Wie ein Mann auf seinem kleinen Segelboot unser Wirtschaftssystem in Frage stellt

Wie ein Mann auf seinem kleinen Segelboot unser Wirtschaftssystem in Frage stellt

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Die schlechteste Idee, die Ben jemals hatte, ist zwölf Meter lang und macht bei gutem Wind acht Knoten. Eigentlich würde Ben niemals sagen, dass es eine schlechte Idee war, so reden nur die Bedenkenträger. Aber im Moment versucht er, allein mit dieser Idee für den Unterhalt seiner Familie zu sorgen, und er weiß nicht, ob es reicht. Vielleicht muss er im Winter wieder auf die Baustelle, um die Schulden abzuarbeiten, die er gerade anhäuft. Vielleicht aber kann er sich am Ende des Jahres zurücklehnen und sagen: Hat geklappt! Dann hätte er ein erstaunliches Experiment zu Ende geführt, dessen wichtigster Teil ich bin. Also nicht ich allein, sondern alle, die bereit waren, sich auf das Experiment einzulassen.

Ben Hadamovsky hat schon mehrere zehntausend Euro in diese Idee investiert. So viel hat das Boot gekostet, das gerade vor mir am Steg im Flensburger Stadthafen hin- und herwogt. Mit diesem Boot nimmt er Fremde wie mich für einige Tage mit auf die Ostsee, ohne dafür einen Heller zu verlangen. Ben fragt sich: Kann ich für meinen Unterhalt, den meiner Kinder und für dieses Boot selbst sorgen, ohne die Menschen zu zwingen, mir eine bestimmte, vorher festgelegte Summe zu zahlen?

Ich frage mich hingegen, als ich unbeholfen an Bord klettere: Ist dieser Typ verrückt geworden?

Mit seinem einfachen Experiment geht Ben an die Wurzel unseres Wirtschaftssystems

Das Boot heißt „Phoenix“ und ist elegant geschwungen; es liegt im Wasser wie eine Mandel in der Handfläche. Der Mast ragt 18 Meter in den Himmel, dünne Stahlseile bilden die Reling. Ich steige über einen metallenen Vorbau auf das Boot, den die Fachleute Bugspriet nennen, ich aber heimlich „Titanic-Winkel“ taufe, weil er perfekt ist, um sich bei voller Fahrt mit ausgestreckten Armen darauf zu positionieren und sich so dem Meer quasi entgegenzuwerfen. Unter Deck ist es eng, aber nicht beengt, zwei Kojen sind an beiden Enden des Bootes untergebracht. Dazwischen: Esstisch, Küche, Wohnzimmer, Gästesofa, Bücherregale, alles in einem: der „Salon“. Das Klo ist durch eine dünne Tür abgetrennt.

Wir setzen uns. Ben ist fast 50 Jahre alt, von hagerer Gestalt, seine Haut tiefbraun, das Brillengestell schmal und sein Blick wach. Ich muss an Herman Hesse denken, wenn ich ihn anschaue, und bin gleich peinlich berührt, weil das ja doch ein ziemliches Klischee ist: der Freidenker, Steppenwolf, Sonnenhutträger, der der Gesellschaft nicht den Mittelfinger, sondern ein Lächeln zeigt, das durch seine Schlichtheit viel provokanter ist.

Aber Ben stellt mir mit seinem Experiment auch eine einfache Frage: Wie viel ist es dir wert, auf diesem Boot zu sein? In den nächsten Tagen werde ich zwei Dinge lernen: dass diese einfache Frage an vermeintlich selbstverständlichen Annahmen unserer Gesellschaft rüttelt, und dass es eine ziemliche Herausforderung ist, einen Preis zu finden, mit dem ich leben kann. Und von dem Ben leben kann.

