Wofür ich brenne

Wofür ich brenne

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Als ich begonnen habe, Eure Antworten zur Suche nach der Passion zu lesen, war ich so begeistert, dass in mir die Idee entstand, sie in einem eigenen Beitrag zusammenzufassen. Die Antworten erzählen so viele kleine Geschichten von Hobbys, Leidenschaften und vom Leben selbst. Eure Erzählungen zeigen, dass es nicht den einen Weg zur eigenen Passion gibt, sondern häufig das kleine Glück am Weg viel wichtiger ist. Und wie man auch ganz ohne eine Passion glücklich sein kann.

KR-Leserin Barbara schreibt: „Ich habe im Laufe meines Lebens mehrere Passionen gefunden und gelebt und auch hinter mir gelassen. Und ich bin sicher, dass das auch weiter so geht.“ Ähnlich erlebt das auch Simone Ines: „Es gibt mehr als eine Passion. Ich gehe jeder Passion mit großer Leidenschaft nach, arbeite mich intensiv ein, will alles wissen und beherrschen, bis sie sich für den Moment abgenutzt hat und ein bisschen in den Hintergrund rückt, weil eine andere drängender geworden ist. Dazu zählen Sport, das Schreiben, das Zeichnen oder die Wissenschaft.“

Die Suche nach der Passion kann ewig dauern

Simone hingegen hat ihre Passion noch nicht gefunden, für sie ist die Suche danach eine innere Notwendigkeit geworden: „Passion ist für mich gleichbedeutend mit Lebensinhalt, Identität, Erfüllung und Zufriedenheit. Dass ich mir nicht sicher bin, wie diese genau aussieht, setzt mich so unter Druck, dass ich teilweise handlungsunfähig werde, aus Angst, sie nicht zu finden oder zu scheitern. Einige meiner Freunde haben ihre Passion gefunden und gehen dieser nach. Vielen anderen geht es wie mir. Ich beneide die Menschen ein bisschen, die ohne Passion zufrieden sind. Dann frage ich mich, ob ich mich mit meinem Bedürfnis nach einer Passion verrannt habe.“

Eine Antwort darauf hat Frechkatze für sich gefunden: „Ich denke, eine Leidenschaft hat man oder nicht. Ich begeistere mich für etwas und probiere es aus. Je nachdem wie ich es empfinde, bleibt es oder geht wieder. Aber danach aktiv suchen? Das erscheint mir nicht sinnvoll.“

Über außergewöhnliche Hobbys wie „Luftwandern“ Gleichgesinnte finden

Leidenschaften habt Ihr auf unterschiedlichsten Wegen entdeckt. Aber nur selten, indem Ihr fieberhaft und verbissen danach gesucht habt. Jan hat seine Passion auf einer Reise gefunden, die ihn im Sommer 2012 zwischen Abitur und Informatik-Studium quer durch Deutschland geführt hat. „Mit dem Deutschlandpass der Bahn habe ich Hamburg, München, Köln und Berlin besucht. In Berlin habe ich eine eSport- und Gaming-Bar entdeckt und meine Begeisterung für eSport. Bei meinem ersten Dota-2-Event nahe Kassel war ich zunächst einfacher Spieler, habe später anderen Besuchern geholfen und wurde so Teil des Organisationsteams. Über das Spiel habe ich neue Freunde kennengelernt und meinen Studienschwerpunkt Biotechnologie und Prozesstechnik gefunden.“

Ursula liebt Pferde und ist dann am glücklichsten, wenn sich das Tier mit ihr wohl fühlt. Holger fühlt sich bestätigt, wenn er fotografiert und seine Bilder nachbearbeitet. Rika singt im Chor oder solo, in Gottesdiensten und Konzerten. Uwe hat seinen Glauben, wie er es nennt, in der Mathematik gefunden. „Sie ist mein Prophet“, schreibt er.

Und Sabine brennt für das Fliegen von Motorseglern. „Wir nennen es Luftwandern“, schreibt mir die KR-Leserin, die gleichzeitig Vorsitzende des Motorsegler-Clubs Berlin ist. „Es hat meine eher schüchterne Psyche zum Positiven verändert. Wenn ich die Schönheit der Welt von oben betrachte, ändert sich auch meine Perspektive im Inneren. Mit dem Abstand wirkt alles faszinierend, weil überschaubar; die Schwierigkeiten des Lebens scheinen eher lösbar oder zumindest kann ich sie besser aushalten. Hinzu kommt die Freude darüber, ein Gerät auch unter schwierigen Bedingungen zu beherrschen, das nur wenige von innen kennen. Und in meinem Verein finde ich herzliche Menschen, die diese Leidenschaft verstehen, teilen und durch vereinte (auch finanzielle) Kräfte möglich machen.“

Wenn die Leidenschaft zum Beruf wird, kann der Ausgleich verlorengehen

Einigen von euch ist es gelungen, die Passion zum Beruf zu machen. „Eine Leidenschaft von mir ist der Umweltschutz“, schreibt Eva. „Ich arbeite in der Abfallwirtschaft, und selbst wenn es manchmal ärgerliche Rückschläge gibt, ist es dennoch eine befriedigende Tätigkeit.“ So wie Eva im Umweltschutz, konnte sich auch Jana beruflich verwirklichen: „Wenn ich nicht Computerspiele mache, dann arbeite ich an meinen eigenen Spielen. Das ist mein Leben minus Steuern.“ Nachteil: Wenn das Hobby zum Job wird, braucht man eventuell ein neues, wie Simon meint: „Als Designer habe ich eine Leidenschaft zum Beruf gemacht, womit ich sie als privaten Ausgleich verloren habe. Jetzt frage ich mich oft, was mich so begeistern könnte, dass ich ernsthaft Zeit und Geld dafür investieren würde.“

