Stuttgart tanzt eng

Stuttgart tanzt eng

Hannes Grassegger
Verfasst von
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Diese Geschichte erscheint bei Krautreporter mit der freundlichen Genehmigung vom Magazin Reportagen, mit dem wir uns inhaltlich sehr verbunden fühlen. In dem zweimonatlich erscheinenden, unabhängigen Magazin berichten großartige Autorinnen und Autoren in spannenden Reportagen aus dieser Welt. Vor Ort recherchiert, persönlich bei den Protagonisten und abseits der ausgetretenen Pfade.


Ihre Wange kommt mir näher. Ich spüre ihre Wärme. Sie berührt mich. Da ist Scham in ihrem Blick, und sie klappt ihre Lider über die erwar­tungsvoll funkelnden Augen, legt ihren Kopf auf meine Schulter, hält sich an mir. Ich lasse meine Hände an ihren roten Haaren hinab den Rü­cken hinunterfahren. Eine Orgel jubelt in Zeitlupe. Ein paar Fetzen der Bach-Kantate 140 „Wachet auf, ruft uns die Stimme“. Gespielt auf einer rauchigen Hammond, als wäre es Percy Sledge „When a Man Loves a Woman“. Ist es aber nicht. Der Klang der offenen Becken sirrt wie ein Silberstreifen durch das Halbdunkel. Es ist Procol Harum nie wieder ge­lungen, dieses Lied exakt so klingen zu lassen. Es war ein einzigartiger Moment: Die Dokumentation der Aufnahmen ging verloren. Es gibt kein zweites Mal.

Aber die Aufnahme und die Schallplatte, sie dreht sich, vorne auf der erhöhten Bühne, wo das Mischpult steht und die beiden DJs bewaffnet mit Kisten voll Soul und Softrock gespannt die Menge analysieren. Wie zwei Kapitäne, die auf Sicht fahren. Hinter Andreas und André glitzern ein paar dieser Lamettastreifen, die sie aufgehängt haben, um die Hässlichkeit der Rückwand zu verdecken. Der schleppende Beat beginnt die Menge zu bewegen. Wie hypnotisiert in diese ganz langsame Drehung zu versetzen. Auch uns. Sie liegt in meinen Händen, ich spüre ihren Frühling, ihre Furcht. Der Gesang hebt an.

Der Bass sinkt mir in den Bauch. Langsam komme ich an. Diesmal könnte es klappen. Dieses Jahr. Vielleicht haben wir beide ja ein Leben lang auf diesen Moment gewartet. Vielleicht geht alles schief. Es ist jedes Mal riskant.

Als die Royal Airforce im letzten Kriegsjahr 180.000 Brand­bomben, 4.300 Sprengbomben und 75 schwere Luftminen auf meine Heimatstadt abwarf, um die Naziseuche zu beenden, entfachte sie einen Feuersturm, bei dem die Luft so heiß wird, dass die Straßen zu brennen beginnen. Ein Phänomen, das man auch in Hiroshima beobachten konn­te. Wie im Film „Terminator“, als das Kind in der Schaukel sitzt, dann kommt ein Wind, und plötzlich ist es nur noch ein Skelett. Insgesamt wurde Stuttgart 53 Mal bombardiert. Übrig blieb am Ende des Krieges jedes dritte Wohnhaus. Nachdem so vieles bereits flachgebombt worden war, hatten die Übriggebliebenen entweder jedes Feingefühl verloren – oder, was bei Schwaben auch möglich ist, ihren Geschäftssinn zurück­gewonnen. Man sah das Scheitern als Chance und sprengte, was ver­blieben war, um Neubauten Platz zu machen. So wie das Herz der Stadt, den alten Marktplatz mit seiner Rathausfassade, die früher so prachtvoll erstrahlte wie das weltberühmte Münchner Rathaus. Boom. Alles aus­radieren. So geht das seither.

