Wem wir heutzutage noch glauben können: zu wenigen.
Was wir heutzutage noch glauben können: erstaunlich viel.

Wem wir heutzutage noch glauben können: zu wenigen. Was wir heutzutage noch glauben können: erstaunlich viel.

Rico Grimm monogram
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Ihr werdet von dem Ingolstädter Professorensohn Adam Weishaupt noch nie gehört haben und dennoch solltet ihr euch seinen Namen merken. Denn er war das erste Verschwörungsopfer des modernen Westens.

Seine Gegner sagten Ende des 18. Jahrhunderts über ihn: Dieser Mann will alle Kirchen Europas vernichten, alle Regierungen des Kontinents stürzen und nichts wird ihn aufhalten können, das Gleiche auch in den USA zu tun, weswegen Politiker dort Brandreden hielten und sich in Gruppen zusammenschlossen, um seinen Einfluss zu bekämpfen. Später sagten sie: Dieser Mann floh aus Bayern, um als „US-Präsident George Washington“ die 13 Staaten der neuen amerikanischen Welt zu regieren. Sie sagten auch – und das ist das Einzige, das stimmt: Dieser Mann hat die Illuminaten gegründet.

Weishaupts Fall ist wie eine Abziehfolie für das Jahr 2016. Sie bietet alle Elemente: Paranoia, Umbruch und eine Öffentlichkeit in den Schützengräben. Ich bin über Weishaupts Geschichte am Ende einer Suche gestoßen, die mit einer einfachen Frage begann: Ist ein Fakt noch immer ein Fakt? Dass das nicht mehr so sei, versuchen gerade mehrere Beobachter in namhaften westlichen Medien zu beweisen. Sie deuten auf die Lügen der neuen Nationalisten von AfD, Ukip, Trump & Co und leiten daraus ab, dass das Zeitalter der Fakten vorbei sei und wir den Raum der post-truth-politics betreten hätten. Ich glaube das nicht. Ich glaube: Nicht die Fakten stecken in einer Krise, sondern ihre Vermittlung. Wir können immer noch ziemlich viel glauben, das aber immer weniger Menschen.

Ohne Fakten keine Demokratie – deswegen ist die Frage so wichtig

Ob Fakten noch existieren, ist mehr als eine erkenntnistheoretische Fingerübung. Sie ist hochpolitisch, denn es gibt einen sehr starken Zusammenhang zwischen unserer Idee von Fakten und demokratischer Lebensweise. Würde die Kraft der Fakten wirklich nachlassen, würde das den Anfang vom Ende der Demokratie bedeuten. Um diesen Zusammenhang zu verstehen, will ich kurz zurückblicken.

Zuerst etablierte sich die Vorstellung von Tatsachen, die für jedermann überprüfbar sein sollten, in den Gerichtsverfahren des 13. Jahrhunderts in England. Von dort aus eroberte diese Idee die großen, neuartigen Universitäten in Prag, Bologna und Paris, sie maskierte sich in den italienischen Banken der Renaissance als „doppelte Buchführung“, inspirierte zur gleichen Zeit Leonardo da Vinci, den Maler, Mediziner, Schöpferersatz, den erfindungsreichsten Forscher seiner Epoche. Und mit ihm die erste große Tüftlergeneration der Neuzeit. Die Vorstellung fand ihren vorläufigen geistigen Höhepunkt in der Aufklärung des 18. Jahrhunderts.

Aber wer Fakten sammelte, geriet immer wieder mit den Autoritäten seiner Zeit in Konflikt: Giordano Bruno brannte im Feuer der Kirchenwächter, Galileo Galilei zwangen die Zensoren zu widerrufen und die jungen, feurigen Denker des revolutionären Frankreichs wurden in den rückwärtsgewandten Königshäusern des Kontinents in den Rang von Staatsfeinden erhoben. Denn wer neues Wissen anhäufte, stellte das alte Wissen in Frage, jenes Wissen, das die Kirchenväter und die angeblich von Gott legitimierten Herrscher verbreiteten. So wie diese in der Geschichte der Menschheit noch nie gesehenen Wesen, die „Bürger“, die Welt während der Aufklärung entschlüsselten, so enthüllten sie das größte Geheimnis jeder Macht: Wie nackt diese ist, wenn sich niemand mehr vor ihr fürchtet. Wer sich beibrachte zu forschen und selbst zu denken, wer die Vernunft pries, der wollte nicht mehr bevormundet werden. Er wollte mitentscheiden. Wissen ist Macht und Aufklärung bedeutet den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Der amerikanische Philosoph Michael P. Lynch hat die Demokratie deswegen den „Raum der Vernunft“ genannt. Dieser Raum zerbricht, wenn die Idee der Fakten ihn nicht mehr stützt.

