Warum Ärzte Sex für Behinderte verschreiben sollten (und nicht das Sozialamt)

Warum Ärzte Sex für Behinderte verschreiben sollten (und nicht das Sozialamt)

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Behinderung und Sex – darüber wird definitiv zu wenig geredet, „ein doppeltes Tabuthema“, sagt Christian Bayerlein. Der studierte Informatiker war Behindertenbeauftragter der Stadt Koblenz. Heute arbeitet er im Bundesarchiv. Bayerlein ist selbst schwerbehindert. Er hat spinale Muskelatrophie, eine Form des Muskelschwunds, und braucht rund um die Uhr Hilfe. Seit längerem setzt er sich mit dem Thema Sexualität und Behinderung auseinander, spricht auch offen über sein Sexualleben, zum Beispiel Sado-Maso (BDSM).

„Sexualität ist ein Grundbedürfnis für jeden Menschen, egal, ob er behindert ist oder nicht. Behinderte Menschen haben es in der Regel schwerer, einen Partner zu finden“, sagt Bayerlein. Den Vorschlag aus den Reihen der Grünen, Sexualassistenz für Menschen mit Behinderung und Pflegebedürftige zu finanzieren, findet er gut. Das Thema müsse aber breiter aufgestellt werden: Beispielsweise gehörten auch die Arbeit mit dem Körper und dem Selbstbewusstsein dazu. Körperarbeit kann etwa Osteopathie umfassen, Massagen oder Yoga.

Sexualassistenz als Brückentechnologie

In Deutschland leben rund zehn Millionen Menschen mit Behinderung (2013). 7,5 Millionen davon sind schwerbehindert. Die meisten sind über 55 Jahre alt (73 Prozent). Laut Statistischem Bundesamt unterscheidet sich die Lebenssituation jüngerer behinderter Menschen (zwischen 25 und 44 Jahren) von der ihrer nicht behinderten Altersgenossen: Sie sind häufiger ledig und leben öfter allein als Nichtbehinderte.

Bayerlein sieht in der Integration eine gesellschaftliche Aufgabe: „Die Inklusion muss so weit fortgeschritten werden, dass behinderte Menschen die gleichen Chancen auf einen Partner haben wie andere Menschen. Auch, wenn das eine Utopie ist.“ Behinderte Menschen sollten in ihrem Selbstbewusstsein bestärkt werden, so dass die Gesellschaft sie wahrnimmt, „nicht nur als Leistungsempfänger oder Antragsteller, sondern als liebenswerten, gleichgestellten Menschen, und auf diesem Wege auch Beziehungen zustande kommen. Da kann Sexualassistenz eine Brückentechnologie sein.“

Lieber zum Arzt als zum Sozialamt

Den Vorschlag der Grünen sieht Bayerlein als einen Schritt in Richtung Gleichberechtigung, er spiegele aber nur einen sehr kleinen Aspekt wider. Die pflegepolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion der Grünen, Elisabeth Scharfenberg, hatte angeregt, dass die Kommunen „über entsprechende Angebote vor Ort beraten und Zuschüsse gewähren“ könnten. Das entspricht in etwa dem Modell in den Niederlanden. Dort kostet Sexualassistenz zwischen 80 und 150 Euro, sagt Jos Noordover von der Vereniging Gehandicaptenzorg Nederland, dem Verband für Behinderte in den Niederlanden. Menschen mit Behinderung können bei den Kommunen finanzielle Unterstützung beantragen. Wie viele das aber wirklich machen, weiß auch Noordover nicht, denn die Menschen müssen ihren Antrag direkt vor Ort stellen.

Ein Nachteil, findet Bayerlein. „Wenn ich mir jetzt überlege, ich wäre in der Situation und müsste das beim Amt beantragen, würde ich mich schon sehr schwertun“, sagt er. Man müsse sich eh schon viel mit Sozialbehörden auseinandersetzen, „noch einen zusätzlichen Lebensbereich zu öffnen – sehr schwierig“. Vorstellbar wäre für ihn aber ein anderes Modell: Krankenkassen könnten die Finanzierung von Sexualassistenz übernehmen, dann würde ein Arzt sie verschreiben: „Das ist eine andere Hürde, wenn ich zu meinem Hausarzt gehe, mit dem ich vertraut bin, als wenn ich zum Sozialamt gehen muss und da einen formalen Antrag stellen.“

„Von der normalen Prostitution trennen“

Bayerlein glaubt, dass eine bezahlte Sexualassistenz durchaus in Anspruch genommen würde. Besonders das Pflegepersonal in Heimen sei mit der Sexualität der Bewohner oft überfordert. In Deutschland gibt es laut einer Studie von pro familia verschiedene Organisationen für erotische, sexuelle Kontakte. Zudem bieten freiberufliche, speziell ausgebildete sogenannte Sexualbegleiter sowie Prostituierte ihre Dienste für Menschen mit Behinderungen an. Auch Zertifizierungen und Qualifizierungen gibt es, allerdings keine gesetzlich geschützte Ausbildung. Bayerleins Meinung ist klar: „Wenn Sexualassistenz gesetzlich gefördert wird, sollte man sie von der normalen Prostitution trennen. Allein schon, um dem Verdacht zu begegnen, dass es etwas Anrüchiges wäre.“

Der wichtigste Beitrag zur Gleichstellung ist für ihn aber Teilhabe: "Nur, wenn ich ein vollwertiger Teil der Gesellschaft bin, habe ich auch die Chance, einen Partner zu finden.“

Dann wäre Sexualassistenz gar nicht nötig.


Aufmacherbild: Björn Lubetzki; Redaktion: Esther Göbel; Produktion: Vera Fröhlich