Der Bürgerkrieg im Jemen – was du dazu wissen musst

Der Bürgerkrieg im Jemen – was du dazu wissen musst

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Diesen Text haben wir am 9. Oktober 2017 aktualisiert.


„Daniela und ich fahren in den Jemen“, verkündete mein Mitbewohner Max an einem sonnigen Nachmittag im Jahr 2009 in unserer WG-Küche. Mal etwas anderes als die damals üblichen Touren nach Australien oder das immer populärer werdende Südostasien. „Da wird gekämpft, macht euch auf jeden Fall vorher schlau“, merkte ich an. Max holte seinen Laptop und googelte die Angelegenheit. „So spontan finde ich nichts. Von einem Krieg im Jemen habe ich in den Nachrichten auch nichts gehört.“

Er hatte recht. Die Massenmedien berichteten nicht über die Geschehnisse vor Ort. Dabei tobten in dem bettelarmen Land zum Zeitpunkt unseres Gesprächs Gefechte, die tausende Menschenleben kosteten. Heute, acht Jahre später, ist aus dem damals noch relativ lokalen Konflikt ein ausgewachsener Bürgerkrieg geworden, in dem eine ganze Reihe weiterer Länder mitmischt. Wie ist es dazu gekommen – hier findest du die elf wichtigsten Fragen und Antworten.

Wo liegt der Jemen?

Der Jemen befindet sich im Süden der Arabischen Halbinsel. Er ist ungefähr anderthalb mal so groß wie Deutschland. Der überwiegende Teil des Landes besteht aus Wüsten und Halbwüsten. Im Norden grenzt der Jemen an Saudi-Arabien, das größte Land der Halbinsel, im Osten an den Oman. Südlich grenzt der Jemen an das Arabische Meer und den Golf von Aden, westlich an das Rote Meer. In diesem kleinen und bettelarmen Land kämpfen seit Anfang 2015 sogenannte Huthis und ihre Verbündeten gegen die Truppen des international anerkannten Präsidenten Abd Rabbuh Man-sur Hadi. Seit März 2015 fliegt eine von Saudi-Arabien angeführte Koalition Luftangriffe auf die Huthis. Begonnen hat der Konflikt aber schon viel früher.

Warum sollte die Welt denn dieser Konflikt interessieren?

Nun zum Beispiel, um zu verhindern, dass euphorische Backpacker sich ungewollt in einem Kriegsgebiet wiederfinden. Oder wegen der wirtschaftlichen Bedeutung des Landes. Denn die vor der jemenitischen Küste liegende Meerenge Bab al-Mandab ist eine der wichtigsten Erdölrouten weltweit. Eine zunehmend destabilisierte Region könnte die Energiepreise in die Höhe treiben.

Unter Präsident Donald Trump haben die USA ihr Engagement im Jemen massiv erweitert. Allein im März 2017 flogen amerikanische Drohnen und Kampfflugzeuge mehr als doppelt so viele Angriffe wie im gesamten Jahr 2016. Das ist wichtig, weil die amerikanische Präsenz die Kräfteverhältnisse vor Ort maßgeblich beeinflusst.

Und warum sollte dieser Konflikt mich hier in Deutschland interessieren?

Weil die deutsche Bundesregierung indirekt in diesem Konflikt mitmischt. Sie hat Panzer, Patroullienbote und Sturmgewehre an das benachbarte Saudi-Arabien geliefert, dessen Armee sich bereits 2009 an Kämpfen im Jemen beteiligte und heute eine Militärkampagne anführt, bei der bereits mehr als 10.000 Zivilisten getötet wurden. Diese saudischen Luftangriffe auf sogenannte Rebellen im Jemen hält das deutsche Außenministerium mit dem Völkerrecht für vereinbar. Damit ergreift Deutschland eindeutig Partei in diesem Bürgerkrieg.

Wer kämpft da gegen wen?

Grob kann man darauf antworten: Huthis und ihre Verbündeten gegen die Regierung von Abd Rabbuh Mansur Hadi und deren Verbündete. Der wichtigste Verbündete der Huthis ist der im Jahr 2011 zurückgetretene Präsident Ali Abdullah Salih. Dieser Salih kämpft gemeinsam mit den Huthis gegen die international anerkannte aktuelle Regierung von Abd Rabbuh Mansur Hadi.

