Wie ich die Karre in Kasachstan verkaufte

Wie ich die Karre in Kasachstan verkaufte

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Er schaut nur kurz. Tut so, als habe er nicht verstanden, und geht weg. Zwei Minuten später steht er wieder da. Stellt eine Schale Chips auf die Theke und sagt: „Wird schwer hier. Atyrau ist eine Öl-Stadt, mitten im Boom. Keiner wird hier einen Gebrauchtwagen kaufen. Vergiss es.“ Frag' bitte ein bisschen rum, sage ich. Er, etwa 30 Jahre alt, asiatisches Äußeres, aber nicht zu einem Lächeln fähig, viele Fitness-Studio-Muskeln, nickt nicht mal.

Das „Guns and Roses“ hat einen dunklen Dielenboden und eine lange Bar. Ich hatte ein Sprite bestellt. Der kasachische Barkeeper, mit dem Emblem einer unbekannten Biermarke in kyrillischer Schrift auf dem T-Shirt, spricht Englisch. Endlich einer. Also los: „Ihr Barkeeper kennt doch immer alle. Folgendes: Ich habe draußen ein gutes Auto stehen, einen VW Sharan, made in Germany. Den will ich verkaufen. Das ist mein Auto. Völlig legal. Ich hab die Papiere. Nur die Zolldokumente fehlen. Was es komplizierter macht. Aber vielleicht auch billiger.“

Die Idee ...
Die Idee kam uns auf einer Party und ging so: Wir wollen was erleben und nehmen den VW Sharan, Baujahr 2001, mit seinen 176.000 Kilometern auf dem Buckel. Wir fahren ihn nach Kasachstan, in das Dreiländereck von Kirgistan und China. Da gibt es, so die Gerüchte, einen Automarkt mitten in der Steppe, auf dem man mehr für ein deutsches Auto kriegt als in Deutschland.
Das Problem der Idee: Wir, der Fotograf Karsten Schöne und ich können kein Russisch, kein Kasachisch. Wir fahren etwa 7.500 Kilometer durch Polen, die Ukraine, Russland und Kasachstan. Wir müssen genug Geld mit dem Auto verdienen, um uns Rückflüge leisten zu können. Vielleicht müssen wir irgendwelche Steuern zahlen, die sich Grenzsoldaten mal schnell ausdenken, wenn sie zwei Deutsche mit einem großen Auto sehen.
Um Mitternacht kurz hinter der Grenze Russland-Kasachstan stand dann auch ein Mann in Uniform an der Straße und winkte. Er sagt: „Document“. Kriegt er. Doch er schaut es nicht an und wartet. Dann: „Germanksi, get out.“ Der Steppenwind ist eisig. Der Mann klein, unrasiert, hat eine Narbe auf der Stirn, seine Waffe an der Seite ist ziemlich groß. Er sagt: „Problem.“ Stille. „Dollars? Euro?“ Ich schüttle den Kopf. Er legt die Papiere aufs Dach des Wagens. Der Fahrzeugbrief wird von den Pässen kaum gehalten, flattert, wird wohl wegfliegen. Ich schiebe ihn unter die Pässe. Über die Schulter des Mannes sehe ich im Westen Scheinwerfer. Er nicht. Wieder: „Problem!“ Pause. Ich gucke möglichst doof. Dann Autogeräusche. Er wird hektisch: „Go!“ Ich nehme die Papiere vom Dach, steige ein. Ab.

Die Kneipe, die wirkt wie ein Saloon in Dodge City oder in einem alten John-Wayne-Western, steht auf der östlichen Seite des Flusses Ural. Südlich des gleichnamigen Gebirges. Nördlich des Kaspischen Meeres. In Kasachstan. Zentralasien. Das „Guns and Roses“ ist der Treffpunkt für Ölarbeiter. Atyrau ist reich, weil hier Öl und Gas aus dem Kaspischen Meer umgeschlagen werden. Um die Stadt herum stehen Riesentanks und Raffinerien. In der Steppe gibt es keine Bäume, keine Büsche. Sie ist voller Pipelines.

Landschaft nördlich des Kaspischen Meers.