„A Whiter Shade of Pale“ ist der perfekte Slowsong. Perfekt für diesen Tanz, der darin besteht, dass zwei Umarmende sich langsam um sich sel­ber drehen. Diesen einfachsten aller Tänze lernt man mit zwölf Jahren bei Geburtstagspartys hinter heruntergelassenen Rolläden. Wenn man zu Kuschelrock-Songs im Dauerloop mit einer aufgeregten Handbreit Ab­stand zu den viel größeren und reiferen Mädchen dem Teenager-Dasein entgegenwankt wie eine Jolle aufs offene Meer der Liebe.

Auf dem Cover der Platte mit „A Whiter Shade of Pale“ sieht man einen Kapitän und einen Rettungsring. Das Lied ist ein Zuhause, jeder Winkel, jede Note ist vertraut, so oft hat man es irgendwo gehört. Es bringt alles unter ein Dach: ein bisschen Bach im Orgellauf, Soul im Gesang, Soft-Rock in der Rhythmusgruppe. Schon in den muffigen Sech­zigern muss dieses Lied eine Chance gewesen sein, die Damen zum Tanz aufzufordern, die gesellschaftlichen Abstandsregeln zu unterwandern und ihnen nahe zu kommen, sie zu berühren, ganz legal. Nur ein Tanz.

Die Geschwindigkeit ist perfekt. Kein Lied an diesem Abend wird zu schnell sein, zu impulsiv. Andreas Vogel und André Herzer, beide 44, navigieren seit mehr als 20 Jahren durch Stuttgarter Nächte. Jedes Jahr am 25. Dezember ist ihre Kür. Das Kap der guten Hoffnung. Hier müssen sie all ihr Wissen einsetzen, denn jeden Moment können in dieser Stadt Partys zu dumpfen Orgien werden, mit grölenden Männern Arm in Arm, Frauen mit Weissweinschorle-Gläsern auf Bassboxen. So was will jetzt keiner. Es würde alles zerstören, vielleicht für immer. Wir sind zusam­men auf dem Weg zu einem ganz anderen, viel sanfteren Moment an diesem Abend. Vogel und Herzer führen uns dahin. Ich spüre ihren Atem an meinem Hals. Wir drehen uns weiter im Uhrzeigersinn.

Durch den im Talkessel verbliebenen Dorfkern mit den Fach­werkhäusern wurden nach dem Krieg breite Schneisen geschlagen. Im 150. Todesjahr Friedrich Schillers wurde seine Alma Mater gesprengt, um einer Innenstadt-Autobahn Platz zu machen. Fortan zerteilten fünf breite Flüsse aus Stahl und Asphalt das einstmalige Weinstädtchen. Zu­rück blieben zwei Quadrate Innenstadt voller grauer Kästen. Als ob man für immer klarmachen wollte, dass hier niemals wieder eine Kultur er­blühen, sondern Maschinen produziert werden sollten. Daimler, Por­sche, Bosch, fertig.

Seither gibt es da ein Tal mit 600.000 gutverdienenden Einwoh­nern, in der Mitte zwei Kilometer Shoppingmeile, genannt Königsstraße. Karstadt & Co, Kette an Kette, wie in Hannover, Düsseldorf, Dort­mund oder Essen. Wie in all den anderen Städten Deutschlands, deren Einwohner sich so sehr ihrer Herkunft schämen, dass sie das Gefühl haben, nichts von dem was sie dort schüfen, könnte je Wert haben. Das beliebteste kulturelle Zentrum Stuttgarts ist tatsächlich das Daimler-Museum. Statistisch gesehen besucht es fast jeder Einwohner Stuttgarts einmal im Jahr.

