Angriff oder Verteidigung?

Krieg dem Deutschen Fußball-Bund

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Rund 2.000 Fans von Dynamo Dresden marschieren im Armee-Outfit durch Karlsruhe, zünden Rauchbomben, Feuerwerkskörper, Bengalos, stürmen das Stadion und erklären dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) den Krieg. 36 verletzte Beamte und Ordner meldet die Polizei.

Medien, Politik und Verband verurteilen die Aktion mit scharfen Worten, „eine neue Stufe der Eskalation“ sei erreicht, sagt DFB-Vize Rainer Koch. Bundesinnenminister Thomas de Maizière wünscht sich die Fans „hinter Schloss und Riegel“. Pegida-Mann Lutz Bachmann gratuliert via Twitter. Die Tageszeitung „Die Welt“ fühlt sich an „Wehrmachtsfilme“ erinnert und sieht in dem „faschistoiden“ Verhalten der Dresdner den Beweis, dass es sich hier um „Anti-Demokraten, Systemverächter und notorische Gewalttäter“ handelt, „die sich nicht scheuen, ihre dumpfe Gesinnung nach außen zu tragen“.

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Viele Fußballfans finden die Aktion der Dynamo-Fans zum Spiel in Karlsruhe hingegen gut. Am darauffolgenden Wochenende, dem 20.Mai, letzter Spieltag in den drei Bundesligen, erklären sich Fankurven in München, Magdeburg, Leverkusen, Berlin, Hamburg, Gladbach, Duisburg und weiteren Stadien solidarisch und entrollen ebenfalls Banner mit dem Spruch „Krieg dem DFB“.

Beim DFB-Pokalfinale eine Woche später skandieren die Zuschauer von Eintracht Frankfurt und Borussia Dortmund minutenlang abwechselnd: „Scheiß DFB“ – in der Halbzeitpause geht das Konzert von Schlagersängerin Helene Fischer im Pfeifkonzert unter.

Es lohnt sich, die aufwändig geplante Aktion der Dynamo-Fans in Karlsruhe einmal genauer anzusehen und mit Menschen zu sprechen, die dabei waren oder zu einer Ultra-Bewegung gehören. Jeder Verletzte bei einem Fußballspiel ist ein Verletzter zu viel – keine Frage. Ich will Gewalt in keiner Weise rechtfertigen. Aber ein differenzierter Blick auf die Geschehnisse und den Protest der Fans ist notwendig, um über vier wichtige Fragen sachlicher reden zu können:

  • Warum sind die Fans so wütend?
  • Eskaliert die Gewalt im Fußball tatsächlich?
  • Wie kann die Sicherheit im und um das Stadion erhöht werden?
  • Sind die Ultras von Dynamo Dresden eine paramilitärische Einheit, die für Dunkeldeutschland kämpft?

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Fußball ist der Deutschen liebstes Hobby. Allein die rund 25.000 Vereine unter dem Dach des DFB haben knapp sieben Millionen Mitglieder (zum Vergleich: Mitglied in einer Partei sind knapp 1,3 Millionen Deutsche). Mehr als 21,5 Millionen Zuschauer haben in der Saison 2015/16 eine Begegnung der ersten drei Bundesligen live im Stadion verfolgt.

Das Land Bremen ist kürzlich vor Gericht gezogen, um sich die Kosten für den Polizeieinsatz während des Hochrisikospiels Werder Bremen gegen den Hamburger SV von der Deutschen Fußball Liga (DFL) erstatten zu lassen.

425.718,11 Euro habe allein dieser eine Einsatz die Hansestadt gekostet. In erster Instanz wurde die Klage abgewiesen, von dem Berufungsverfahren wird allerdings eine Grundsatzentscheidung erwartet. In den ersten vier Ligen werden jährlich rund 3.000 Partien ausgetragen. Auch Nicht-Fußballfans zahlen mit ihren Steuern die mehr als zwei Millionen Einsatzstunden der Polizei mit, die dabei anfallen.

