Wann stirbst Du?

Wann stirbst Du?

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Die kurze Antwort:

Eine Person, deren Hirntod festgestellt wurde, ist gestorben*. Und das ohne Zweifel.

Wer es beantwortet:

Carsten Spannhuth ist Psychiater. Der gebürtige Bremer hat Medizin in Berlin studiert. Anschließend absolvierte er eine Weiterbildung in der Psychiatrie und Neurologie in Bremen und an der Medizinischen Hochschule in Hannover. Er ist 51 Jahre alt und arbeitet seit einigen Jahren in der pharmazeutischen Forschung und Entwicklung.

Die ausführliche Antwort:

Die lange Antwort ist komplex, aber aus medizinischer Sicht nicht weniger eindeutig. Die Angst, nach den Hirntodkriterien für tot erklärt zu werden und fälschlicherweise als Organlager zu dienen, obwohl man eigentlich noch lebt – also im landläufigen Sinne scheintot zu sein – haben viele. Aber eigentlich ist diese Angst nicht gerechtfertigt. Womöglich hilft es, sich zunächst vor Augen zu führen, dass es hier wirklich um einen sehr speziellen Fall geht: Nur in Beatmung auf der Intensivstation gibt es den isolierten Hirntod. Früher, als es noch keine Intensivmedizin gab, wären diese Menschen im landläufigen Sinne tot gewesen. Aber dazu später mehr. Die Medizin, und das ist wohl die Krux, macht heute sehr vieles möglich. Es gelingt ihr aber leider zu wenig, den Menschen die Hintergründe auch verständlich zu vermitteln.

Stellen wir uns folgenden, häufigen Fall vor: Ein junger Mann hatte einen schweren Motorradunfall. Ein Rettungshubschrauber bringt ihn ins Unfallkrankenhaus. Er ist unter Umständen multimorbide, also mehrfach erkrankt, wird intensiv behandelt und beatmet. Ein Rettungssanitäter benachrichtigt die Angehörigen: Hirntod. Sie eilen in größter emotionaler Ausnahmesituation ans Krankenbett und stehen nun vor ihrem Ehemann, Bruder oder Sohn. Und der sieht zu ihrer Verwunderung gar nicht tot, sondern rosig und damit ziemlich lebendig aus.

Dennoch erklärt ihn der Arzt für hirntot. Wie kann das sein, fragt sich der Angehörige zu recht. Der Intensivmediziner erklärt, dass der Patient tot ist, auch wenn er so aussieht wie vor dem Unfall. Er hat keine Aussicht auf Verbesserung. Würde man aufhören, ihn zu beatmen, würde sein Tod offensichtlich werden, die klassischen Todeszeichen wie Leichenblässe, Totenflecke und Starre, würden eintreten. Die Intensivmedizin behält ihn nur noch an der Beatmungsmaschine, um das Einverständnis zur Transplantation zu klären. Wenn Angehörige darauf ungläubig reagieren, ist das nur zu gut verständlich, denn für sie ist der Körper eines lebenden Patienten im Koma oberflächlich nicht zu unterscheiden von dem eines Toten.

Ich selbst habe während meiner Facharztausbildung solche Situationen miterlebt und kann verstehen, dass das rosige äußere Erscheinungsbild des Patienten den Hirntod für die Angehörigen schwer akzeptabel macht. Wenn man dann noch einem Mediziner gegenübersitzt, der sich nicht die Zeit nimmt, das alles in Ruhe zu besprechen, dann wird die Unsicherheit nur umso größer.

Wenn der Mensch nicht mehr atmet, ist er unwiederbringlich tot

Aus medizinischer Sicht aber ist der Hirntod eine ganz eindeutige Diagnose: der unumkehrbare Untergang aller Hirnfunktionen. Ein Mediziner trifft sie nach umfangreichen Untersuchungen und ohne jeden Zweifel. Von dort gibt es keinen Weg zurück. Und das bedeutet auch, dass der Mensch unwiederbringlich tot ist.

Aber wie stellt man nun fest, dass das Hirn unwiederbringlich erloschen ist? Auch beim landläufig Toten sterben nicht alle Zellen sofort ab. Langsam durchblutetes Gewebe überlebt länger. Hautzellen zum Beispiel können im Toten noch viele Stunden überleben. Das Gehirn und das Herz sind am sauerstoffabhängigsten. Die Zellen ersticken sehr schnell im Gehirn. Wenn es etwa drei Minuten ohne Sauerstoff ist, treten erste neurologische Schäden auf, nach etwa neun Minuten ist es tot. Danach erlöschen in der Biohierarchie das Herz, die inneren Organe, dann Muskeln, Knochen und Haut. Dieser Prozess dauert einige Zeit. Dennoch ist der Zeitpunkt des Todes jener, in dem lebenswichtige Organe irreversibel aufhören zu funktionieren – und nicht der Moment, in dem die letzte Zelle im Körper abstirbt.

Der Atemantrieb ist im Stammhirn lokalisiert. Ist das Stammhirn erloschen, wird der Mensch nie wieder spontan atmen können. Das Herz schlägt spontan, solange es mit Sauerstoff versorgt wird. Es benötigt hierzu die Funktion des Gehirns nicht.

Der Hirntod muss von erfahrenen Ärzten festgestellt werden, dies sind vor allem Neurologen und Neurochirurgen. Sie müssen unabhängig vom Transplantationsteam sein. Zuerst wird der Intensivmediziner den Patienten umfassend neurologisch untersuchen. Er stellt die Bewusstlosigkeit und fehlende Spontanatmung fest, untersucht bestimmte Reflexe, deren Fehlen eine schwerste Hirnschädigung anzeigt, und verwendet unter Umständen weitere Diagnostik, um die Hirnströme und die Hirndurchblutung zu messen. Hirnströme und Hirndurchblutung dürfen im Falle eines Todes nicht mehr nachweisbar sein.