Atyrau - Ölboomtown
Eigentlich wollte ich mit dem Auto bis Almaty, das liegt nahe der Grenze zu China. Aber das wäre noch viel Fahrt gewesen über Strecken, die das tiefergelegte, leider tiefergelegte Auto kaum überlebt hätte. In Almaty, das erzählen viele Kasachen stolz, gibt es riesige Spielkasinos und kolossale Bauwerke. Auch in Astana, das seit ein paar Jahren Hauptstadt ist. Da klotzt der Chef, Nursultan Nasarbajew.
Das ist so einer dieser Potentaten, die bei Wahlen mehr als 80 Prozent der Stimmen kriegen, deren Partei alleine im Parlament sitzt und dessen Familienmitglieder hohe Jobs im Staat haben. Nasarbajew war, bis sich die Sowjetunion auflöste, für die Kommunistische Partei am Drücker in Kasachstan. Er jongliert jetzt politisch recht geschickt zwischen China, den USA und Putins Russland hin und her, ist für alle irgendwie wichtig, aber nicht gefährlich. Und er sieht auch genau so aus wie das Klischee, fleischig diktatorenfeist, autoritärer Blick.
Die Menschen in Atyrau sprechen „liebevoll“ über ihn. Obwohl die Stadt wegen des Ölbusiness eine Sonderstellung im Staate Kasachstan hat und als eher liberal gilt. Es gibt Direktflüge nach Amsterdam, die furchtbar teuer sind und von Ölkonzernen gebucht werden. Die Ölarbeiter sind meist aus den USA und benutzen auch mal das Wort Diktator. Aber insgesamt gilt: Alle halten sich bedeckt, keiner will Ärger. Nur Geld.

Durch Atyrau fahren große SUVs. Es gibt viel Marmor, viel Glas, Hochhäuser, die Las Vegas imitieren, und richtig breite Straßen. Über den Schaufenstern steht Armani, Max Mara, Mango, Adidas, Esprit. Ich bezahle das Sprite, sag dem Barkeeper, dass ich in den nächsten Tagen wiederkommen werde, und: Frag' bitte einfach mal rum. Wie ich es in den anderen Kneipen auch gemacht habe.

Der Wagen, den ich hier verkaufen muss, ist ein VW Sharan,1.8 5V Turbo Family, blauer Lack, tiefergelegt, getuntes Sechs-Gang-Getriebe, Baujahr 2001. Ich muss ihn verkaufen, weil ich heim will. Zu Hause hätte ich 2.000 Euro dafür gekriegt. Ich dachte, hier in Kasachstan gibt es mehr. Aber habe inzwischen kapiert, dass ich wegen der illegalen Einreise mit dem Wagen jetzt mit einem großen Problem, das mich viel Geld kosten könnte, in der Steppe stehe.

Die Fahrtstrecke: Hamburg - Warschau - Kiew - Lugansk - Wolgograd - Astrachan - Atyrau

Karte: mapz.com

Die Zollunion
Die Zollunion ist Wladimir Putins Baby. Sie soll die EU mit ihren eigenen Mitteln schlagen. Zum Zeitpunkt dieser Reportage gehörten nur Weißrussland, Russland und Kasachstan dazu. Kirgistan zum Beispiel wehrte sich zunächst mit Händen und Füßen gegen einen Beitritt, weil in dem Land viele Chinesen einkaufen. Die will man nicht mit Zöllen fernhalten. Inzwischen sind Kirgistan und Armenien beigetreten.
Folge der Zollunion: Vorschriften wie die, dass gebrauchte Autos eine EU-Umweltnorm haben müssen, die nur Autos ab Baujahr 2006 haben. Ältere Wagen dürfen nicht mehr verkauft werden in der Union. Und von jedem Gebrauchtwagen ist mehr als ein Drittel des Neupreises als Zoll fällig. Egal in welchem Zustand das Auto ist. Früher verkauften viele Deutsche ihre Altautos in Kasachstan, es gab riesige Märkte dafür. Die existieren inzwischen nicht mehr.

„Du hast ein Problem“

Es ist der Vormittag desselben Tages, als Tatjana in ihrem Büro am Rand der Stadt an dem großen Schreibtisch sitzt und telefoniert. Sie ist angestellt bei einer deutschen Firma, die als Dienstleister den großen Ölkonzernen zuarbeitet. Tatjana, hübsch, damenhaft, biestig und etwas von oben herab, ist die Fachfrau für Zollangelegenheiten dieser Firma. Die holt viele Ölbohrköpfe ins Land und hat deshalb viel mit dem Zoll zu tun. Tatjana kennt die richtigen Leute.