Wäre das Zeitalter der Fakten wirklich vorbei, würde das also einen größeren Umbruch auslösen als der Siegeszug von Internet und Robotern zusammengenommen. Es wäre der Beginn einer neuen Epoche. Mittelalter, Neuzeit, Ende-der-Fakten-Zeit.

Lügen schaden Politikern angeblich nicht mehr – Stimmungen sollen die Fakten ersetzen

Diejenigen, die diese These vertreten, haben gute Argumente. Sie schieben den großen Lügner Donald Trump ins Bild, der nicht trotz, sondern wegen seiner ganzen Lügen ins Weiße Haus einzog, dem jeder neue Schwindel den Weg ebnete auf die größten Bühnen der Gesellschaft, in die Talkshows. Dort saß er und sagte nicht die Wahrheit und seine Fans interessierte das nicht, weil da endlich jemand war, der zumindest ihre Probleme ansprach: wie ihre Heimatstädte verelendeten, ihre Freunde darbten und wie sie begannen, sich fremd zu fühlen im eigenen Land. Und die Verteidiger der These zeigen auf Großbritannien, wo die Befürworter eines EU-Austrittes mit den absurdesten Behauptungen Wahlkampf gemacht haben und auch dann noch Zulauf erhielten, als diese längst widerlegt waren. Sie verweisen auf die AfD in Deutschland, die FPÖ in Österreich, bei denen es ähnlich zu laufen scheint. „Es sollte darum gehen zu verstehen, warum Lügen Politikern nicht mehr schaden“, schreibt Lenz Jacobsen auf Zeit Online.

Immer wieder tauchen in den Artikeln, die das Ende der Fakten ausrufen, auch die Minenarbeiter der Faktencheck-Portale auf: „Niemand außer Politikfanatikern achtet besonders darauf“, heißt es an einer Stelle. Ein gutes Gerücht verbreite sich eben schneller als die Wahrheit, vor allem in den sozialen Netzwerken, die wiederum selbst zu Schwimmbecken voll reizendem grünen Wasser geworden sind und alle Klarheit längst verloren haben. Die Verdrahtung der menschlichen und maschinellen Aufmerksamkeitszellen spült so in die Nachrichtenströme von Millionen Menschen, was früher Randnotiz blieb.

„Die USA schaffen sich ihre eigene Realität“

Doch Kronzeuge der Faktentotengräber ist Karl Rove, Berater der Regierung des jüngeren Bush. Er sagte 2004, als es weder Facebook, iPhones noch Youtube gab: „Die USA sind jetzt ein Imperium, und wir schaffen uns unsere eigene Realität. Wir sind die Akteure der Geschichte, und Ihnen, Ihnen allen bleibt nichts, als die Realität zu studieren, die wir geschaffen haben.“ Fakten seien schon damals nur noch „Fakten“ gewesen, formbare Gefäße für eine gefühlte Realität, ganz ohne Pfand - für den einmaligen Gebrauch.

An die Stelle gesicherten Wissens würden heutzutage Stimmungen treten, argumentiert Jill Lepore in ihrem Essay für den New Yorker. Fakten würde durch Daten ersetzt, die in die eine wie in die andere Richtung interpretiert werden können. Diese Interpretationen wiederum speisten sich in die Debatten ein, würden selbst Gegenstand werden und schafften so eine Realität, die nichts mehr mit der Welt da draußen zu tun habe. Das in ihren Augen beste Beispiel: Vor der Brexit-Abstimmung starrte die Öffentlichkeit auf die Quoten der Buchmacher und die Kurse der Währungen, um eine Idee zu bekommen, wie die ganze Sache ausgehen könnte. Dabei waren diese Quoten und Kurse selbst nur Ausdruck der Stimmungen der Wettenden und der Anleger, die wiederum darauf achteten, wie sich die Öffentlichkeit positionierte.