Umso besser, wenn man beides hat, wie Annette: „Ich habe sowohl einen Beruf, der mich auf befriedigende Weise fordert und erfüllt (Literaturübersetzerin) – auch wenn ich nicht so sehr gut bezahlt werde –, als auch zwei beglückende Hobbys (Chor und Stepptanz). Außerdem gibt es viele Dinge, die ich mit großer Zufriedenheit oder gar Begeisterung erlebe, sei es nun Natur oder Kultur oder Bewegung und Sport.“ Annette äußert dazu einen schönen Gedanken: „Man muss doch nicht die eine Passion im Leben finden, sondern kann das Leben passioniert erleben oder mit Passion füllen.“

Die einen wachsen mit der Passion auf, die anderen trifft es wie ein Donnerschlag

Glücklich schätzen sich diejenigen, die in ihre Passion einfach hineingewachsen sind. Thomas hat mit zehn Jahren angefangen, Karate zu trainieren, und „es ist zu einem wichtigen Teil von mir selbst geworden. 26 Jahre später empfinde ich immer noch die gleiche ausfüllende und ausgleichende Befriedigung während und nach dem Training. Und mir fehlt ganz deutlich etwas, wenn ich es nicht praktizieren kann.“

Andere ereilt ihre Leidenschaft wie ein Donnerschlag: „Ich habe es jahrelang nicht gemacht und eigentlich ist es völlig banal, ich war mir gar nicht bewusst, dass es mich so bewegt, aber dann hat es mich völlig überwältigt. Eislaufen!“, schreibt mir ein Leser. Das gefällt mir deshalb so gut, weil ich mir vorstelle, wie einem beim gleichmäßigen Gleiten über die spiegelglatte Fläche eines zugefrorenen Sees die Winterluft kalt um die Nase weht und man herrlich abschalten und seinen Gedanken nachhängen kann. Gleichzeitig ist es keine große Sache, für die man besonders ausgerüstet oder ausgebildet sein muss.

Aus dem Hobby kann nach Jahren eine Leidenschaft werden

Wieder andere von euch haben ihre Passion in einer Tätigkeit entdeckt, die sie schon viele Jahre ausüben. Sina etwa tanzt Salsa, und nachdem sie einige Jahre lang Stunden genommen hat, begann sie auch, ihrem Tanzlehrer zu assistieren. Inzwischen gibt sie selbst Stunden und tanzt in einer Showgruppe. Sie schreibt: "Obwohl ich wöchentlich neben meiner normalen Arbeit (vier Tage die Woche) etwa 13 Stunden tanze, ist es für mich kein Stressfaktor, sondern ein Stressventil. Manchmal komme ich genervt und frustriert aus dem Büro und habe kaum Zeit, vor dem Tanzen noch zu essen. Aber sobald ich mit meiner Freundin vor dem Spiegel stehe und die Stunde für unsere Ladys vorbereite, fühle ich mich von Glück erfüllt, entspannt und einfach zu Hause. Ich mag die fröhliche Musik, zum Beispiel Pensando en ti von Los Satelites, und die kommunikative Art, sich zu bewegen.

Nach jeder Tanzeinheit komme ich meist müde und k.o. nach Hause, häufig mit schmerzenden Füßen, aber dank der perfekten Kombination aus Sport, Kreativität und Fröhlichkeit, fühle ich mich gut." Bei Sina ist aus einem Hobby eine Leidenschaft geworden.

Ebenso bei dem Leser, der fast sein ganzes Leben lang Computerspieler war und dachte, dass das seine Passion wäre. „Aber erst, als ich mich bei MobyGames (eine englischsprachige Website, die Computerspiele katalogisiert, d. Red.) anmeldete, habe ich gemerkt, dass meine wirkliche Passion die Computerspiel-Dokumentation ist. Heute spiele ich nur noch selten, sondern löse lieber Probleme bei meinem eigenen Dokumentationsprojekt.“ Sein Fazit lautet: „Wie mit allen Dingen des Herzens weiß man es erst, wenn man es gefunden hat.“

Und dann, so müsste es wohl weiter heißen, muss man es auch festhalten und verfolgen. Ich finde den Gedanken von Eva dazu sehr einleuchtend und möchte ihn abschließend mit Euch teilen: „Was allen Leidenschaften gemeinsam ist, ist, dass man viel Geduld aufbringen muss, um weiterzukommen: Ohne Beharrlichkeit kann man seinen Kindern nicht viel mitgeben, man bekommt keinen schwarzen Gürtel und kann kein aussagekräftiges Bild zeichnen. Und selbst die Musik, die man hört, versteht man besser, wenn man sie immer und immer wieder anhört. Ich denke mal, das ist mit allen Leidenschaften so. Die Sache, für die man sich begeistert, gibt einem erst dann etwas zurück, wenn man viel Zeit und Liebe investiert hat und nicht beim ersten Rückschlag das Handtuch wirft.“


Das Aufmacherbild hat Martin Gommel ausgewählt (iStock / logoboom); Vera Fröhlich hat den Text gegengelesen.