Sie legt auf und sagt: „Du hast ein Problem. Das Auto kannst du hier nicht verkaufen. Das wäre illegal. Da ist nichts zu machen.“ Nach mehr als 4.000 Kilometern von Hamburg durch Polen, die Ukraine, Russland nach Kasachstan? Übel. Ich muss den Wagen verkaufen, weil ... Es gibt viele Gründe: Die Strecke von Astrachan in Russland nach Atyrau in Kasachstan, immer entlang am Nordufer des Kaspischen Meers war so übel, dass ich sie nicht zurückfahren will. Ein Bad im Schlaglochmeer. Noch einmal über diese Pontonbrücken im Wolga-Delta? Die vermitteln das Gefühl, auf Schienen zu fahren. Und gleich kommt Gegenverkehr. Muss nicht sein.

Astrachan
Astrachan ist eine schöne Stadt, in die wir über eine riesige Autobahnbrücke kamen. Es war gerade der Tag der Hochzeiten. Was bedeutete: überall Stretchlimousinen, Bräute in Weiß, Bräutigame in Schwarz und riesige Festgesellschaften. Die Promenade am Ufer war gerade Baustelle. Es entstanden viele neue Protzbauten mit riesigen Glasfassaden neben den alten Art-déco-ähnlichen Sowjet-Großbauten. Die Stadt ist reich, lebt vom Öl aus dem Kaspischen Meer.

Nicht noch mal so einen Grenzübertritt. Von der Ukraine nach Russland dauerte es vier Stunden, bevor ich östlich von Lugansk um Mitternacht auf die andere Seite, die russische des Stacheldrahts kam. Inzwischen gibt es wahrscheinlich gar keinen Weg mehr durch den Osten der Ukraine.

Die Grenzer behandelten mich schon auf dem Hinweg, als wäre ich unterwegs, um illegal ein Auto zu verscheuern. Sie hatten Spaß dran, diesen Typen aus dem Westen zu demütigen. Anfangs gab es Formulare nur mit kyrillischen Buchstaben. Irgendwann murmelte mir ein Usbeke, der einen kleinen Peugeot über die Grenze bringen wollte, auf Englisch zu: „Nicht lächeln, du musst Demut zeigen.“ Fiel mir leicht, nachdem ich zum achten Mal zugeschaut hatte, wie ein Uniformierter das von mir ausgefüllte Formular in zwei Teile zerriss und mir ein neues gab, in zweifacher Ausfertigung.

Atyrau-Zentrum, mit dem Auto, das verkauft werden soll... muss... wird...
Blick auf eine der Shopping Malls im Zentrum Atyraus mit künstlichen Tieren im Vordergrund

Vier Polizeikontrollen habe ich über mich ergehen lassen. Vier Mal ist nichts passiert. Aber: Diese Paranoia, diese Vorurteile im Kopf sorgen dafür, dass jedes Mal der Gedanke aufblitzt: Jetzt bist du dran! Es ist nie etwas passiert, die Polizisten waren freundlich. Wollten immer nur das Zollpapier sehen und den Namen darauf mit dem im Pass vergleichen. So haben sie überprüft, ob der Sharan nicht ein geklautes Auto aus Deutschland ist. Was er nicht ist, nur eine alte Karre.

Das Baujahr ist das Problem, erklärt Tatjana. Seit zwei Jahren gibt es die Zollunion. Die erlaubt nicht, dass alte gebrauchte Autos nach Kasachstan eingeführt werden. Früher war es normal, dass Deutsche mit ihren alten Autos kamen, um noch ein paar Euros zu machen. Jetzt geht das nicht mehr. Offiziell.

40 Prozent des Neuwerts als Zoll

Tatjana schüttelt den Kopf. Wäre das Auto neuer, sagt sie, „könntest du den Zoll nachzahlen, 40 Prozent des Neuwerts“. Das wären 11.200 Euro. Tatjana lächelt mitleidslos. Hinzu käme: Beim Grenzübertritt von der Ukraine nach Russland habe ich „Transit“ eingetragen in die Formulare des russischen Zolls, um die 40 Prozent des Neupreises zu vermeiden. Die Beamten in den Containern westlich von Wolgograd haben eine Datei angelegt mit meinem Foto, Kopien meines Passes und meines Visums und dem Formular, das ich ausgefüllt habe für das Auto. Immer wieder wiederholt Tatjana die drei Gründe, warum ich den Sharan nicht verkaufen könne: Transit steht in den Papieren, das Auto ist zu alt und egal, was ich mache, da ist noch der Zoll.