Der Konflikt der Ultra-Gruppierungen mit dem mächtigen DFB hat aber noch eine weitere Dimension: Ultras beschweren sich seit langem darüber, dass sie kriminalisiert werden durch Stadion-, Platz- und Reiseverbote, polizeiliche Erfassung und Speicherung von persönlichen Daten ohne Anlass und rechtliche Grundlage, Nacktkontrollen am Einlass und zuletzt sogar mit einer mehrjährigen Abhöraktion der sächsischen Polizei bei Hunderten Fußballanhängern und deren Freunden, Verwandten und Arbeitskollegen, teilweise ohne konkreten Strafverdacht und am Ende ohne Ergebnisse – ein Skandal, der außerhalb der Fankurven kaum Beachtung fand.

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Wenn wir über das Verhältnis von DFB, Polizei und Ultras reden, reden wir auch über die Belastungsfähigkeit der Grundrechte in Deutschland und das Verhältnis des Staates zu einer der größten subkulturellen Bewegungen des Landes.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Ultras und Hooligans?

„Ultras gehen ins Stadion, um Fußball zu gucken, um ihre Mannschaft anzufeuern“, sagt Martin Endemann vom Bündnis aktiver Fußballfans. „Es gibt einen großen Zusammenhalt innerhalb der Ultragruppierungen. Sie machen Choreografien, singen 90 Minuten ohne Pause, sie leben für den Verein 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Hooligans hingegen gehen im Endeffekt nur ins Stadion, um sich zu prügeln.“

Ultras gibt es nicht ohne Sport. Hooligans gibt es nicht ohne Gewalt: Der Begriff wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Großbritannien als Bezeichnung für randalierende und Schlägereien anzettelnde Banden populär und bezieht sich laut Oxford Dictionary auf den Nachnamen einer verhaltensauffälligen irischen Familie.

Ab den 1970er-Jahren tauchten Hooligans auch im Rahmen von Fußballspielen in England auf. Viele Hooligans interessieren sich jedoch kaum für Fußball, sondern nehmen die Spiele nur zum Anlass, um sich zu prügeln und zu randalieren. Wie in Deutschland zuletzt durch die Randale der Gruppierung „Hooligans gegen Salafisten“ prominent zu sehen war, gibt es eine große Schnittmenge von Hooligans mit Rechtsextremen.

Stehen Ultras politisch eher links?

Es gibt viele dezidiert antifaschistische/antirassistische Ultragruppierungen, zum Beispiel in Babelsberg, München, Leipzig und Bremen. In vielen Fankurven sind zudem Regenbogen-Fahnen, Hanfblätter und linke Ikonen wie Che Guevara häufig auf Bannern zu sehen. Allerdings gibt oder gab es auch Bewegungen mit rechtsextremen Mitgliedern, zum Beispiel in Dresden, Cottbus und Chemnitz. Die Mehrzahl der Ultras versteht sich aber als unpolitisch.

Ultra-Experte Christoph Ruf beschreibt das Selbstverständnis so: „Wir leben heute in einer vereinsamten Ellenbogen-Gesellschaft. Solidarität und Zusammenhalt spielen kaum eine Rolle mehr, Familien erodieren. Man wird überall überwacht, steht stark unter Druck und darf seiner Kreativität nicht mehr freien Lauf lassen.“

Ultra-Gruppierungen böten dann den Rückhalt, den junge Menschen in der Gesellschaft oft nicht mehr finden: eine Mischung aus Rebellentum und kindlicher Kreativität. „Ultras sind oft ein Familienersatz“, sagte Reiner Calmund, Ex-Manager von Bayer 04 Leverkusen dem Szenen-Portal Unter Anderen.

Viele Ultragruppierungen sind auch abseits des Platzes sozial engagiert und setzen sich aktiv gegen Rassismus im Stadion, gegen Homophobie und Fremdenfeindlichkeit ein. Die Dresdner Gruppierung 1953international hat in den vergangenen Jahren zum Beispiel regelmäßig Flüchtlinge und deren Familien aus umliegenden Asylbewerberheimen zu Dynamo-Spielen eingeladen und dafür gesorgt, dass der Spruch „Love Dynamo – Hate Racism“ heute auf jeder Eintrittskarte steht.