Als man 1993 die Stadt im Zuge des unaufhörlichen Umbaus mit einer hochmodernen U-Bahn – dem „gelben Blitz“ – versah, wurde eine der Innenstadtverkehrsachsen unnötig. Jene, die die Shoppingmei­le mittig unterbrochen hatte. Plötzlich gab es einen Platz mitten in der Stadt. Weil die Stadtverwaltung nicht wusste, was tun mit dem neuen Schlossplatz, stapelte man auf das Loch ein paar riesige Klötze zu einer Art provisorischen Treppe. Städter begannen sich an der Freitreppe zu verabreden. Ein Sammelpunkt für die Jugend entstand. Es war der öf­fentlichste Ort, den man sich nur vorstellen kann. Wer etwas in der Stadt zu tun hatte, musste hier vorbeikommen. Alle Arten von Menschen tra­fen zusammen. Gleichzeitig wurde das Stadtleben zu einem Theater, das man von den Stufen der Treppe aus beobachten konnte. Aus Versehen hatte die Stadt ein Herz bekommen, und unvorhergesehenerweise ent­wickelte sich ein Kulturleben, und Stuttgart brachte plötzlich sogar Pop­stars wie Max Herre, Freundeskreis und die Massiven Töne hervor. Zu­fällig genau, als ich ein Teenager war. 2002 wurde die Freitreppe abge­rissen. Kurz davor hatte ich die Stadt verlassen.

Ich ziehe sie etwas näher an mich. Sie lässt es zu. Sie kennt mich ja seit 15 Jahren, mindestens. Ich weiß, an welcher Schule ihr Vater un­terrichtet hat. Ich kenne sicher die Hälfte ihrer alten Freunde. Meine erste Freundin war eine Klasse über ihr. Wir wissen so viel übereinan­der. Ich fand sie schon mit 18 sehr anziehend. Die lustigen Mandelaugen. Sommersprossen und helle Haut.

Um uns herum nur Tanzpaare. Zwei- oder dreihundert Men­schen sind in diesem niedrigen Saal mit den schwarzen Wänden. Die Hälfte davon dreht sich langsam umeinander, ineinander versunken. Der Beat schleppt weiter. Der Bass, der heisere Orgelsound. Am langen schwarzen Tresen neben dem Eingang am anderen Ende ist keine Lücke frei. Ich sehe Martin, er ist jetzt ein Doktor mit einer kleinen Beraterfirma. Er schmeißt rundenweise Shots. Am Ende sind 200 Euro verfeiert.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag hat jeder hier die Taschen voll mit Geld. Und wenn es nur der Fünfziger von Oma ist. Die Leute sind gut angezogen, selbst wenn sie aus Stuttgart sind. Wobei, das sind sie eigent­lich gar nicht. Die, die hier heute Abend sind, die kommen aus allen Teilen der Welt eingeflogen. Nur einmal im Jahr kommen sie zusammen. Seit fünfzehn Jahren. An der Engtanzfeier.

Die Trümmer Stuttgarts bilden den höchsten Berg der Stadt. Am Gipfelkreuz des Monte Scherbelino, offiziell „Birkenkopf“, schaute ich nachts nochmal auf die Lichter im Tal. Wie so viele, die dann nach Berlin, München oder London ziehen, um dort zu suchen, was man in Stuttgart nie zu finden glaubt: echtes Leben. Oft allerdings finden sie dort entweder gar nichts oder Düsseldorfer, Essener oder Hannoveraner, die das Gleiche suchen. Das wiederum treibt die Stuttgarter so weit, dass man davon ausgehen muss, dass, wenn man am Südpol einem Menschen begegnet, er aus Stuttgart kommt. Stuttgart leidet an einem quasi-afri­kanischen Brain-Drain.

Mein erweiterter Freundeskreis umfasste vielleicht zweihundert Menschen in meinem Alter. Ich kann keine zwanzig von ihnen aufzäh­len, die noch in der Stadt sind. Die Gesellschaft hat sich in ihre Einzel­teile aufgelöst. Heimat besteht aus Menschen und Orten. Und wie brutal meine Heimat ständig umgebaut wird, zeigt sich am mehrjährigen Wut­ausbruch der Bevölkerung anlässlich Stuttgart 21, der kompletten Um­pflügung der zentral gelegenen Bahnhofsgegend. Es ist ein bisschen wie nach dem Krieg, wenn ich manchmal nach Hause komme. 90 Prozent meiner Generation sind wie ausgelöscht.