Der Mediziner wird sich für die Diagnose Zeit nehmen. Besteht etwa der Verdacht einer Vergiftung, dann wird er einige Zeit abwarten und die Untersuchung anschließend wiederholen. Ebenfalls bei Kindern, denn das kindliche Gehirn reagiert weniger sensibel bei Sauerstoffmangel.

Der Hirntod unterscheidet sich grundlegend vom Koma

Häufig wird der Hirntod mit dem Koma oder dem Wachkoma verwechselt. Der Unterschied ist aber gravierend, denn bei letzterem ist das Gehirn aktiv, auch wenn wesentliche Teile des Großhirns teilweise sehr stark geschädigt sind. In seinen vegetativen Funktionen wie Atmung, Muskeltonus oder Herzfrequenz, ist der Betroffene aber lebendig. Beim Wachkomapatienten etwa ist auch das System aktiv, das wachhält. Die Patienten können irgendwann in häusliche Pflege gegeben werden und lange leben. Manchmal, allerdings sehr selten, erlangen sie sogar das Bewusstsein zurück.

Beim (Hirn-)Tod aber zersetzt sich das Gehirn, die Zellen sterben, werden vom Körper abgebaut. Während der Rest des Körpers eventuell durch Ernährung weiter am Leben gehalten wird und der Kohlendioxidaustausch weiter stattfindet. Soll eine Transplantation erfolgen, werden (Hirn-)Tote weiter beatmet, um die Organe bis zu deren Entnahme zu erhalten. Theoretisch gibt es keine absolute Grenze dafür. Der Zustand könnte über Stunden, Tage oder Wochen aufrechterhalten werden. Und das wird er ja in seltenen Fällen auch, wie bei der Kanadierin Robyn Benson zum Beispiel: Sie war in der 22. Schwangerschaftswoche, als die Ärzte sie für hirntot erklärten. Das Baby in ihrem Bauch aber wuchs weiter, deshalb hielten die Mediziner im Krankenhaus in Victoria (British Columbia) Roby Benson mittels Maschinen noch einige Wochen am Leben. Es gelang ihnen so, das Ungeborene im Bauch der eigentlich toten Patientin zu retten.

In der Regel aber kommen häufig weitere Komplikationen hinzu wie etwa Infektionen, Lungen- oder Blasenentzündung. Die Maßnahmen, um die grundlegenden Funktionen des Körpers aufrecht zu erhalten, werden bei einer geplanten Transplantation bis zur Organentnahme fortgeführt, um die Spenderorgane in möglichst gutem Funktionszustand zu erhalten (nicht im Interesse des Verstorbenen, sondern der Transplantat-Empfänger). Da das Gehirn nicht mehr funktioniert, gibt es auch keinen Schmerz mehr. Bei der Organentnahme ist eine Narkose deshalb nicht nötig. Dann werden die funktionserhaltenden Maßnahmen (vor allem Beatmung) eingestellt. Falls es zu keiner Transplantation käme, würden die Geräte vorher abgestellt werden, es gäbe keine Atmung mehr und der Tod im klassischen Sinne wäre bald deutlich: Leichenflecken (Livores) und Totenstarre (Rigor mortis) setzten ein, schließlich die Verwesung. Der Mensch, der vorher lebte, kommt in keinem Fall mehr zurück.

Das funktionierende Hirn macht uns zu Menschen

Mich überzeugt die Vorstellung, dass ein Mensch tot ist, wenn sein Gehirn nicht mehr lebt. Der Mensch ist dann nicht mehr da, auch wenn das Herz noch schlägt. Das funktionierende Gehirn ist die Voraussetzung der Dinge, die uns zu Menschen machen, wie etwa das Bewusstsein oder unser Sprachvermögen. Das Konzept wird in den letzten Jahren erneut kritisch diskutiert, teils auch von Fachleuten, wobei sich meines Erachtens intuitive Wahrnehmung („Der Herztote ist toter als der nur Hirntote“), allgemeine Kritik am Transplantationswesen und die Furcht vor Fehldiagnosen in der Diskussion vermischen.

Klar ist aber auch: Niemand ist gezwungen, diesen Vorstellungen folgen. Jeder ist frei darin, seine eigene Idee vom Tod zu entwickeln und über die Entnahme seiner Organe zu entscheiden. Übrigens gehen viele Länder ungleich restriktiver damit um als Deutschland es tut: In den USA muss im Führerschein eine Entscheidung zur Organspende vermerkt sein. Jeder Bürger, der die Fahrerlaubnis macht oder neu beantragt, wird automatisch gefragt, ob er zum Spenden bereit sei. Und in Österreich muss man der Transplantation explizit widersprechen. Wer dies zu Lebzeiten nicht getan hat, dem dürfen die Organe nach dem (Hirn-)Tod entnommen werden („Widerspruchslösung“).


* Die Kolumne beantwortet die Frage von Krautreporter-Leser Tim, der wissen will, wann ein Mensch eigentlich tot ist. In einem ersten Teil hat Susan Mücke den Neurowissenschaftler Andrej Bičanski gebeten, darüber nachzudenken, was das Konzept des Hirntods aus Sicht der Gehirnforschung bedeutet.

Eure Antworten sind Teil von Susans Reihe „Phänomene der Natur, verständlich erklärt“. Das Besondere daran: Die Fragen über astronomische, medizinische und andere naturwissenschaftliche Phänomene stammen von unseren Mitgliedern – genauso wie die Antworten.

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