Es geht um die Wirtschaft des Landes – und den Unterhalt seines Kindes

Auf dem Boot bewegt sich Ben so sicher und leichtfüßig, als wäre er nur ein weiterer beweglicher Teil der Takelage. Aber eigentlich ist es andersherum. Nicht er ist ein Teil des Bootes, sondern das Boot ist ein Teil von ihm. Alles, was ihm teuer ist, verkörpert dieses Boot. Es ist sicher wegen seines dicken Rumpfs. Es ist besonders, weil es aus einer Werft stammt, die vielleicht sechs oder sieben dieser Schiffe pro Jahr baut. Es ist schön. Das werden uns auf diesem Trip einige Segler bestätigen. Es ist kein „Kojenfrachter“ wie die Schiffe einer anderen Werft, die ironischerweise tief in Bayern sitzt und die größte Deutschlands ist und für alles steht, was Ben nicht versteht: die Massenproduktion, den elitären Dünkel des Segelns, die Wegwerfmentalität dieses Landes.

Auf seiner Homepage hat Ben aufgelistet, welche Kosten er pro Jahr hat: 2.300 Euro für das Winterlager der „Phoenix“, 400 Euro für den Rostschutz, Reparaturen 1.000 Euro, Rettungsmittel, Versicherungen, Liegeplatz im Sommer obendrauf. Wichtiger noch als die Kosten für das Boot ist der eigene Unterhalt: 19.200 Euro für sich und ein Kind. Bens Frau sorgt für das andere Kind. Eventuell noch Schenkungssteuer dazu, wären wieder 3.000 Euro. Am Ende braucht Ben 33.065 Euro, und Anfang Juni hatte er nur etwas mehr als 5.000.

Ben Hadamovsky beobachtet ein Boot aus der schwedischen Werft Hallberg-Rassy als es vor einer Brücke nahe der Insel Fyn wendet. Ben kennt alle Bootstypen in- und auswendig. Das Experiment ist für ihn der Versuch, Geld zu verdienen mit etwas, was Spaß macht.

Rico Grimm

Manchmal in unseren Gesprächen hadert Ben mit den Menschen, die mitsegeln, aber nichts beisteuern, damit er seinen Unterhalt finanzieren kann. Drei von ihnen sollen in diesem Jahr schon an Bord gewesen sein. Ben redet nicht viel darüber, aber ich fange an nachzudenken und bin empört. Wie kann man das machen? Wie kann man tagelang durch die Dänische Ostsee schippern, Segel, Sonne, Strand genießen und dann nichts zahlen? Wer macht sowas? Dass ich etwas zahlen werde, war für mich selbstverständlich. Nur: Wie viel?

Ich entscheide mich, ihm 270 Euro zu zahlen

Bis dieser Text erscheint, wird Ben nicht erfahren, wie ich mich entschieden habe. An Bord versucht er, das Thema zu meiden. Am ersten Abend, wir haben gerade Nudeln im Salon gegessen und sitzen noch zusammen, erzählt er, dass er sich über sich selbst ärgert, wenn er daran denkt, wie wenig Geld er zusammen hat. „Darum geht es ja gar nicht, das soll ja gar nicht im Mittelpunkt stehen“, sagt er. „Aber scheinbar komme auch ich nicht aus dieser Ideologie heraus, die unsere Gesellschaft bestimmt: Nur was etwas kostet, hat auch einen Wert.“

Während unserer Reise beeindruckt mich, mit welcher Leichtigkeit Ben aktuelle Debatten aufnimmt. Gesellschaften ohne Wachstum, immer mehr Roboter, immer mehr Jobs, die keinen offenkundigen gesellschaftlichen Nutzen mehr erfüllen, und deswegen wird diese Frage wichtig, die sich auch die Grundeinkommens-Aktivisten stellen: „Wir sollten uns nicht fragen, was die Welt braucht, sondern, was jeder einzelne von uns braucht?“

Die Frage hat einen egoistischen Klang, was im Widerspruch zu seinem Experiment zu stehen scheint. Doch Ben argumentiert: In unserer Welt gibt es immer mehr Dinge. Grundbedürfnisse sind längst gedeckt, deswegen müssen wir die Basisannahmen überdenken. Mit seinem Feldversuch greift Ben in der physischen Welt auf, was in der digitalen längst Alltag ist, nämlich, dass Dinge keinen Preis haben und doch ein teures Gut sind. Oder würden Sie sagen, dass das Musikvideo von Ihrem Lieblingskünstler wertlos ist, nur, weil es für alle frei zugänglich auf Youtube ist? Digitale Güter zeichnen sich dadurch aus, endlos oft kopiert werden zu können.