Dabei gab es niemals ein „ein Zeitalter der Fakten“

Diese Analysen haben mehrere Probleme. Ich will mit dem grundlegenden beginnen, der versteckten Annahme hinter der These vom „Ende des Faktenzeitalters“: Wenn es enden soll, muss es irgendwann einmal begonnen haben. Es muss einen Zeitpunkt in der westlichen Geschichte gegeben haben, zu dem Fakten und Tatsachen zum Goldstandard wurden. Niemand nennt eine Jahreszahl, aber es ist offensichtlich, dass die Epoche der Aufklärung, irgendwann zwischen 1700 und 1800, dafür in Frage kommt. Die ersten Lexika entstanden damals, begeisterte Leser und Lerner fanden sich in kleinen Gruppen zusammen, um sich gemeinsam weiterzubilden.

Aber nicht eine frische Philosophie, nicht eine einzigartige Idee soll das Ende des Faktenzeitalters signalisieren, sondern eben die neuen Nationalisten mit ihren alten Ideen, allesamt Politiker, die um Stimmen kämpfen. Menschen, von denen einige offen Verschwörungstheorien verbreiten, ganz bewusst, um politische Punkte zu erzielen oder unbewusst, weil sie wirklich daran glauben. Aber wie kann das sein? Wie können solche Menschen ein Ende markieren, wenn am Anfang Leute eines ganz ähnlichen Schlages standen: Politiker, die fremde, unbekannte Mächte beschworen, die die eigene Welt unterwerfen wollten. Was heute „Flüchtlinge“ und „der Islam“ sind, waren vor 200 Jahren die Illuminaten, die Freimaurer, die Jesuiten. Symbole eines paranoiden Zuges in der Politik, der überall im Westen und zu jeder Zeit zu beobachten ist, wenn man genau hinschaut. 1963 veröffentlichte der US-Historiker Richard Hofstadter den heute legendären Aufsatz „The Paranoid Style in American Politics“. Was er darin beschreibt, ist heute noch gültig und war es vor 200 Jahren: „Der Wortführer des Paranoiden kann die Verschwörung nur in Begriffen der Apokalypse verstehen – er beschäftigt sich mit der Geburt und dem Tod ganzer Welten, ganzer politischer Ordnungen, ganzer Systeme menschlicher Werte. Er kämpft ständig auf den Barrikaden der Zivilisation.“

Bürger schätzen an Politikern nicht deren Faktentreue

Dieser ganze Wahnsinn, der sich gerade Bahn zu brechen scheint, bricht sich schon immer Bahn. Er ist keine alles verschlingende Sturzflut, sondern ein Seitenarm der Geschichte, den wir einfach von unseren geistigen Landkarten gelöscht hatten.

Deswegen stimmt es auch nicht, wenn Fakten zum „Goldstandard politischer Debatten“ erhoben werden, wenn sie der Gradmesser für eine gesunde, lebendige Öffentlichkeit sein sollen. Das waren sie nie. Humor, Plausibilität und Überzeugungskunst, Menschlichkeit und die Fähigkeit, Geschichten zu erzählen, waren in der Summe immer wichtiger als die Frage, ob jemand ständig bei der Wahrheit blieb. Oder ist jemals ein Politiker ins Gedächtnis der Bürger gerutscht, weil er immer „faktentreu“ war? Wir erinnern uns an den „jugendlichen“ Willy Brandt, den „klugen“ Helmut Schmidt, den „beharrlichen“ Helmut Kohl.

Die Frage nach der Wahrheit wurde eigentlich nur dann entscheidend, wenn ein Politiker die Grenzen grob verletzte, wenn die Lüge zu krass und menschlich verwerflich war.

Außerdem schaden Lügen Politikern immer noch – der Fall Guttenberg ist ein Beispiel

US-Präsident Richard Nixon behauptete etwa öffentlichkeitswirksam: „Ich bin kein Gauner.“ Und war es doch. Rücktritt. Eine Lüge war auch der Doktortitel des Freiherrn zu Guttenberg. Seine Promotion baute sehr unverblümt auf den Arbeiten anderer auf, er kopierte. Seinen Ministertitel war er los, als sein Betrug aufflog. Ein ähnlich gelagerter Fall war der der ehemaligen Wissenschaftsministerin Annette Schavan. Sie musste gehen, als auch ihre Doktorarbeit unter Verdacht geriet. Die Fakten spielten in diesen Fällen eine Rolle und kosteten mächtigen Politikern das Amt.

