Die Schuld der geflüchteten Väter

Die Schuld der geflüchteten Väter

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Mostafa ist fett geworden in Deutschland. Wundern muss einen das nicht: in der Pfanne vor ihm fünf Spiegeleier. Daneben Pommes, Weißbrot, ein Schälchen Hummus und eingelegte Paprikaschoten. Essen, das leicht für fünf reichen würde. Und Mostafa, der 35-jährige Syrer, sitzt da allein und wartet. So wie Leute auf das Christkind warten oder auf einen verspäteten Gast.

Aber da kommt niemand. Niemand, der sich zu ihm setzt an den vollgedeckten weißen Plastiktisch in seiner Wohnung in Bottrop. Nur Mostafa, das Essen, sein Handy.

Hektisch schaufelt er alles in sich hinein, zwischendurch wirft er immer wieder einen nervösen Blick aufs Display. Mostafa zuckt zusammen, wenn der schrille WhatsApp-Rufton aus dem Handy pfeift. Wenn das grüne Telefonsymbol erscheint: neue Nachricht von Amani.

Amani, das ist Mostafas Frau, die Mutter seiner Kinder; inzwischen sind es vier. Amani und die Kinder sind in Zaatari, in Jordanien, dem mit 80.000 Einwohnern größten Flüchtlingscamp im Nahen Osten. Sie sitzen fest in der Wüste, während Mostafa im Backsteinhaus in Bottrop sitzt, 3.500 Kilometer entfernt. Amani schreibt Dinge wie: „Die Kinder vermissen dich sehr“; „Der Tag heute war schrecklich, wie geht es dir?“; „Wie lange sollen wir noch warten, wann holst du uns hier raus?“ Den letzten Satz immer und immer wieder: Wann, wann endlich, Mostafa?

Der legt dann das Handy beiseite und spachtelt noch schneller in sich hinein. Den Frust, das schlechte Gewissen. Was soll er denn auch antworten? „Heute Morgen habe ich geduscht, habe den Wasserhahn aufgedreht. Ich hatte Hunger, hab den Kühlschrank aufgemacht und mir ein paar Eier gebraten? Von 9 bis 13 Uhr saß ich im Deutschkurs. Und wie ich euch da rausholen kann, davon hab ich echt keinen Plan.“ Soll er das vielleicht schreiben?

„Ich bereue es, dass ich meine Familie verlassen habe. Ich fühle mich schuldig“, sagt Mostafa heute. Damals, vor 13 Monaten, ist er in den Pick-up gesprungen, der ihn zum jordanischen Flughafen gebracht hat. Er zeigt mir ein Video, in dem er seinem ältesten Sohn Hamode, 10, einen letzten Kuss auf die Stirn drückt. Mostafa ruft: „Wir sehen uns bald!“

Seit über einem Jahr leben Mostafas Frau und seine vier Kinder im Zaatari-Flüchtlingscamp in Jordanien.

Bald. Ein, vielleicht zwei Monate, hatte er sich gedacht. Inzwischen ist aus „bald“ eine zweistellige Zahl geworden: 13 Monate. Dass seine Tochter in Deutschland zur Welt kommen würde und nicht in einem staubigen Feldspital, auch dessen war er sich sicher. Inzwischen ist Sarah acht Monate alt – dass sie einen Vater hat, weiß sie gar nicht.

Damals im Oktober 2015 hatte sich Mostafa das so vorgestellt: Flucht, Ankunft in Deutschland, Asylantrag, Asylbescheid und dann die Familie nachholen. So hatten ihm das seine syrischen Verwandten in Deutschland erzählt. Und das war damals keine Illusion, das war die Realität.

In fast 100 Prozent der Fälle wurde Syrern der volle Schutz nach der Genfer Flüchtlingskonvention zugesprochen, Familiennachzug inklusive. Auf Druck der Oberverwaltungsgerichte hatte das BAMF, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, bei Syrern die individuelle Prüfung aus- und stattdessen ein beschleunigtes Schriftverfahren eingesetzt. Begründung: Syrien-Rückkehrer müssen mit individueller Verfolgung durch das Assad-Regime rechnen. Das war 2015.

