Minimalismus

Herr Klöckner zieht es durch

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Sein einziges Möbelstück ist eine Hängematte und vor Kurzem hat er sogar einen Weg gefunden, auf Hosen zu verzichten. Joachim Klöckner trägt jetzt nur noch Einteiler. Für die warmen Tage im Sommer hat er sich extra ein kurzes Modell geschneidert. „Auf die Idee bin ich besonders stolz“, sagt er. Klöckner besitzt weniger als 100 Dinge, jedes Taschentuch und Wattestäbchen einzeln gezählt, die alle in einen Rucksack passen. Und das bereits seit fast 30 Jahren.

Klöckner ist das, was man heute einen „Minimalisten“ nennt – aber er war es schon, bevor es cool war. Wie klassische „Ökos“ haben auch Minimalisten das Wohl der Welt im Blick. Nur, dass sie statt Erdtönen schwarz-weiß tragen und statt grüner Produkte am liebsten gar nichts kaufen würden. Die Idee dahinter ist, genügsam zu leben statt im Überfluss, so wenig wie möglich von der Erde zu nehmen. Klöckners Lebensphilosophie ähnelt den Ideen von Wissenschaftlern wie Niko Paech von der Universität Oldenburg oder Barbara Unmüßig von der Heinrich-Böll-Stiftung: Es ist nicht möglich, unser jetziges Wirtschaftswachstum dauerhaft mit dem Umweltschutz zu vereinigen. Eine Grüne Ökonomie ist im Grunde ein Paradox.

Die ganzen Trends wie „Minimalismus“ und „Nachhaltigkeit“ zögen etwas an ihm vorbei, meint Klöckner, das gab es damals, als das für ihn anfing, ja noch nicht. Damals, das war 1986, nach der Nuklearkatastrophe in Tschernobyl.

Wo „nachhaltig“ drauf steht, ist nicht „nachhaltig“ drin

„Danach habe ich gemerkt: Jetzt gibt es was zu tun“, erinnert sich Klöckner und klatscht dabei aufgeregt in die Hände. Als ich ihn in Berlin treffe, trägt er einen kurzen weißen Overall und sitzt das gesamte Gespräch über im Schneidersitz vor mir. Eine gewisse Guru-Ästhetik scheint durchaus beabsichtigt.

Der erste Schritt, meint Klöckner, ist schon getan, wenn wir von der Mitwelt sprechen statt von der Umwelt. „In der Mitwelt, da bin ich dabei.“ Man spricht dann automatisch nicht nur von irgendetwas um einen herum und lässt sich selbst außen vor. „Wenn ich jetzt für die Mitwelt etwas Gutes tun will, dann tut das auch mir gut“, sagt Klöckner.

Aber Leute, die nur Bionade trinken und bei Öko-Labels einkaufen, geben sich und ihrer Mitwelt doch auch ein gutes Gefühl. Woher kam also die Erkenntnis, dass nur weniger wirklich mehr ist?

Joachim Klöckner wurde früh Mitglied der Grünen, hat sich als Energieberater für Unternehmen selbstständig gemacht und sagt heute, dass er es wirklich eilig hatte, die Welt zu retten. „Mit der Zeit habe ich aber gemerkt, dass manches nur oberflächlich so schön grün und nachhaltig wirkt“, sagt Klöckner.

Vielen Kunden hatte er zu Solaranlagen und Energiesparlampen geraten, die damals ganz neu waren. Bis er gemerkt hat, dass es diese Anlagen in ihrer gesamten Lebensdauer nicht schaffen, die Energie wieder einzuspielen, die bei der Herstellung verbraucht wurde. In der Branche wurde das dann der Erntefaktor genannt, also wie viel am Ende wirklich gespart wird. „Ja, ich kann mir ein gutes Gewissen kaufen, aber eigentlich habe ich Blödsinn gemacht, weil die Herstellung und Entsorgung manchmal viel komplexer sind als der Moment des Sparens in der Benutzung.“ Ein grüner Anstrich sozusagen.

