Auf der Suche nach den verschwundenen Kindern

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Wir hatten keinen großen Plan geschmiedet, keine Behörden angerufen, keine Strategie erdacht. Sondern wollten uns leiten lassen von einer vagen Information, die wir aufgeschnappt hatten: Im Berliner Tiergarten, hinten, im Dickicht des Parks, zwischen totem Laub und mannshohen Fichten, dort, wo keiner genau hinschaut, da würden wir sie finden. Jene, mit denen wir sprechen wollten und nach denen wir suchten.

Der Berliner Tiergarten ist groß – riesig. Aber irgendwo müssen sie ja sein. All die minderjährigen Flüchtlinge, die einfach vom Radar der Behörden verschwunden sind. 9.000 sollen es zum 1. September bundesweit gewesen sein – vor drei Jahren lag die Zahl noch bei 200. Der Syrien-Krieg geht ins sechste Jahr, das Asylpaket II wurde Anfang 2016 verabschiedet, die „Flüchtlingskrise“ ist längst kein Novum mehr, wie sie es noch im vergangenen Jahr für den Großteil der deutschen Öffentlichkeit, der Behörden und Medien war. Sondern sie gehört jetzt zu Deutschland. Sie ist Alltag geworden.

Die Menschen rasen auch 2016 durch die Adventszeit, bald ist Weihnachten. Die Geschenke, die Kinder, die Freunde, die Eltern, der Job, keine Zeit, weiter, die Flüchtlinge, ja doch, um die muss sich irgendwer kümmern, aber sind die nicht versorgt mittlerweile hier in Deutschland? Und sowieso: Wirklich keine Zeit jetzt, sorry, und was ist eigentlich mit Trump? Nicht mehr Syrien und Afghanistan bewohnen jetzt die Titelseiten und Köpfe der Menschen, sondern Donald Trump und die Welt nach seinem Sieg.

Doch die Flüchtlinge, sie müssen immer noch: ankommen. Auch wenn das Auge der Öffentlichkeit längst woanders hinschaut. Wer weiß schon, wie mittlerweile eigentlich die Zustände am Lageso sind? Und wie es den minderjährigen Flüchtlingen geht, die durch Deutschland geistern?

Deswegen wollen wir diese Recherche starten. Weil uns diese eine Frage im Kopf hängt: Wo sind die minderjährigen Flüchtlinge geblieben und wie geht es ihnen beim Ankommen?

Wir werden uns in den kommenden Wochen auf die Suche nach ihnen machen. Doch anders als sonst, werden wir die dabei entstehende Geschichte nicht erst nach Ablauf der Recherche präsentieren – sondern fortlaufend. Unsere Suche wird somit selbst Teil der Geschichte werden, und diese ein wochenumspannendes Projekt sein.

Start: Bahnhof Zoo. Dort wollen wir unsere Suche beginnen. Ziel: ungewiss.

Wie unsere Geschichte ausgehen wird, wissen wir nicht. Wen und ob wir überhaupt jemanden finden werden, auch nicht. Wir verzichten bewusst auf die große Vorplanung – sondern laufen los.


Fotos: Martin Gommel; Redaktion: Theresa Bäuerlein; Produktion: Dominik Wurnig.