Suche nach Leichtigkeit

Der Traum vom Leben

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  • Zahlen aktualisiert 21. September, 19:07 Uhr
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Mit jedem Donner fahren die Gäste des Cafés kollektiv zusammen. Ein Mann am Nebentisch hält sich die Ohren zu, ein anderer fasst sich ans Herz, atmet mit geschlossenen Augen tief ein und aus. Sie blicken sich um, vergewissern sich, dass die anderen auch so reagieren. Wie Kinder, die Gewitter fürchten.

Ein beeindruckender Sturm hat sich über Gaza-Stadt zusammengebraut, mit grellen Blitzen und schepperndem Donner. Der Wind schlägt in die Plastikplanen, die die offenen Fenster des Restaurants im elften Stockwerk bedecken. Es donnert wieder, diesmal heftiger. Neben mir rutscht der Fotograf Ezz al Zanoon nervös auf dem Stuhl hin und her. Oh, mein Gott, sagt er. Wie im Krieg.

“Genau so klangen die Panzer”, sagt er. “Die Hubschrauber und Flugzeuge waren noch lauter.”

Eigentlich freut man sich in Gaza, wenn der Regen kommt. Regen ist selten, ein Segen, und in diesem Jahr gab es noch nicht viel davon.

In diesem Jahr erinnert man sich nur an den unnatürlich heißen Sommer. Und damit automatisch an den Krieg.

Es sind Momente wie dieser Abend im „Level Up“, in denen man die Dimension des Traumas erahnen kann, das die Bevölkerung des Gaza-Streifens erlitten hat.

Jeder spricht vom Krieg. Vor allem vom letzten, den alle als anders beschreiben, als die vorhergehenden von 2008 und 2012. Der Krieg von 2014 dauerte 50 Tage, und keiner kann ihn vergessen.

Es gibt zwei Möglichkeiten, nach Gaza zu reisen, keine von beiden ist einfach. Die ägyptische Grenze ist zwölf Autostunden von Kairo entfernt und meistens geschlossen. Um die Grenze von Israel zu überqueren, brauche ich einen israelischen Presseausweis, um den man sich vor der Anreise in Jerusalem bewerben muss. Das Pressebüro der Regierung ist top organisiert, alles verlief reibungslos.
Doch damit war es in diesem Jahr nicht getan. Seit dem letzten Krieg braucht man als Journalist von der Hamas-Regierung im Gaza-Streifen eine Aufenthaltserlaubnis - die man nicht selbst beantragen kann. Während des Krieges hatte es Probleme mit einigen Journalisten gegeben, die sensible Informationen weitergegeben haben. Das gefiel Hamas nicht, jetzt gelten andere Regeln. Man ist auf die Einladung einer Organisation angewiesen. Mir half das Doha Center for Media Freedom, eine Institution, die sich in Gaza für Pressefreiheit einsetzt und Workshops für junge Journalisten anbietet und ausländischen Gästen bei der Arbeit hilft.
Bleibt der eigentliche Grenzübergang. Erez liegt zwischen Israel und Gaza jenseits von Bushaltestellen und öffentlichen Verkehrsmittelanbindungen. Er ist riesig, die Fenster verglast, das Gebäude erinnert an einen Flughafen-Terminal. Der Grenzübergang wurde gebaut, als es Palästinensern aus Gaza noch erlaubt war, in Israel zu arbeiten. Tausende Palästinenser gingen hier einst ein und aus, bis 2006 die radikalislamische Hamas die Macht im Streifen übernahm und Gaza isoliert wurde.Jetzt ist Erez ausgestorben. Von den zwölf Schaltern zur Passkontrolle sind zwei geöffnet: einer für Palästinenser, einer für den Rest. Die einzigen Menschen, die mit mir kommen, sind Palästinenser, die nach dem Krieg in israelischen Krankenhäusern behandelt wurden.
Nachdem all meine Dokumente auf der israelischen Seite gecheckt sind - mit Anruf in der Medienabteilung der Regierung, ob die Pressekarte auch wirklich legitim ist - und die automatische Eisentür hinter mir schließt, führt ein hunderte Meter langer eingezäunter Gang nach Gaza.
Stille. Ich lasse die zehn Meter hohe Mauer hinter mir und gehe den Schlauch entlang. Links und rechts von mir sind Felder, in der Ferne sieht man einen Hirten mit seinen Schafen. Er grüßt freundlich. und wünscht mir viel Spaß in Gaza.

Zwei Monate habe ich im Gaza-Streifen verbracht. Ich entschied mich für die Reise in den Nahen Osten, nachdem ich eine dreimonatige Sierra-Leone- und Liberia-Reise wegen Ebola vorübergehend verschieben musste. Bereits im vergangenen Jahr war ich eine Woche in Gaza. Das war nicht genug, um den Ort zu verstehen, den man vermeintlich kennt, weil er alle Jahre wieder Schlagzeilen macht.