„Man muss einfach sagen: Alles, was wir jetzt an anti-rassistischem Engagement im Fußball erleben, kam nur durch die Fan-Seite zustande“, sagt Martin Endemann dem Magazin Fakt. „Ab Mitte der 90er-Jahre haben sich antirassistische Fangruppen, oder auch ganz normale Fangruppen, die einfach keine Lust mehr auf den allgegenwärtigen Rassismus in den Stadien hatten, zusammengeschlossen, um einfach mal zu zeigen: Wir haben hier ein Problem. Die Vereine sprechen nicht darüber, der DFB spricht auch nicht darüber.“

Die Dynamo Ultras haben mehrfach rechte Fangruppierungen aus dem Fanblock des Dresdner Stadions verbannt, zum Beispiel die Gruppen „Faust des Ostens“ und „Hooligans Elbflorenz“, die später als kriminelle Vereinigungen verboten wurden. Ähnliche Entwicklungen gab es in fast allen Stadionkurven.

Ehemalige Mitglieder der beiden Gruppierungen gehen aber teilweise trotzdem noch ins Stadion und traten bei Pegida-Demonstrationen als Ordner auf, häufig sind sie dabei als Fans von Dynamo Dresden auch zu erkennen. An diese Leute richtete sich auch der Tweet von Pegida-Vormann Lutz Bachmann, der die Aktion in Karlsruhe feierte und fragte: „Jungs, Montag bei Pegida?“

Die Dynamo Ultras, die den Marsch geplant und organisiert hatten, antworteten auf ihre Art. Beim nächsten Heimspiel entrollten sie ein riesiges Transparent im Fanblock, auf dem stand: „Bachmann, halts Maul!“

Wo hat die Ultra-Bewegung eigentlich ihren Ursprung und wie viele Ultras gibt es?

Die Entstehung der ersten Ultra-Bewegungen in Italien und wie sie sich in Deutschland ausbreitete, beschreibt das Portal für Szenenforschung sehr schön: „Im Zusammenhang mit den linksgerichteten Studentenprotesten und den Entwicklungen im 'heißen Herbst' der Arbeiterbewegung 1969 beschlossen jugendliche Fußballfans, die Fankurven zu nutzen, um ihre ablehnende Haltung gegen soziale Ungerechtigkeit kundzutun.“

Die erste organisierte Ultragruppierung war die 1969 gegründete „Fossa dei leoni“ (Löwengrube) vom AC Mailand. Die (Selbst-)Etikettierung der Fans mit dem Begriff „Ultras“ war zum ersten Mal auf einem Transparent in der Kurve von Sampdoria Genua zu sehen.

Die Bezeichnung wurde von der gesamten neu entstandenen Jugendkultur aufgegriffen, um sich von herkömmlichen Fußballfans („Tifosi“) abzugrenzen. Die Gesänge wurden fortan von einem Vorsänger („Capo“) mit Hilfe eines Megaphons geleitet.

Neu waren auch das Verwenden von Pyrotechnik im Fanblock sowie die Organisation aufwändiger Choreografien. Sukzessive wurde auf diese Weise der Auftritt der Fanblöcke selber zum Wettbewerb untereinander.

Die Ultrawelle schwappte erst gegen Mitte der 1990er Jahre auch in deutsche Fußballstadien über. Bis dahin hatte sich die Fanszene eher an England orientiert. Deshalb sieht man in den Fankurven deutscher Stadien so oft Transparente in italienischer Sprache, am häufigsten wohl den Spruch „Diffidati con noi“, was „Ausgesperrte mit uns“ bedeutet und eine Solidaritätsbekundung mit Fans ist, die Stadionverbote ausgesprochen bekommen haben. Mit Stand September 2016 betraf das 1.621 Fans. Aber dazu später mehr.

Seit Ende der 1990er Jahre werden nahezu alle deutschen Fankurven durch Ultragruppen dominiert. Ihre Mitgliederzahl wird auf etwa 25.000 geschätzt. Zu den Ultras Dynamo gehören etwa 500 Mitglieder.