Mit an Bord: Tim, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler an der Uni Flensburg. Wer mit aufs Boot kommt, wusste ich vor Abreise nicht. Das macht aber auch den Reiz aus.

Rico Grimm

Zyniker könnten sagen, dass ein einziges kleines Segelboot, das kaum genug Schlafplatz für vier Menschen bietet, eher kein gutes Argument ist, um das Zeitalter des Überflusses auszurufen. Ben weiß das. Wenn ich ihm mit diesen ganzen großen Theorien komme, hört er zu und nickt und bleibt ruhig und skizziert eben keine große Utopie, die jetzt sofort gleich Realität werden muss, andernfalls sei alles verloren und sinnlos. Er sagt: „Wir reden hier über eine Gesellschaft, die es vielleicht in 150 Jahren gibt.“

Dabei ist die „Phoenix“ ein utopischer Ort, das ist eine der erstaunlichsten Entdeckungen, die ich an Bord mache. Denn obwohl ich es gewohnt bin, im Netz jede Ecke ausleuchten zu können, ohne etwas zu zahlen, ist es eine kleine Sensation, einfach so auf einem Segelboot zu sein mit Menschen, die auch nichts zahlen mussten, um auf das Boot zu kommen. Als ich den zwei anderen Gästen die Hand schüttele, fehlt mir eine Information, die ich in fast jedem anderen Kontext der Welt leicht herleiten kann: wie viel sich diese Person leisten kann. Die wenigsten Menschen würden offen zugeben, dass Vermögen für sie ein wichtiges Kriterium ist. Aber Sozialwissenschaftler stellen fest, dass es in Deutschland wieder wichtiger wird, wie viel einer hat und wie viel nicht: von der Schul- bis zur Partnerwahl ist Geld ein wichtiges Argument.

Ich bin sonst einer, der immer alles wissen will, aber als ich Tim und Vincent die Hand schüttele, bin ich froh überhaupt keine Ahnung zu haben, wie viel Geld sie haben. Tim ist ein Mittdreißiger, der sich mit diesem Segeltörn einen Kindheitstraum erfüllen will. Dann kommt Vincent dazu, 18 Jahre alt. Ben sucht die Reisenden nicht aus, wer zuerst kommt, darf mitfahren. Einmal hatte ein Bremer Ärztepaar buchen wollen, aber es waren keine Plätze mehr frei. Sie gaben ihm trotzdem Geld, 1.111 Euro, weil sie sein Experiment gut fanden.

Aber ist das wirklich genug?

Tim erzählt mir später, dass er von Anfang an wusste, wieviel er zahlen würde. Ich weiß es bis kurz vor Ende der Reise nicht. Zwischendurch hatte Ben immer mal wieder erwähnt, wie viel so eine Reise eigentlich kostet, von 350 Euro bis 800 Euro pro Woche, je nachdem.

Da habe ich angefangen nachzudenken: „Ich bin zwei Tage auf dem Boot. Oder doch drei? Zählt der Tag der Anfahrt? Naja, ich will ja auch nicht als knauserig dastehen, also lieber drei. Aber will Ben mich nicht dazu bringen, genauso solche Gedanken sein zu lassen? Wie ich dann wohl dastehe, ist doch eigentlich unwichtig? Aber er hat doch Familie! Was ist es mir denn wert? Eigentlich ziemlich viel, denn ich liebe das Meer, und Segeln wollte ich schon immer mal. Aber ist das der Punkt? Hier geht es doch um mehr: Ist ja auch ein Experiment. Sollte ich das nicht auch belohnen und fördern? Andererseits: Was geht mich dieses Experiment an? Sei nicht undankbar, Rico! Du hast in den letzten Tagen ein paar richtig coole Dinge gelernt und eine Perspektive bekommen, die unschätzbar wertvoll ist. Aber wie wertvoll denn genau?“

Vincent, 18, hat bei einem alternativen Wohnprojekt volontiert, in dem Ben im Winter lebt.