Das Bild, das wir von Gaza haben, ist nicht schön. Googelt man “Gaza”, sieht man schreckliche Fotos: brennende Ruinen, zerfetzte und verbrannte Kinder, schreiende Menschen. Menschen, die schrecklich leiden.

Zerstörung in Gaza, wo einst Häuser waren

Foto: Victoria Schneider

Doch es gibt ein Leben hinter diesen Bildern von Zerstörung und Krieg. Auf den ersten Blick könnte man sogar denken, der Alltag ist wieder eingekehrt in Gaza-Stadt: Morgens sieht man die Erwachsenen zur Arbeit hasten, mittags die Kinder in blau-weiß-gestreiften Schuluniformen von der Schule nach Hause schlendern. Freitags, am Ruhetag, gibt es nach dem Gebet frischen Fisch oder Makluba, ein traditionelles Reisgericht, danach starken Kaffee zur Verdauung, und abends verfolgt man mit Freunden und Familie gebannt, ob Haitham, der palästinensische Vertreter bei „Arab Idol“, es in die nächste Runde schafft. Es wird viel gelacht in Gaza.

Doch nach einigen Wochen spürt man die Schwere in den Herzen der Menschen. “Wir sind am Leben, aber wir leben nicht”, sagt Ahmed Baluscha, ein 25 Jahre alter Journalist und Social Media Aktivist aus dem Norden des engen Landstreifens. Er arbeitet für eine ägyptische Zeitung und für eine libanesische Organisation für Pressefreiheit. Auf Facebook postet er satirische Kommentare über den Alltag in Gaza, er ist einer von vielen begabten Kreativen, Dichtern, Tänzern, Malern, die ich hier kennengelernt habe.

“Man kann nicht mehr träumen in Gaza.” Wir spazieren auf der Haupteinkaufsstraße der Stadt, Rimal. Es ist ein Donnerstagabend, und ganz Gaza ist unterwegs. Er habe das vermisst während des Krieges, Freunde zu treffen, im Café zu sitzen, Rimal auf und ab zu gehen. “Wozu noch träumen? Egal, was man plant, immer kommt etwas dazwischen.” Ein Krieg, ein Machtwechsel, ein Terroranschlag.

Ahmed Balousha träumte vom Reisen. Vom Studieren im Ausland, von der Möglichkeit, nach dem Studium eine Karriere als Journalist zu starten. Von 24 Stunden Strom, einem eigenen Auto, normalem Leben.

Ein Gefühl dafür, wie klein der Gaza-Streifen ist, bekommt man in den oberen Etagen der Hochhäuser Gazas. Vom 16. Stock des Referee Buildings, ein Gebäude voller Medienfirmen und -instituten direkt am Strand, sieht man über die ganze Stadt und darüber hinaus: Links das Meer, silber schimmernd und ruhig, geradeaus, hinter dem dichten Häusermeer, den Hafen Ashkelons - Israel, rechts hinter dem dichten Häusermeer einen grüner Hügel - Israel, und hinter einem, ganz in der Ferne, sieht man wie das Meer einen Knick nach rechts macht - Ägypten. 360 Quadratkilometer ist der Gazastreifen groß, das entspricht nicht einmal der Fläche Bremens. Überall stößt man an Grenzen, wie ein Pinball in einem Flipper-Automaten: 42 Kilometer lang, 12 Kilometer breit an der breitesten Stelle, 8 Kilometer an der schmalsten. Minus jeweils ein, zwei Kilometer, die Israel zur Pufferzone gemacht hat. Kein Wunder, dass „Gazawis“ ein anderes Distanzverständnis haben: Rafah ist für die Menschen aus Gaza-Stadt eine Ewigkeit entfernt - 35 Kilometer, maximal 50 Autominuten gen Süden (je nach Verkehrslage). Weiter können sie nicht reisen.

Er sei von einem Gefühl der Schwere befallen, sagt Baluscha. “All diese Kriege, sie haben etwas mit uns gemacht, sie lasten auf unseren Körpern und Seelen.” Er schreibt jeden Tag, versucht der Situation mit schwarzem Humor zu trotzen. Doch seit dem letzten Krieg sei er müde. “Wie die Batterie meines Handys. Ich habe das Gefühl, ich müsste meine Batterie aufladen, aber das geht hier in Gaza nicht.” So wie die Handys ständig unaufgeladen bleiben, weil nie lange genug Strom da ist, habe sein Körper nie genug Energie.

Journalist Ahmad Baluscha (links) und Fotograf Ezz al Zanoon

Foto: Victoria Schneider

Nachts könne er nicht schlafen, weil der Generator des Nachbarn so laut rattere. Die Menschen, die es sich leisten können, haben die Maschinen, um die stromlosen Stunden zu überbrücken. Baluscha hasst die Generatoren, die abends Gazas Geräuschkulisse bestimmen. Sein Nachbar hat ein Falafelgeschäft.Nachts, wenn der Strom ausfällt, springt der Motor an, der genau hinter der Wand steht, an der er schläft. “Jede Nacht schlafe ich zum Rattern des Generators ein.” Er macht eine kurze Pause, bricht dann in Lachen aus: “Wenn der Strom wiederkommt und der Generator ausgeht, höre ich plötzlich ein Fiepen im Ohr, als würde etwas fehlen. Plötzlich fehlt mir das Geräusch des Generators.” Das sei Gaza, sagt er und lacht.

Ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit habe sich in der Gesellschaft breit gemacht, sagt Hasan Zeyada, der Leiter des Trauma-Zentrums in Gaza-Stadt. Alle seien traumatisiert, sagt der Psychologe, auch er selbst. Acht Familienmitglieder habe er im letzten Krieg verloren, darunter seine Mutter. “Wir versuchen die Menschen zu behandeln, aber alle drei Jahre fangen wir wieder bei Null an.”

Solange die Situation sich nicht ändere, könne das Trauma nicht geheilt werden. “Momentan reden wir nur von Erholung vom Trauma, aber nicht von Heilung.” Betroffen sei jeder in Gaza, vor allem die Kinder.

Der letzte Krieg sei deshalb so schwerwiegend gewesen, weil er sich gegen alle gerichtet habe, nicht nur gegen die politische Führung. “Keiner war sicher, alle fürchteten um ihr Leben, ihre Angehörigen, ihr Haus.”

Und diese Angst bleibt.

Die Kampfflugzeuge der Israelis haben den Himmel über Gaza bis jetzt nicht verlassen. Ein ständiges Surren liegt in der Luft, die israelischen Drohnen überwachen jede Bewegung im Streifen.

Am 2. November bekam ich eine E-Mail von der israelischen Pressestelle, dass die Grenzübergänge zum Gaza-Streifen bis auf Weiteres geschlossen bleiben. Es war die Woche, in der die Spannungen in Jerusalem ihren Höhepunkt erreichten, die Lage war angespannt. Ich war für eine Krautreporter-Recherche in der südlichen Grenzstadt Rafah. Dort war die Lage doppelt angespannt, da sich seit den tödlichen Anschlägen im Sinai auch die Beziehung Gazas mit Ägypten zugespitzt hatte. Der Rafah-Grenzübergang war bereits seit Wochen geschlossen.Im Sinai sprengten die Ägypter die Häuser, unter denen einst Tunnel verliefen. Die Explosionen erschütterten die ganze Stadt. Es war ein merkwürdiges Gefühl, das mich überkam, als ich diese E-Mail der Israelis sah: Jetzt war auch ich eingesperrt. Rafah zu. Erez zu. Und keiner wusste, was die nächsten Stunden oder Tage bringen würden.
Am Tag, als die Grenzen zugemacht wurden, flogen Dutzende israelischer Kampfflugzeug, F-16, über die Stadt. Die lokalen Journalisten sprachen von einem neuen Krieg in Gaza. Die Vorstellung, eingesperrt zu sein in diesem winzigen Streifen Land, war beunruhigend. Doch gleichzeitig wusste ich, dass ich die Nummer der Verantwortlichen für den Grenzübergang im Telefon habe, ich wusste, dass ich eine Benachrichtigung der Pressestelle bekommen würde, falls wieder Gewalt ausbricht. Ich wusste, dass ich irgendwie rauskomme. An jenem Tag bekam ich dennoch zum ersten Mal eine vage Idee davon, wie es sich anfühlen muss, wenn man all diese Optionen nicht hat . Wenn ein Krieg nahen könnte, man aber nicht fliehen kann.

Am Abend nach dem Terrorattentat in einer Synagoge in Jerusalem sitze ich im Wohnzimmer der Familie, bei der ich zu Gast bin. Es ist ein kleines Haus in einer engen Straße in Gaza-Stadt. Wie fast jede Nacht ist auch diese eine schwarze, stromlose Nacht, in der nur die batteriebetriebenen Lampen schwaches Licht spenden, hässlich und weiß. Die Menschen in Gaza haben derzeit zwischen sechs und acht Stunden Strom am Tag. Das bestimmt den Tagesablauf: Kommt der Strom nachts, schläft man tagsüber, um nachts zu lernen, zu arbeiten, im Internet zu recherchieren.

Dann hören wir die Flugzeuge, die die Schallmauer durchbrechen.

“Welcome back, F-16”, sagt Abier, eine der Schwestern der Familie. Als hätte sie das Donnern vermisst, so wie Ahmed Baluscha den Lärm des Generators.


Aufmacherfoto: Victoria Schneider: Ahmad Baluscha auf dem Balkon einer lokalen Radiostation


Victoria Schneider

Foto: Khaled Shaheen

Im Oktober reiste ich nach Gaza, um das Leben jenseits der schwarzen Fernsehbilder zu erkunden. Dies ist eine Reihe von Geschichten, die in den vergangenen zwei Monaten entstanden sind, über Menschen und ihre Versuche, sich von der Situation nicht unterkriegen zu lassen.