Die barmherzigen Brüder von Béthune

Die barmherzigen Brüder von Béthune

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Am Montagmorgen geht Alexandre nicht zur Arbeit. In seinem Zimmer, zwischen den Porträts seiner Vorfahren, schlüpft er in einen weißen Rollkragenpullover und eine schwarze Weste. Vor dem Spiegel wirft er sich einen schweren Umhang über die Schultern. Die Kleidung, die aus einem anderen Jahrhundert zu stammen scheint, wirkt seltsam an diesem 26-jährigen Mann mit kahlem Schädel und üppigen Bart. Noch seltsamer ist sein Zeitvertreib: Zwei halbe Tage pro Woche begräbt Alexandre Unbekannte, Menschen ohne Familie oder Freunde.

In Béthune im Département Pas-de-Calais, einer Stadt mit 25.000 Einwohnern, nennt man sie die Charitables, die Wohltäter. Hier erstaunt es niemanden mehr, wenn sie in ihren Trachten die Stadt durchqueren und einen schwarzen Holzkarren hinter sich herziehen, auf dem sie die Verstorbenen zur letzten Ruhestätte bringen. An die 350 Totenfeiern halten sie jährlich ab. „Die Bruderschaft der Charitables, die ist hier ein Wahrzeichen. Wie der Kirchturm. Wir gehören sozusagen zum Mobiliar“, raunt uns Michel zu, ein Mann mit einem weißen Schnurrbart. Er ist der Probst, der an der Spitze der Bruderschaft steht.

Deren Tradition stammt aus dem Mittelalter und ist inzwischen acht Jahrhunderte alt. Als der Schwarze Tod, die Pest, in der Provinz Artois und Flandern wütete, erscheint zwei Hufschmieden, Germon und Gautier, im Jahr 1188 im Traum der Heilige Eligius, der Schutzpatron der Goldschmiede und der Schlosser. Er trägt ihnen auf, die Leichen nicht einfach auf den Straßen liegen zu lassen. Daraufhin gründen sie eine „karité“, einen mittelalterlichen Wohltätigkeitsorden, der sich der Bestattung der Toten widmet.


Teil 3 unserer Frankreich-Reihe: Bis zum Beginn der Präsidentschaftswahl Ende April veröffentlicht Krautreporter jede Woche eine neue Reportage über die Konflikte, Sehnsüchte und Unsicherheiten unserer Nachbarn auf der anderen Seite des Rheins.


Inzwischen sind die Charitables eine Laienbruderschaft geworden. Seit 1901 sind sie als Verband organisiert. Die Männer der Bruderschaft – Frauen lässt die strenge Tradition nicht zu – wurden abwechselnd in den Himmel gelobt und beschimpft, aber ihrer Pflicht sind sie immer nachgekommen „Solange Sie uns sehen, sind Sie noch am Leben und alles ist gut!“, lautet der Standard-Scherz der Männer in Schwarz.

Alexandre

Mit seinem Zweispitz auf dem Kopf steht Alexandre unter dem Vordach der Kirche. Er zieht nervös an einer Zigarette. Besorgt betrachtet er den morgendlichen Himmel: Wenn es regnet, werden die Umhänge besonders schwer. Eine Windböe und sie sind nicht mehr zu kontrollieren. „Gehen wir rein, uns aufwärmen“, sagt einer der Männer, die sich vor dem Gebäude die Beine in den Bauch stehen.

Vor dem Tod und vor den Brüdern ist jeder gleich

Allmählich scharen sich die Angehörigen des Verstorbenen hinter den elf Charitables zusammen, die umsichtig den Sarg aus dem Wagen des Bestattungsinstituts heben. Michel, der weiße Handschuhe trägt, bedeutet der Familie, ihm zu folgen. Im Kirchenschiff hat eine Messdienerin den CD-Player angestellt, Jean Ferrats „C'est beau la vie“ (Das Leben ist schön) erklingt. Einer nach dem anderen verharren die Trauernden vor dem Sarg. Auf einem Porträt darüber lächelt der Verstorbene sie an. Schweigend hält einer der Charitables den Gästen den Weihwassersprenger hin.

In den Bänken reiht sich Daunenjacke an Daunenjacke. Die Glocken beginnen zu läuten, es ist 10 Uhr. Alexandre hat seine Kopfbedeckung am Eingang vergessen. Mit eiligen Schritten geht er sie holen, unter den halb amüsierten, halb missbilligenden Blicken seiner Kollegen, die ein Ehrenspalier bilden. Dann übernimmt die Pastorin. Die Charitables ziehen sich in die Kirche zurück. Auf einem hölzernen Stuhl im Mittelgang hält einer von ihnen Wache am Sarg.