Haben die Ultras also Hooligans und Rechtsextreme aus dem Stadion verdrängt?

Zumindest haben sie einen großen Anteil daran, dass Affenlaute, das antisemitische U-Bahn-Lied und Hakenkreuze in deutschen Stadien so gut wie nicht mehr vorkommen. Aber auch die erhöhte Polizeipräsenz und die neuen, sichereren Fußballstadien haben natürlich einen großen Anteil daran.

Zudem ist Rechtsextremismus als jugendliche Subkultur auch schlichtweg nicht mehr so attraktiv wie noch in den 90er-Jahren. Die NPD setzte zum Beispiel Anfang der 2000er-Jahre neben ihren Schulhof-CDs insbesondere auf eine „Unterwanderung des Fußballs“ als Strategie, um sich stramm rechten Nachwuchs zu rekrutieren, hatte dabei aber wenig Erfolg.

Wenn man sich die Statistik der Polizei zu Gewalt rund um Fußballspiele anschaut, sieht man, dass Rechtsextreme fast keine Rolle mehr spielen. Laut dem neuesten verfügbaren Jahresabschlussbericht der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze für die Saison 2015/2016 sind knapp 13.500 Anhänger von Mannschaften aller Fußballligen als „gewaltbereit“ registriert.

Ein Dateienabgleich mit Angehörigen der rechtsmotivierten Szene habe eine Schnittmenge von rund 360 Personen (3,1 Prozent) ergeben, rund 150 gewaltbereite Fußballanhänger (1,5 Prozent) seien als linksmotiviert bekannt.

Auch bei den fast 7.800 Strafverfahren, die die Polizei im Rahmen von Fußballeinsätzen in den ersten vier Ligen einleitete, spielten Delikte, „die auf eine rechtspolitische Gesinnung hinweisen“ – zum Beispiel Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen – so gut wie keine Rolle: 100 solcher Delikte stellte die Polizei fest und konstatiert, „dass in deutschen Fußballstadien strafbewehrte, rechtsmotivierte Handlungen nur in geringer Anzahl festzustellen sind“.

„Grundsätzlich gibt es in sehr vielen Stadien von der 1. bis zur 4. Liga im Hintergrund noch Überbleibsel von Hooligan-Gruppen aus den 90ern, die jetzt wieder verstärkt auftreten. Viele dieser Gruppen sind nicht verschwunden, die waren immer da, aber gehen nicht mehr zwangsläufig ins Stadion, entweder weil sie Stadionverbot haben oder einfach älter geworden sind – an der Einstellung hat das aber meist nichts geändert. Viele dieser Gruppen haben klare Verbindungen zur rechten Szene“, sagt Martin Endemann vom Bündnis aktiver Fußballfans.

Wie gefährlich sind denn Fußballfans nun?

In der Saison 2015/16 sind laut Polizei insgesamt 1.265 Personen im Rahmen von Fußballspielen in den ersten drei Ligen verletzt worden. Das sind etwas mehr als in der vorherigen Saison (1.204), aber deutlich weniger Verletzte als in der Saison 2013/14 (1.588).

Die Polizei – und in der Regel auch die Medien, die die Polizeiangaben unreflektiert übernehmen – unterscheiden bei diesen Angaben allerdings nicht den Grad oder die Ursache der Verletzung, auch die Abgrenzung zu Unfällen ist unklar. Christian Bieberstein, Sprecher der Fan-Vereinigung „Unsere Kurve“ sagte dazu dem Magazin 11 Freunde: „Man kann nur mutmaßen, ob diese Verletzungen wirklich durch körperliche Auseinandersetzungen, Selbstverschulden oder gar durch einen überharten Einsatz von Ordnungsdienst oder Polizei entstanden sind.“

Nehmen wir das Beispiel der 36 Verletzten beim Dynamo-Spiel in Karlsruhe: Unter ihnen war ein schwer verletzter Polizist, der nach dem Spiel beim Verladen eines Polizeipferdes von dem Tier angegangen und am Kopf verletzt wurde. Die übrigen verletzten Beamten hatten durchweg Knalltraumata erlitten wegen der Feuerwerkskörper, die die Dynamos zündeten. Laut dem Pressesprecher der Polizei Karlsruhe ließen sich einzelne Beamte ärztlich behandeln, seien aber dienstfähig geblieben, auch habe es keine Krankmeldungen gegeben.

