Wie Deutschlands Vorzeigeprojekt ins Stocken geriet, verständlich erklärt

Wie Deutschlands Vorzeigeprojekt ins Stocken geriet, verständlich erklärt

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Der Roboter hatte sich geschickt seinen Weg durch Reaktor Nummer 3 im japanischen Atomkraftwerk Fukushima gebahnt. Er brachte an jenem Tag im Juli 2017 zum ersten Mal Bilder mit aus den strahlenden Trümmern des sechs Jahre zuvor bei einem Tsunami havarierten Meilers. Experten hatten nach der Katastrophe vergeblich versucht, die Klumpen geschmolzenen Brennstoffs zu orten, um die beim Super-GAU zerstörte Anlage abzubauen. Ein kleiner Meilenstein, aber dennoch wichtig: Denn der zerstörte Reaktor verseucht Tag für Tag die Umwelt und produziert einen unvorstellbar riesigen Berg an Atommüll, von radioaktivem Wasser, vergiftetem Schlamm, Erde und kontaminierten Schutzanzügen. Bis zu eine Million Jahren muss er sicher verschlossen bleiben und wird noch unzählige Generationen nach uns beschäftigen.

Im Einzelnen hat die Atomkatastrophe unter anderem mehr als 1.000 Container mit 65.000 Kubikmeter verseuchter Schutzkleidung, einige Millionen Kubikmeter kontaminierte Erde und fast eine Million Tonnen verseuchtes Kühlwasser in 1.000 Tanks hinterlassen. Täglich kommen 150.000 Tonnen hinzu. Das radioaktive Wasser wird, soweit es geht, dekontaminiert, was aber nicht vollständig möglich ist. Tritium bleibt zurück. Das verseuchte Wasser von Fukushima soll nun ins Meer abgelassen werden.
Interessant dazu ist auch dieser Greenpeace-Report. Die gesundheitlichen Folgen für die Japaner sind noch immer unabsehbar. Mehr als hundert Kinder sind bereits an Schilddrüsenkrebs erkrankt.

Das Atommüllproblem zeigt: Wir brauchen neue Energien. Energien, die unsere Umwelt weniger belasten. Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte deshalb angesichts der Katastrophe von Fukushima im Jahr 2011 mit einem Machtwort die Energiewende in Deutschland: „Die Energie der Zukunft soll sicherer sein und zugleich verlässlich, wirtschaftlich und bezahlbar. Wir können als erstes Industrieland der Welt die Wende zum Zukunftsstrom schaffen.“ Sechs Jahre sind seither vergangen. Um das Projekt ist es still geworden. KR-Leser Ralf möchte wissen: Was ist inzwischen eigentlich passiert?

Was war die Energiewende noch mal?

Gegen den Widerstand der Energiekonzerne setzt Angela Merkel im März 2011 den vollständigen Ausstieg aus der Kernkraft bis 2022 durch. Die sieben ältesten abgeschalteten Atomkraftwerke und das Kernkraftwerk Krümmel sollen nicht wieder ans Netz gehen. Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) macht klar, dass spätestens bis 2021 von den 17 deutschen Meilern 14 stillgelegt sein werden. Lediglich die drei modernsten sollen als Reserve noch ein Jahr länger bereitstehen. Dafür sollen die erneuerbaren Energien ausgebaut werden. Das sind Wasserkraft, Windenergie, Sonnenenergie, Geothermie und Strom aus Biomasse. Die Kohlendioxid-(CO2)-Emissionen sollen ebenso gesenkt werden wie der Stromverbrauch. Der Bau neuer Kraftwerke und Speicher soll beschleunigt und der Ausbau der Netze vorangetrieben werden.

Ist die Energiewende ein Projekt Merkel?

Was wie ein Merkelscher Plan klingt, ist ein ursprünglich rot-grünes Projekt. „Atomkraft? Nein danke!“, ist der Gründungsgedanke der Partei Die Grünen im Jahr 1980. Der grüne Protest gegen die Castor-Transporte ins Atommülllager Gorleben und gegen die zentrale Wiederaufarbeitungsanlage für abgebrannte Brennstäbe in Wackersdorf wird zum Inbegriff der deutschen Anti-Atomkraft-Bewegung. Ihre ersten Gemeinderats- und Kreistagsmandate erringen Grüne besonders in der Nähe von Kernkraftwerken. Als die Partei 1998 erstmals in die Bundesregierung einzieht, übernimmt Grünen-Politiker Jürgen Trittin das Bundesumweltministerium von der damaligen Ministerin Angela Merkel. Sie hatte das Amt, das die Reaktorsicherheit sogar im Namen trägt, seit 1994 inne. Erneuerbare Energien standen in dieser Zeit nicht auf ihrer Agenda. Erst die rot-grüne Regierung beschließt im Jahr 2000 das Ende des Atomstroms. Zehn Jahre später macht die nun schwarz-gelbe Koalition unter Angela Merkel eine Rolle rückwärts, verlängert die Laufzeiten wieder und besiegelt damit den Ausstieg vom Ausstieg. Erst Fukushima bringt die Wende. Deutschland wird weltweit zum Vorbild für Klima- und Umweltschutz.