Und auch heute in dieser wilden Zeit interessieren sich die Menschen noch dafür. Es stimmt zwar, dass sich Gerüchte schneller verbreiten als die Korrekturen, aber die Faktenprüfer der verschiedenen Portale haben so viel Zulauf wie noch nie. Die US-Seite snopes.com prüft seit Jahren alle möglichen Statements und Überschriften auf ihre Richtigkeit. Im vergangenen Jahr verzeichnet sie Rekord-Zugriffe. Ihr Gegenstück ist im deutschsprachigen Raum die Seite Mimikama.at, die zunächst damit begann, Facebook-Fakes zu enttarnen und inzwischen auch anderen Gerüchten nachgeht. Insgesamt 660.000 Menschen haben die Updates der Seite allein auf Facebook abonniert. Haben diese Seiten vielleicht nur deswegen so viel Zulauf, weil auch mehr gelogen wird? Es macht keinen Unterschied.

Das nämlich ist das Paradox: Dort, wo die Lüge wächst, gedeiht auch die Wahrheit, wie Geschwister unter einem Dach. Die Lüge ist als solche gar nicht erkennbar ohne die Wahrheit.

Wenn Menschen „Statistiken“ angreifen, geht es ihnen eigentlich um deren politische Folgen

Dabei müssen wir gar nicht davon ausgehen, dass es „die Wahrheit“ gibt oder „die Lüge“. Wir müssen überhaupt nicht annehmen, dass jemals etwas zu 100 Prozent über die tatsächliche Welt vor uns erkennbar ist, für immer und ewig. Es reicht, in die Mathematik zu schauen. George Orwell wählte die falsche Formel 2+2=5, um seine schreckliche Propagandawelt in „1984“ zu illustrieren, weil nichts klarer und richtiger und leichter verständlich ist als die Rechnung, dass zweimal zwei vier ergibt.

Nach solchen Formeln strebt alle (Natur-)Wissenschaft; die ewigen Gesetze, der Tanz der Theorien, der bestirnte Himmel über uns. Die neuen Nationalisten greifen genau diese „Experten“ mit ihren „Zahlen“ an: Sie wollen nur noch Statistiken glauben, die sie selbst gefälscht haben. Was steckt dahinter?

Die Kritiker der Wissenschaften attackieren nicht die Werkzeuge der Forscher, sondern sie arbeiten sich an deren Ergebnissen ab, weil sie sich nicht decken mit dem, was sie wahrnehmen. Klimawandel? Kann es nicht geben, es regnet doch ständig! Gentechnik? Wie soll die nicht gefährlich sein, wenn künstlich in die Erbinformation von Lebewesen eingegriffen wird?

Es geht den Menschen um die politischen Folgen der Forschung. Sie vermuten gerade in Deutschland: vor allem nachteilige Folgen. Um ihr Gefühl zu bestätigen, legen die wenigen von ihnen, die bereit sind, sich auf methodische Fragen einzulassen, zum Teil abstrus detaillierte, aber in wesentlichen Sachfragen unvollständige Quellenkataloge vor, die kein Mensch mit einem normalen Zeitbudget auseinanderklamüsern kann. Es wirkt fast so, als wollten sie eine Gegenwissenschaft aufmachen, ihre Wissenschaft. Die übrigen suchen nach Verstrickungen der Forscher, um deren angebliche Voreingenommenheit zu belegen, gehen aber fast nie den nächsten Schritt und zeigen auf, wie diese unterstellte Voreingenommenheit sich konkret auswirken soll. Es bleibt bei den simpelsten kausalen Schlüssen, die bei den eigenen Leuten nicht ausreichen würden. Aber darum geht es: die und wir. Die Wissenschaft wird politisiert, so entstehen „Fakten“.