Die 21 Ordner, die bei dem Spiel verletzt wurden, gaben Schürfwunden und Prellungen an sowie Reizungen der Augen durch den Einsatz von Pfefferspray durch die Polizei. Auch hier gab es keine Krankmeldungen.

Laut dem Jahresabschlussbericht für die Saison 2015/2016 sind übrigens mehr Menschen durch Pfefferspray der Polizei verletzt worden als durch Pyrotechnik:

  • Verletzte durch Einsatz von Pfefferspray: 160 (davon 55 Polizisten)
  • Verletzte durch Einsatz von Pyrotechnik: 65 (davon 25 Polizisten)

Trotz allem gibt es natürlich auch Ultra-Gruppen verschiedener Vereine, die sich miteinander prügeln. Anfang März lieferten sich zum Beispiel rund 150 Frankfurter und Berliner Ultras eine Straßenschlacht. Und die Bilder von Dortmunder Fans, die Anhänger von RB Leipzig, darunter auch Familien mit Kindern, mit Flaschen bewerfen, werden durch das allgemein extrem geringe Verletzungsrisiko beim Besuch von Fußballspielen nicht relativiert.

Stimmt es, dass ein Besuch des Oktoberfests gefährlicher ist als ein Besuch im Stadion?

Das ist ein beliebter Vergleich, der von Fußballfans bemüht wird:

  • Zuschauer beim Fußball in der Saison 2015/16: 21,5 Millionen – Verletzte: 1.265
  • Besucher des Oktoberfests 2016: 5,6 Millionen – Verletzte: 6.992
    Der Vergleich eines 16-tägigen Volksfestes mit Tausenden Fußballspielen hinkt beziehungsweise schwankt natürlich etwas, weil unter den fast 7.000 Verletzen auf der Wiesn allein 600 Alkoholvergiftungen das Bild verzerren. Das Bild wird vollständiger, wenn man die Zahl der Körperverletzungsdelikte vergleicht: Hier stehen rund 2.500 eingeleitete Strafverfahren beim Fußball rund 330 beim Oktoberfest gegenüber.

Trotz allem zeigt der Vergleich, dass bei Fußball und Oktoberfest ganz offensichtlich mit zweierlei Maß gemessen wird. Würden Wiesn-Besucher schon bei ihrer Ankunft am Bahnhof in München von der Polizei eingekesselt werden und Maßkrug-Schlägereien per Pfefferspray-Einsatz unterbunden, würde die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Polizei-Taktik mit Sicherheit anders diskutiert als beim Fußball.

Ultras als „asozial“ zu bezeichnen und von Kriegszuständen und Gewalt-Exzessen beim Fußball zu sprechen, wie es der Chef der Deutschen Fußball Liga Christian Seifert getan hat, erscheint angesichts der Fakten jedenfalls mehr als übertrieben.

Moment! Kriegszustände? War da nicht was?

Was steckt hinter dem Auftritt der Dynamos in Karlsruhe?

Um das zu beantworten, habe ich mit mehreren Ultras, die in Karlsruhe dabei waren, gesprochen sowie mit unabhängigen Beobachtern der Szene und einem Sozialarbeiter des Dresdner Fan-Projekts. Die Idee für die Aktion gab es schon seit etwa einem Jahr. Letztlich gab es mehrere Auslöser dafür, warum das Spiel in Karlsruhe für die Umsetzung genutzt wurde:

Christian Seifert, Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga, sagt Journalisten Ende April: „95 Prozent der Zuschauer ist nicht mehr klarzumachen, warum Stadien aussehen wie militärische Krisengebiete, weil über der Stadt die Hubschrauber kreisen und vermummte Polizisten herumlaufen.“ Zudem sei die Verhaltensweise von einigen Fans „asozial“, Ultras seien „in Wahrheit die Totengräber der Fankultur, um die es ihnen angeblich geht“.