Das Asylpaket II lässt die Zahl der bewilligten Asylanträge kontinuierlich sinken

Als Mostafa seinen ganz persönlichen Brief vom BAMF bekommt, muss er sich übergeben. Wortwörtlich. Es ist der 28. Juni 2016. Schwarz auf Weiß das Urteil, vor dem er sich gefürchtet hatte, obwohl er nicht damit rechnete:

  • Der subsidiäre Schutzstatus wird zuerkannt.
  • Im Übrigen wird der Asylantrag abgelehnt.

Konkret heißt das: Du darfst bleiben, Mostafa. Deine Familie bleibt, wo sie ist. „Dabei bin ich doch für meine Kinder geflohen“, sagt Mostafa.

„Ich war einfach zu spät dran. Pech“, konstatiert er heute. Sein Cousin Hamza, der mit ihm Zaatari am selben Tag verließ, der mit ihm am selben Tag in Bottrop ankam, zur selben Minute den Asylantrag stellte – der einen Anhörungstermin bereits im Februar hatte, bekam Asyl. Er fährt heute mit seinen Kindern im Bottroper Movie Park Achterbahn, während Mostafa frustriert Essen in sich hineinschaufelt.

Was war passiert?

Zwei Dinge: Anfang des Jahres 2016 hat Deutschland die individuelle Prüfung für Syrer wieder eingeführt, persönliches Interview inklusive. Im April erklärte das BAMF das geänderte Asylverfahren so: „Gründe für diese Umstellung sind einerseits die aktuelle Massenfluchtbewegung und die Förderung von Reisemöglichkeiten durch eine geänderte Praxis der Passausstellung der syrischen Behörden auch für Syrer im Ausland – andererseits. Hiermit lässt sich die pauschale Annahme einer regimekritischen Gesinnung infolge eines Auslandaufenthalts nicht mehr aufrecht erhalten.“ Konkret heißt das in der Logik des BAMF: Das Assad-Regime stellt Reisepässe aus, deshalb sind Syrer bei einer Rückkehr von keiner individuellen Verfolgung bedroht, die für den vollen Asylstatus Voraussetzung ist.

Außerdem hat die Bundesregierung im Februar 2016 das Asylpaket II verabschiedet. Darin ist festgeschrieben, dass der Familiennachzug für subsidiär Schutzberechtigte von März an für zwei Jahre ausgesetzt wird. Seit jenem Monat sinkt die Anzahl der positiven Asylbescheide immer weiter: Hatten in den ersten zwei Monaten des Jahres noch 98,5 Prozent der syrischen Antragsteller Asyl erhalten, waren es im April noch 81 Prozent, im Juni nur noch 52,6 Prozent – inzwischen hat sich die Zahl bei 30 Prozent eingependelt.

Für Menschenrechtsorganisationen wie Pro Asyl ist es kein Zufall, dass dieser Rückgang ausgerechnet mit dem Aussetzen des Familiennachzugs zusammenfällt. Viel mehr wittern sie politische Einflussnahme der Bundesregierung auf das BAMF. „Den Syrern soll das Leben in Deutschland möglichst unattraktiv gemacht werden“, meint Günter Burkhardt, Geschäftsführer von Pro Asyl. „Das ist die endgültige Kehrtwende in der Flüchtlingspolitik und ein Zugeständnis der Politik an Rechtspopulisten.“

Zwar wollte kein Mitarbeiter des BAMF am Telefon Stellung zu den Vorwürfen von Pro Asyl nehmen, man verwies jedoch in einer E-Mail darauf, bei den persönlichen Anhörungen beobachtet zu haben, dass bei Syrern „vermehrt ein Bürgerkriegsschicksal, aber kein individuelles Verfolgungsschicksal vorliegt“.