Auf Seiten der Hadi-Regierung ist neben lokalen Verbündeten das saudische Königshaus der wichtigste Unterstützer. Die Saudis fliegen Luftangriffe und liefern schwere Waffen. Außerdem haben sie Soldaten und Söldner aus verschiedenen afrikanischen Ländern in den Jemen geholt. Neben den Saudis unterstützen vor allem die Vereinigten Arabischen Emirate den Kampf mit tausenden Soldaten.

Warum kämpfen die alle?

Vergleichbar mit Westdeutschland und der DDR war auch der Jemen über Jahrzehnte geteilt. Seit 1990 sind Nord- und Südjemen wieder vereinigt, doch die Narben vergangener Kriege zwischen Norden und Süden sind weiterhin sichtbar. So gibt es nach wie vor Sezessionisten, die für die Unabhängigkeit des Südens kämpfen. Für Saudi-Arabien ist es wichtig, Einfluss im Nachbarland zu nehmen. In Riad vermutet man, die Huthis seien so etwas wie der verlängerte Arm des feindlichen Irans. Es geht, kurz gesagt, um die Kontrolle über das bettelarme Land.

Wer oder was sind denn eigentlich „Huthis“?

Die Huthis sind eine Mischung aus einer politisch-religiösen Bewegung und einer bewaffneten Miliz. Ihre Wurzeln haben die Huthis in einer Bewegung namens „Gläubige Jugend“, die Anfang der 90er Jahre von einem gewissen Hussein al-Huthi gegründet wurde. Der gestaltete die Bewegung ein paar Jahre später in eine Partei um und betrieb aggressive Politik gegen Salihs Regierung. In den Folgejahren verschärften sich die Spannungen zwischen Huthis Anhängern und der Regierung. 2004 schließlich wurde Hussein al-Huthi von Sicherheitskräften erschossen. Daraufhin übernahm sein Vater die spirituelle Führung der Bewegung, während seine Brüder andere leitende Positionen besetzten. Auf Husseins Tod folgten jahrelange Kämpfe zwischen Huthis und den Regierungstruppen, an denen sich Saudi-Arabien bereits 2009 auf Regierungsseite beteiligte.

Wie kam es nun zu diesem Krieg?

Während des Arabischen Frühlings forderten 2011 Zehntausende den Rücktritt des damaligen Präsidenten Salih. Der trat zwar zurück, blieb jedoch weiterhin eine wichtige politische Größe. Gleichzeitig stellten sich Teile des Militärs und bedeutende Stämme gegen die Regierung und mobilisierten ihrerseits Kämpfer und Waffen. Dennoch gab es Hoffnung, dass das Land nicht wieder in einen Krieg abrutschen würde.

Denn die verschiedenen Parteien hatten vor Salihs Rücktritt gemeinsam mit einem UN-Sondergesandten einen Plan für die Zukunft des Landes ausgearbeitet: Eine Übergangsregierung unter Salihs ehemaligem Weggefährten Hadi sollte innerhalb von zwei Jahren Neuwahlen in die Wege leiten und die Ausarbeitung einer neuen Verfassung organisieren. Zwei Jahre später, Anfang 2014, gab es allerdings weder eine neue Verfassung noch Wahlen. Die Übergangsregierung unter Hadi verlängerte dessen Amtszeit trotzdem um ein weiteres Jahr.

Das nutzten die traditionell im Norden Jemens operierenden Huthis, um gen Süden in die Hauptstadt Sanaa zu ziehen und sie zu erobern. Sie genossen dabei die Unterstützung vieler Bewohner, die von der Zentralregierung enttäuscht waren. Wenige Monate später hatte die Allianz von Huthis die gesamte Regierung übernommen und Präsident Hadi unter Hausarrest gestellt.

Ende Februar gelang diesem jedoch die Flucht in die südliche Hafenstadt Aden. Dort bekräftigte er seinen Regierungsanspruch und wurde dabei von Saudi-Arabien, den Golfstaaten und auch dem Westen unterstützt. Kurze Zeit später im März 2015 flog die saudische Luftwaffe erste Angriffe mit dem erklärten Ziel, die Huthis und Al-Qaida zurückschlagen zu wollen.

Welche Rolle spielen die USA?

Der ehemalige US-Präsident Barack Obama hatte im Dezember angeordnet, eine Waffenlieferung an Saudi Arabien zu stoppen. Grund dafür waren die vielen zivilen Opfer im Jemen, die durch Angriffe saudi-arabischer Streitkräfte und ihrer Verbündeten starben. Diese Streitkräfte sollen immer wieder zivile Einrichtungen wie Schulen und Krankenhäuser getroffen haben.