Was war nochmal das Erneuerbare-Energien-Gesetz?

Das sogenannte Atomgesetz (Gesetzestext) und das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) legen die Einzelheiten fest. Das im Jahr 2000 verabschiedete Gesetz schreibt erstmalig vor, dass Strom aus erneuerbaren Energien gegenüber konventionell erzeugtem Strom Vorrang hat. Die Gesetzesnovelle von 2012 (EEG 2012) ist ein wichtiger Meilenstein, denn sie definiert konkrete Ziele: Der Anteil der erneuerbaren Energien am Stromverbrauch soll 2020 mindestens 35 Prozent betragen, 2030 dann 50 Prozent, 2040 mindestens 65 und 2050 schließlich 80 Prozent. Finanziert werden soll das nach dem Willen des Gesetzgebers durch die eigens eingeführte EEG-Umlage. Konsumenten zahlen dafür heute knapp 7 Cent pro Kilowattstunde Strom. Die großen stromintensiven Unternehmen und Schienenbahnen sind von der EEG-Umlage hingegen befreit, damit sie wettbewerbsfähig bleiben, wie es heißt.

Auch Futterhersteller, Recyclingfirmen, Braunkohletagebaue, Molkereien, Schlacht- und Verkehrsbetriebe bekommen Rabatte, obwohl sie kaum ins Ausland abwandern könnten. Das sorgte für Kritik auch in der EU-Kommission, die darin unzulässige Beihilfen sah und 2016 vor dem Europäischen Gerichtshof Recht bekam.

Was ist denn das Problem an den konventionellen Energien?

Erdöl, Gas, Kohle oder Uran sind bis heute die wichtigsten Quellen, um Energie zu erzeugen. Aber sie schaden Klima und Umwelt massiv, ihre weltweiten Vorkommen sind begrenzt und werden nach Schätzungen von Experten in 50 bis 200 Jahren aufgebraucht sein. Öl und Gas muss Deutschland teuer importieren.

Kohle ist die schmutzigste Energiequelle. Von den jährlich rund 350 Millionen Tonnen Kohlendioxid (CO2), die deutsche Kraftwerke ausstoßen, um Strom zu gewinnen, stammt die Hälfte aus Braunkohlekraftwerken. Ziel der Bundesregierung ist es, den CO2-Ausstoß bis 2020 um 40 Prozent zu reduzieren – gegenüber 1990. Dafür müsste eine ganze Reihe älterer Kraftwerke vom Netz gehen, was bislang unter anderem am Widerstand der Bundesländer mit den meisten Revieren, Nordrhein-Westfalen und Brandenburg, scheiterte.

Auf der UN-Klimakonferenz in Paris 2015 einigten sich die Teilnehmer auf eine neue internationale Klimaschutz-Vereinbarung in Nachfolge des Kyoto-Protokolls. Ziel ist es demnach, bis 2030 die Emissionen um 55 Prozent, bis 2040 um 70 Prozent und bis 2050 um 80 bis 95 Prozent zu reduzieren. Laut einer neuen Studie des Forschungsinstituts Climate Analytics müsste die EU bis spätestens 2031 alle Kohlekraftwerke abschalten, um die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens zu erreichen.

Aber es werden doch sogar neue Kohlekraftwerke gebaut?

Deutschland ist schon heute europaweit der größte Kohlenutzer und hat etwa 150 Stein- und Braunkohlekraftwerke. Und noch immer planen die Energieunternehmen neue Standorte, unter anderen in Mannheim, Profen in Sachsen-Anhalt oder Hamburg. Allein die neuen Kohlekraftwerke würden im Jahr 2050 mehr Klimagase ausstoßen, als Deutschland insgesamt noch emittieren darf.

