicht viel. Aber vor allem bin ich nervös.

Dann plötzlich: Eine zarte Berührung am Arm, Fingerspitzen streifen rauf zur Schulter, an den Schlüsselbeinen entlang, zum Hals. Kühl und weich sind diese Hände, sie bedecken mein Gesicht und ertasten dann – auf einmal gar nicht mehr schüchtern – meine Lippen. Ein Wühlen in meinen Haaren, ein bisschen Kopfmassage, und dann ist es vorbei. Der oder die Unbekannte ist wieder weg. Ich habe ein komisches Kribbeln im Bauch.

Mehr Menschen nähern sich, der Reihe nach, vorsichtig. Mal sind die Atemzüge tiefer, mal ein Parfümgeruch auffällig. Ich komme nie darauf, wer das ist, der oder die da den Abstand meiner Hüftknochen vermisst, mir in den Bauchspeck kneift oder den Kopf auf den Brustkorb legt. Ist das die Tantra-Lehrerin, mit der ich gestern die Massage-Übung gemacht habe? Der gepiercte Kunststudent?

Plötzlich wird unwichtig, ob die Person männlich oder weiblich ist, attraktiv, sympathisch. Das hier ist komisch, krass, schwer in Worte zu fassen, aber aufregender und erotischer als die meisten One-Night-Stands. Und dabei bin ich nicht mal nackt. Es ist, als wäre ein Raum aufgegangen, in dem Bilder und Worte nebensächlich sind, in dem die Berührung einer Person ihr Gesicht wird, die Choreographie ihrer Hände eine eigene Sprache.

Die Stimme von Aimar, der die „Touching Impro“ anleitet, führt uns sanft aus der Berührungs-Trance heraus. Im Halbdunkel der Turnhalle richten sich ein Dutzend zerzauste Gestalten auf. Ich schaue in verwirrte, beschämte, euphorisch glänzende Augen. Langsam bewegt sich die Liebes-Herde zur Kaffeetheke. Es ist 11 Uhr morgens, der Himmel über Utrecht ist dunkelgrau. Ich habe immer noch nicht begriffen, worum es hier, im Trainingscamp der Army of Love, eigentlich geht. Aber mittlerweile habe ich das Gefühl, dass etwas mit mir passiert. Nur was, das kann ich noch nicht in Worte fassen.

Liebe verteilen wie Futterrationen

Es fing alles viel harmloser an, als ich erwartet hatte. Vor ein paar Monaten erzählte mir eine Freundin von der Army of Love: Ein aktivistisches Kunstprojekt, das sich bei der Berlin Biennale vergangenes Jahr mit einem Manifest und einem Rekrutierungsvideo präsentiert hatte. In dem Manifest heißt es: Die Chancen auf Liebe, Sex und Nähe würden in unserer Gesellschaft ungerecht verteilt, wären nämlich abhängig von Schönheitsnormen, Gesundheit und sozialem Status. Die Army of Love hingegen wolle „jedem, der sie braucht, allumfassende, sinnliche Liebe – Fürsorge, Begehren, Sex und Respekt“ schenken. „Anders als bei der freien Liebe geht es darum, ausgerechnet diejenigen zu lieben, zu denen wir uns bisher nicht hingezogen fühlen, und wir müssen uns drillen, um diese Liebe zu erbringen.“

Die Analyse ergibt durchaus Sinn. Dass sich die meisten Menschen Partner suchen, die ungefähr genauso attraktiv oder attraktiver sind und sozial denselben Status haben, ist schon länger bekannt und wissenschaftlich immer wieder belegt worden.

Hier eine Analyse dazu, warum Menschen Partner nach Attraktivität auswählen – oder auch nicht. Einen weiteren Überblick über mögliche Faktoren bietet dieser Artikel.

Dass dabei manche Menschen benachteiligt sind, aufgrund einer Genlotterie, die ihnen ein Gesicht oder einen Körper verpasst hat, die nicht ins Ideal passen, liegt auf der Hand. Wie schlimm das ist, darüber reden wir fast nie. Dabei hat gerade erst eine US-amerikanische Studie gezeigt, welch massives Gesundheitsrisiko die wachsende Einsamkeit in den westlichen Industrienationen darstellt.