Die früher vermeintlich „neutrale“ Wissenschaft hat sich politisiert – und in den Augen der Kritiker korrumpiert

Diese Politisierung der Wissenschaften gilt den Verteidigern der Ende-der-Fakten-These als Beleg. Sie zeigen auf die Wirtschaftswissenschaft und haben damit ja auch recht. Diese hat in den vergangenen 30 Jahren ein riesiges Experiment an lebenden Gesellschaften durchgeführt. „Sinken die Steuern für die Reichen, schaffen sie neue Arbeitsplätze“, „Schaffen wir Gesetze für den Finanzmarkt ab, ist das gut für das Wachstum“, „Was gut für das Wachstum ist, ist gut für das Land“ – so etwas haben die namhaftesten Wirtschaftswissenschaftler den Politikern eingeflüstert und sich dabei auf ihre mathematischen Modelle verlassen, die zwar etwas abbildeten, aber mit Sicherheit nicht den fürs gute Regieren relevanten Teil der Realität. Denn das Experiment scheiterte krachend, als 2008 die Finanzkrise die Welt überrollte. Damals gingen nicht nur Billionen Euro Börsenwert für immer verloren, sondern auch das Vertrauen in einen ganzen Wissenschaftszweig.

Doch das ist ein Sonderfall. Dass die Wirtschaftswissenschaft nach ihrem mathematischen Irrweg sich wieder als eine Sozialwissenschaft begreift, die hilft zu verstehen, aber nicht vorherzusagen, war längst überfällig. Kleine, aber laute Stimmen hatten die weltfremden Annahmen in den Modellen schon Jahre vorher kritisiert. Und auch Agrartechnologie und Klimawissenschaft erhalten im Verhältnis zu viel Aufmerksamkeit. Jeden Tag werden auf dem Planeten Entdeckungen auf den Feldern der Oberflächenforschung, der Geochemie und der Physik im All gemacht. Aber niemand interessiert sich für sie, niemand stellt in wütenden Facebook-Kommentaren die Richtigkeit der Ergebnisse in Frage. Niemand schreit da: „Alles gekauft!!1!1“

Dabei bringt die Wissenschaft noch immer belastbare Fakten hervor

Die wissenschaftliche Methode ist unangetastet; dort, wo sie substanziell kritisiert wird, wird sie mit den Mitteln der Wissenschaft selbst kritisiert. Wie gut sie ist, können wir mit einem kleinen Gedankenexperiment herausfinden, das der Philosoph Lynch durchgeführt hat. Stellen wir uns vor, wir würden in einer Welt leben, in der es kein gesichertes Wissen, sondern nur noch Glaube gäbe. Wie würden wir entscheiden, was wir glauben sollen? Worauf würden wir unsere Politik basieren? Lynch meint, dass es dem Eigeninteresse entspricht, ein Konzept zu finden, das wiederholbar, anpassbar, öffentlich und weit verteilt ist. Wiederholbar, weil die Methode dann jeder nutzen könnte. Anpassbar, weil sie geeignet wäre für die unterschiedlichsten Situationen. Öffentlich, weil wir wollen, dass die Ergebnisse von allen überprüft werden können, vor allem die Ergebnisse der anderen. Weit verteilt, weil wir wollen, dass auch wirklich viele Menschen sie benutzen. Er leitet her, dass wir selbst in einer Welt ohne gesichertes Wissen wieder so etwas wie die Wissenschaft entwickeln und damit früher oder später auch sichereres Wissen finden würden.

Trotz all dieser guten, starken Gegenargumente haben viele kluge Menschen die These vom „Ende des Faktenzeitalters“ aufgestellt. Warum?

Wer behauptet, dass wir in im postfaktischen Zeitalter leben würden, verwechselt die Ausnahme mit der Regel

Ich glaube, dass sie sich ein bisschen verrannt haben, denn in ihren Argumenten beziehen sie sich fast nur auf die neuen Nationalisten. Dabei regieren diese fast nirgendwo – fast nirgendwo mussten sie bisher beweisen, dass ihre Ammenmärchen zu einer Politik führen, die den Bürgern hilft. Ihren Anhängern ist aktuell am meisten geholfen, indem jemand ihre Probleme anspricht. Diese variieren von Land zu Land, allen gemein ist aber, dass sie auf eine Art angesprochen werden, die eher nicht politisch korrekt ist. Die Ablehnung eines gefühlten Mainstreams in der Öffentlichkeit fügt sich da wunderbar in die Ablehnung von „Experten“ und „Studien“, spielen diese doch in fast jedem Medienbeitrag eine Rolle.

