Darum wartest du so lange auf deinen Termin beim Arzt

Darum wartest du so lange auf deinen Termin beim Arzt

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Als ich von London nach Tübingen gezogen bin, habe ich einen Tag damit verbracht, dort eine neue Frauenärztin zu finden. Einen ganzen Tag! „Es können gerade keine neuen Patienten aufgenommen werden“ oder „Sie sind kein Privatpatient? Dann nicht“, bekam ich als Antwort am Telefon zu hören. Schließlich bin ich doch noch fündig geworden – mit doppeltem Glück: Denn bei jedem Termin habe ich bei meiner neuen Frauenärztin bis jetzt höchstens eine halbe Stunde gewartet. Das ist aber eher die Ausnahme. Mehrere Stunden Wartezeit sind normal.

Das frustriert nicht nur mich, das Problem ist weit verbreitet und bekannt. Das hat mir auch eine Umfrage unter Krautreporter-Lesern bestätigt. Wenn man überhaupt einen Arzttermin bekommt, ist die Uhrzeit oft nur eine vage Richtlinie. Dabei ist aber die Zahl der Ärzte in Deutschland in den letzten zehn Jahren kontinuierlich gestiegen. Warum also warten wir weiter stundenlang – und telefonieren unseren Ärzten hinterher, damit sie uns endlich behandeln?

Viele Ärzte klagen über Stress und zu viele Patienten. Brauchen wir also noch mehr Ärzte? Dann wäre eine logische Konsequenz, den Zugang zum Medizinstudium zu erleichtern. Genug junge Menschen, die Ärzte werden wollen, gibt es ja: Zahlreiche Bewerber bemühen sich jahrelang vergeblich um einen Studienplatz.

Leider ist es nicht ganz so einfach. Ich bin der Frage nachgegangen, was die Wartezeit beeinflusst. Dabei haben mir die Erfahrungswerte von 307 KR-Lesern geholfen, die bei meiner Umfrage mitgemacht haben, darunter auch Ärzte. Ich habe verstanden: Mehr Ärzte können zwar helfen, die Situation zu entschärfen, aber es gibt noch zahlreiche weitere Gründe, die deine Wartezeit beeinflussen können. Welcher Arzt darf wo arbeiten? Bist du privat oder gesetzlich versichert? Und wie ist die Praxis organisiert? Das sind nur einige davon.

Ausgebildete Ärzte arbeiten in unterschiedlichen Bereichen. Etwa 40 Prozent der berufstätigen Ärzte waren 2016 in der ambulanten Versorgung tätig, um diese geht es hier. Das bedeutet, sie arbeiten in einer Praxis, zu der du gehst, um dich untersuchen zu lassen, nach der Untersuchung gehst du dann aber wieder nach Hause. Mehr als die Hälfte der Ärzte war im stationären Sektor beschäftigt, also im Krankenhaus. Und rund sechs Prozent der Ärzte arbeitete bei Behörden und Körperschaften.

Wie lange du in der ambulanten Versorgung auf den Arzt wartest, hängt von den folgenden Aspekten ab:

  • Die Bedarfsplanung bestimmt, welcher Arzt wo arbeiten darf
  • Auf dem Land kann es schwieriger sein, einen Termin zu bekommen
  • Viele gehen zu oft zum Arzt
  • Bist du privat versichert, kommst du schneller dran
  • Auch Ärzte wollen Teilzeit arbeiten
  • Notfälle können die Wartezeit im Wartezimmer verlängern
  • Je besser der Arzt seine Praxis organisiert, desto kürzer musst du warten

Die Bedarfsplanung bestimmt, welcher Arzt wo arbeiten darf

Zunächst ist es wichtig zu verstehen, wie Ärzte in Deutschland verteilt sind. Es darf nämlich nicht jeder Arzt einfach dort eine Praxis aufmachen, wo er will. Das ist genauestens geregelt. Jeder Arzt, der gesetzlich versicherte Patienten ambulant behandeln möchte, braucht dafür eine Zulassung. Diese Zulassung ist wichtig, denn nur so kann der Arzt seine Leistungen über die gesetzlichen Krankenkassen abrechnen. Wo sich ein Arzt niederlassen darf, wird von zwei kompliziert klingenden Begriffen bestimmt, die aber durchaus Sinn machen, wenn man sie sich genauer anschaut: die Bedarfsplanung und der Versorgungsgrad.