Diese Äußerungen hätten die Dynamo-Ultras bei ihrem Marsch ironisch aufgegriffen, sagt Christian Kabs vom Fan-Projekt: „Die Fanszene und der Verein bekommt immer wieder den Stempel aufgedrückt, besonders rechts und besonders brutal zu sein – und wenn man diesen Stempel immer wieder aufgedrückt bekommt, identifiziert man sich irgendwann damit.“

Einige Wochen zuvor waren zudem bereits Fans von Hansa Rostock bei einem Auswärtsspiel in Zwickau im Tarnfleck aufgetreten. Unter dem Motto „Hansa ist groß“ spielten die Hansa-Fans hierbei mit dem Image islamistischer Terroristen. „Hansa und Dresden hassen sich. Hansa verbindet sich zwei Mal mit dem Islamismus und Dresden läuft im US-Army-Stil auf. Es lässt sich eben alles konstruieren, wenn man mag“, sagt Sören Kohlhuber, ein freier Journalist, der sich seit Jahren mit der Szene beschäftigt.

Bezüge zur Wehrmacht seien unwahrscheinlich, sagt Kohlhuber. Dafür spricht neben dem Camouflage-Outfit im eher amerikanischen Design auch der Titel der Mottofahrt: Dy-Day – in Anlehnung an den D-Day, die Ankunft der alliierten Truppen in der Normandie 1944 – und der Name „Football Army Dresden“.

Die Ultras Dynamo nahmen auf ihrer eigenen Webseite einige Tage nach dem Spiel ausführlich Stellung zu der Aktion: „Wir legen Wert auf eine Trennung zwischen dem Auftritt im Camouflage-Muster und unserer Provokation gegenüber dem DFB einerseits und den Vorfällen am Eingang des Stadions. Genauso deutlich möchten wir all denen eine Absage erteilen, die in unserem Marsch irgendwelche rechtsextremen Tendenzen sehen.“

Sie nennen zudem als Anlass die immer häufigeren und drastischen Bestrafungen der Vereine durch das Sportgericht des DFB: „Als fünf Tage vor unserem Gastspiel in Karlsruhe der KSC zu einem 'Geisterspiel' verurteilt wurde, war für uns sofort klar, dass wir uns solidarisch zeigen müssen. Seitdem die Verhandlungen über Pyrotechnik seitens des DFB abrupt abgebrochen wurden, drehen sich der Verband sowie Vereine und Fans im Kreis.“

Was hat es mit dem Streit um die Pyrotechnik auf sich?

Die Ultras wollen auf Pyrotechnik nicht verzichten, weil es Teil ihrer Kultur ist. Rund 160 Gruppierungen schlossen sich 2010 zur Initiative Pyrotechnik legalisieren zusammen und erarbeiteten unterstützt von Anwälten, Sachverständigen und im Dialog mit Ordnungsdiensten und der Polizei Modelle, wie man Pyrotechnik sicher und ohne Gefahr für Stadionbesucher einsetzen kann.

https://www.facebook.com/mdr/posts/10155387922883184

Nach mehreren Monaten brach der DFB die Gespräche einseitig ab und erklärte eine „Null-Toleranz-Politik“ gegenüber Pyrotechnik. Mit Geldstrafen gegen die Vereine und mit Druck auf die Polizei, hart durchzugreifen, versucht der Verband seitdem Bengalos und Rauchbomben aus den Stadien zu verbannen. Die Fans zündeln hingegen weiter. Ernsthafte Gespräche gab es in den vergangenen sechs Jahren hingegen keine mehr.

„In unserem Konflikt existiert seit Jahren keine Kommunikation mehr. Was daraus wird, kann man im Stadion gut beobachten. Die eine Seite zündet was das Zeug hält und geht ihren eigenen Weg, während die andere Seite die Vereine bestraft. Mittlerweile werden Strafen nicht mehr nur für das Zünden von Pyro verhängt, sondern auch für Spruchbänder mit Inhalten, welche eigentlich unter die freie Meinungsäußerung fallen“, schreiben die Ultras Dynamo.