Forscher der Brigham Young University haben errechnet, dass soziale Isolation und chronische Einsamkeit das Leben im Schnitt verkürzen, wie das Rauchen von 15 Zigaretten am Tag. Es gibt wenige Studien darüber, wie einsam Menschen in Deutschland sind. Studien aus den Jahren 2014 und 2017 legen aber nah, dass wachsende Einsamkeit auch hierzulande ein Problem ist: Nur noch 30 Prozent der Menschen geben an, nie einsam zu sein. 1993 waren es noch 50 Prozent. Die Gründe für Vereinsamung sind vielfältig: Die Auflösung traditioneller Familienstrukturen spielt eine Rolle, der Trend zur Individualisierung sowie die Digitalisierung, die uns immer öfter mit Computern und seltener mit echten Menschen reden lässt.

Dieses gigantischen Notstands soll sich eine Army of Love annehmen? Wie soll das bitte gehen? Und wer soll das sein? Ich bat denjenigen, der sich das ausgedacht hatte, um ein Gespräch: den Schriftsteller Ingo Niermann. In seinem Roman „Complete Love“ entwirft er eine soziale Bewegung, die für die Umverteilung immaterieller Güter kämpft – vor allem Liebe. „Aber nicht wie bei den Hippies. Ich finde, es hat sich gezeigt, dass die freie Liebe dazu führt, dass sich die Regeln des Markts bis in das Gefühlsleben ausweiten. Alle haben die ganze Zeit Angst, dass ihnen die Liebe, die sie bekommen, wieder weggenommen wird. Dass sie zu viel lieben oder zu wenig, dass es am Ende ‚umsonst‘ gewesen ist", sagt er.

Bisher sei die Idee von einer Army of Love vor allem eine Vision. Aber Niermann entwirft diese Vision zusammen mit verbündeten Künstlern hartnäckig und regelmäßig. Mindestens einmal im Monat wird irgendwo in Europa das Rekrutierungs-Video gezeigt oder findet gleich ein ganzer „Rekrutierungs-Workshop“ statt .

Ich frage Niermann, wie er die Erfolgsaussichten seines Programms einschätzt. „Ich bin überhaupt kein Optimist. Aber nach dem, was in den letzten Jahren passiert ist, halte ich alles für möglich. Niemand hätte gedacht, dass jemand hingeht und alle Bücher scannt. Google hat's gemacht. Niemand hätte gedacht, dass ein Typ, der nicht lesen kann, der keiner Partei angehört, der null politische Erfahrung hat, schon über 70 und ein totaler Hitzkopf ist, dass der Präsident Amerikas werden könnte. Das ist aber jetzt Realität. Solche verrückten Dinge passieren die ganze Zeit!“ Er überlegt, dann sagt er noch: „Natürlich ist das eine Utopie. Die Army of Love widerspricht unserer heutigen Gesellschaft. Deswegen muss sie entstehen, aus dem Gefühl das unsere heutige Gesellschaft ungenügend ist.“

Mir ging die Sache nicht aus dem Kopf. Einerseits dachte ich, das macht schon Sinn, Einsamkeit ist schlimm, und der Flirt-Markt ist total ungerecht. Aber eine Armee, die Liebe verteilt wie Futterrationen, schien mir fast noch absurder. Was verlangt so eine Liebes-Armee? Erhebt sie Anspruch auf meine Liebe und meine Zärtlichkeit? Will mir befehlen: Guck mal, der Mensch da ist total einsam, geh mal hin und knuddel den?

Einladung ins Trainingscamp

Wie sollte das auch erfasst werden, sowohl eine „gute“ Ration Liebe als auch das Maß der Einsamkeit? So interessant ich dieses Konzept fand, es löste unmittelbar Unbehagen in mir aus. Meine Liebe, meine Zärtlichkeit gehören mir allein und ich teile die, wie es mir passt, sagte eine trotzige Stimme in mir. Und, so leid es mir tut, das Kriterium dafür ist bestimmt nicht ein Highscore auf irgendeinem Einsamkeits-Ranking.