Die Bedarfsplanung ist eine Zahl, die angibt, wie viele Ärzte pro Einwohner in einem bestimmten Gebiet benötigt werden. Daraus wird dann der Versorgungsgrad ermittelt. Das ist eine Prozentzahl, die aussagt, wie viele Ärzte im Verhältnis zur Bedarfsplanung tatsächlich in einem Gebiet praktizieren. Die Prozentzahl gibt also Auskunft darüber, ob in einem Gebiet Unter- oder Überversorgung herrscht. Ab einem Versorgungsgrad von 110 Prozent können keine neuen Ärzte in einem Gebiet eine Praxis eröffnen, dieses Gebiet ist dann gesperrt.

Festgelegt wird die Bedarfsplanung vom Gemeinsamen Bundesausschuss. Darin sitzen die Kassenärztliche Bundesvereinigung, welche die Vertragsärzte gegenüber den Krankenkassen vertritt, und die Krankenkassen selbst. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung kümmert sich darum, dass es wohnortnah für alle in Deutschland eine vertragsärztliche Versorgung gibt. Und sie will Fehlversorgung verhindern. Das ist wichtig, denn sonst kann der Fall auftreten, dass sich in einer besonders beliebten Gegend besonders viele Ärzte niederlassen und in einer anderen viel zu wenige. Deshalb ist entscheidend, wie genau der Gemeinsame Bundesausschuss den Ärztebedarf berechnet.

Dabei zieht der Ausschuss nicht nur die Zahl der Einwohner in Betracht, sondern berechnet auch verschiedene andere Faktoren ein, wie etwa Altersstruktur und Geschlechterverteilung in der Bevölkerung. Anhand dieser Zahl werden neue Zulassungen vergeben. Wenn du also das Gefühl hast, dass es in deiner Gegend zu wenige Ärzte eines bestimmten Fachbereichs gibt, ist das kein Zufall, sondern das Ergebnis einer genauen Kalkulation.

Trotzdem kannst du mit deinem Gefühl richtig liegen. Denn Theorie und Praxis klaffen hier teilweise weit auseinander. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung kommt zu dem Ergebnis, dass die Arztsitze in Deutschland nicht bedarfsgerecht verteilt sind. Laut der Stiftung sind die Faktoren, die in die Berechnung einfließen, nicht geeignet, um den tatsächlichen Bedarf zu ermitteln. Sie fordert, dass auch Faktoren wie Pflegebedürftigkeit und sozioökonomische Faktoren wie Arbeitslosigkeit und sozialer Status einbezogen werden. Erst das würde dazu führen, dass man sich dem tatsächlichen Bedarf besser annähern könnte, als das momentan der Fall ist.

Auf dem Land kann es schwieriger sein

Ich sagte ja bereits, dass der Bedarf an Ärzten auch anhand der Einwohnerzahl berechnet wird. In der Bedarfsplanung wird eine Zahl festgelegt, die bestimmt, wie viele Fachärzte im Verhältnis zur Menge der Einwohner benötigt werden. Allerdings ist diese Verhältniszahl je nach Region unterschiedlich. So muss ein einzelner Arzt auf dem Land laut dieser Zahl mehr Menschen versorgen als ein Arzt in einem Ballungsgebiet. Die Regelung sieht vor, dass Fachärzte auf dem Land 50 bis fast 130 Prozent mehr Einwohner versorgen müssen als ihre Kollegen in den Städten. Die Begründung dafür lautet, dass viele Patienten aus den ländlichen Gebieten sich in der Stadt mitversorgen lassen, weil sie zum Beispiel in der Stadt arbeiten, und dann auf dem Weg von der Arbeit nach Hause einen Arzttermin wahrnehmen.