„Rettet die Welt vor den Weltenrettern“

Der Ökonom Niko Paech bezeichnet dieses Phänomen in seinen Arbeiten noch etwas radikaler als „ökologisches Versteckspiel“. Dank grüner und fairer Marktideen könne Moral nun durch die Wahl der richtigen Produkte bequem gekauft werden, ohne Mühe und Einschränkung, schreibt Paech. „Alles wächst um die Wette: das Zerstörerische, das etwas weniger Zerstörerische und das vermeintlich noch weniger Zerstörerische mit aufgepfropfter Nachhaltigkeitssymbolik.“

Paech ist einer der wenigen Ökonomen, die Wachstum prinzipiell infrage stellen. Daher geht er mit Anhängern dieser Grünen Ökonomie auch recht scharf ins Gericht. Für die Süddeutsche Zeitung verfasste er zum Beispiel einen Artikel mit der Aufforderung „Rettet die Welt vor den Weltenrettern“. Außerdem stellt er Fragen wie diese: „Wie viele Menschenleben wären nötig, um durch konstanten Bionade-Konsum, Urban Gardening-Aktivitäten und eine Car-Sharing-Mitgliedschaft die CO2-Emissionen eines einzigen Interkontinentalflugs zu kompensieren? Vermutlich mehr als eines.“ Für Paech sind das Zeichen einer schizophrenen Gesellschaft, die nie lauter nach Nachhaltigkeit geschrien hat, aber gleichzeitig nie weiter davon entfernt war.

Eine ähnliche Schizophrenie deutet auch eine Studie der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg aus den 90er Jahren an. Menschen wurden gefragt, wie ökologisch sie sich fühlen, anschließend wurde ihr Verhalten abgefragt. Das Ergebnis: Je ökologischer die Selbsteinschätzung, desto schlechter die tatsächliche Ökobilanz. Das macht erst auf den zweiten Blick Sinn. Wer sich ökologisch fühlt, ist oft besser ausgebildet, was wiederum zu einem höheren Einkommen führt. Das ermöglicht dann Flugreisen, ein eigenes Auto, eine größere Wohnung. Wer sich gar nicht für die Umwelt interessiert, hat im Schnitt ein kleineres Einkommen und kann sich das alles nicht leisten. Das führt wiederum zu einer viel besseren Ökobilanz.

Joachim Klöckners Antwort war vor über 20 Jahren: reduzieren. Er fing an, immer weniger zu besitzen. Das hat für ihn auch heute noch zwei Aspekte: Am Anfang steht die Überlegung, brauche ich das alles wirklich? Meistens lautet seine Antwort nein, und schon hat er etwas für seine Mitwelt getan. Der zweite Aspekt ist Klöckner aber auch sehr wichtig: „Ich habe gemerkt, wie angenehm und leicht das ist, so wenig Dinge zu haben.“ Für ihn lässt sich das nicht mehr entkoppeln. Immer wieder versucht er, alles noch mehr zu vereinfachen. „Das wurde dann zum Selbstläufer“, sagt Klöckner. Er hat zum Beispiel entschieden, nur noch weiße Sachen zu besitzen, von der Hängematte bis zur Unterhose, dann bekommt er im Waschsalon auch endlich eine ganze Maschine voll. Wieder klatscht er in die Hände. „Da wird es dann zum Spaß und macht mir Freude.“

Die Menschheit behandelt die Erde, als gäbe es eine zweite im Supermarkt

Ursprünglich kommt der Begriff „Nachhaltigkeit“ aus der Forstwirtschaft: Man sollte aus einem Wald nicht mehr Holz herausschlagen, als auch wieder nachwachsen kann. Auch Joachim Klöckner findet das eine „total schöne Metapher“. Erstmals offiziell definiert wurde das Konzept der Nachhaltigkeit in dem „Brundtland Report“ von 1987, der den Anstoß für den ersten weltweiten Diskurs des Themas gab. Demnach ist Nachhaltigkeit eine „Entwicklung, die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können“.

Holger Rogall, Professor für Nachhaltige Ökonomie an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin, sieht den Begriff kritisch. „Kein Produkt ist wirklich nachhaltig. Ein Liter Benzin, als drastisches Beispiel, kostet 1,50 Euro an der Tankstelle, die Klimafolgekosten liegen aber vielleicht bei 100 Euro. Der Rest wird dann von der Natur und den künftigen Generationen getragen.“ In Deutschland könne es keinen Menschen geben, der wirklich nachhaltig lebt, sagt Rogall, weil wir pro Kopf etwa eine Tonne CO2 emittieren dürfen. Jeder liegt aber allein durch das Heizen der Wohnung schon bei mindestens drei Tonnen. Man müsste verzichten auf Wärme, Mobilität, sogar Nahrungsmittel. „Wer kann das? Ich kenne keinen“, meint Rogall. „Es ist auch einfach nicht rational, sich als Einzelperson nachhaltig zu verhalten, solange das System nicht mitmacht.“

Für Rogall liegt das Problem vor allem an fehlenden Obergrenzen. Wir behandeln die Natur, als ob sie ein öffentliches Gut wäre, meint er, ohne Knappheit. „Wir sehen am Beispiel der Schützenfeste, wenn die örtliche Brauerei Freibier ausgibt, was das zur Folge hat. Die Menschen brauchen nach kurzer Zeit einen Busch, um sich dort zu übergeben.“