Ich frage Tatjana vorsichtig, ob es andere Wege gebe? Kasachische? Zentralasiatische? Postsowjetische? Sie schaut gespielt entsetzt. Natürlich keine illegalen Wege, aber einfach einen, der aus diesem Problem herausführt. Tatjana lächelt und wählt die nächste Nummer. In der folgenden Stunde führt sie fünf Telefonate mit Leuten im Finanzministerium, beim Zoll und bei der Polizei. Dann mit wem anders beim Zoll und noch mit einer Nummer in Russland. Am Ende sagt sie: „Für das Auto gibt es nicht mal einen illegalen Weg. Du musst heimfahren.“

Zu Tatjana kam ich über Gulmira und zu Gulmira über den deutschen Honorarkonsul. Den hatte ich angerufen und angelogen: Ich habe ein Auto verkauft, für das ich keine Zollpapiere hatte, habe ich ihm gesagt. Er: „Dann sind Sie jetzt ein Kleinkrimineller. Das war absolut illegal.“ Ja, klar, das weiß ich inzwischen, ich habe nun mal eine Dummheit gemacht. Wie komme ich aus dieser Lage wieder raus? Der Honorar-Konsul, ein Deutscher aus dem Ölbusiness, sagt: „Ich gebe ihnen eine Telefonnummer, rufen Sie da in einer halben Stunde an, die Frau kann ihnen vielleicht helfen. Wenn das wer kann in Zentralasien, dann sie. Ich kündige Sie an.“

Wie die Sowjets ins Nomadenland kamen
Gulmira ist Kasachin. Tatjana eigentlich auch, aber von einer anderen Art. Ihre Familie kam in den Zeiten der Sowjetunion aus Moskau, um zu entwickeln, verwalten, industrialisieren und die Sowjetmacht zu sichern. In allen ehemaligen Teilrepubliken der ehemaligen UdSSR gibt es heute einen solchen Bevölkerungsanteil von Russen, die in den neuen, eher wieder nationalistisch gestimmten Republiken so halb willkommen sind. In Kasachstan kamen unter Stalin außerdem noch viele verbannte Ethnien, auch sehr viele Russlanddeutsche, dazu. In dem Buch „Stalins Nomaden, Herrschaft und Hunger in Kasachstan“ beschreibt Robert Kindler sehr faktenreich und wissenschaftlich, aber nicht richtig flüssig lesbar, wie die Sowjets mit viel Mühe ihre Herrschaft unter den Nomaden Kasachstans sicherten. Das Buch ist 2014 im Verlag Hamburger Edition des Verlags des Hamburger Instituts für Sozialforschung erschienen. Es gibt keine digitale Fassung.

Gulmira, eine Juristin, hört sich alles an im Foyer des Hotels Renaissance, in dem ich herumlungere, weil es dort kostenloses WLAN gibt. Ich lebe am Stadtrand in einem Hotel mit vielen kleinen Tieren. Nachts tanzen die in der Duschwanne, ziemlich laut. Das Hotel Renaissance aber hat fünf Sterne und ist voller stiernackiger Amis, die hier auf den Öl- und Gasfeldern arbeiten. Gulmira kapiert sofort, dass ich das Auto noch nicht verkauft habe, es aber machen will, und wiederholt ständig: „Mach das nicht, fahr wieder heim.“

„Anfangs dachte ich, alles ändert sich zum besseren“
Sulfija Ferschiewa, 33, erzählt von den Veränderungen in Atyrau. Wegen des Öls und des Erdgases im Kaspischen Meers ist alles in Bewegung. Sie ist die Köchin der Fernfahrerherberge, in der ich unterkam. Sulfija, die gute Ziegensuppe kochen kann, beginnt, sich Sorgen zu machen, weil sich so viel verändert in ihrer Heimatstadt.