Ein halbes Jahr später landete in meinem E-Mail-Postfach eine Einladung zu einem Army of Love-Trainingscamp im holländischen Utrecht. Trainingscamp? Was wird da veranstaltet? Orgien? Psycho-Training? Stundenlanges Rumgespinne? Und wer geht zu sowas hin? Neo-Hippies, weltvergessene Künstler, Eso-Freaks? Wer glaubt denn im Jahr 2017 ernsthaft, das Liebe als politische Waffe taugen könnte? Das wollte ich wissen. Und fuhr hin.

Als ich zu spät in die erste Abendveranstaltung platzte, dachte ich, ich hätte mich in der Tür geirrt. In dem „Rekrutierungsvideo“, das bei der Berlin Biennale gezeigt worden war und das mein Bild von der Army of Love geprägt hatte, gleiten nackte Menschenpaare in Ringelreihen durch einen Swimmingpool. Junge und Alte, einige mit Behinderungen, kommen sich auf erstaunliche Weise nahe. Reden, kichern, kuscheln in blauem Schwimmbad-Licht. Irgendwie schön fand ich das, aber auch echt schräg, um ehrlich zu sein.

Hinter der Tür in Utrecht allerdings wartete eine Veranstaltung, die mich eher an ein Theorie-Seminar an irgendeiner Kunsthochschule erinnerte. Mädchen mit Dutt und Wollpulli, Leute mit hippen Jogging-Hosen, Undercuts, ein paar Piercings. Fast alle schlank, attraktiv, altersmäßig zwischen zwanzig und vierzig. Im Wechsel wurde ein Text vorgelesen, der mit der russischen Revolution und Liebe unter Genossen zu tun hatte.

Dass eine Army of Love, die ihren eigenen Ansprüchen gerecht werden will, aus sehr viel unterschiedlicheren Menschen bestehen müsste, wurde in der anschließenden Diskussionsrunde von vielen kritisch angemerkt. Wenn die aber nicht kommen, dann sei das eben so, sagt ein Mittvierziger-Mann, der wohl der Autor Ingo Niermann sein muss. Der blonde Pony fällt ihm über die Augen, er spricht mit leiser Stimme. „Wir müssen das nächste Mal unbedingt berücksichtigen, dass es für die meisten berufstätigen Menschen schwierig ist, ein Treffen zu besuchen, das von Mittwoch bis Samstag geht. Viele können auch nicht so weit anreisen. Da sind Studenten im Vorteil.“

Am Telefon hatte er mir gesagt, dass er auf keinen Fall der Anführer der Army of Love sein wolle. Tatsächlich hält er sich viel abseits und überhaupt: Es scheint niemanden zu geben, der die Army of Love kommandiert. Vielmehr zeigt sich am nächsten Morgen, dass die meisten der 20 Teilnehmenden genauso wenig wie ich wissen, was sie von dem Camp erwarten sollen.

Luisa zum Beispiel, eine Kunststudentin aus Deutschland, sagt in der Vorstellungsrunde, dass ihr das Konzept der Army of Love völlig unklar sei. Sie ist da, weil sie sowieso viel über Liebe und Intimität nachdenkt und herausfinden will, wie man das anders leben kann als in romantischen Paar-Beziehungen. Ariel, ein anderer Kunststudent, sieht es ähnlich, hofft aber, dass die Army of Love für seine Bachelor-Arbeit interessant sein könnte. Clara, eine Frau mittleren Alters, die an einer süddeutschen Kunst-Uni arbeitet, beschäftigt vor allem, wie die Gesellschaft Menschen auffangen kann, die in ihrer Familie Gewalt erfahren haben.

