Was über Venezuelas Sozialismus nicht erzählt wird

Was über Venezuelas Sozialismus nicht erzählt wird

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Während die Menschen in Venezuela auf der Straße um ihre Zukunft kämpfen, ist der deutsche Blickwinkel oft bemerkenswert arrogant. Dabei ist es wichtig, auch die Perspektive der Venezolaner zu sehen. Denn die zeigt nicht nur zerstörte Hoffnungen, sondern erinnert auch daran, dass deutsche Politik kaum ein Vorbild für Südamerika sein kann.

Die aktuellen Reportagen und Kommentare betonen die Not der Bevölkerung und die Repressionen der Regierung Nicolás Maduros. Nach einer – wegen der Einschüchterung der Opposition und Wahlmanipulationen – problematischen Abstimmung war Maduro 2013 Präsident geworden und so Hugo Chávez gefolgt. Warum aber Venezuela die sozialistische Regierung unter Chávez so lange getragen hat, bleibt meist unbeleuchtet.

Die Deutschen fällen eitle Urteile

Dabei wäre es in einer zunehmend globalisierten Welt nur folgerichtig, die Geschichte anderer Regionen zu verstehen. Deutsche Experten tun aber lieber so, als hätten sie es schon immer gewusst: Wo Sozialismus anfängt, hört die Vernunft auf. Doch damit hat man noch lange nichts erkannt. Der Erfolg der sozialistischen Politik von Hugo Chávez in den Jahren vor der Krise gründete nicht nur in Träumereien weltfremder Menschen, sondern war auch eine klare Ansage an den globalen Norden: ¡Ya basta! Es reicht!

Ich halte es für ignorant, wenn etwa in der FAZ behauptet wird, nur „Vergessliche“ seien naiv genug gewesen, einem Hugo Chávez zuzuklatschen. Und wenn Wallstreet Online nach dem Sinn von sozialistischen Experimenten fragt – „Wie oft will man das Experiment denn noch wiederholen? Wo hat es funktioniert?“ –, dann geht es weniger um ein Interesse an Venezuela als um die Bestätigung des eigenen Weltbilds. Selbst bei Krautreporter hieß es zum politischen Projekt unter Chávez lapidar: „Er wollte die Wirtschaft diversifizieren, und er dachte, der Staat könnte das besser als private Unternehmer.“

Was hinter der Wirtschaftskrise steckt

Es stimmt ja: Das Wirtschaftsmodell Venezuela ist gescheitert. Der Chávismus wäre ohne Ölgelder nicht möglich gewesen. Seine Grundlage war ein überteuerter Ölpreis zur Jahrtausendwende. Der hohe Preis machte das venezolanische Rohöl erst exportierbar.

Während in anderen Ländern die Quellen nur so sprudeln, muss das in Venezuela besonders schmutzige Rohöl aufwendig aus Schieferschichten geholt werden. So war der wirtschaftliche Aufschwung des Landes in den 2000er Jahren abhängig von einem vergleichsweise sehr hohen Weltmarktpreis. Seit dem Absturz des Ölpreises 2014 lohnt sich die Erschließung der Quellen kaum noch. Und ohne die Einnahmen aus dem Ölexport fällt jetzt auch die staatliche Sozialpolitik in sich zusammen.

Doch das ist nur ein Teil der Geschichte. Viel zu selten wird in Deutschland der Versuch unternommen, sich der Krise aus einer venezolanischen Sicht zu nähern. Dabei geht es nur bedingt darum, mit möglichst vielen Menschen aus Venezuela zu sprechen (auch wenn das freilich nicht schaden kann). Interessanter ist die Frage, warum Hugo Chávez so viel Zuspruch für seine Politik in diesem Land hatte.

Vom Aufstieg des Hugo Chávez

Chávez war die venezolanische Antwort auf eine Medizin, die die Analytiker nun gleich wieder verschreiben wollen. Denn nachdem Venezuela über Jahre den Empfehlungen des „Washington Consensus“ gefolgt war, war der Boden für Chávez’ Militärputschversuch 1992 und den anschließenden Wahlkampf überhaupt erst bestellt.

Hugo Chávez kam an die Macht, als in Washington „Strukturanpassungen“ gepredigt wurden, die für die Länder Südamerikas in den 80er und 90er Jahren den Kahlschlag staatlicher Leistungen bedeuteten.

Die meisten Menschen verstörte wohl vor allem die Kälte, mit der existenzielle Fragen wie Investitionen und Privatisierungen nach dem Willen der Reformer entschieden werden sollten. Schnell war klar, dass die Wirtschaftseliten des globalen Nordens wenig Interesse an den Bedürfnissen der Menschen in den betroffenen Regionen hatten. Auf Klagen und Proteste antworteten sie mit dem Mantra: Ist die Struktur erst einmal angepasst, dann kommt es schon – das allmächtige Wachstum.

Wie Priester am Altar beteten sie vor, der Heilsbringer Strukturanpassung würde Wachstum schaffen und Arbeitsplätze für die erzürnten Armen. Sie rammten Staudämme in die Täler und privatisierten Ländereien. An die Küsten setzten sie kapitalistische Enklaven, die Wohlstand am Fließband produzieren sollten. Überall pflanzten sie die gleichen, tiefgekühlten Einkaufzentren in die monströsen Städte. Wie Schlösser thronten diese bald über den Slums der vom Land geflüchteten Kleinbauern. Buße leistend für ihre Unproduktivität, errichteten die Armen aus Holz gezimmerte Albträume in den Vororten der Hauptstädte. Mit der Strukturanpassung kam Veränderung, aber kaum Verbesserung.