Fakt ist, dass der Anteil von Energie aus Wind, Sonne, Biomasse und Wasserkraft an der gesamten Stromerzeugung im Jahr 2000 bei nur gut 6 Prozent lag. Im vergangenen Jahr ist er auf 29 Prozent gestiegen, wobei der Anteil der Windkraft mit 11,9 Prozent am höchsten ist. Im gleichen Zeitraum ist der Anteil an Atomstrom von einem Viertel auf 13 Prozent gesunken (eine Übersicht über die aktuellen Energiequellen gibt es hier). Während bis 2022 der Ökostrom gut ein Drittel ausmachen soll, wird die Kernenergie komplett wegfallen. Die verbleibenden 65 Prozent der Energieversorgung beruhen dann auf Kohle oder Gas. Deren Anteil steigt in diesem Szenario also sogar.

Die Energieexpertin Claudia Kemfert macht in ihrem Buch „Das fossile Imperium schlägt zurück“ darauf aufmerksam, dass wir schon heute alle Atommeiler abschalten könnten und dennoch nicht weniger Strom zur Verfügung hätten als zuvor. Zwei der sieben Kraftwerke laufen allein für den Bedarf der französischen Nachbarn. Warum wird nicht abgeschaltet? Allein, weil es Verträge mit den Energieunternehmen gibt, die darauf ihr Geschäft aufbauen.

Warum ist die Energiewende ins Stocken geraten?

Die Energiewende ist ein riesiges, politisch gewolltes Unterfangen, das Unternehmen und Gesellschaft mittragen müssen. Sie ist eine der größten innenpolitischen Herausforderungen für Angela Merkel. Ein Megaprojekt, das handfeste wirtschaftliche Interessen betrifft. Entsprechend mächtig und zahlreich sind die Player, die sich auf diesem Feld bewegen. Da ist einmal die Politik: Obwohl der Bund bei der Wende führt, haben die Länder dennoch viel Macht, sie können den Ausbau vorantreiben oder mit eigenen Klimaschutzgesetzen blockieren. Dann sind da die alten Energieerzeuger. Sie verlassen die Arena nicht kampflos. Hinzu kommen Klimaskeptiker und Umweltschützer, Bürgerinitiativen und Netzbetreiber. Und sie alle bringen ihr eigenes Heer an Experten mit, die mit ihren Studien Argumente liefern.

Am meisten bremsen die Wende das Problem des Netzausbaus (Netzausbauplan, PDF) und die fehlenden Speichermöglichkeiten für den erzeugten Strom, sagen die Skeptiker. Den Netzbetreibern zufolge würde die Energiewende zusätzlich 3.800 Kilometer neue Netze benötigen, und 4.400 bereits bestehende Kilometer müssten aufgerüstet werden, um die Windenergie aus dem windreichen Norden in die Industriegebiete im Süden zu leiten. Befürworter sagen, die neuen Energieautobahnen seien längst da. Sie dienten allerdings längst nicht nur den Erneuerbaren, in erster Linie transportierten sie Strom aus konventionellen Quellen. Gleichzeitig laufen Bürger Sturm gegen die neuen geplanten Trassen, denn sie wollen verhindern, dass Strommasten ihre Grundstücke zerstören.

Im Jahr 2012 hatten die vier großen Übertragungsnetzbetreiber Tennet (Tochter der E.ON), 50Hertz Transmission (vormals Vattenfall Europe Transmission), Amprion (RWE) und TransnetBW (Tochter von EnBW) ihren Netzentwicklungsplan vorgelegt (PDF). Um die Windenergie von Nord nach Süd zu leiten, seien 32 Milliarden Euro Investitionen zu veranschlagen.

Ein weiteres Problem: Die Sonne scheint nicht immer und der Wind weht manchmal nur schwach, wir brauchen aber auch an windstillen und sonnenarmen Tagen Strom. Deswegen ist es wichtig, den erzeugten Strom speichern zu können, und dazu benötigt man die entsprechenden Technologien. Lösungen wie dezentrale Wärmespeicher oder Power-to-Gas-Anlagen seien inzwischen entwickelt, sagen die Befürworter. Aber wenn sie tatsächlich so gut sind, müssten sie sich doch längst durchgesetzt haben, antworten die Skeptiker.

Verbraucherschützer sagen, dass die Lasten der Energiewende ungerecht verteilt seien. Der Endverbraucher zahlt für die EEG-Umlage drauf, während die großen Unternehmen keinen Beitrag leisten müssen. Für besondere Empörung beim Umweltverbänden sorgte der Deal zwischen Bundesregierung und Atomkonzernen, nach dem sich die vier Energieriesen RWE, E.ON, EnBW und Vattenfall mit 23 Milliarden Euro von der Haftung für ihren Atommüll freikaufen konnten. Das Restrisiko bis in alle Ewigkeit liegt nun beim Steuerzahler.