Manche in dem bunten Haufen Neugieriger waren schon öfter bei den Treffen dieser Army. Wie Aimar und Jaime, ein Paar, das inspiriert von Contact Improvisation – einem zeitgenössischer Tanz, der auf Berührungen basiert – die „Touching Impros“ entwickelt hat. Also die Anfass-Übungen, zu denen sie uns später anleiten werden. Ashiq, Mitte dreißig, dunkle Locken, trägt ein Shirt auf dem steht: „You're not dead yet.“

Plötzlich bin ich den Tränen nah

Nach der Vorstellungsrunde können Fragen in den Raum geworfen werden. Staci – eine Mitarbeiterin des Utrechter Kunst-Instituts Casco, das den Workshop ausrichtet – schreibt fleißig mit. Was ist Liebe, was ist Anziehung, was bedeutet Kümmern? Was ist eine gute Beziehung, was tut die Army of Love, was ist ihr Ziel und wer ist ein Soldat? Auf keine dieser Fragen scheint es definitive Antworten zu geben. Irgendwann ist einfach das Plakat vollgeschrieben. Und dann macht Milena, eine ältere Frau, die unter anderem in der Trauma-Bewältigung arbeitet, einige ihrer Übungen mit uns.

Wir setzen und zu zweit gegenüber. Vor mir: Lynn, eine Engländerin mit langen Haaren, Nasen-Piercing und viel Erfahrung in linken Projekten. Sie soll mir von einer Person erzählen, die sie respektiert. Sie weiß nicht, was sie sagen soll. Sie respektiere viele Menschen für bestimmte Eigenschaften, andere Eigenschaften respektiere sie an diesen Menschen aber nicht. Dann schweigt sie und zuppelt an ihren Haaren herum. Wir schauen uns direkt an, unsere Gesichter sind vielleicht einen Meter voneinander entfernt. Plötzlich sagt sie: „Du hast sehr schöne Augen.“ Wir erschrecken beide, genieren uns und rutschen die restliche Zeit auf unseren Stühlen herum.

Warum nur ist das so unangenehm, frage ich mich. Wie kann man sich so ausgeliefert fühlen, wenn man einfach nur voreinander sitzt und sich anschaut? Warum hat mich ihre Ehrlichkeit so erschreckt? Das war doch nett. Vielleicht ist sie jetzt nur verunsichert, weil ich bei ihrem Kompliment zusammengezuckt bin. Als wir die Partner wechseln, lächeln wir uns schüchtern zu.

In der nächsten Runde sitze ich vor Cora, einer Schweizer Studentin, dunkler Bob, feine Gesichtszüge. Ich soll eine Herausforderung in meinem Leben schildern. Wie bitte ...? Ich kenne die doch gar nicht! Also plappere ich vor mich hin, von wegen Herausforderungen zeigten sich ja oft erst im Nachhinein und so einen Quatsch. Cora schweigt und sieht mich mit ihren großen blauen Augen an. Irgendwann fällt mir keine Ausrede mehr ein. Und dann höre ich mich erzählen, dass ich mich vor ein paar Monaten getrennt habe, wie schwierig es ist, fair zu bleiben und wenn es nur im Kopf ist ...

Plötzlich bin ich den Tränen nah. So weit kommt's noch, dass ich bei dem Psycho-Treffen hier die erste bin, die anfängt zu flennen, denke ich mir und presse die Lippen aufeinander. Aber als Cora meine Geschichte zusammenzufassen soll, sagt sie nur einen Satz, dann muss auch sie schlucken und ihre Augen bekommen einen feuchten Glanz.

Als wir in der großen Runde zusammenkommen, um die Übung zu besprechen, scheint draußen die Sonne. Reihum nur gerührte Gesichter. Manche haben geweint, anderen lösen sich aus einer langen Umarmung. Erstaunlich, wie weich man wird, wenn jemand zuhört, sagt Jaime, der selbst die Anfass-Übungen anleitet. Laut denkt er darüber nach, warum es verunsichernd es ist, jemand drei Minuten ins Gesicht zu schauen. Aber wie befreiend, auch umgekehrt einfach schauen zu dürfen. Die ganze Gruppe wirkt ein bisschen benommen.