Hugo Chávez durchbrach die monotonen Gebete und machte die Stimmen einer gebeutelten Weltregion hörbar. Er gab den Menschen in Südamerika die Vision zurück, dass sie selbst Politik bestimmen und gestalten können. Natürlich stieß diese Stimme auf wenig Gegenliebe bei den europäischen und US-amerikanischen Eliten.

Ein neues Bündnis brachte Hoffnung

Denn mit Chávez bekam die Übermacht der Nordamerikaner im Süden Risse. Bill Clintons Liberalismus und der mit George W. Bush wiedererstarkte militärische US-Imperialismus hatten in Chávez einen Antagonisten gefunden, hinter dem sich schnell weitere Präsidenten in Südamerika in Stellung brachten.

Evo Morales zum Beispiel, der als erster Indigener zum Präsidenten Boliviens gewählt wurde. Und Daniel Ortega in Nicaragua, der alte Kommandant im Kampf gegen die CIA und Paramilitärs, hatte dem jungen Bush gar nicht gepasst. Noch kurz vor der Wahl, 2007, sagte der US-Präsident, Ortega sei eine Gefahr für den Frieden. Es war der Versuch, dem Revoluzzer die Wähler zu verscheuchen.

Zusammen mit den Genossinnen und Genossen in Kuba schlossen diese Politiker ein neues Bündnis. Sie setzten die Ideale Simón Bolívars auf die Agenda. Der Revolutionsführer der Unabhängigkeitskriege diente als historisches Vorbild für ein wehrhaftes und gerechteres Südamerika. Unter dem Mantel des Bolívarismus suchten die neuen Politiker nach Wegen, Solidarität über Staatsgrenzen hinweg zu ermöglichen. Sie gründeten die Bolívarianische Allianz für Amerika (ALBA) und förderten Programme für Alphabetisierung und Gesundheitsversorgung.

Die Politiker der ALBA waren vor allem in einem wesentlichen Punkt anders als die meisten südamerikanischen Präsidenten der 80er und 90er Jahre: Sie fügten sich nicht ohne Widerworte den Vorgaben aus dem Norden. Und so lässt sich auch verstehen, warum die politischen Eliten aus Washington und ihre Partner aus Europa Chávez von Anfang an verteufelten – und jetzt den Untergang Venezuelas als Selbstverständlichkeit verkaufen wollen.

Was kommt nach der Krise?

Natürlich steht es „westlichen“ Kommentatoren frei, Regierungen in Südamerika zu kritisieren. Ja, Chávez’ Sozialismus versinkt im Chaos, noch ehe er richtig hat Fuß fassen können. Evo Morales’ indigene Bewegung kann sich von rassistischen Zügen nicht immer freisprechen. Daniel Ortegas Kumpanei mit den Kirchen mag gerade auf die Genossinnen in Europa befremdlich wirken. Ich denke nicht, dass die Probleme und Dilemmata verschwiegen werden sollten. Was aber intellektuell und historisch nicht angeht, ist, die Suche nach anderen Entwicklungsmodellen für Lateinamerika als Spinnerei abzutun.

Das Vermächtnis von Hugo Chávez und seinen Gefährten und die Wege ihrer Politik lässt sich durchaus unterschiedlich bewerten. Der politische Sozialismus Chávez’ wird sich unter den Mühen und Leiden der Menschen in Venezuela zu etwas Neuem wandeln müssen. Das kann aber nicht heißen, dass man dort an den Lippen selbsternannter Ökonomie-Masterminds in Deutschland zu hängen hat.

Schon bald werden die politischen Bewegungen in Südamerika fragen, wo neue Vorbilder sind. In Trumps Washington werden sie die kaum finden, und Europa bietet Venezuela lediglich das Bild an, das Griechenland nach dem Strukturwandel abgibt. Die Südamerikaner werden sich also weiter umsehen – und wahrscheinlich auf eine Region blicken, in der sich Millionen Menschen aus Hunger und drängendster Armut befreit haben. Dorthin, wo in den vergangenen 30 Jahren – ohne strukturelle Anpassungen aus Washington – größte wirtschaftliche Dynamik herrschte: Südostasien.

Wer mit seinen Idealen auf diese Welt einwirken will, sollte es sich nicht zu leicht machen. Ja, Venezuelas Krise und ihre Gründe liegen auf der Hand. Doch die Kritiker müssen auch die Geschichte und Bedürfnisse der Menschen Südamerikas verstehen, um sie von den eigenen politischen Vorstellungen zu überzeugen.

Es ist einfach, den Finger in die Wunde des gescheiterten Wirtschaftsmodells Venezuelas zu legen. Die schwierigere Frage lautet, wie echte Alternativen für Lateinamerika im 21. Jahrhundert aussehen könnten.


Theresa Bäuerlein hat den Text mitentwickelt; Thomas Kaiser hat ihn bearbeitet; Martin Gommel hat das Aufmacherbild ausgesucht: iStock / Thaddeus Robertson