Der Living Planet Report 2014 des WWF stützt Rogalls These, dass mit der Natur momentan so umgegangen wird, als gäbe es keine Knappheit:

  • Wir verbrauchen jedes Jahr 50 Prozent mehr Ressourcen als die Erde innerhalb dieses Zeitraums regeneriert.
  • Hätte die Weltbevölkerung den ökologischen Fußabdruck der US-Amerikaner, bräuchte man vier Planeten, für den Verbrauch der Deutschen wären 2,6 Planeten nötig.
  • Deutschland selbst besitzt 17 Millionen Hektar landwirtschaftliche Fläche, importiert aber jedes Jahr Produkte von weiteren 7 Millionen Hektar aus Ländern außerhalb der EU.

Der sogenannte Ökologische Fußabdruck soll veranschaulichen, wie viele Ressourcen wir nutzen. Dafür wird die Landfläche gemessen, die für die Herstellung dieser Ressourcen erforderlich ist. Dazu gehören Ackerland, Weideland, bebaute Flächen, Fischgründe und Wälder.

„Wirtschaft ganz ohne Wachstum, das funktioniert natürlich nicht“, sagt Rogall. Er fordert aber eine Entwicklung, bei der gezielt entschieden wird, welcher Sektor noch wachsen darf und welcher schrumpfen soll. „Unseren Wohlstand können wir nicht aufgeben, also müssen wir ihn mit der Nachhaltigkeit vereinen.“

Barbara Unmüßig, Vorstandsmitglied der Heinrich-Böll-Stiftung und Autorin des Buches „Kritik der Grünen Ökonomie“, steht Wachstum noch kritischer gegenüber. „Wer glaubt, die Krisen der Welt lassen sich einfach durch technologische Innovation und den guten Willen schrumpfen, während wir so weiterwachsen wie bisher, sitzt einer Illusion auf“, sagte Unmüßig bei einer Podiumsdiskussion der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin. „Die Grüne Ökonomie verbreitet da falschen Optimismus, unser Konsum muss schrumpfen.“ Sie fordert wie Rogall, dass die Politik Obergrenzen setzen muss. Bei so einer langfristigen Entscheidung mit kurzfristigen Folgen fürchtet jeder Politiker aber die nächsten Wahlen, deswegen braucht es ein starkes Signal der Gesellschaft, meint Unmüßig.

„Das Echo auf einen Zeigefinger ist immer der Mittelfinger“

Joachim Klöckner glaubt, dass die Welt sich alleine rettet. Wie wird das denn funktionieren? „Ich schließe uns Menschen da mit ein, irgendwann werden wir was tun. Die Frage ist nur, ob wir erst an den Punkt kommen müssen, wo es weh tut.“ Er sieht drei Bereiche, die auch ohne Materielles wachsen können: die Bildung, die Kreativität und was Klöckner die Empathie nennt, also alle Berufe, bei denen Menschen anderen Menschen helfen, zum Beispiel im Pflegebereich. Eine komplette Abkehr vom Materiellen kann sich aber auch Klöckner nicht vorstellen. „Ich bin keiner, der mit dem Zeigefinger auf Leute zeigt, das habe ich in meinen Anfängen viel erlebt, und das Echo ist immer der Mittelfinger.“

Selbstgeißelung soll auch nicht das Ziel dieses ganzen Verzichts sein. Klöckners Logik ist: Wenn man sich nicht wohl fühlt, kann man einen Lebensstil nie auf Dauer halten. Er meint, man muss sich immer fragen: Wie viel kann ich geben? Bei einer Sache, wie der Ernährung, schafft man vielleicht nur 10 Prozent, bei der anderen, wie dem Besitzen, 100. „Märtyrertum liegt uns nicht im Blut. Da komme ich wieder zur Mitwelt, mein eigenes Wohlfühlen ist ein entscheidender Teil des Ganzen.“

Klöckner findet seinen Lebensstil nicht extrem, auch wenn er vielleicht auf Außenstehende so wirkt. Das richtige Mittelmaß zu finden, wäre die Herausforderung, betont er mehrmals. Schließlich erzählt er mir auch von seinem iPad, das ihn ja sehr in seinem Lebensstil unterstütze. „Dadurch spare ich mir Bücher, CDs, Fotos und Dokumente. Das ist so ein Multi-Ding, das ich wirklich brauche.“ Es gibt also auch Dinge, auf die Joachim Klöckner nicht verzichten kann.


Aufmacherbild zeigt Joachim Klöckner; Foto: Tanya Falenczyk.