Sulfija Ferschiewa bei der Arbeit

"Ich arbeite seit zwei Jahren bei Schaira. Ihr Motel hat keinen Namen und liegt am Kreisverkehr nach Uralsk und Astrachan. Die Fernfahrer kennen es. Schaira ist streng und schreit manchmal, dass sogar ich Angst bekomme. Die Mädchen, die hier arbeiten, natürlich mehr. Aber ich bin gerne hier. Sie bezahlt mehr als die Chefin davor. Und, das ist mir wichtig: Hier kann ich besser kochen, mir wird kaum reingeredet. Es ist inzwischen so, dass ich die Lebensmittel einkaufe. Ich bestimme, was es zu essen gibt. Ich bin eine gute Köchin. Die Fernfahrer, die hier übernachten, wissen das. Sie sind immer hungrig. Ich arbeite bis zehn Uhr abends, oft länger. Dafür hab ich nachmittags frei.
Mein Mann fährt Öl für die Amerikaner. Er wird gut bezahlt. Von seinem Monatsgehalt hätten seine Eltern früher ein Jahr gelebt. Aber es ist kein regelmäßiges Gehalt. Es hängt davon ab, wie viel er fährt. Er wird eingeteilt und gehört zu den älteren, bekommt nicht mehr so viele Fahrten. Aber es reicht. Ich müsste nicht arbeiten. Aber ich will eigenes Geld. Wer weiß, was kommt? Wir haben zwei Schulkinder, der Junge ist 14, das Mädchen 10. Wir leben mit den Eltern meines Mannes im Haus, das uns gehört. Wir sind sozusagen reich. Seltsamerweise reicht das Geld nicht wirklich. Seit hier Öl gefördert wird,verändert sich das Leben. Die Preise steigen wie die Löhne der Ölfirmen. Wer nicht für die arbeitet, hat ein Problem.
Anfangs dachte ich, alles ändert sich zum besseren. Inzwischen hab ich Sorgen. Das Verhalten der Kinder zum Beispiel, ihre Gier ist seltsam. Und wie sie mit den Großeltern umgehen, das hätten wir nie gewagt. Sie meckern sogar, wenn es Teigtaschen gibt. Also wirklich,Teigtaschen kann ich gut. Es kommt auf die Füllung an und auf den Teig. Alle denken, es geht nur um die Füllung. Falsch. Es ist ein Zusammenspiel von Teig und Füllung. Und wichtig ist die Einstellung, mit der man sie macht. Das versuche ich den Mädchen hier in Schairas Küche beizubringen. Aber die wollen es nicht verstehen. Wie meine Kinder."

Das Interview mit der Köchin war eine Chaosveranstaltung: Sie sprach nur Kasachisch. Es dolmetschten Helferinnen von ihr, die Kasachisch und Russisch können, eine ein paar Worte Englisch. Ein Gast, der besser Englisch konnte, half noch und ein Mädchen, das etwas Deutsch konnte. Ich kann kein Wort Russisch. Kasachisch erst recht nicht.

Um mich zu überzeugen, bringt Gulmira mich zur Zollexpertin Tatjana über die große Brücke ins Büro auf der östlichen Seite des Flusses. Gulmiras Augen sind schmal. Sie ist klein, zierlich, hat schwarze Haare und eine gefährliche Ausstrahlung. Diese Frau kann hassen. Man muss ihr nur zuhören, wenn sie von ihrem Ex-Mann spricht, dann weiß man das. Das Büro liegt in einem Hinterhof, auf dem viele weiße SUVs stehen. Mein Sharan ist das einzige vollgestaubte Auto.

An einer Bushaltestelle in Atyrau

„In sechs Wochen blinkt es am Bildschirm“

Zwar kann ich mir das nicht leisten, aber nur mal als Notfallplan, wie wäre es, wenn ich den Wagen einfach irgendwo in der Steppe abstelle und heimfliege? Tatjana schaut in meine Dokumente, die vor ihr auf dem Tisch liegen: „In sechs Wochen blinkt es am Bildschirm eines russischen Computers. Der Zoll sieht dann, dass du nicht mehr in der Zollunion bist. Das Auto aber schon. Sie werden nachschauen und erkennen, dass du mit dem Auto in Kasachstan eingereist bist. Sie fragen den Zoll hier an, und irgendwann kapieren sie, was du gemacht hast.“ Und wenn? „Du kommst auf die Interpol-Fahndungsliste.“

Nicht dein Ernst, Tatjana. Oder? Sie lächelt über den Tisch. Komm, Tatjana, Du hast doch nur Spaß gemacht? „Nein“, sagt sie. „Vielleicht schicken sie eine Rechnung. Bestenfalls. Selbst wenn sie dich nicht suchen sollten, wirst du nie mehr nach Russland, Kasachstan oder Weißrussland reisen können. Vielleicht lassen sie dich ins Land. Aber wenn du wieder raus willst, musst du 40 Prozent des Neuwerts zahlen. Und Zinsen.“ Auch wenn du die Karre für 3.000 Dollar verkaufst, sagt sie und schaut mies lächelnd aus dem Fenster zu dem Sharan hin.