Während der nächsten Tage finden Vorträge und Gespräche zu Themen wie Sex-Arbeit, Schönheitsideale und „militanter Liebe“ statt. Ein alternativer Porno wird gezeigt, und viele weitere Fragen werden auf Plakate geschrieben. Aber es sind vor allem solche Gruppen-Übungen, die eine intensive, wenn auch schwer greifbare Wirkung entfalten: Die Face-to-Face-Begegnung genauso wie die „Touching Impro“ am nächsten Morgen, bei der man sich entscheiden kann, auf dem Boden zu liegen und angefasst zu werden oder selbst die Initiative zu ergreifen und andere zu berühren.

Ein riesiger Kuschel-Knubbel

Als wir die „Touching Impro“ wiederholen, passiert erst mal gar nichts. Alle liegen auf dem Boden und warten darauf, berührt zu werden. Niemand will mehr die Kontrolle übernehmen. Aber dann, Stück für Stück, kriechen die Leute zueinander, kuscheln sich seitlich an, schieben sich die Köpfe in den Schoß. Als wäre da ein Magnet unter dem Teppich, zieht es alle in die Mitte des Raums, wo sie sich ineinander verschlingen und zu einem riesigen Kuschel-Knubbel verschmelzen.

Auch ich liege halb über jemandes Brustkorb und halte ein Schienbein im Arm. Von hinten küsst jemand meinen Nacken, während meine Hand in einem anderen Bauch versinkt. Ich habe keine Ahnung, wem hier welcher Körperteil gehört. Es ist als wären wir zu einem zappelnden Zärtlichkeits-Organismus verschmolzen. Für einen Augenblick stelle ich mir vor, wie das wohl von außen aussieht – und muss laut lachen. Von irgendwo links kommt ein Kichern zurück. Jemand hat verstanden.

Das Herauswinden ist kompliziert. Kurz bekomme ich Panik, weil mein Kopf unter drei andere Rümpfen eingequetscht wird, so sehr sind alle miteinander verknotet. Aber irgendwie geht es doch, irgendwie geht dieser merkwürdige Moment vorbei und dann sind wieder alle allein mit ihren Körpern, trinken Tee und versuchen zu verstehen, was da gerade passiert ist.

Ich unterhalte mich mit Cora, die mir bei der Gesprächsübung gegenüber saß. „Ich bin wirklich froh, dass ich gekommen bin“, sagt sie mit geröteten Wangen. Sie sei nach diesen Tagen zu dem Schluss gekommen, dass die Army of Love ein Experimentierraum sei, um herauszufinden, wie wir Liebe großzügiger verteilen können. „Dass das geht, konnte ich gerade eben fühlen. So etwas muss man mit dem Körper verstehen, nicht mit dem Kopf.“

Ich selber bin für eine Weile sprachlos. Aber merkwürdig beschwingt. Man könnte ja denken, in so einem Kuschel-Knubbel, in dem man nicht weiß, wer wen wie kuschelt, würde Zärtlichkeit unpersönlich. Aber das stimmt nicht. Man kann da nämlich nur mitmachen, wenn man sich darauf einlässt, jeder und jedem ganz persönlich zu begegnen. Wenn man die Schranken, die man normalerweise zwischen sich und anderen hat, einfach mal runterlässt. Mir wird klar, wie oberflächlich ich oft bin. Wie blöd das eigentlich ist, nicht nur für die anderen, sondern auch für mich. Weil mich das von anderen fernhält. Dabei habe ich gerade eben auf dem Baummarktteppich gemerkt, wie sehr sich viele Menschen Nähe, Begegnung und Berührung wünschen. Ich inklusive.

Für Clara, eine Frau mittleren Alters, die in einer süddeutschen Kunst-Uni arbeitet, liegen die Dinge ein bisschen anders. Sie hatte sich vorgestellt, dass mehr darüber gesprochen würde, wie sich eine Army of Love in die Praxis umsetzen lassen könnte. „Diese Übungen sind schön, ich kenne so etwas aus Therapien. Aber diejenigen, die solche Begegnungen wirklich brauchen würden, die sind nicht hier. Und die würden bei so etwas auch gar nicht mitmachen.“ Wir spazieren in der Mittagspause am Deich entlang.