Ihr Kopf löst sich von meiner Schulter, richtet sich auf, sie lehnt sich etwas nach hinten. Sie hebt ihre Lider und blickt mich von unten herauf direkt an. Sie lächelt ein bisschen. Die Lippen öffnen sich. Ihre grünen Augen glänzen. Ihr ganzes Gesicht leuchtet. Ich spüre, dass die anderen um uns rum bemerken, was hier läuft.

Erst vor ein paar Tagen ist sie mir wieder in den Sinn gekommen. Plötz­lich. Dieser weiche, lange Tanz letztes Jahr. Kurz vor Ende der Feier, irgendwann morgens um drei oder vier, bevor Grant Green mit „Idle Moments“ jedes Jahr den Abend abschließt und das Licht angeht. Ein kurzer Kuss. Ich war im Rausch des Abends gewesen, es war einer die­ser Momente, in denen das erlaubt ist wie an einer Silvesterparty mit 15. Ich hatte gar nicht darüber nachgedacht. Einfach ganz freundlich geküsst. Sie war ja sowieso weit weg. Gerade zurück aus den USA, dabei, sich zu installieren in Berlin oder so.

Ich hatte danach mein Jahr 2012 allerdings komplett in den Sand gesetzt, liebesmäßig. Ich war um die halbe Welt gereist, aber nir­gendwo hatte es gefunkt. Sowieso, ich hatte zu viel gearbeitet. Vielleicht lag es daran. Vielleicht war ich mit 32 Jahren auch auf Abwege gekom­men, und die Frauen spürten das, dass ich keine Zukunft hatte, mit mei­ner Schreiberei. Ich hatte existentielle Zweifel. Keine gute Grundlage. Als ich dann dabei war, mich auf die Heimkehr zur Familie an Weih­nachten vorzubereiten, hatte ich plötzlich ihr Gesicht vor meinen Augen. Wie ein Licht am Ende des Tunnels. Ein bisschen ist Heimat ja auch der Ort, wo die Früchte tief hängen. Ich wollte sie.

Mir war das schon einmal passiert. Zwei Jahre davor, 2009, mit 29, verwirrt vom fehlgeschlagenen Berufsanfang, war ich auf der Eng­tanzfeier gestanden. Zwischen all meinen Freunden, die immer noch am Warten waren, dass aus mir mal wirklich was wird. Die Gesichter der Vergangenheit. Überall Drinks, Gin Tonic, in Strömen, wie immer. Die Fragen, wie es denn laufe, wo ich grade lebe. Ich hatte nichts Gutes zu erzählen. Trennung. Kündigung. Ich hielt also lieber die Klappe. Es war eng. Ich bekam das Gefühl, zwischen all den glücklich tanzenden Paaren zermahlen zu werden. Diese Lieder, meine Güte. Emotionen ohne Ende. André Herzer ließ Jeff Buckley laufen. Spiritualisierte diese selige Stutt­garter Meute. Ließ sie Hallelujah singen und damit inbrünstig diesen Abend preisen. Ich jedenfalls war ganz alleine.

Da sah ich einen Engel. Was eigentlich an diesen Feiern nicht passieren kann, weil ich ungefähr die Hälfte aller Anwesenden kenne. Und schöne Frauen sind eigentlich alle bekannt und vergeben. Eine schlanke Kurzhaarige, die durch die Menge schwebte. An mir vorbei. Sie duftete.

Zwei, drei alte Bekannte flüchtig begrüssend, hatte ich mich in ei­nen Seitengang verdrückt. An eine Wand gelehnt, lauwarmes Getränk genippt. Die Schöne kam in den Gang. Ich folgte ihr schüchtern mit den Augen, sie blickte kurz zu mir, blieb plötzlich stehen. „Hannes!“ Ich hatte keine Ahnung, wer da vor mir stand. „Ich bin’s, Sophie!“
„Wow!“ brachte ich hervor. „Schön, dich zu sehen.“ „Ja genau! Wir haben uns sicher seit zehn Jahren nicht gesehen.Was machst du so?“ Sie strahlte, sichtlich erfreut.

