„Manche Freier meinen, sie können mit den Frauen alles machen“

„Manche Freier meinen, sie können mit den Frauen alles machen“

, etwa %minutes% Minuten Lesedauer

Neulich habe ich mit einer Prostituierten geredet, die gerade ein Kind gekriegt hatte. Bis zum neunten Monat musste sie auf der Straße stehen, dann hat sie im Krankenhaus ihren Jungen zur Welt gebracht. Ein paar Tage später stand sie wieder auf der Straße. Sie brauchte das Geld ja zum Überleben. Wir unterhalten uns also, und als ich weggehe, fährt ein Freier im Auto heran und nimmt sie mit unter die U-Bahn-Brücke. Am liebsten wäre ich hingegangen und hätte den Mann aus dem Auto gezerrt.

Ich bin eigentlich ein friedliebender Mensch. Aber das sind Situationen, da steigt in mir der Zorn hoch. Es gibt Männer, die meinen, sie können mit den Frauen machen, was sie wollen, weil sie das Geld in der Tasche haben. Und es braucht sich keiner einbilden, dass sie nur die Frauen nehmen, von denen sie wissen, dass sie es freiwillig machen. Das kann auf dem Straßenstrich und in den osteuropäischen Bordellen keiner beurteilen. Alle Freier, die dort Sex kaufen, machen sich meiner Meinung nach schuldig.

Meine Kirchengemeinde ist auf der gleichen Straße wie der Straßenstrich. Wenn ich früher abends aus dem Gottesdienst herauskam, ging ich an den Frauen und ihren Zuhältern und den drogenabhängigen Prostituierten und Strichern vorbei. Mit diesem Kontrast konnte ich nicht umgehen. Also habe ich vor zwölf Jahren angefangen, mich in einer Teestube für Prostituierte und Drogenabhängige zu engagieren. Als die schließen musste, haben meine Frau und ich und andere Freiwillige 100 Meter weiter eine alte Kneipe zum Beratungscafé umgebaut und einen Verein gegründet. Am Anfang haben wir auch männliche Stricher und Drogenabhängige reingelassen, aber dann gab es einen eiskalten Winter mit 18 Grad Minus und Schneetreiben. Die Männer saßen alle bei uns drinnen und hatten es schön warm, während ihre Frauen draußen auf der Straße angeschafft haben, um das Geld für die Drogen zusammenzubekommen. Da haben wir gesagt, so geht das nicht. Ab jetzt lassen wir nur noch die Frauen rein.

Streetworker Gerhard Schönborn

Christian Wilker

Inzwischen gibt es Menschenhandel auf offener Straße

Hier in Berlin in der Kurfürstenstraße stehen sowieso kaum noch Männer, die selbst anschaffen. Dafür sieht man extrem viele Frauen aus Osteuropa. Der Straßenstrich hat sich in den letzten Jahren massiv verändert. Als ich mit dieser Arbeit angefangen habe, standen die Frauen nur abends auf der Straße. Jetzt sind sie 24 Stunden täglich da. Das hat mit der EU-Osterweiterung zu tun. Ich mache den Wandel immer an der WM 2006 fest, da sind zum ersten Mal ganze Gruppen von bulgarischen Frauen hier aufgetaucht. Nach der WM sind die zwar wieder abgezogen, aber es kamen andere nach. Mittlerweile gibt es Menschenhandel auf offener Straße. Viele Frauen, besonders die aus Ungarn und Rumänien, sind unter der Knute von Zuhältern. Ich merke es daran, dass sie sich nicht von ihrem Platz wegbewegen und nichts von uns annehmen dürfen, wenn wir mit Tee, Kaffee, Süßigkeiten oder Kondomen vorbeikommen. Zumindest nicht, solange der Zuhälter in Sichtweite ist. Ich merke es auch daran, wie die Frauen sich ausdrücken: „Ich muss bis fünf Uhr morgens arbeiten“, zum Beispiel.

Es gab Revierkämpfe hier, die ungarischen Zuhälter haben ganze Straßenabschnitte besetzt und ihre Frauen auf alle gehetzt, die nicht für sie gearbeitet haben. Die haben dann zu siebt auf eine bulgarische Frau oder eine Drogenabhängige eingetreten. Da gab es Verfahren wegen schwerer Körperverletzung, die irgendwann eingestellt wurden, weil man den Tätern nichts nachweisen konnte. Aber alle Frauen wissen, wo sie stehen dürfen und wo nicht. Die Zuhälter kassieren dafür auch noch Standgelder.

Manche der Frauen sind schon ein paar Jahre hier und sprechen ganz gut Deutsch, andere können nur drei Wörter. Einmal hatten wir am Abend im Café noch geschmierte Brote und Teilchen da, und ich wollte sie ein paar neuen Frauen anbieten, die gerade aus Ungarn angekommen waren. Die haben überhaupt nicht verstanden, was ich von ihnen wollte. Keine war älter als 21, das ist hier der Standard. Als ein Freier vorfuhr, holte eines der Mädels Zettel heraus und las ihm mühsam die Preise vor. Es war klar, dass sie selbst kein Wort davon verstanden hat.