„Die Verweigerung des Flüchtlingsstatus ist aus unserer Sicht rechtswidrig“, sagt Burkhardt weiter. „Die Situation in Syrien hat sich seit 2014 um ein Vielfaches verschlimmert und keinesfalls verbessert.“ Er prangert vor allem die Befragung in der Behörde an und mahnt, dass sich Syrer wieder viel stärker auf die Interviews vorbereiten müssen. „Dabei hängt viel von den Anhörern selbst ab: Wenn schlampig befragt und nicht detailliert nachgefragt wird, werden reihenweise Fehlentscheidungen getroffen.“

Er war dabei, als Assads Leute sein Dorf stürmten

Mostafa fährt mit dem Zeigefinger über die Zeilen auf seinem Fragebogen. Langsam und in holprigem Deutsch liest er die Frage vor, von der er glaubt, dass sie ihm zum Verhängnis geworden ist:

„Waren Sie selbst Augenzeuge, Opfer oder Täter von begangenem Völkermord, Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit; Übergriffen (Folter, Vergewaltigungen oder anderen Misshandlungen) von kämpfenden Einheiten auf die Zivilbevölkerung; Hinrichtungen bzw. Massengräbern oder Einsätzen von Chemiewaffen? Wann, wo und wie wurden diese Taten begangen und gibt es Personen, die das bestätigen können? Können Sie Täter benennen, wo sind diese aufhältig und kennen Sie die Namen?"

Ja, er war dabei. Ganz am Anfang, als in Deraa in Süd-Syrien die ersten Demonstranten vom Militär erschossen wurden. Ja, er war dabei, als Assads Leute sein Dorf stürmten, Menschen erschossen. Erst vor wenigen Wochen wurde sein Cousin im Heimatdorf von einer Rakete zerfetzt; ein Bekannter hat ihm das Video geschickt. Und ja, die Daten benennen kann Mostafa auch. Trotzdem stehen im BAMF-Fragebogen als Antwort nur vier Buchstaben: Nein.

„Nein! Wie kann man so eine Frage mit Ja oder Nein beantworten?“, fragt Mostafa. „Weil ich den Vornamen des Schützen nicht kenne, der auf uns beim Demonstrieren geschossen hat? Weil ich den Piloten des russischen Kampfjets nicht beim Namen nennen kann, der meinen Cousin ermordet hat?“

Zaatari-Camp, Jordanien, August 2016. Es ist kurz nach Mittag, die Temperatur liegt bei knapp 50 Grad Celsius. Amani, Mostafas Frau, steht in einem Pulk Menschen vor der Polizeistation. Das schwarze Kopftuch klebt verschwitzt an der Stirn, die kleine Tochter hat sie unter einem weißen Tuch verborgen. 80, vielleicht 100 Leute sind da; sie alle warten auf eines: eine Ausreisebescheinigung. Denn nach fünf Jahren hinter drei Meter hohem Stacheldraht in der Wüste ist Zaatari für die meisten hier nicht länger Refugium, sondern ein Freiluftgefängnis, das man nur mit polizeilicher Erlaubnis verlassen darf. Für wenige Stunden. Freigang sozusagen.

Damals, im Sommer, hatte Amani noch Hoffnung. 500 Dollar hatte Mostafa für dieses letzte bisschen Hoffnung auf ein Konto in Syrien überwiesen. 500 Dollar – der Schwarzmarktpreis für einen Termin in der deutschen Botschaft in Amman. Der Sprecher des Auswärtigen Amtes, Martin Schäfer, sagte dazu auf einer Pressekonferenz im September, er wolle „Vorwürfe in aller Form zurückweisen“, wonach es „illegalen Handel mit Terminen in den Visa-Stellen deutscher Botschaften gegeben haben soll“.

Generation Zaatari – ein Leben in Krieg und Unsicherheit

Und doch sind es 500 Dollar, die jetzt auf Mostafas Konto fehlen. Ein Einkommen hat die Familie nicht. Nicht mehr. Als Mostafa noch in Zaatari gelebt hatte, arbeitete Amani als Englischlehrerin im Camp. Mostafa war Grundschullehrer, erzählt sie. Gleichzeitig hat er für eine amerikanische Organisation, die den Süden Syriens mit Lebensmitteln versorgt und Nahrungsspenden koordiniert, als Mittler gearbeitet. Legal war das nicht.