Die Rechtspopulisten haben noch immer den Status der Protestpartei. An so eine Partei legen Wähler traditionell andere Maßstäbe an. Werden auch die Lügen von Politikern anderer Parteien nicht mehr ernst genommen? Nein. Dort ist die Mechanik noch intakt, siehe Guttenberg, siehe Schavan.

Außerdem liegt ein anderer Verdacht nahe: dass Medienöffentlichkeit mit der ganzen Realität verwechselt wird. Politisch interessierte Menschen haben schon lange nicht mehr so spannende Zeiten erlebt wie diese, aber auch schon lange nicht mehr so konfliktreiche. Große Gefühle, harte Aussagen, eindeutige Thesen nehmen in eigentlich allen Medien, aber insbesondere in den sozialen Netzwerken mehr Raum ein als nuancierte, differenzierte Einschätzungen. Diese Dynamik wurde oft beschrieben, sie verändert aber, welche Dinge wir scharfstellen, wenn wir „politisch denken“: den Streit und die Extreme. Politisch interessierte Menschen konsumieren viel, viel mehr Artikel und Beiträge als „Normalnutzer“. Zusätzlich sind die Anhänger der neuen Nationalisten sehr häufig sehr aktiv. Online-Umfragen werden gezielt gekapert, Kommentarspalten übernommen, keine Partei ist auf Facebook so groß wie die AfD. Was dort zu sehen ist, ist also real, aber kein Abbild der Wirklichkeit. Die AfD kommt derzeit bundesweit auf im Schnitt 11 Prozent der Stimmen, kann aber trotzdem die Debatten dominieren. Sie ist ein Scheinriese.

Wer sich nicht nur auf die neuen Nationalisten und die sozialen Netzwerke konzentriert, kann erkennen, dass die Fakten in keiner Krise stecken. Ihnen geht es gut – und auch jene, die sie „herstellen“, haben mit Ausnahme der Ökonomen keine existenziell gefährlichen Probleme.

Wir erleben gerade einen epochalen Umbruch - da ist Unsicherheit normal

Es hilft, durchzuatmen. Denn was wir gerade erleben, ist nicht neu und nicht das Ende der Welt. Es ist ein Umbruch, wie er die modernen westlichen Gesellschaften scheinbar alle 30 bis 40 Jahre erschüttert. Wo nach dem Krieg das sozialdemokratische Zeitalter begann, wurde das Mitte der 1970er Jahre vom neoliberalen Zeitalter abgelöst – und nun sortiert sich die Welt wieder. Neue Parteien entstehen, Begriffe werden umgedeutet, Theorien, aber vor allem Fakten vereinnahmt. Daher die ganze Verwirrung und Unordnung, die man von diesem gelassenen Standpunkt aus auch einfach spannend und interessant finden kann. Schließlich wird vor unseren Augen, gut erkennbar, aber in hoher Geschwindigkeit, gerade Seite um Seite des Geschichtsbuches vollgeschrieben, das unsere Enkel einmal studieren werden.

Der Neoliberalismus stirbt und reißt Teile unserer eingespielten Politikkultur mit sich: das Vertrauen darauf, dass Experten wissen, was zu tun ist. Die Sicherheit in der besten aller Welten zu leben. Die Gewissheit, dass der Markt vernünftig ist. Mehr aber auch nicht. Keine Städte in Europa werden zerbombt, keine Menschen vergast, keine Frauen in Massen vergewaltigt, keine jungen hoffnungsvollen Menschen von alten Generälen ins Verderben geschickt. Keine Millionen sterben an der Spanischen Grippe. Die westliche Welt verliert ihre vorherrschende Ideologie, aber doch nicht alles! Die alte Großerzählung verschwindet, aber nicht der Kern von allem, das Atom unseres Wissens, der Fakt. Es wird durch die Veränderungen nur für einen Moment etwas schwieriger, ihn zu entdecken.

Das liegt an zwei Dingen: Erstens an jenen Institutionen, die die Fakten produzieren. Sie müssen sich immer genauere Fragen nach ihrer Finanzierung und ihrem Hintergrund gefallen lassen. Die Anforderungen an die Transparenz sind gestiegen, weil es dank des Internets im Prinzip möglich ist, schneller und offener mit dem Publikum zu reden. Wer es gewohnt ist, von Freunden am Ende der Welt sofort eine Antwort zu bekommen, kann nur schwer verstehen, warum das Medien, Unternehmen, Universitäten und Behörden nicht gelingen soll.