Einfach jetzt keinen Fehler machen. Behalt deine Sorgen für dich. Sie hat ein leichtes Seidenkleid und dazu Stiefelchen an diesen zwei tollen Beinen. Sieht super aus. Sie kennt dich tatsächlich. Los jetzt. „Hey! Alles klasse! Ich lebe grade in Zürich. Ich hab Wirtschaft studiert und bin Journalist geworden.“

„Oh, das ist toll.“ Sie sah mich interessiert an. Blaue, große Augen, blonder, modischer Topfschnitt. „Ich wollte immer Journalistin werden. Deswegen war ich auch so fleißig in der Schule. Viel zu fleißig. Kannst du dich erinnern, wie ich immer gelernt habe und nicht bei dir und dei­nen Freunden bleiben konnte abends?“

Plötzlich wird mir klar, wer da vor mir steht. Das Mädchen, das ich mit 14 Jahren in meinem Viertel kennengelernt hatte. Sophie, dieses hübsche Wesen, wegen dessen ich zu der Party gegangen war, an der sie dann zu früh nach Hause ging, und ich dann mit ihrer Klassen­kameradin zusammenkam, die meine allererste Freundin wurde. Ich hat­te Sophie immer anziehend gefunden. Aber sie war anscheinend immer auf dem Weg zum Geigenunterricht. Unerreichbar.

„Wollen wir tanzen?“, fragte ich. Sie nickte. Es ist, als ob wir durch einen Zeittunnel fahren würden. Stundenlang. Links „Junimond“ von Ton Steine Scherben. Rechts Al Greens zart vibrierendes Soul-Falsetto, wenn er seufzt „How can you mend a broken heart“. Dann „Purple Rain“. Bei „Eternal Flame“ von den Bangles dreht Herzer die Regler runter, und der Saal singt. Damit das nicht ausartet, kontert Vogel mit dem elegan­ten „Funny How Time Slips Away“ von Joe Hinton. Alles verschwimmt. Meine Freunde verabschieden sich flüchtig. Kein Problem, wir kennen uns ja gut genug. Sophie und ich tanzen, drehen uns. „Sollen wir zur Aus­sichtsplatte?“, frage ich sie und bin sehr zufrieden, dass meine Mutter sich aus unerfindlichen Gründen diesen BMW Sportcoupé gekauft und ihn mir heute geliehen hat.

Nachts, wenn man die Bebauung nicht sieht, ist das Lichter­meer im Tal wunderschön. Wie ein unlogisches Universum. Die Aus­sichtsplatte an der Alten Weinsteige ist autotauglich. Die Heizung läuft, rötliche Innenbeleuchtung, unten glitzert die Stadt. Ringsherum ein bür­gerliches Wohngebiet im seligen Weihnachtsschlaf.

„Weißt du, ich war immer verknallt in dich als Teenager“, sagt sie und schaut auf die Lichter. „Du warst bloß zu wild für mich.“ In mir springt etwas auf. Ich atme durch. Ich fasse sie am Kinn, wir kommen uns näher, und ich hatte in diesem Moment das Gefühl, als habe alles in meinem Leben plötzlich Sinn gehabt. Sogar meine Trennung, weil erst dadurch war ja nun Platz für uns. Wir küssen uns, und mir wird klar, das ist die Geschichte unseres Lebens, ich werde einst in einem sonnigen Garten mit Apfelbäumen unseren Enkelkindern erzählen, wie sich die Jugend­liebe fünfzehn Jahre später erfüllt hatte.

Sie lag halbnackt auf dem Beifahrersitz. „Kommst du zu mir?“, fragte sie. „Ich habe ein Zimmer bei meinen Eltern im Keller.“ Wir fuh­ren am Fernsehturm vorbei, oben am Rand des Talkessels. Vor meinem geistigen Auge sah ich unser Glück beginnen. Ich erkannte, dass wir fortan so viel Zeit hatten. Wieso jetzt etwas überstürzen? Wieso schon heute die zukünftigen Schwiegereltern kennenlernen? „Ich hol dich mor­gen ab“, sagte ich. Ich weiß noch, dass sie erstaunt schaute. Als wir uns im Licht des nächsten Tages sahen, war plötzlich alles anders. Wir tran­ken einen Kaffee. Gingen in den Zoo. Nichts mehr. Aus. Ich brauchte ein halbes Jahr, um das zu verdauen. Es war mir eine Lehre.