Mit halb geschlossenen Augen, zwischen Andacht und Entspannung, sitzt Alexandre hinter einer Säule. Er versucht seine Socken zu verbergen, schöne blaue mit Jacquardmuster. Wird es nachher eine Sockenprüfung geben? Wenn einer der Charitables merkt, dass sie nicht schwarz sind, wie es die internen Regeln vorschreiben, muss Alexandre am Ende der Zeremonie eine symbolische Strafe entrichten. Die Bruderschaft hat ihre eigenen Regeln und strenge Codes.

Messe mit den Charitables

Die Aufgabe der elf Charitables, die zu jeder Beerdigung entsendet werden, endet nicht an der Schwelle der Kirche. Sie passen auf, sie denken an alles, sie betreuen die Familie auf jeder Etappe. Sie sind diskret, aber omnipräsent, transportieren die Leiche zu Fuß bis zu einem der drei Friedhöfe von Béthune, wobei sie sich alle fünfzig Schritte als Träger abwechseln. Heute ist es Robert, der „den Weg weist“, sich als eine Art Verkehrspolizist betätigt. In einem unmissverständlichen Ton, mit leichtem niederländischem Einschlag, weist er die Autos an, Platz zu machen, um den Trauerzug passieren zu lassen.

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Der Wind weht die Hüte von den Köpfen. Das Gewicht des Sargs drückt Alexandres Schuhe in die matschige Friedhofserde. „Der Sarg kann bis zu 350 Kilo wiegen, da braucht es letztendlich Kraft ...“, kommentiert er. An Seilen lassen die Charitables den Sarg in die Gruft hinunter. „Wir haben unsere Pflicht getan. Er ruhe in Frieden!“ Ihre elf tiefen Stimmen hallen ein letztes Mal zwischen den Gräbern wieder, bevor sie sich zurückziehen, damit sich die Familie von dem Toten verabschieden kann.

Nach jeder Trauerfeier gilt: Wer Fehler gemacht hat, muss zahlen

Am Friedhofsausgang ist ein großer Kreis in weißer Farbe auf dem Boden gemalt. Die Charitables stellen sich dort auf und gehen akribisch die soeben beendete Trauerfeier durch. Alle Fehler werden erfasst: "er hat seinen Zweispitz zur Unzeit abgenommen, wer hat den Sarg ohne Handschuhe angefasst ... Für jeden Verstoß muss der nachlässige Charitable eine Strafe von 50 Cent entrichten. Dann nehmen alle ihre Umhänge ab und steigen wieder ins Auto. Nur Alexandre verlässt den Friedhof zu Fuß, das Smartphone in der Hand.

Alexandre hat es eilig, ins Geschäft zu kommen

„Genauigkeit – Einigkeit – Wohltätigkeit.“ Diese drei Begriffe leiten das Engagement der Charitables. Indem sie diese Werte hochhalten, wollen sie die kollektive Bewältigung des Todes sicherstellen. In Béthune lehnen nur sehr wenige Einwohner ihre Dienste ab: Mitten in der Verstörung und Empörung, die mit der Trauer einhergehen, sind sie solide Säulen, garantieren sie die soziale Ordnung.

Sie wachen über die Versammlung und bringen in den Wust die Gefühle die notwendige Dosis Beherrschung. „Als meine Mutter gestorben ist, war ihre Präsenz für mich eine Erleichterung“, vertraut uns Olivier Gacquerre an, der Bürgermeister der Gemeinde. „Sie hatte Wert darauf gelegt, von den Charitables begleitet zu werden. Dank ihnen wusste ich, dass sie so gehen würde, wie sie es gewollt hatte.“ Indem sie die Koexistenz der Lebenden und der Toten ordnen, bezähmen die Charitables seit 827 Jahren den Tod.

In besseren Zeiten gab es bis zu hundert Bruderschaften in der Region, heute sind davon noch zweiundvierzig übrig. Im Gemeindeverband Artois, zu dem Béthune gehört, zählt man noch an die 750 Charitables.

„Die gleiche Ehrerbietung für einen Obdachlosen wie für einen Bürgermeister oder ein Senatsmitglied.”