Erst vor wenigen Tagen nahm zum Beispiel die Polizei Bremen Ermittlungen gegen eine Ultra-Gruppierung auf, weil diese ihr Gruppensymbol im Stadion zeigten, eine Zeichnung, auf der ein junger Mann mit Zwille und Tuch vor dem Mund zu sehen ist. Für die Polizei „ein öffentlicher Aufruf zu Straftaten“.

Der Auftritt in Karlsruhe sei die kalkulierte größtmögliche Provokation gewesen, um die Debatte wieder in Gang zu bringen, sagen die Dynamo Ultras:

„Videobotschaften an den DFB, Leserbriefe und Texte auf einer Homepage sind einfach nur Zeitverschwendung. Das wird ignoriert und abgetan, als eine weitere Botschaft einer lästigen Minderheit in die Ablage gelegt.“

Was regt die Fans noch auf?

Eine Menge. Die Pfiffe gegen Helene Fischer beim DFB-Pokalfinale richteten sich zum Beispiel nicht gegen die Musik des Schlagerstars an sich, sondern gegen die Kommerzialisierung des Fußballs insgesamt. Dabei geht es sowohl um absurd hohe Spielergehälter als auch die „Eventisierung“ des Volkssports, weil mittlerweile zum Beispiel jeder Eckball in einem Spiel von einem Sponsor präsentiert wird und Stadien Namen wie „Schau-ins-Land-Reisen-Arena“ tragen.

Zudem geht es um moralische Kritik am DFB, der bei der Aufklärung von Fragen wie Doping im Fußball, Korruption bei der Vergabe von Turnieren, Steuerhinterziehung und Wettbetrug immer wieder auf Verschweigen setzt und als größter Fußballverband der Welt auch nicht gegen die mafiösen Praktiken bei der FIFA Stellung bezieht.

Und schließlich geht es auch um das Gefühl, von der Polizei drangsaliert zu werden: Den 1.265 Verletzten aus der Saison 2015/16 stehen zum Beispiel 13.476 sogenannte freiheitsentziehende oder freiheitsbeschränkende Maßnahmen gegenüber. Dazu gehören Festnahmen, Platzverbote, Meldeauflagen und Reisebeschränkungen, die zum Beispiel vor Spielen kurzfristig ausgesprochen worden, ohne dass es ein Verfahren oder eine Anhörung gab.

Hinzu kommen die bereits erwähnten 1.621 Stadionverbote, die ebenfalls auf Verdacht ausgesprochen werden. Christian Kabs vom Fan-Projekt sagt, er habe selbst schon erlebt, wie Fans bestraft wurden für Ereignisse, an denen sie nachweislich gar nicht teilgenommen haben. „Sie sind offenbar verwechselt wurden.“

Wie soll es nun weitergehen?

Weder hat die Gewalt in den letzten Jahren zugenommen, noch die Anzahl der Polizeieinsätze Die Skandalisierung von Ereignissen rund um den Fußball und die Kriminalisierung von Ultras haben ein kritisches Ausmaß erreicht.

Wie wird der Verein Dynamo Dresden für die Aktion in Karlsruhe bestraft? Bricht der Verband den Kreislauf aus drakonischen Strafen und setzt wieder mehr auf Dialog? Zu erwarten ist es nicht, laut Gerüchten soll Dynamo diesmal sogar Punktabzug wegen seiner Fans drohen, eine Strafe, die es in der Form noch nie gab. Was das bei den Ultras bewirken wird, kann man sich denken:

„Wir brauchen vertrauensvolle Gespräche mit Personen, die uns ernst nehmen. Wir sind gespannt, wie es nun weitergeht. Der DFB wird nach Wegen suchen uns so hart wie möglich zu bestrafen und wie immer dabei die Vorgaben unseres Rechtsstaates ignorieren. Aufhalten wird uns das aber nicht“, schreiben die Ultras Dynamo.


Martin Gommel hat das Aufmacher-Bild ausgesucht (Foto: Christian Gesellmann); den Text gegengelesen hat Vera Fröhlich.