„Es war besser für ihn, zu gehen. Hier wurde es zu gefährlich“, erzählt Amani. Erst vor wenigen Wochen sei ihr Bruder samt Familie zurück nach Syrien abgeschoben worden. Die Gründe dafür kenne niemand. „Ich bin glücklich, dass Mostafa lebt. Ich bin nicht wütend auf ihn, ich bin wütend auf die Politik." Die in Syrien, die in Jordanien, ein bisschen auch auf die deutsche. Die sie vergessen hat im heißen, aufgeheizten Wohncontainer in der jordanischen Wüste. Sie und die vier Kinder. Hamode, Hanna, Mumin, 10, 8, 6 Jahre alt, und Sara, das Baby. Generation Zaatari. Sie sind hier geboren oder können sich an das Leben vor der Zeit im Lager nicht erinnern. Ein Leben mit Strom, fließend Wasser und Häusern aus Stein.

Seine jüngste Tochter Sara kennt Mostafa nur von seinem Handy-Display.

Wenige Tage später tippt Amani wieder eine Nachricht an Mostafa in ihr Handy. „Es hat alles keinen Zweck. Wir bleiben hier, du bleibst da." Ihr Vorsprechen bei der deutschen Botschaft hat genau fünf Minuten gedauert und endete mit dem Satz: „Solange der Aufenthaltsstatus Ihres Mannes nicht entschieden ist, können wir Ihnen nicht weiterhelfen.” Fünf Minuten und 500 Dollar für einen Schlag ins Gesicht.

Es ist schon Herbst in Bottrop, gebückt schlurft Mostafa durch die Fußgängerzone. Da sind Männer und Frauen, die Händchen halten. Manche mit schweren Einkaufstüten, manche schieben Kinderwagen vor sich her. Einige Geschäfte haben Lichterketten über den Eingängen aufgehängt. „Was denken die Deutschen von mir?“, fragt er. „Dass ich ein schlechter Vater bin, weil ich meine Familie zurückgelassen habe und mir hier ein schönes Leben mache?“ Immer wieder liest er solche Kommentare im Internet, sieht sich Youtube-Videos an, in denen Menschen hetzen.

„Aber: Hast du die Bilder gesehen von dem Lastwagen in Österreich im letzten Jahr? Hast du die Bilder gesehen von den Menschen, die in den Schlauchbooten untergehen? Aylan, der tote Junge am Strand?“, fragt Mostafa bitter, „ist es falsch, wenn ich nicht will, dass meine Kinder da durchmüssen?“

Es sind Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Für Mostafa ist es eine große Schuldfrage: Wer ist schuld, dass meine Familie leidet, während ich in Bottrop Deutsch lernen soll? Ich oder die Politik?

Mostafa hat inzwischen gegen sein Urteil geklagt. Auf den vollen Asylstatus nach der Genfer Flüchtlingskonvention. Mit seiner Klage ist er nicht allein: Bis Mitte Oktober 2016 haben 18.666 Syrer gegen Entscheidungen mit subsidiärem Schutz Klage eingereicht. In 80 Prozent der bislang abgeurteilten Fälle erhielten die Kläger einen höheren Schutzstatus zugesprochen. Das BAMF wiederum geht mit einer Welle an Berufungsverfahren dagegen vor. Die Sprecherin der Behörde begründet das damit, dass sich „erst wenige Verwaltungsgerichte überhaupt mit der Entscheidungspraxis des Bundesamtes im Jahr 2016 auseinandergesetzt“ hätten.

Eine Frage aber bleibt: Wieso kehrt Mostafa nicht zurück, wenn er seine Familie tatsächlich so vermisst? Wieso setzt er sich nicht in den Flieger nach Jordanien, da gibt es One-Way-Flugtickets Frankfurt-Amman für 200 Euro? Mostafa wird ruhig, überlegt. Starrt auf die leere Pfanne vor sich, in der das erkaltete Bratfett seiner Spiegeleier schwimmt, als würde er darin die Antwort suchen. „Als ich ausgereist bin, habe ich in Jordanien ein Dokument unterschrieben, dass ich nicht mehr zurückkomme“, sagt er leise. „Wenn doch, werde ich nach Syrien abgeschoben.“

Er zuckt mit den Schultern. „Weißt du was, manchmal denke ich mir: Vielleicht wäre der Tod in Syrien eine schönere Alternative zu diesem Leben.“


Redaktion: Esther Göbel; Produktion: Esther Göbel; Fotos: Raphael Knipping; das Aufmacherfoto zeigt Mostafa.