Ihre Mission: die Gleichheit im Angesicht des Todes sichern. „Wir begleiten alle, wir machen keinen Unterschied“, sagt der Probst stolz, als er den Friedhof verlässt. Michel hat gerade seinen Zweispitz abgenommen, die Sonne kommt wieder heraus und seine „Mission“ ist zu Ende. Für die, die an einen Himmel glauben genauso wie die, die nicht daran glauben. Alle Religionen: Katholiken, Muslime, Juden. Die Vermögenden genauso wie die Enterbten. Seit Anfang der 2000er Jahre haben die Charitables ihre Dienste sogar auf das Krematorium ausgeweitet.

„An einem Tag haben wir den Bürgermeister begraben, der auch Mitglied des Senats war, da waren tausende Leute gekommen. Am Tag darauf waren wir auf der Beerdigung eines Obdachlosen. Es waren nur wir da. Ich kann versichern, dass ihm die gleiche Ehre erwiesen wurde, wie dem Senator am Vortag“, betont Michel, ganz seiner Rolle und ihrer Bedeutung bewusst.

Die Stadtväter begrüßen diese Bemühung um Gleichheit. „Als Bürgermeister finde ich es großartig zu wissen, dass in meiner Gemeinde niemand in Einsamkeit oder Anonymität sterben muss, auch wenn er kein Geld oder keine Familie hat“, bekräftigt Olivier Gacquerre. „Selbst, wenn in einer Wohnung eine Person gefunden wird, die schon seit Monaten tot ist, so wie es manchmal passiert, dann sind die Charitables zur Stelle. Sie bereichern das Leben der Menschen von Béthune durch zusätzliche Humanität und Würde.“

Den Bestattungsunternehmern entgehen jedes Mal 1.000 Euro

Vor dem Sensenmann sind zwar alle Menschen gleich, aber mit den Konsequenzen des Tods sieht es schon ganz anders aus. Der Unterschied zwischen Reich und Arm sticht ins Auge. Es ist, als ob der eine, dank seines Reichtums, ein Grab besitzen kann, das es ihm erlaubt, noch ein bisschen länger im Bewusstsein der Welt zu verweilen. Der andere dagegen ist mangels einer Ruhestätte, die der Zeit trotzt, sofort dem Vergessen preisgegeben.

„Der mittlere Preis für ein Begräbnis liegt bei 3.000 Euro“, erklärt Bernard Bridoux, ein Bestattungsunternehmer in der Nachbargemeinde Annezin. „Aber für eine schöne Bestattung sollte man schon rund 4.500 Euro einplanen.“ Dabei ist es noch viel günstiger, im Nord-Pas-de-Calais zu sterben als in der Île de France oder an der Côte d'Azur. Von Region zu Region können sich die Preise verdoppeln.

Auf dem Weg zum Friedhof

Die Organisation der Trauerfeier erfordert ein beträchtliches Budget, das seit der Liberalisierung des Bestattungssektors im Jahr 1998 ständig wächst. „Indem wir uns um einen Teil der Beerdigung kümmern, bringen wir die Bestattungsinstitute um 1.000 Euro pro Begräbnis. Sie haben keine Wahl, wir sind zu gut etabliert“, versichert Michel, der selbst bereits an mehr als 600 Beerdigungen teilgenommen hat. Der Rekordhalter, ein ehemaliger Bergmann, der Probst geworden ist, hatte ungefähr 5.115 hinter sich, bevor er selbst zu Grabe getragen wurde.

Die Bestattungsunternehmen von Béthune wollen keine Konfrontation: „Die Hauptsache ist, dass die Zusammenarbeit ordnungsgemäß abläuft“, heißt es. Der Probst wird nicht müde, die folgende Anekdote zu erzählen: „Vor ein paar Jahren wollte sich ein großer Bestattungskonzern in Béthune niederlassen. Sie wollten ohne uns begraben. Also gab es einen Volksentscheid auf Gemeindeebene, und die Einwohner haben mit 99,9 Prozent den Charitables recht gegeben. Die anderen haben zwei Trauerfeiern durchgehalten, dann sind sie wieder abgezogen!“

Wie überall in Frankreich kümmert sich die Gemeinde um die Bestattung der Mittellosen. „Sie geben uns eine Subvention von 500 Euro, das ist nicht mal genug, um unsere Kosten zu decken“, nörgelt Bestattungsunternehmer Bernard Bridoux. Er findet, dass die Situation auf dem Markt sich zusehends verschlechtert. Im September gab es nur eine Beerdigung. „Heute verbringen die Familien viel Zeit damit, am Telefon die Preise auszuhandeln. Sie vergleichen im Internet, bitten um Kostenvoranschläge. Um nicht zahlen zu müssen, gehen viele sogar so weit, einen Antrag wegen Überschuldung zu stellen. Die Zeiten sind hart ...“ Manchmal greift die Bruderschaft in die eigenen Taschen, um einer Familie zu helfen.