Sex zu jedem Preis und auch ohne Kondom

Deutsche Frauen sieht man hier kaum noch stehen. Weil die Konkurrenz durch die Osteuropäerinnen so groß und die Preise so niedrig geworden sind. Und weil die Freier mittlerweile Dinge verlangen, die für die Deutschen nicht infrage kommen. Hier auf der Straße und in vielen Bordellen ist Sex ohne Kondom normal. Viele Frauen werden gezwungen, das anzubieten. Wenn ich an ihnen vorbeigehe und sie mich nicht erkennen, sagen sie sofort „Ficken, Blasen, ohne Schutz“. Das ist sozusagen das Standardprogramm, das sie anbieten müssen. Bei den deutschen Frauen mit ihren deutschen Zuhältern wäre das undenkbar gewesen. Die arbeiten jetzt entweder in nobleren Bordellen oder haben sich „normale“ Jobs gesucht. Ich kenne eine, die inzwischen als Altenpflegerin arbeitet und da mehr als auf der Straße verdient. Selbst Hartz IV und der Anspruch auf eine Wohnung wäre für die osteuropäischen Prostituierten ein Traum. Die Freier zahlen ihnen 20 bis 30 Euro und versuchen noch, das auf zehn, manchmal fünf Euro zu drücken. Die fahren mit dem Auto ihre Kreise und warten, bis sie eine Frau finden, die zu allem bereit ist, für jeden Preis und auch ohne Kondom.

Für die Zuhälter spielt die Gesundheit der Frauen keine Rolle. Das war früher auch anders. Wenn eine Frau geschlagen wurde, hat man ihr das nicht angesehen. Jetzt siehst du Frauen mit blauen Flecken und verheulten Augen, daraus machen die Zuhälter sich nichts.

Viele Frauen haben keine Wohnung. Die schlafen in Imbissen, in Hinterhöfen und Hauseingängen. Oder bei Stammfreiern. Das sind dann zum Beispiel Hartz-IV-Empfänger, die ein zweites Zimmer haben und sich mit den Prostituierten etwas dazuverdienen. Die Frauen müssen ihnen 20 bis 30 Euro pro Nacht zahlen und sie auch noch sexuell bedienen. Wir haben Frauen hier, die für ihren Schlafplatz 700 Euro und mehr im Monat zahlen.

Natürlich ist es für mich hart, dass ich vieles mit ansehen muss, ohne mehr tun zu können. Die Polizei kann die Zuhälter nur aus dem Verkehr ziehen, wenn die Frauen aussagen. Die sind aber meistens so eingeschüchtert, dass sie das nicht tun wollen. Ich kenne eine Frau, die zwei Kinder in Ungarn hat und der gesagt wurde, dass sie die Kinder nie wiedersehen wird, wenn sie vor Gericht geht. Ich kann es keiner Frau verdenken, die sich nicht zu reden traut.

Deutschland ist für Zuhälter ideal

Manche der Frauen kenne ich seit zehn Jahren und länger, auch welche, bei denen ich weiß, dass sie die Arbeit nicht freiwillig machen. Ich kann nur für sie da sein und ihnen zeigen, dass sie kein Dreck sind, sie aufbauen und ihnen Hoffnung geben. Und wenn sie um Hilfe bitten – beim Jobcenter oder vor Gericht –, dann machen wir das. Im Moment passiert das bei den Prostituierten, die „nur“ aus Armut anschaffen, relativ viel. Wir arbeiten hart an unseren Kapazitätsgrenzen, weil die Hilfen so viel Zeit in Anspruch nehmen. Die Frauen haben oft keine Wohnungen, keine Krankenversicherung und noch nicht einmal einen Personalausweis. Viele Osteuropäerinnen leben seit Jahren hier, existieren aber offiziell nicht wirklich, weil sie nie gemeldet waren und keine Miete gezahlt haben. Also haben sie auch keinen Anspruch auf irgendwelche Leistungen oder Hartz IV.

Das Prostitutionsgesetz von 2002 halte ich für katastrophal. Es hat die idealen Voraussetzungen für Zuhälter geschaffen, um Frauen aus anderen Ländern hierherzubringen, weil der Strafrechtsparagraf in Bezug auf die Förderung der Prostitution abgeschafft wurde. Klar, ausbeuterische Zuhälterei ist immer noch strafbar. Aber wer will das nachweisen? Wäre ich Zuhälter – ich würde nach Deutschland gehen. Ich würde mit meinem ungarischen Auto hier vorfahren und die Frauen auf die Straße stellen, und wenn ich die mit Drohungen im Griff habe, kann mir gar nichts passieren, außer sie sind minderjährig. Denn das kontrolliert die Polizei.