„Es gibt so viele Menschen, die gar nicht lieben können, weil sie zum Beispiel Gewalterfahrungen gemacht haben. Ich habe mir die Tools dafür mit den Jahren angeeignet, in all diesen Therapien, aber früher … da war alles nur auf Kampf gegen alle ausgerichtet.“ Als sie von der Army of Love hörte, dachte sie: Endlich wird Liebe mal thematisiert als etwas, das alle brauchen, aber viele nicht bekommen. Bisher könne sie allerdings nicht erkennen, wie sich das in eine Praxis umsetzen lassen soll. „Das ist hier so ein elitäres im Kopf und im Kreis Denken. Weil es zu keinen Ansatzpunkten fürs Handeln führt …“

Eine Liebesarmee als Geheim-Gemeinschaft

Dora García, eine spanische Künstlerin mit kurzen grauen Haaren und strengem Blick, sieht das anders. Sie glaubt, dass die langen Debatten wichtig sind, auch wenn die bis jetzt vor allem Fragen aufwerfen. Die spanische Künstlerin ist selbst erst seit einem Jahr dabei, gehört aber inzwischen zum Kern derjenigen, die die Army of Love bei allen möglichen Kunstfestivals präsentieren. „Aus meiner Sicht ist die Army of Love kein Service-Angebot. Ich stelle mir sie vor als eine Art Geheim-Gemeinschaft, der jeder angehören könnte. Bis jetzt allerdings ist die Army of Love ein Raum, um zu debattieren, wie Liebe als politische Waffe eingesetzt werden kann.“

Also nichts als eine theoretische Diskussion, eingebettet in ein bisschen Körper-Pädagogik? Dora schüttelt ungeduldig den Kopf. „Handeln entsteht aus Ideen. Ideen ändern die Realität. Ein Liebessoldat ist jemand, der sich auf eine Gedankenrevolution einlässt.“ Aber geht es bei der Liebe nicht mehr um Gefühle als um Gedanken? „Ich glaube nicht, dass man das trennen kann. Gefühle und Gedanken gehören zusammen. Und dass Liebe politisch ist, hat sich doch schon oft gezeigt. Bei der Schwulen-Bewegung zum Beispiel.“

Um genau so eine Liebe geht es ihr, sagt Dora: Um Liebe, die einen dazu bringt, Grenzen zu überwinden und die Menschen auf die Straße treibt. „Aber zuerst müssen wir herausfinden, wie Gemeinschaften entstehen, in denen die emotionalen Bedürfnisse von jeder und jedem beachtet werden. Und das ist, so viel ist klar, ein ziemlich widersprüchlicher Prozess.“

Wie unterschiedlich die Bedürfnisse nach Nähe sind und welche Nähe gewünscht ist, das zeigt sich auch in dem Camp. Für Luisa zum Beispiel waren die Anfass-Übungen nicht nur positiv. „Ich fand es erst total schön, aber dann hat ein Mann meine Brüste angefasst. Und nicht auf eine nette Weise! Da wurde so richtig reingegrapscht!“ Sie sei dann aufgestanden und habe den Kreis verlassen. So sehr sie der Gruppe inzwischen vertraut – bei dem Typ hat sie jetzt ein komisches Gefühl. Das äußert sie auch, ohne Namen zu nennen, in der Abschlussrunde des Camps. „Wir müssen alle lernen, sensibel mit den Grenzen anderer zu sein“, fordert sie entschlossen.