„Das stimmt für einige Ärzte. Es gibt aber andere Arztgruppen, wie zum Beispiel Kinderärzte, für welche diese Argumentation nicht plausibel ist”, meint Stefan Etgeton von der Bertelsmann-Stiftung, der dort für das Programm „Versorgung verbessern – Patienten informieren” arbeitet. Deshalb fordert die Bertelsmann-Stiftung, dass die Verhältniszahl in diesem Fall angepasst wird.

Auf dem Land gibt es noch ein anderes Problem, das häufig mit dem Wort Landarztmangel beschrieben wird. Dabei geht es vor allem darum, dass nicht mehr so viele angehende Ärzte auf dem Land praktizieren wollen. Wenn es weniger Praxen auf dem Land gibt, kann das also zu längeren Wartezeiten führen. Um dem Ärztemangel auf dem Land entgegenzuwirken, hat der Gesetzgeber zu Beginn des Jahres 2017 den Masterplan Medizinstudium 2020 beschlossen. Dieser ermöglicht es den Ländern, eine Landarztquote einzuführen. Die Länder können dann bis zu zehn Prozent der hart umkämpften Medizinstudienplätze vorab an Bewerber vergeben, die sich verpflichten, nach Abschluss ihres Studiums als Hausarzt auf dem Land tätig zu sein.

Viele gehen zu oft zum Arzt

„Sind wir alle zu verwöhnt, dass wir ständig zum Arzt rennen?”, fragte sich einer unserer Leser in meiner Umfrage. Und fügte hinzu: „Nach Meinung meiner Frau gehe ich zu selten.” Aber er hat tatsächlich recht. Im Durchschnitt geht der deutsche Patient 17 Mal im Jahr zum Arzt. „Das sind sehr viele Kontakte – und längst nicht alle sind notwendig”, meint der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen. Die Folge: überlastete Ärzte, volle Wartezimmer. Dass wir öfter zum Arzt gehen, darauf hat auch der demografische Wandel einen Einfluss, also die Tatsache, dass es immer mehr ältere Menschen in Deutschland gibt.

Bist du privat versichert, kommst du schneller dran

Wie lange du auf den Arzttermin wartest, hängt auch davon ab, wie du versichert bist. Gesetzlich versicherte Patienten warten länger als privat versicherte. Das haben Studien belegt. Warum ist das so? Seit der Gesundheitsreform von 2007 muss sich jeder Deutsche versichern. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten, die gesetzliche oder die private Krankenversicherung. Dieses System geht weit zurück: Bismarck führte 1883 eine verpflichtende gesetzliche Krankenversicherung für Arbeiter in Fabriken ein. Andere Berufsgruppen konnten dieses System nicht nutzen – wenn sie sich versichern wollten, taten sie das anderswo.

Dieses zweigleisige System gibt es bis heute. Über 90 Prozent der Deutschen sind gesetzlich versichert, der Rest privat.
Wie man sich versichern will, kann man sich nicht immer aussuchen. Privat versichern kann man sich erst ab einem Einkommen von mehr als 57.600 Euro pro Jahr. Nur Beamte und Selbstständige dürfen auch unabhängig von ihrem Einkommen die private Krankenversicherung wählen. Diese Aufspaltung in gesetzlich und privat hat teilweise drastische Folgen: „Meine Lösung ist, dass ich mich manchmal privat behandeln lasse, obwohl ich das Geld nicht zurückerhalte, nur damit ich superschnell einen Termin bekomme und mir geholfen wird”, berichtete Krautreporter-Leser Martin. Und er ist nicht der einzige, der diesen Weg wählt.

Wenn du gesetzlich versichert bist, wartest du in dieser Praxis zwei Monate länger.

Aber warum warten gesetzlich versicherte Patienten länger? Es könnte daran liegen, wie Ärzte ihr Geld für die behandelten Patienten erhalten. Bei den gesetzlich Versicherten bekommen die Ärzte ihre Bezahlung über die Krankenkassen, und zwar pro abgeschlossener Behandlung und Quartal. Es gibt aber einen Höchstbetrag, den ein Arzt pro Quartal für seine Behandlungen bekommen kann. Deshalb kann es passieren, dass ein Arzt ab einem gewissen Punkt Kassenpatienten behandelt, dafür aber kein Geld mehr von den Kassen bekommt. Diese Behandlungen fallen dann einfach unter den Tisch. Der Arzt kann sie auch nicht im nächsten Quartal abrechnen.