Die Hersteller der Fakten und ihr Publikum haben sich noch nicht komplett auf die neue Welt eingelassen

Allerdings steht das Bedürfnis nach mehr Offenheit noch in einem krassen Missverhältnis zur Praxis. Entweder schaffen es die Faktenhersteller nicht, ihre Arbeitsweise zu öffnen (oder wissen noch nicht, wie wichtig es geworden ist) oder sie tun es und prallen dann mit ihrer in Jahrzehnten ausgebildeten Arbeitstradition, mit ihrem Jargon, ihren Verfahren auf eine Öffentlichkeit, die damit in der Summe nichts anfangen kann und die Schwierigkeit zu verstehen als Beweis für moralisch fragwürdige Haltungen nimmt. Nicht umsonst benutzen die neuen Nationalisten den Begriff des „gesunden Menschenverstandes“ so häufig, um den etablieren Wissensinstitutionen etwas gegenüber zu stellen.

Der Großteil der Öffentlichkeit konzentriert sich dann auf jene Bereiche, die sie glaubt, gut einschätzen zu können: Geld und persönliches Verhalten. Beides sind Fragen der Moral, die im Grunde nichts mit der jeweiligen Sache zu tun haben, während jene, die sich öffnen, genau über diese Sache sprechen wollen. Man redet aneinander vorbei, das Misstrauen wächst. Gleichzeitig sorgt der Fokus auf die Umstände der Arbeit dafür, dass einzelnes Fehlverhalten dem ganzen System angelastet wird. Die komplette Wissenschaft leidet, weil es wenige Forscher gibt, die sich von Konzernen, Nichtregierungsorganisationen oder Regierungen beeinflussen lassen. Oder noch weniger, die plagiieren und Forschungsergebnisse fälschen. Und anstatt die Aufdeckung dieser Fehler als Beleg für die funktionierenden Kontrollprozesse zu nehmen, werden sie mit dem ganzen System gleichgesetzt. Dieser Mechanismus ist überall gleich, in Politik, Medien, Justiz.

Die Unerfahrenheit nutzen Dritte und neue Nationalisten aus

Zweitens nutzen Dritte die neuen Transparenzforderungen und offenen Kommunikationssystem der Demokratien im Westen strategisch aus. Nachrichtendienste lancieren in obskuren Blogs ihrer Heimatländer Informationen, die dann von den oft linken oder rechten, randständigen Medien der Zielländer aufgegriffen werden und sich in die Mitte der Gesellschaft verteilen. Oder die Kommentarspalten der Online-Medien und die sozialen Netzwerke werden gezielt mit passenden Posts bestückt. Besonders effektiv nutzt diese Strategie Russland. Inzwischen berühmt-berüchtigt ist die Aussage von dessen Präsident Wladimir Putin im Jahr 2014, dass keine russischen Truppen auf der Krim seien, während diese gerade vor den Augen der Weltöffentlichkeit die Halbinsel besetzten.

Russland nutzt dabei geschickt aus, dass sich – ausgehend von den liberalen Universitäten der 1970er Jahre – die Vorstellung ausgebreitet hat, dass alle Erkenntnis nur ein Produkt unserer Sprache und Biografie wäre, dass also die Wirklichkeit wie wir sie wahrnehmen, nur konstruiert sei. Wer das glaubt, glaubt auch eher, dass es keine Wahrheit gebe, dass „sie immer irgendwo in der Mitte zwischen zwei Seiten zu finden sein dürfte“. Es dürfte kein Zufall sein, dass mit Boris Schumatsky und Peter Pomerantsev zwei Menschen den Zusammenhang zwischen Propagandataktik und diesen Ideen der Postmoderne erkannt haben, die die russische Realität gut kennen. Die neuen Nationalisten gehen nicht so taktisch geschickt und geplant vor, wie die Informationskrieger der Regierungen – beide machen sich aber zu Nutze, dass die Postmoderne mit ihrem radikalen Fokus auf das individuelle, einzigartige Bewusstsein Unsicherheit über das eigentliche Wesen der Welt gesät hat.