In Atyrau fährt man ein SUV oder ein Luxusauto. Ich sehe an einer Kreuzung einmal einen Ferrari und immer wieder mal neue Porsche. Einen Maserati, einige Jaguars und viele große japanische SUVs, meist in Weiß. Das bedeutet: Die Besitzer waschen sie regelmäßig, denn hier in der Steppe ist eigentlich alles staubig.

Die Straßen, so habe ich erzählt bekommen, wenn ich das denn richtig verstanden habe, sollen nach Norden besser sein. Der Rückweg über Uralsk, Ufa, Saratow, Moskau, Minsk, Warschau dürfte zwar viel länger, aber auch einfacher sein, weil die russischen Straßen bisher immer gut waren auf dieser Reise. Und ich keinen Meter durch die Ukraine müsste. Nach Atyrau kam ich von Wolgograd über Astrachan, um drei bis vier Tage Fahrt zu sparen. Was wichtig war, weil ich mit dem Transit-Visum nur sieben Tage in Russland sein durfte und ich drei Nächte in Wolgograd verbracht hatte, um mich zu erholen. Ich fuhr also die kürzere Strecke. So gelangte ich auf diese Straßen, deren Schlaglöcher zusammen so groß sind wie das Meer im Süden.

Tatjana, in sieben Tagen fahre ich doch nicht durch halb Russland. „Stimmt“, sagt sie. „Die Zeit reicht nicht. Du wirst noch ein Visum brauchen. Kostet.“ Sie lächelt. „Außerdem, Saratow, das ist so eine Stadt, die gilt als gefährlich. Uralsk auch. Viele Gangster.“ Ich merke, ihr Lächeln ist böse, sie ist auch auf diesem Gulmira-Trip, den es in Russland und seinen Satelliten-Staaten oft gibt: Blöde Männer brauchen kluge Frauen, um hier durchzukommen, denken die Frauen. Du solltest demütig sein, Junge.

Die Strecke von Astrachan hierher mit den toten Kühen links und rechts in der Steppe, die ihre Beine senkrecht hoch strecken zum Mond - und da war auch noch Vollmond - die will ich nicht nochmal fahren. Auch nicht mehr auf der Straße stehen, durch die Frontscheibe auf dieses riesige Kamel starren, das drohend Kontakt sucht. Quasi ein Kamelüberfall. Will auch nicht nochmal Reifen wechseln nach einer Schlaglochpolka.

Nicht nochmal auf 50 Kilometern etwa 30 ausgeweidete oder ausgebrannte Autos am Rand stehen sehen. Da war der Laster auf der falschen Straßenseite, der ein Rad verloren und mit dem Ende der Achse den Asphalt etwa zehn Zentimeter tief aufgekratzt hatte. Die Narbe in der Straße war hundert Meter lang. Diverse Achsenbrüche, die ich bestaunen konnte. Der Tankwart mit dem Revolver im Halfter an der Hüfte und diesem Tatjana-Lächeln, der sich auf meine Kosten noch einen kleinen Kanister füllt. Ich will einfach nicht mehr zurückfahren.

Die Steppe hat dem Wagen zugesetzt

Also ins „Guns and Roses“. Und ins „Hugos“ und in diese namenlose Pizzeria in Agip City. Das Viertel heißt so, weil zu Beginn des Öl-Booms Agip hier die höchste Welle ritt. Agip wurde inzwischen aber von ENI geschluckt. Außerdem wurde ein Konsortium mit Chevron Nummer eins in Kasachstan. Die amerikanischen Ölarbeiter leben im Renaissance für 360 Dollar die Nacht oder in Gated Communities. Das heißt, in Häusern mitten in der Stadt, mit hoher Mauer drumherum und bewaffneten Wächtern an den Toren. Mit Spiegeln an Stangen schauen sie unter jedes Auto, das reinfährt.

Die Amis sind Klischee. Kompakte, stiernackige, laute Männer mit dicken Bizepsen. Die haben sie nicht aus dem Fitnessstudio, sondern von harter Arbeit. Sie setzen täglich fünf bis sechs Meter lange Stahlstangen senkrecht in die Vorrichtungen, damit die den Bohrkopf tiefer in die Erde rammen. Diese Muskel-Männer dürfen nicht alleine einkaufen gehen, sie dürfen auch nicht Auto fahren. Das steht in ihren Arbeitspapieren. Wenn sie ins „Guns and Roses“ kommen, bringt sie immer ein einheimischer Fahrer, der sie auch heimfährt. Die Amis werden wohl kaum einen Gebrauchtwagen kaufen.