Später, während der Abschieds-Party und zwischen zwei Power-Balladen, sagt sie zu mir: „Ich glaube, die Message ist angekommen.“ Und dann hängt sie sich in meinen Arm und ruft „Ach! Und jetzt ist es schon vorbei! Komisch, dass jetzt alle einfach wieder fahren, jetzt, wo wir so eine Verbindung aufgebaut haben!“

Ashiq, Mitte 30, Musiker und Medienkünstler, hofft auch, dass sich die Gruppe wiedersieht. Trotzdem war das Camp in Utrecht aus seiner Sicht viel zu distanziert. „Wir haben uns überhaupt nicht damit beschäftigt, wie man Begehren ausdrücken kann. Wir sind uns nicht nah genug gekommen“, fasst er seine Sicht zusammen, als wir uns eine Woche nach dem Camp in Berlin auf einen Kaffee treffen. „Als ich nach Hause kam, war ich richtig verknotet innerlich. Hab mich total unsexy gefühlt. All die Diskussionen über Konzepte und Begriffe und Moral ... ich glaube, das ging nicht nur mir so. Ich habe da viel sexuelle Frustration im Raum gespürt.“

Das sei vergangenes Jahr bei der Wiesbaden-Biennale ganz anders gewesen. Da haben sie sich zwei Tage lang mit Übungen auf eine kollektive Performance vorbereitet. Und dann das Biennale-Publikum in die Kaiser-Friedrich-Therme eingeladen und dazu animiert, bei den Kuschel-Übungen mitzumachen. „Erst haben die Leute noch ihre ihre Handtücher umklammert und irritiert geguckt. Aber nach einer halben Stunde haben sich alle entspannt und mitgemacht.“ Während er davon erzählt, fangen seine Augen an zu leuchten.

Das heißt, frage ich nach, da haben dann die Army of Love-Leute mit dem Publikum gekuschelt? Und alle waren nackt? „Ja, genau!“ ruft er. „Das war total irre! Und hatte einen Effekt auf mich, der bestimmt einen Monat angehalten hat. Ich kam zurück nach Berlin und war so: Uuuh, Menschen sind so ... wow! Da habe ich mich anderen gegenüber ganz anders verhalten.“ Und sich dann scheiden lassen. Klar, das wäre ein längerer Prozess gewesen und habe viele Gründe gehabt. „Aber als ich aus Wiesbaden zurückkam, fragte ich mich plötzlich: Was zur Hölle mache ich in einer Ehe?“

Für ihn geht es bei der Army of Love darum, sich selbst zu erkunden und zu lernen, auf wie viele Weisen man lieben kann. „Das wirkt dann am Ende vielleicht wie Schwarm-Intelligenz. Jeder kümmert sich erst mal nur um sich und seine eigenen Beziehungen. Und am Ende ändert sich die Flugroute des ganzen Schwarms.“

Wenn kommenden das nächste Army of Love-Trainingscamp in Posen veranstaltet wird – 50 Jahre nach der 68er-Bewegung – will er wieder hinfahren. „Kommst du auch“, fragt Ashiq. „Du bist ja auch Teil des Ganzen jetzt.“

Bin ich das? Ich weiß es nicht. Zu Beginn des Camps war ich enttäuscht und erleichtert zugleich, denn eine Army of Love, wie sie in Niermanns Roman oder in dem Manifest entworfen wird, die gibt es nicht. Es ist schön, wenn Menschen bei so einem Treffen üben, ihre inneren Mauern überwinden. Aber ich bezweifle, dass das wirklich weit genug trägt und die Gesellschaft verändert. Die meisten meiner Fragen sind unbeantwortet geblieben. Ach, eigentlich sind es nur noch mehr Fragen geworden. Aber die Erkenntnis, dass die meisten von uns aus Coolness verstecken, wie gern sie anderen nah sein würden, die ist geblieben.

Als ich ein paar Tage nach meiner Rückkehr aus Utrecht auf einer dieser coolen Berliner Partys rumstehe, beobachte ich den üblichen Balztanz, bei dem jeder versucht, den besten Match des Abends zu erzielen. Ich sehe mich selbst beim Abchecken und Einsortieren, beim Posieren und Drapieren. Wie traurig, denke ich.


Esther Göbel hat beim Erarbeiten des Artikels geholfen; Theresa Bäuerlein hat ihn gegengelesen; das Aufmacherbild hat Martin Gommel ausgesucht (Unsplash / Pablo Heimplatz); Fotos im Artikel: Army of Love, Army of Love Training Camp (Utrecht), Video, 2017.