Im Mai allerdings hat der neue amerikanische Präsident Donald Trump einen Rüstungsdeal über 100 Milliarden Euro mit Saudi Arabien geschlossen. Auch in der Vergangenheit lieferten die Vereinigten Staaten viele Waffen an Saudi-Arabien. Sie unterstützen die saudische Intervention aber auch noch direkter durch militärische Berater, Luftaufklärung, Geheimdienstinformationen sowie durch Tankflugzeuge, die saudische Kampfjets in der Luft mit Kerosin versorgen. Sogar mit Marschflugkörpern haben die USA Einrichtungen der Huthis direkt beschossen. Mittlerweile hat sich die widersprüchliche Situation ergeben, dass die USA zwar Drohnenangriffe auf Al-Qaida fliegen, gleichzeitig aber saudische Kampfjets betanken, die wiederum Angriffe auf Al-Qaida-Gegner fliegen.

Wie kommt Al-Qaida in den Jemen?

Al-Qaida auf der arabischen Halbinsel wurde Anfang der 90er Jahre von Dschihadisten etabliert, die in den Jemen zurückkehrten, nachdem sie in Afghanistan gegen die sowjetische Besatzung gekämpft hatten. Der jemenitische Al-Qaida-Ableger gilt als eines der gefährlichsten Terrornetzwerke. Deshalb führen die USA im Jemen seit Jahren einen Drohnenkrieg in dem Land. Einen Sieg konnten die Streitmächte Anfang Oktober gegen Al-Qaida davontragen: Azzan in der Provinz Shawba wurde von den jemenitischen Truppen zurückerobert. Die Stadt war ein wichtiger Stützpunkt für Al-Qaida, nicht zuletzt wegen der Ölvorkommen in Shabwa. Jemen-Expertin Elisabeth Kendall glaubt, dass Al-Qaida durch diese Niederlage wichtige Geldquellen verliert. Die Rückeroberung von Azzan könnte ein Wendepunkt für den Kampf gegen die Terrorgruppe bedeuten.

Seit 2015 hat auch der sogenannte Islamische Staat (IS) Ableger im Jemen. Die entsprechenden Kämpfer sind aber nicht aus dem Irak oder Syrien eingesickert, sondern haben sich vom jemenitischen Al-Qaida-Ableger abgewandt und die Flagge gewechselt. Der IS und Al-Qaida verfolgen unterschiedliche Strategien: Während der IS Territorium gewaltsam unterwirft, versucht Al-Qaida, in den jeweiligen Gesellschaften Wurzeln zu schlagen. Dabei profitieren die Dschihadisten vom Chaos und religiösen Narrativen, deren Verbreitung im Jemen massiv zugenommen hat.

Was sollen denn „religiöse Narrative“ sein?

Mit religiösen Narrativen sind wirkungsmächtige Erklärungsgebilde gemeint, welche die Konfliktursachen gezielt auf eine religiöse Komponente herunterbrechen.

Obwohl der Jemen hauptsächlich von zwei religiösen Gruppen bewohnt wird, spielte religiöse Zugehörigkeit lange Zeit keine bestimmende Rolle. Das änderte sich jedoch ab dem Jahr 2014. Alle Konfliktparteien nutzen das Potenzial religiöser Mobilmachung aus. Präsident Hadi bezeichnete die Huthis als „Zwölfer-Schiiten“ und Agenten des Irans. Tatsächlich folgen die Huthis aber der zaiditischen Schule des Islams, einer Schule, die nicht schiitisch ist. Und auch der Einfluss des Irans auf die Gruppe beschränkt sich bisher vornehmlich auf politische Unterstützung.

Die Huthis ihrerseits bezeichneten ihre Gegner abfällig als Anhänger des Islamischen Staates. Radiosender greifen das religiöse Hassvokabular auf, und die von bewaffneten Gruppen kontrollierten Moscheen verbreiten religiös-politische Propaganda. Davon profitieren ehemals marginale Gruppen von Extremisten wie Al-Qaida, die mittlerweile Seite an Seite mit pro-Hadi-Truppen kämpfen und so ihrem Ziel, der Verwurzlung in Teilen der Gesellschaft, einen bedeutenden Schritt nähergekommen sind.

Wie kann es Frieden geben?