Dieses Jahr, 2012, bin ich der Erste auf der Engtanzfeier. Gut ange­zogen. Bargeld abgehoben. Ankunft kurz vor 22 Uhr. Mein Plan steht. Hoffentlich ist sie da. Veranstaltungsort ist das ehemalige Amerika­haus. Einer dieser Klötze in der Innenstadt, gleich an der sechsspurigen Theodor-Heuss-Strasse, einer dieser Innenstadtschneisen. Es ist eiskalt, Autos rauschen vorbei, niemand auf der Straße. Die Tür ist noch zu. Diese Party findet man nicht auf Facebook, sie steht in keinem Veranstal­tungskalender. Jedes Jahr gibt es angeblich zweihundert Foto-Flyer, die André und Andreas an Bekannte verteilen. Ich kann mich nicht erin­nern, je einen gesehen zu haben. Diese Feier entsteht aus Telefonaten zwischen Freunden.

Ein paar Monate vor Weihnachten tauchen in Stuttgart jeweils Gerüchte auf, wo die Engtanzfeier diesmal stattfinden wird. Denn seit der ersten Engtanzfete mit romantischer Musik am 25. Dezember 1997 im zimmergrossen Falafel-Imbiss „Vegi Voodoo King“ kämpfen die bei­den Veranstalter mit Platzproblemen. Die ersten Gäste tanzten draußen auf der Straße im Schnee. Als Andreas Vogel und André Herzer 1999 in einem wohnzimmergroßen ehemaligen Stripclub, den Club Hi, eröff­neten, reichte der Platz bei weitem nicht für alle. Man beschloss, zwei Tage durchgehend Engtanzfeiern zu veranstalten. Ich erinnere mich an Jackenberge vor der Tür. Die weinroten Teppichwände, die kleinen Sepa­rées, bei denen man die Vorhänge zuziehen konnte, um ungestört zu sein. Es war so eng, dass man gar nicht mehr von tanzenden Paaren sprechen konnte. Die Menge wurde eine bebende, sich aneinander reibende Masse, so wie diese einzelligen wuchernden Pilze. Jedes Jahr wurde die Feier ein bisschen größer.

Ich habe Freunde, die die Engtanzparty meiden wie die Pest. Die das ekelhaft finden. Dass alle sich weichgeklopft von Weihnachten ein­fach in die Arme fallen würden. Ringelpiez mit Anfassen. Ein inzestuöses Loveshag, bei dem lauter Leute miteinander tanzten, die sich seit Geburt kennen würden. Ausgehen, das sei doch Suchen, hier aber würde man nur finden, was man kenne. Genau darum geht es, finde ich.

Die Tür geht auf, und wie jedes Jahr beginnt um Punkt 22 Uhr die Party mit dem Song, mit dem die letzte aufhörte. Grant Green, „Idle Moments“. Nach und nach kommen die Gäste. Zuerst die Paare. Dann ein paar Freunde. Noch mehr Freunde. Tina kommt mit ihrem Freund rein. Sie wohnt eigentlich in München. Die beiden haben einen Baby­sitter gefunden. Das ist ziemlich hart an diesem Abend. Da sucht eine ganze Generation Babysitter. Stück für Stück setzt sich unsere alte Ge­meinschaft wieder zusammen. „Woher kennen wir uns noch mal? Aus dem 'Hi'? Oder von der 'Freitreppe'?“. Oder „Ach, das ist deine große Schwester? Ja, wir waren mal zusammen im Urlaub.“ Ich achte darauf, nicht zu viel zu trinken. Hoffentlich kommt sie.