Manche Ärzte versuchen deshalb, weniger dringende Behandlungen ins Folgequartal zu verlegen, um Budget-Engpässe ausgleichen zu können, berichtete mir ein Arzt, auf den ich durch meine Umfrage gestoßen bin. Er selbst handhabe das nicht so, sagt er zumindest.

Mit Privatpatienten erfolgt die Abrechnung anders. Sie sind die Vertragspartner des Arztes und bekommen von diesem eine Rechnung gestellt. Diese reichen sie dann bei ihrer privaten Krankenversicherung ein. So bekommt der Arzt also immer Geld von den Privatpatienten, die er behandelt hat.

Auch Ärzte wollen Teilzeit arbeiten

Viele junge Ärzte wollen keine eigene Praxis, sondern in Kliniken oder großen Praxen als Angestellte arbeiten. Das hat für sie den Vorteil, dass sie weniger eigenes Risiko tragen und zum Beispiel auch in Teilzeit arbeiten können. Das gibt ihnen die Möglichkeit, den Arztberuf mit Freizeit und Familie in Einklang zu bringen. Der Anteil der Ärzte, die weniger Stunden arbeiten wollen, nimmt zu. Das bedeutet gleichzeitig, dass mehr einzelne Mediziner benötigt werden, um die gleiche Menge an Arbeit zu leisten. Unter anderem deshalb fordert die Bundesärztekammer, die die Interessen der rund 496.000 Ärzte in Deutschland vertritt, dass mehr Medizinstudienplätze geschaffen werden müssen.

Notfälle verlängern die Wartezeit im Wartezimmer

Und dann ist es natürlich typisch für den Arztberuf, dass Unvorhergesehenes passiert. Eine Behandlung braucht unerwartet länger. Oder es gibt einen Notfall. Man kann als Patient also auch einfach Pech haben, und just an einem Tag in die Praxis kommen, an dem so etwas passiert.

Je besser der Arzt seine Praxis organisiert, desto kürzer musst du warten

Durch sein Praxismanagement kann ein Arzt beeinflussen, wie lange die Patienten warten. Das ist also eine wichtige Fähigkeit, die Ärzte während ihrer Ausbildung aber nicht unbedingt vermittelt bekommen. Auch das ist ein Grund dafür, dass es in manchen Praxen besser und in anderen schlechter läuft. In meiner Umfrage haben mir KR-Leser zahlreiche Ärzte empfohlen, bei denen sowohl die Wartezeit auf einen Termin als auch die Zeit im Wartezimmer sehr kurz ist. Ich habe mir angeschaut, was die gut organisierten Ärzte anders machen als ihre Kollegen.

Es gibt zwei unterschiedliche Systeme, wie ein Arzt seine Praxis organisieren kann: als Bestellpraxis oder als Laufpraxis. Bei einer Bestellpraxis muss man immer einen Termin ausmachen, es gibt keine offene Sprechstunde. Bei Laufpraxen ist das anders, jeder kann in einer offenen Sprechstunde vorbeischauen. Manche Bestellpraxen richten aber zum Beispiel eine sogenannte Schmerzsprechstunde ein, zu bestimmten Tagen und Uhrzeiten, zu der Patienten ohne Termin vorbeikommen können.

Außerdem hängt die Wartezeit natürlich auch davon ab, wie eng ein Arzt seine Termine taktet – und wie gut er einschätzen kann, wie lange er für eine Behandlung braucht. Dabei ist jede Praxis einem gewissen Druck ausgesetzt: Denn bezahlt wird der Arzt nicht nach der Zeit, die er für eine Behandlung aufwendet, sondern für jede abgeschlossene Behandlung – egal, wie lange er dafür braucht.