Man kann auch abends einkaufen in Atyraus Shopping Malls

Der Sharan hat gelitten auf dem Weg hierher durch die Steppe. In Charkiw in der Ukraine fuhr mir ein Taxifahrer hintendrauf. Er hatte Angst vor der Policia, ich keine Zeit, er nahm 200 Euro und war sofort weg, obwohl die Front seines Autos wirklich schlecht aussah. Der Sharan hat eine Macke in der Stoßstange. Hinzu kommt: In der Felge vorne rechts ist eine Riesendelle. Seit dem besonders tiefen Schlagloch kurz vor Ganjuschkino in dunkler Nacht nach dem Grenzübertritt nach Kasachstan fehlt vorne ein kleines Teil der Verkleidung. Die hinten hing schon zweimal runter, ließ sich aber problemlos festdrücken.

In Kasachstan ist das Benzin billig, wird immer billiger, je weiter ich nach Osten komme. Die letzten Male habe ich für umgerechnet 50 Cent getankt. Aber es gibt meist nur Benzin mit 92 Oktan. Der Sharan fährt noch, klingt aber nicht mehr so gut. Anfangs hat er gehustet, inzwischen würgt er manchmal. Zwei Mal ist er während der Fahrt ausgegangen. Er beschleunigt nicht mehr so wie am Anfang.

Tankwarte mit Knarren im Wilden Osten
Die Fahrt durch die Steppe sorgt für starkes Wild West Feeling. Der Wind weht rundgewetzte stachelige Sträucher über die Straße, immer wieder sieht man Ziegen, Kamele, Kühe auf und an der Straße. Stundenlang immer wieder Autowracks. Wenn Tankstellen kommen, sind es welche von einheimischen Firmen mit kyrillisch geschriebenen Namen.
Die Tankwarte haben oft einen Revolver an der Seite. Ich habe es dreimal erlebt, dass einer Benzin für sich selbst abgezweigt hat. Einmal habe ich lange diskutiert und es verhindert. Beim ersten Mal war ich aber so baff, dass ich wortlos zusah, wie der Tankwart einen Pappbecher auf meine Kosten füllte. Beim dritten Mal war ich ruhig, weil der Typ mit seiner Knarre gefährlich aussah. Ach ja, das Benzin ist wirklich billig.

Null Interesse an Gebrauchtwagen

Was ist das Auto noch wert? Die Schwacke-Liste kann nicht wirklich helfen. Die Website sagt: Für Autos, die vor 2002 zugelassen wurden, können wir keinen realistischen Preis mehr sagen. Wenn ich das Auto zwei Jahre neuer mache, kommen 3.150 Euro raus. Der Libanese in Hamburg, der mir eine Karte an den Scheibenwischer geklemmt hatte, wollte nach Stunden harten Verhandelns 2.000 Euro bezahlen. Der Gebrauchtwagenhändler ein paar Straßen weiter sagte, kein Interesse, null. Als ich ihn bat, mir einfach eine Hausnummer zu nennen, schüttelte er den Kopf, brummte: „Wird schwer, das Auto überhaupt zu verkaufen.“

„Guns and Roses“, kurz vor Mitternacht. Ron, der Ölarbeiter, mit dem ich mich am Vorabend unterhielt, hat seinen Kopf schon auf die Theke gelegt und schläft. Ein anderer sieht mich, ruft viel zu laut: „Hey, der Verrückte.“ Der Typ aus Gera, der in Saratow lebt und hier wochenweise arbeitet, sagt: „Ich werde dich nicht im Knast besuchen.“ Der Barkeeper sieht mich, hebt den Daumen. Ich setze mich an einen Tisch zu zwei Ölarbeitern. Die erklären mir nochmal ganz genau, dass ich hier nie ein Auto verkaufen kann. Sie benutzen Wörter wie Öl-Boom und Reichtum, sagen: „Hier will niemand Gebrauchtwagen. Das war mal.“

Da steht plötzlich ein Mädchen am Tisch - eine der Bedienungen. Klein, hübsch, dunkelhaarig, hilflos. Sie sagt, ihr Bruder würde gerne das Auto anschauen. Ich mache mit ihr eine Probefahrt durch Agip City. Danach ruft sie ihren Bruder Oleg an. Eine Stunde später ist der mit vier Freunden in der Bar. Wir versuchen zu reden. Wir gehen raus. Sie schauen unter die Motorhaube, ich zeige ihnen die Zentralverriegelung, die ihnen sehr gefällt. Der Kilometerstand 161.724 interessiert sie überhaupt nicht. Ich fahre Oleg und zwei der Jungs durch Agip City.