Für ein, zwei Stunden ist der ganze Saal nur aufgeregt am Schnat­tern. Erstmal müssen alle sich begrüßen. Die DJs haben keine Chance. Dann kommt die rituelle Ansage. Andreas Vogel, der aussieht wie ein Studienrat im Jahr 1982, hebt das Mikrofon: „Willkommen zur Engtanz­feier 2012. Es darf getanzt werden.“

Langsam geht es los. Mein erster Tanz ist mit Jelena, Klassen­kameradin meiner ersten Freundin. Wir waren nie so eng, aber wenn man sich so lange kennt, spielt das irgendwann überhaupt keine Rolle mehr, ob man vor zehn Jahren Freund oder Feind war. Ich erfahre, dass sie in Brasilien als Krankenschwester gearbeitet hat und dort zwei Kin­der bekam. Erstaunlich. Ich hatte sie völlig unterschätzt. Mein nächster Tanz ist mit der schönen Camille. Die ist seit etwa zwölf Jahren mit meinem Schulfreund Noah zusammen. Ihr erster und einziger Mann. Die Eng­tanzparty ist für sie eine einzigartige Gelegenheit. „So viel Körperkon­takt kann man doch sonst nie mit anderen Männern haben, ohne dass die gleich mehr wollen“, flüstert sie mir ins Ohr. Es gibt einen Anteil Erotik in den meisten Freundschaften, den man sonst nie ausleben kann, denke ich.

Das ist allerdings nicht ungefährlich. Jedes Jahr gibt es an die­ser Feier Eifersuchtsdramen und Trennungen. Einmal verlor ich beina­he einen meiner engsten Freunde, weil ich eine Runde zuviel mit seiner Angebeteten eingelegt hatte. Mittlerweile hat sich das Engtanzen ein bisschen ausgebreitet. In Hamburg und Hannover gibt es weihnachtliche Engtanzfeiern. Und in Berlin ist es ein grosses Ding geworden in den vergangenen zwei Jahren.

Ein paar meiner Stuttgarter Freunde haben mir von den Praktikantinnen und Studentinnen erzählt, die im Hinterhof des „Picknick Clubs“ nach amourösen Abenteuern suchen würden. Ein Freund von mir hat sich darauf spezialisiert. Das Prinzip funktioniere so gut, weil es so klare Regeln gebe. Statt sich wie in einer Disco jedes Mal neu zu erfinden und ungeheuer innovativ sein zu müssen, um anderen näherzukommen, fragt der Mann bei Engtanz die Frau. Man trete über die Schwelle solch einer Veranstaltung, und schon gälten eben ganz andere, ganz klare un­geschriebene Regeln. Das sei ein erfolgversprechendes Prinzip für unse­re verwirrte Multi-Optionen-Generation.

In Stuttgart geht es um viel mehr als amouröse Abenteuer. Beispielsweise tanze ich mit Thomas. Ein Tanz für ein ungestörtes Gespräch unter vier Augen, völlig normal an diesem Abend. Thomas macht grade eine schwierige Phase durch, weil er seit zwei Jahren keine Stelle findet und immer noch an der Uni vor sich hindümpelt. 1.000 Euro im Monat. Und sein Vater ist krank. Nie kann man so offen sprechen wie unter alten Freunden. Man kann kaum mehr aus­einander, so viel hat man schon geteilt.

Sie ist gekommen. Sie hat ein grünes Wollkleid. Sie tanzt die ganze Zeit mit einem dürren Typ, den ich nicht kenne. Ich beginne mich diskret umzuhören. Hier kennt jeder jeden. Der Typ ist ihr Exfreund. Ich gebe ihnen noch ein paar Minuten. „Ah! Die Degerlocher sind da“, grüßt mich Noah. Ich muss lachen. Degerloch ist ein Stadtviertel, aus dem viele von meinen Freunden kom­men. Keiner von ihnen wohnt mehr dort. Seit mindestens zehn Jahren. Dennoch: Für ihn bin ich ja derjenige, den er zuletzt sah. Und er ist es für mich, auch wenn wir beide nicht mehr sind, was wir voneinander denken. So ist das in diesem ganzen Saal, fällt mir auf.