Die Taktung der Termine hängt aber auch von den Patienten ab. Zahnarzt Dr. Fauser (Name geändert) habe ich durch meine Umfrage gefunden. Er führt eine zahnärztliche Gemeinschaftspraxis im Ruhrgebiet. Er schätzt, dass zehn Prozent seiner Patienten gar nicht oder stark verspätet erscheinen. Für seine Terminplanung ist das natürlich eine Herausforderung. Er berichtet davon, dass manche Ärzte die Mindestvorlaufzeiten für ihre Terminvereinbarungen erhöhen, um die Wertigkeit der Termine für den Patienten zu steigern – und dadurch zu verhindern, dass Patienten oft kurzfristig abspringen. Das hört sich vielleicht abstrus an, aber sogar die Kassenärztliche Bundesvereinigung argumentiert in einer Studie, dass der Termin durch eine Wartezeit mehr Wertigkeit bekomme.

Durch die gesetzliche Krankenversicherung, so die Studie, habe jeder Versicherte, unabhängig von seinem Einkommen, den gleichen Zugang zu ärztlichen Leistungen. Patienten, die für die Behandlung nicht bezahlen müssen, gehen mit Terminen deshalb lässiger um. Deswegen sei eine anderweitige Regulierung notwendig. „Wartezeiten stellen ökonomisch betrachtet Kosten für den Wartenden dar. Durch diesen ‚Preis‘, den Wartezeiten einer Behandlung zuordnen, lässt sich die Nachfrage reduzieren. Das heißt, anstatt Leistungen bzw. medizinische Güter denjenigen zu verkaufen, die am meisten bezahlen, erhalten diejenigen die medizinische Versorgung, die bereit sind, am längsten dafür anzustehen”, heißt es in der Studie.

„Davon halte ich nichts”, meint Dr. Fauser. „Denn schließlich hat jeder was von kurzen Wartezeiten: die Patienten, der Arzt und die Arzthelfer. Es ist einfach für alle angenehmer.” Nach diesem Prinzip arbeitet er in seiner Praxis. Er versucht das Konzept des Lean-Managements auf seine Praxis zu übertragen, das ursprünglich aus der industriellen Fertigung stammt. Wichtig dabei ist zum Beispiel der Grundsatz des „Just in time”.

Fauser versucht also, die Wartezeiten zwischen verschiedenen Behandlungsschritten für den Patienten so klein wie möglich zu halten. „Dabei ist auch mein Team von Bedeutung”, meint er. Seine Angestellten bindet er in die Planung der Arbeitsabläufe ein. Sie kennen die Details der Terminplanung und müssen flexibel reagieren können, falls etwas Unvorhergesehenes in der Planung passiert. „Und meine Mitarbeiter müssen einschätzen können, wie schnell ein Patient wirklich einen Termin braucht.” Nur so könne er die Abläufe für alle gut gestalten.

Das funktioniert zum Beispiel, indem seine Arzthelfer die Dringlichkeit des Termins am Telefon abfragen. „Außerdem sollten Angestellte auf falsche Abläufe aufmerksam machen dürfen. Ärzte und Angestellte sollten zum Beispiel gemeinsam über die Ursachen reden, wenn Behandlungen deutlich länger ausfallen als geplant.”

Natürlich lässt sich ein Industrie-Konzept aber nicht eins zu eins auf eine ärztliche Behandlung übertragen. Ein Arzt ist mit viel mehr unvorhergesehenen Ereignissen konfrontiert, als das am Fertigungsband der Fall ist. „Aber genau deshalb ist die gute Organisation so wichtig. Dann können wir auf solche Fälle auch angemessen reagieren”, meint Dr. Fauser.

Warum aber organisiert dann nicht jeder Arzt seine Praxis so wie Dr. Fauser?

„Die Praxis läuft ja in den meisten Fällen so oder so okay für den Arzt”, meint der Doktor. Deshalb gebe es keinen starken Druck zur Veränderung. Ein Arzt ist nicht gezwungen, Feedback von außen, etwa von den Patienten, anzunehmen. Seine eigene Motivation ist also entscheidend.