Blick vom Renaissance Hotel in Atyrau auf Bürogebäude

Angst auf beiden Seiten

Wieder ins „Guns and Roses“. Lange verhandeln. Ich fordere 4.000 US-Dollar, Oleg und seine Freunde bieten 1.000 Dollar. Wobei wir uns kaum verstehen. Einer kann ein paar Worte Deutsch, ein anderer etwas Englisch. Das größte Verkaufsproblem ist ihre Angst, dass ich ihnen ein gestohlenes Auto andrehe. Dagegen fürchte ich, dass sie mir Falschgeld geben. Jeder am Tisch wird mal laut. Jeder steht mal auf. Immer wieder kommen irgendwelche sylvester-stallonesken Öl-Männer und sagen: „Don’t do that, boy“ oder „Wouldn’t do that“. Ein besonders stabiler Typ sagte sogar: „That’s dangerous.“

Meine potenziellen kasachischen Kunden studieren die Papiere genau. Ich muss schwören, dass ich das Auto nicht morgen als gestohlen melde. Wir verhandeln weiter und erreichen den Preis 3.000 US-Dollar. Am Nachmittag hatte ich Webseiten des deutschen Zolls studiert und mit einer Juristin hin- und hergemailt, die sich auskennt. Sogar vom Renaissance aus eine Infostelle des Hamburger Zollamts angerufen. Ein Riesenakt. Ich habe gelernt, ich darf nicht zu viel Geld verdienen, sonst muss ich deutsche Mehrwertsteuer bezahlen. Probleme würde ich aber, wenn überhaupt, nur mit der Zollunion bekommen. Die Frau vom Zoll sagt, ihre Kollegen hätten „höchstwahrscheinlich“ Wichtigeres zu tun, als einem verkauften Auto, Baujahr Anfang des Jahrhunderts, hinterher zu recherchieren. „Höchstwahrscheinlich“ macht mich etwas nervös. Aber...

Die fünf Kasachen und ich, wir gehen wieder raus, ich nehme die Nummernschilder ab. Wieder rein. Die Verhandlung beginnt von vorne, als hätten wir bisher noch nichts besprochen. Irgendwann geben sie mir die Dollars. Ich zähle langsam und reibe die Scheine. Scheinen echt zu sein. Damit komme ich heim. Wir schütteln die Hände, während wir erneut rausgehen. Die fünf Jungs setzen sich ins Auto. Sie hupen und fahren los ohne Nummernschilder. Zwei Polizisten, die gerade die Papiere betrunkener Teenager kontrollieren, schauen her. Scheint sie nicht zu interessieren.

38 Stunden Zug, 14 Stunden Flughafen

Zwei Tage später nehme ich den Zug nach Moskau und fahre 38 Stunden in Eiseskälte. Anfangs ohne Heizung. Am zweiten Tag hält der Zug kurz auf freier Strecke, irgendwo nahe Kursk. Zwei Schaffner steigen mit Beilen aus, fällen eine Birke und hacken die in meterlange Stücke. Ab jetzt gibt es Heizung. Ein kleiner Ofen füttert Rohre, die durch den Waggon gehen, mit Wärme. Die Suppe im Speisewagen schmeckt. Eine Gruppe aus Usbekistan zwingt mich, mit der orientalischen Köchin zu tanzen und viel Wodka zu trinken. In Moskau lungere ich 14 Stunden auf dem Flughafen Domodedovo rum und atme erst wieder richtig, als ich im Flugzeug sitze. Dem Zoll war ich völlig egal.

Hab ich was vergessen? Ja, klar. In kasachischen Supermärkten gibt es Milch mit 4,5 Prozent Fett. Schmeckt toll. Und Stutenmilch, die konnte ich nicht trinken, zu sauer. In Hamburg bin ich zur Kfz-Meldestelle, das Auto abmelden. Den Fahrzeugbrief hatte ich noch, den Schein hat Oleg. Die Fotos der zerbrochenen Nummernschilder wirkten nicht. Musste eidesstattlich versichern, dass ich nicht weiß, wie Oleg heißt und wo er wohnt. Fiel mir nicht schwer.


Bilder: Karsten Schöne; Produktion: Vera Fröhlich.