Letztlich können nur Verhandlungen zwischen den Konfliktparteien zu Frieden führen. Die scheitern jedoch schon daran, dass die Hadi-Regierung die bedingungslose Kapitulation ihrer Widersacher fordert. Dabei, das sagte mir die Jemen-Expertin Jilian Schwedler vom Atlantic Council, verfüge Hadi über keinen nennenswerten Rückhalt mehr im Land. Die Mehrheit der Jemeniten sehe in ihm eine Marionette des saudischen Königshauses.

Für diplomatischen Druck auf die Saudis wiederum braucht es Washington. Aber die USA können nicht glaubwürdig als Vermittler agieren, solange amerikanische Flugzeuge saudische Jets in der Luft betanken, die tausende Zivilisten getötet haben. Was bleibt, ist eine grenzenlose humanitäre Katastrophe in dem schon vor Kriegsbeginn ärmsten Land des Mittleren Ostens.

Wie geht es den Menschen im Land?

Kurz zusammen gefasst: katastrophal. Die humanitäre Lage in Jemen ist eine der schlechtesten weltweit. Bereits im Januar teilte der Koordinierungsbeauftragte der UN-Hilfe in Jemen mit, dass in dem Konflikt mehr als 10.000 Zivilisten getötet wurden. Über 40.000 Menschen aus der Zivilbevölkerung wurden bei Kampfhandlungen verletzt. Diese Zahlen beruhen auf den Angaben von medizinischen Einrichtungen im Land, von denen jedoch die Hälfte bei Luftangriffen beschädigt oder zerstört wurde. Daher liegt die tatsächliche Zahl der Opfer des Konflikts vermutlich deutlich höher. Eine konkrete Zahl gibt es aber: 1.340 Kinder wurden im vergangenen Jahr getötet oder verstümmelt. Das geht aus einem UN-Bericht hervor. Dieser macht zum ersten Mal Saudi-Arabien für das Leid und das Sterben im Jemen verantwortlich. Die Militärkoalition landete damit auf der „Schwarzen Liste“. Die Liste ist zwar nicht mit Sanktionen verbunden, schadet aber dem Ansehen der genannten Parteien.

Seit der Konflikt vor zwei Jahren eskaliert ist, wurden mehr als zehn Prozent der Bevölkerung aus ihrer Heimat vertrieben, die meisten davon mussten im Land umsiedeln.

Außerdem leidet Jemen unter einer Hungerkrise, Seuchen könnten sich ausbreiten, und das bei einer sehr schlechten Gesundheitsversorgung. 80 Prozent der Bevölkerung sind auf humanitäre Unterstützung angewiesen. Zwei Drittel der Bevölkerung leiden unter Hunger, 7 Millionen der 27 Millionen Jemeniten sind akut vom Hungertod bedroht. Vor allem Kinder leiden an Mangelernährung, die Sterblichkeit von Babys ist besonders hoch. Die Hälfte der Bevölkerung hat keinen Zugang zu kostenlosem, sauberem Trinkwasser. Allerdings war die Versorgung bereits vor dem Konflikt sehr schlecht.

Als während der Regenzeit in dem ansonsten sehr trockenen Land das Abwassersystem ausfiel, brach im Mai die Durchfallerkrankung Cholera aus. Jeden Tag erkranken im Jemen 5.000 Menschen an Cholera, fast eine halbe Million Menschen haben sich bislang infiziert. Obwohl die Krankheit mit den richtigen Antibiotika gut zu behandeln ist, sind bereits fast 2.000 Jemeniten gestorben, vor allem Kinder und alte Menschen, weil nur 30 Prozent der benötigten Medikamente ins Land kommen.

Die Regierung im Jemen und Hilfsorganisationen haben immer wieder an die internationale Gemeinschaft appelliert, mehr Hilfsgelder und Güter für den Jemen zur Verfügung zu stellen. Bei einer Geberkonferenz im April in Genf sagten die Teilnehmerländer den Vereinten Nationen über eine Milliarde Euro zu. 105 Millionen davon kamen von der deutschen Bundesregierung. UN-Generalsekretär Antonio Guterres hatte um zwei Milliarden Euro gebeten. Hilfsorganisationen waren enttäuscht von dem Ergebnis.


Erarbeitet mit Rico Grimm; aktualisiert von Mona Ruzicka am 28.8.2017, von Lisa Wölfl am 9.10.2017; gegengelesen von Vera Fröhlich; Martin Gommel hat das Aufmacher-Foto von Sanaa ausgewählt (Wikipedia, Ferdinand Reus, CC BY-SA 2.0); die Karte stammt von Lars Hauch.