Aber es gibt noch weitere Möglichkeiten, die Wartezeit zu verringern, die unabhängig von einzelnen Ärzten funktionieren. Eine Möglichkeit sind digitale Lösungen, zum Beispiel eine Online-Terminvergabe auf der Webseite des Arztes. Dieses System kann das Arztpersonal entlasten. Und kommt Patienten entgegen, die nicht in der Warteschleife hängen wollen, um einen Termin auszumachen – oder dafür zum Beispiel nur spät abends oder am Wochenende Zeit haben.

Online buchen kannst du Termine unter anderem über das Internetportal jameda. Das ist eine Plattform, auf welcher Patienten ihre Ärzte bewerten können. Seit 2015 kann man dort auch Termine buchen. Allerdings geht das nicht für jede Praxis. Ärzte brauchen dafür ein Profil auf jameda und müssen dieses dann für die Online-Terminbuchung freischalten. Wie viele Ärzte das sind, will Anne Schallhammer von jameda nicht verraten. Von der Patientenseite aus sei das Bild aber positiv. „Die Online-Terminbuchung wird von den Patienten sehr gut angenommen”, meint sie. Und fügt hinzu: „Eine Studie aus dem Jahr 2015 hat gezeigt, dass 96 Prozent der Patienten, die online einen Termin gebucht haben, dies wieder tun wollen.” Wie viele Termine pro Monat über die Plattform vermittelt werden können, sagt sie nicht, es sei aber eine Zahl im fünfstelligen Bereich. Noch eine andere Idee hat KR-Leserin Simone und schlägt eine Wartezeiten-App fürs Wartezimmer vor: „Da könnte man doch eine App erfinden oder ein Nummernsystem auf Basis der tatsächlich anwesenden Patienten, das mir sagt, wie lange ich wirklich warten muss – dann kann ich zur Not nochmal zwischendurch woanders hingehen.”

Auch der Gesetzgeber bemüht sich, Wartezeiten zu verkürzen – zum Beispiel durch das sogenannte Versorgungsstärkungsgesetz. Es legt unter anderem fest, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen seit 2016 Terminservicestellen einrichten müssen. Bei diesen Stellen kannst du anrufen, sie müssen dir innerhalb der nächsten vier Wochen bei einem Facharzt einen Termin vermitteln. Im Jahr 2016 wurden so rund 120.000 Termine vergeben.

Eine weitere Idee sind Medizinische Versorgungszentren: Mehrere Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen arbeiten dabei zusammen in einem großen Praxiszentrum. Etwa 2.490 solcher Zentren gibt es in Deutschland, ihre Anzahl ist seit der Einführung im Jahr 2004 stark angestiegen. Weil hier unterschiedliche Fachbereiche zusammenarbeiten, sind die Wege kürzer, was unter Umständen die Wartezeit verringert. In manchen solcher Zentren ist die Terminvergabe zentral geregelt, was die einzelnen Ärzte entlasten kann. Das könne man aber nicht pauschalieren, sagte mir Angelika Niemier, Leiterin der Geschäftsstelle des Bundesverbandes Medizinische Versorgungszentren. Bei manchen Zentren gibt es diese positiven Effekte, bei anderen nicht.

Es gibt also durchaus vielversprechende Ansätze, die dafür sorgen könnten, dass wir kürzer auf unsere Termine warten müssen. Die strukturellen Probleme werden sich aber nicht auf die Schnelle lösen lassen. Und deine Wartezeit hängt auch immer vom einzelnen Arzt ab. Mein Tipp: Das Beste draus machen und in der Wartezeit mal wieder ein gutes Buch lesen. Diese Strategie haben mir einige KR-Leser genannt. Oder du schaust dir die internationalen Vergleiche der Wartezeiten an. Das hilft dir nicht unbedingt weiter, wenn du selbst wieder länger im Wartezimmer sitzt. Aber das ist doch ein Trost: Im Schnitt wartet man in den meisten Ländern länger auf den Termin als in Deutschland.


Danke an die 307 KR-Leser, die an meiner Umfrage zum Thema teilgenommen haben. Ihr habt mir sehr geholfen!

Esther Göbel hat bei der Erarbeitung des Textes geholfen; gegengelesen hat Theresa Bäuerlein; Martin Gommel hat das Aufmacherbild ausgesucht (iStock / AleksandarNakic).