Die neuen Nationalisten müssen wir dabei als Angreifer auf die bestehende politische Ordnung verstehen. Sie wollen jene Denkweisen attackieren, die das „System der Altparteien“ hervorgebracht hat, dazu gehören auch Wissenschaft, Behörden, Medien. Wer das Ende vom Faktenzeitalter einfach so behauptet, spielt ihnen also direkt in die Hände.

Was hilft? Das Gleiche wie vor 200 Jahren: Vertrauen auf den kritischen Diskurs

Was kann die Antwort darauf sein? Die Lügen als neue Wahrheit akzeptieren? Oder verneinen, dass es noch so etwas gibt, wie gemeinsame Tatsachen? Nichts davon. Denn die Tatsächlichkeit der Welt hat sich nicht geändert, nur die Bedingungen ihres Beschreibens. Die ersten, die das gemerkt haben, waren Journalisten, als vor zwei Jahren mit der Ukraine-Krise plötzlich eine „Lügenpresse“-Diskussion durch das Land rollte, die die Branche erschüttert hat. Allerdings beschreiben ja auch andere Gruppen, diese sind nur nicht ganz so sichtbar, unterliegen aber den gleichen Dynamiken. Wissenschaftler, vor allem jene aus den Sozialwissenschaften. Beamte, die zählen, abheften, katalogisieren. Bis zu einem gewissen Grad sogar Mitarbeiter der Polizei und Justiz. Jede einzelne diese Gruppe muss sich fragen, wie es ihr gelingen kann, der neuen Informationswelt und den neuen Transparenzanforderungen gerecht zu werden. Es gibt im Journalismus erste, ermutigende Versuche, sich zu öffnen ohne die Fehler von Piratenpartei und Wikileaks zu machen, die in kompletter Transparenz den Ersatz für die mühsame Arbeit der Vertrauensbildung sahen und letztlich daran scheiterten, ein Modell zu finden, dass langlebig ist.

Die Prinzipien dieser Wandlung werden jene sein müssen, die schon die Aufklärer im 18. Jahrhundert umgetrieben haben. Verstand, Vernunft, die Überlegenheit des rationalen Diskurses. (Ja, das sind Ideale – aber ohne diese Ideale anzunehmen, sie zu verteidigen und zu verbreiten, funktioniert die Demokratie nicht.) Es braucht leidenschaftliche Vermittler zwischen den Systemen, zwischen Öffentlichkeit und Wissenschaft, Bürgern und Medien, Anwohnern und Regierung. Es braucht Menschen, die bereit sind, sich einzuarbeiten in die komplexesten Felder, ohne den Luxus zu haben, komplett abzutauchen. Diese Vermittler können Wissenschaftler, Beamte, Journalisten sein, besser wäre es aber, wenn diese nur wenige unter den vielen darstellen – etwas größere Knoten in einem engmaschigen, weitgespannten Netz.

Denn jeder Mensch, darin liegt ja das große Versprechen von mehr Transparenz, kann sich einarbeiten, wenn er das will. Ihm das nicht mehr zu verwehren, sondern ihn als einen mündigen Denker zu sehen, der lernen kann, lernen will, verstehen kann, verstehen will und anzunehmen, dass er keine bösen Absichten hat, sondern jederzeit an das Beste in ihm zu appellieren, ihn nicht als degenerierten Affen vor einem Computerbildschirm zu sehen, sondern als einen Macher, der sich das mächtigste Werkzeug der Menschheitsgeschichte zu eigen macht, genau darin lag die revolutionäre Kraft der Aufklärung und es gibt keinen Grund, diesen Gedanke heute fallen zu lassen, nur weil ein paar Menschen an das Niederste in ihren Zeitgenossen appellieren.

Die Vernunft setzt sich durch. Dafür sprechen doch die Fakten.


Beim Entwickeln meiner Gedanken haben mir die Krautreporter-Leser Anne Overbeck, Christian Tomanik, Robert Zipplies, Sebastian Pipping, Harald Stengl, Martin Krohs, Jochen Sauer, Simone Lackerbauer und Bevier geholfen. Ich danke euch!


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Aufmacher-Foto: DonkeyHotey/Flickr/BY-SA-2.0