Alexandre kämpft mit seiner Angst vor dem Tod

In ein paar Minuten ist es 13 Uhr. Alexandre hat seine Tracht des Charitable abgelegt und sie umsichtig auf einem Kleiderbügel gehängt, im Lager eines der beiden Bekleidungsgeschäfte, deren Geschäftsführer er ist. Knallorange gestrichene Wände, Schallplatten, Jagdtrophäen. Die Ellenbogen auf die Theke gestützt, lässt sich der junge Mann noch einmal die Trauerfeier des Morgens durch den Kopf gehen. Die Mehrheit der Charitables sind katholisch oder atheistisch, er selbst definiert sich eher als Agnostiker. „Ich hatte immer Angst vor dem Tod. Ich glaube, diese Angst ist in uns, man kann sie nicht heilen. Aber allmählich lerne ich, mich davon zu distanzieren. In der Hinsicht hat es mir sehr geholfen, Charitable zu sein.“

„Vor einiger Zeit habe ich einen Freund verloren. Ich habe mich geweigert, an der Trauerfeier teilzunehmen. Ein Charitable kann während der Beerdigung nicht weinen.“ Was hat diesen 26-jährigen Mann also dazu bewogen, der Bruderschaft beizutreten? „Der Umstand, dass der Dienst für alle der gleiche ist, für reich oder arm, das berührt mich. Außerdem ist die Tradition hier so verankert, dass man selbst ein bisschen Teil der Geschichte wird, wenn man den Charitables beitritt.“

Wegen seiner Verpflichtungen im Geschäft hat Alexandre keine Zeit, sich nach der Feier noch mit den anderen Brüdern zu treffen, in der Bar La Pipe d'or oder anderswo, immer in nächster Nähe des jeweiligen Friedhofs. Für die Mitglieder der Bruderschaft ist diese Etappe der obligatorische Abschluss jeder Zeremonie, wie Michel Beaugrand, der ehemalige Probst, erklärt.

Michel Beaugrand

„Unsere Mission ist in erster Linie, die Toten zu begleiten; aber auch, wenn man das weniger merkt, wir begleiten auch die Lebenden!“, fügt Robert hinzu und schüttelt seine schlohweiße Mähne. Er ist stolz, diesem „verschwiegenen Bund, der kein Geheimbund ist“ anzugehören, dessen Mission weit über die Verwaltung des Todes hinausgeht.

Ehrenamt hin oder her: Spenden sind willkommen

„Wir stehen nicht in Konkurrenz mit den Verbänden, wir helfen nur im Notfall aus. Manchmal kontaktieren uns die Sozialarbeiter in schwierigen Situationen, und wir sind dann innerhalb von zwei bis drei Stunden vor Ort, in der Wohnung der Betroffenen.“ Zum Beispiel mit Essenspaketen für ein paar Tage, so lange, bis andere Verbände den Fall übernehmen. Ähnlich wie in den Vorjahren haben dieses Jahr schon über 250 Familien von ihrer Hilfe profitiert.

Der von den Charitables geleistete Beistand ist bis heute ehrenamtlich geblieben. „Aber Spenden schlagen wir nicht aus“, fügt Michel mit einem Zwinkern hinzu. Fast jedes Mal schieben die Familien dem Probst nach der Zeremonie einen Umschlag zu. Er enthält ein paar Scheine oder Dankesworte. Wenn es wieder wärmer wird, gehen die Charitables auch von Tür zu Tür, um mit der traditionellen „Kollekte der kleinen Bleimünzen“ ihre Kassen aufzufüllen. Gegen einen Obolus verteilen sie hier die berühmten „kleinen Bleimünzen“, heute Bons aus Karton, die man in Brötchen einlösen kann. Die meisten Bewohner behalten sie aber: Es heißt, sie bringen Glück.

Ende der Prozession

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Fotos: Cédric Dubus; Übersetzung: Luisa Marie Schulz; Bildredaktion: Martin Gommel; Produktion: Vera Fröhlich.