Nach Berechnungen der Wirtschaftsprüfer von Warth & Klein für das Bundeswirtschaftsministerium sollen sich die Kosten für den Rückbau der Kraftwerke und die Entsorgung der Brennstäbe bis 2090 auf 169,8 Milliarden Euro summieren. Dass diese Kosten noch beträchtlich steigen werden, ist nach Ansicht der Experten wahrscheinlich. Verhandlungsführer auf Seiten der Regierung war Ex-Umweltminister Jürgen Trittin.

Ist die Energiewende nun gescheitert?

Die Frage ist letztlich gar nicht so einfach zu beantworten. Laut einem aktuellen Bericht der Energy Transitions Commission könnten innerhalb von 15 Jahren 80 bis 90 Prozent der Stromversorgung weltweit mit erneuerbaren Energien abgedeckt werden, wenn die Länder die geeigneten Strategien entsprechend umsetzen würden. Gescheitert ist die Energiewende also noch nicht. Sie ist weiterhin möglich. Aber die Vision von einer Welt mit sauberem Strom hat sich im Hick-Hack der Einzelinteressen verloren.

Angela Merkel hat in diesem Jahr das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz zulasten der Energiewende wieder novelliert. Darin drosselt sie den Ausbau der grünen Energien, besonders dort, wo Bürger sich engagieren (Hintergründe liefert dieser Artikel).

Diese Ziele werden nicht erreicht

  • In der Praxis bedeutet dies, dass in den kommenden Jahren nur der Atomstrom durch erneuerbare Energien ersetzt werden wird, nicht aber der Strom aus fossilen Trägern.
  • Auch sinkt der Stromverbrauch zu langsam, das Ziel, ihn bis 2020 um zehn Prozent (gegenüber 2008) zu senken, ist also nicht mehr zu schaffen. Dafür hätte bereits 2013 das Etappenziel von 589 Terrawattstunden erreicht werden müssen. Doch noch im vergangenen Jahr lag der gesamte Stromverbrauch in Deutschland mit 593 Terrawattstunden deutlich höher.
  • Der Preis für eine Kilowattstunde Strom hat sich seit dem Jahr 2000 für die Verbraucher mehr als verdoppelt, während die Preise am Spotmarkt nicht gestiegen sind, also dort, wo die Energieversorger zusätzliche Strommengen in der Regel für den darauffolgenden Tag kaufen, um Schwankungen auszugleichen.
  • Also werden die Verbraucher noch auf lange Sicht die finanziellen Hauptlasten tragen. Der steigenden Preise wegen können sich immer mehr Menschen ihren Strom nicht leisten. Im Jahr 2015 klemmten deshalb die Versorger mehr als 350.000 Haushalten den Strom ab.
  • Auch die CO2-Emissionen sinken nicht ausreichend, weil wir zu viele fossile Energien verbrauchen. Nach einem internen Papier des Bundesumweltministeriums vom Oktober 2017 wird das Klimaziel deutlich verfehlt, bis 2020 die Emissionen um 40 Prozent zu senken. Ohne ein Nachsteuern sei bestenfalls ein Minus von 32,5 Prozent zu erwarten.
  • Photovoltaik und Bioenergie werden faktisch nicht mehr ausgebaut.
  • Die Klimaschutzziele von Paris, die Treibhausgase in der zweiten Jahrhunderthälfte auf null zu reduzieren, werden scheitern.

KR-Leser Sebastian, selbst Energieexperte, sieht folgende Gründe für das Stocken der Energiewende: „Die verfügbaren und wirtschaftlichen Flächen für Wind sind zum großen Teil schon ausgebaut. Potenziale wurden geraubt, weil der erforderliche Mindestabstand von Windrädern zu Häusern deutlich vergrößert worden ist. Die Quellen für Wasserkraft sind schon (seit langem) zum größten Teil genutzt. Flächen für Biomasse konkurrieren mit Nahrungsmitteln und sind auch schon gut genutzt. Fehlende Speicher machen konventionelle Kraftwerke noch relativ lange unersetzbar (So sehr mir dieser Fakt als Fan von regenerativen Energien weh tut).“


Danke an KR-Leser Ralf für seine Frage zur Energiewende und an KR-Leser Sebastian, Carlo, Björn, Christian, Evelyn und Mariana für die hilfreichen Hinweise. Diesen Text haben wir in der Krautreporter-Recherchegruppe vorbereitet. Tretet ihr bei, wenn ihr hinter die KR-Kulissen schauen wollt.

Bei der Erarbeitung des Textes hat Rico Grimm geholfen; gegengelesen hat Theresa Bäuerlein; Martin Gommel hat das Aufmacherfoto ausgesucht (iStock / acilo).