Hier steht ein Stuttgart wieder auf, das längst nicht mehr existiert. Die Gespräche set­zen sich dort fort, wo sie letztes Jahr endeten. Es ist wie ein Daumen­kino im Jahrestempo. Und während sich diese Gemeinschaft, die sich für das wahre Stuttgart hält, Jahr für Jahr langsam fortentwickelt, bewegt sich das wirkliche Stuttgart in eine ganz andere Richtung, wird es von ganz anderen Menschen gestaltet, als jenen, die hier sind. Es ist wie ein Raumschiff, das sich immer weiter vom Heimatplaneten entfernt.

Astrid ist mein Trick. Höflich bitte ich sie um einen Tanz und schiebe sie in die Nähe des grünen Wollkleides mit dem Ex-Freund. Astrid und ich sind ein bisschen formal miteinander. Obwohl sie mir gerade erzählt, dass sie ihren allerersten Stehblues anscheinend mit mir getanzt habe. Mit elf, auf einer Freizeit. Ich schiele nach meiner Partie. Sie schaut he­rüber. Ich zwinkere ihr zu. Sie zwinkert zurück. Wir denken dasselbe in diesem Moment.

„Ist eigentlich irgendeiner in den letzten Jahren gestorben?“, frage ich Astrid. „Nein, alle gesund. Komische Frage. Wobei.“ Wir drehen uns. Astrid ist hier geblieben. Es tobt ein stiller Streit zwischen jenen, die gin­gen, und jenen, die blieben. Es geht um zwei Lebensentwürfe, um einen Statuswettbewerb. Am niedrigsten angesehen sind die Heimkehrer. Viel zu schnell kommt bei ihnen der Verdacht auf, sie hätten es anderswo nicht hingekriegt, seien in der Ferne beruflich gescheitert.

Links tanzen Noah und Ali miteinander, und vielleicht erzählt Noah ihm grade von seinen Absichten mit Camille. Und jetzt kann er ihr dabei zusehen, wie sie mit Tim tanzt. Übrigens schon zum zweiten Mal. Tim war immer der Beau aus unserem Freundeskreis. Unser Lied endet. Ich lasse Astrid los, bahne mir meinen Weg durch die Menge und bitte sie um einen Tanz. Endlich. Sie sagt Ja. Als ich die ersten Orgeltöne höre, ihre Wangen spüre, schlägt mein Herz ein bisschen mehr. Neben uns tanzen Noah und Camille. In ihren Gesichtern liegt pure Zufriedenheit. Zwölf gemeinsame Jahre. In sechs Monaten werde ich auf ihrer Hoch­zeit stehen, Blumen werfen. Wir drehen uns. Ich sehe Leanne und Tho­mas. In zwei Monaten wird er mir von der Schwangerschaft erzählen.

Ich halte sie, schaue sie an, und um uns herum scheinen die Men­schen zu leuchten. Die Tänzer versinken immer mehr ineinander, es ist, als wäre es still, und es ist, als ob die Lichter der Diskokugel in der Luft anhalten würden, und die Musik ist einfach nur noch Wärme und Licht, und die Zeit bleibt stehen. Ich gehe nach Stuttgart zurück, flüstert sie. Sag es niemandem. Sie lächelt.

Um uns herum ist mein halbes Leben versammelt. Unser halbes Leben. Meine Freunde, mit denen ich aufwuchs. Ihre Freunde, mit denen sie aufwuchs. Gibt es ein Zurück, frage ich mich inmitten dieses sich im­mer wiederholenden Abschlussballes. Ist das überhaupt möglich? Oder kann man nur immer weiterziehen? Ich will nicht noch mal denselben Fehler machen wie damals.

Ihre Lippen kommen näher. „Lass uns gehen», sage ich. “Ganz unauffällig. Erst ich, dann du, okay?"

Als sie zu mir kommt, in die Kälte, draußen vor der Tür, da wird mir plötzlich klar, dass sie und ich hier keinen Platz mehr ha­ben, an den wir jetzt gehen könnten.


Illustration: Veronika Neubauer