Jetzt gibt es auch noch das Prostituiertenschutzgesetz. Ich finde daran im Wesentlichen die Regulierung der Bordelle gut, die war überfällig, und die Kondompflicht. Sie stärkt die Frauen, weil sie jetzt dem Freier sagen können, dass er sich strafbar macht, wenn er ihr 30 statt 20 Euro für Sex ohne Kondom anbietet. Das Ideal wäre für mich aber, dass es gar keine Prostitution geben würde. Und ich finde es mittlerweile sinnvoll, die Freier zu bestrafen. Ich war lange skeptisch, was ein Sexkaufverbot wie in Schweden angeht. Aber inzwischen denke ich, dass es vernünftig ist, weil dann ein Bewusstseinswandel stattfindet. Für die schwedischen Männer ist es einfach nicht mehr selbstverständlich, ihre Bedürfnisse an Frauen auszulassen oder ihren Junggesellenabschied im Bordell zu feiern. Jemand, der heiratet und vorher zu Prostituierten geht, kann damit in Schweden nicht mehr protzen. Der Bewusstseinswandel ist ganz entscheidend, denn jeder Mann, der umdenkt, entfällt als potenzieller Kunde.

Aber ein Bewusstseinswandel bringt gar nichts, wenn man die Frauen im Regen stehen lässt. Ohne Ausstiegshilfe ist ein Sexkaufverbot sinnlos, denn die Frauen prostituieren sich ja oft aus einer realen Not heraus. In Frankreich hat man einen Etat für Ausstiegsprojekte festgelegt, das müsste auch hier passieren. Auch in Deutschland müsste massiv Geld in die Hand genommen werden, um den Frauen zu helfen.

„Es muss wehtun, wenn sie sterben“

Wenn man mich fragt, wie ich diese Arbeit aushalte, dann sage ich, dass ich mich absichtlich nicht abgehärtet habe. In meiner frühen Zeit gab es eine junge drogenabhängige Prostituierte, die schon zwei Herzklappen-OPs hinter sich hatte und auf der Straße lebte. Dann hat sie sich wieder infiziert, und die Ärzte konnten sie nicht noch einmal operieren, weil sie das nicht überlebt hätte. Zu ihrem 21. Geburtstag habe ich sie mit Torte im Krankenhaus besucht, und wir haben gefeiert. Ein paar Tage später ist sie gestorben. Sie war eine tolle junge Frau, so liebenswert und fröhlich. Ich war sehr traurig, und ich habe mich gefragt, wie ich mit so etwas umgehen soll. Ob es nicht besser wäre, einen Panzer zu haben. Aber dann habe ich gedacht: Wenn ich mit diesen Frauen arbeiten will, muss ich mich auch verletzlich machen, und es muss wehtun, wenn sie sterben. Sonst wären sie mir nicht wertvoll, und das würden sie auch merken. Ich halte die Traurigkeit aus. Ich denke immer, was die Frauen aushalten, ist viel schlimmer.

Wenn man jetzt glaubt, ich komme abends kaputt und ausgelaugt nach Hause, ist das falsch. Ich habe bei unserem Verein einen 30-Stunden-Job, mache Fundraising, Öffentlichkeitsarbeit und Freiwilligenmanagement. Die Arbeit im Café und auf der Straße mache ich zusätzlich ehrenamtlich. Früher habe ich für einen Abgeordneten im Bundestag Öffentlichkeitsarbeit gemacht, da habe ich natürlich mehr verdient. Aber ich kriege lieber weniger Geld für etwas, für das mein Herz brennt, als irgendwo 40 Stunden im Büro zu sitzen und mich nach dem Feierabend zu sehnen. Das ist jetzt gar nicht so.

Es ist auch wichtig, dass wir nicht die Helfer sind, die den Frauen von oben herab die Hand reichen. Die Frauen haben ja auch etwas zu geben, das sind oft ganz großartige Menschen. Neulich hat mir eine Frau aus dem Kreißsaal Fotos von sich und ihrem Baby geschickt. Das war gerade zur Welt gekommen und noch ganz verschrumpelt. Es gab keinen Kindsvater und keine Familie, also hat sie in ihrer Freude das Foto per Whatsapp an mich geschickt. Da merkt man auch, dass man wertvoll für die Frauen ist.


Dieser Text ist Teil meiner Serie „Was ich wirklich denke“, in der ich Menschen zu Wort kommen lasse, die interessante Berufe haben oder in herausfordernden oder besonderen Lebenssituation sind. Trifft das auf Dich zu und willst Du davon erzählen? Dann melde Dich unter: theresa@krautreporter.de

Thomas Kaiser hat den Text bearbeitet; Martin Gommel hat das Aufmacherbild ausgesucht: iStock / microgen