Rico Grimm

Ben erzählt, dass es Menschen gibt, die nicht mitfahren wollten, als er sich weigerte, ihnen einen Preis zu nennen. Ihnen sei diese Verantwortung zu groß und deswegen hätten sie es gleich ganz sein gelassen. Das kann ich nachempfinden, als ich am letzten Tag neben Tim durch eine beschauliche dänische Kleinstadt spazierend über die Summe nachdenke. Ich entscheide mich schließlich für 270 Euro, ein Betrag, von dem ich hoffe, dass er den Segeltörn selbst und dessen Experiment-Charakter honoriert.

Was genau ist ein Preis? Wirtschaftswissenschaftler streiten sich darüber seit Jahrzehnten: Spiegelt er die Summe der Arbeit und Güter wider, die es braucht, um ein anderes Gut herzustellen? Oder ist er nur Ausdruck der menschlichen Psyche, die überhaupt nicht fähig ist, so rational zu kalkulieren und sich leicht von anderen Faktoren beeindrucken lässt, doch mehr zu zahlen? Ich tendiere zu Letzterem. Anders kann ich mir nicht erklären, warum der Künstler Jeff Koons, Nespresso-Kapseln und Apple solche Geldmaschinen sind.

Wen interessiert eigentlich am Ende, wie viel ich gearbeitet habe? Die Rentenkasse – aber wen sonst?

Dass Ben es schafft, mich durch dieses simple Experiment bis zu den Wurzeln der modernen Wirtschaftstheorie zu führen, spricht für ihn. Dieses Boot, dieser Versuch sind verdammt gute Ideen. Die Bedenkenträger haben Unrecht, so wie sie schon oft Unrecht hatten, wenn Ben eine Entscheidung treffen musste. Als er die Schule abgeschlossen hatte, studierte er nicht Jura und nicht BWL, sondern Kunst. Als die Welt 2009 unter der schlimmsten Wirtschaftskrise seit Generationen ächzte, machte er seine Altersvorsorge zu Geld, um sich ein Segelboot zu kaufen und mit seiner Familie die Weltmeere zu befahren. Als sie losfuhren, konnte die Tochter kaum laufen und musste noch gewickelt werden. Die Bekannten hatten gefragt, ob das denn ginge: Ein verantwortlicher Familienvater sein und gleichzeitig mit den Kleinkindern den Atlantik überqueren. Es ging, es lief hervorragend. Fünf Jahre waren sie unterwegs.

Für Ben ist dieses Experiment auch ein Versuch, weiter segeln zu können. „Jahrzehnte lang habe ich gedacht, dass Arbeit schwer sein muss, eine Plackerei, dass Arbeit keinen Spaß machen darf. So eine typische deutsche Vorstellung. Dass es nicht geht, seinen Lebensunterhalt mit etwas zu verdienen, was man richtig gut kann und worauf man Lust hat“, sagt er.

Als wir am dritten Tag hart am Wind über die Ostsee vor Dänemark steuern, klettere ich nach vorne und richte mich so ein, dass ich bequem liege, obwohl das Boot circa 45 Grad Schräglage hat. Direkt auf Augenhöhe befindet sich der Horizont, an dem sich kaum etwas bewegt. „Nach drei Tagen wirkt die Ruhe des Segelns“, hatte Ben gesagt. Dann fange man an, zu vergessen, welcher Wochentag ist und was in der Welt vermeintlich wichtig ist.

Ich starre das blaue Meer an, denke über diesen Mann und seine Philosophie nach. Er hat Recht: Weltreisen gelten als Luxus, als Ausnahme von der Regel. Aber warum eigentlich? Warum muss ein Leben aus Geburt, Schule, Arbeit, Rente, Tod bestehen? Wen interessiert eigentlich am Ende, wie viel ich gearbeitet habe? Die Rentenkasse – und wen sonst?

Arbeit ist für viele, zu viele, ein Mittel zum Zweck: Es ermöglicht ihnen, ihr Leben zu genießen. Kein anderer Spruch steht für diese Ansicht so deutlich wie „Bier ist Bier und Dienst ist Dienst“. Zwang da, Freizeit hier. Das wirkt wie ein Grundgesetz, dabei steht „Freizeit“ erst seit 1929 im Duden. Es muss also mal ein Leben vor der „Arbeit“ gegeben haben. Wie finde ich dorthin? Die Stechuhr im Kopf einzumisten, hilft. Arbeit ist, wenn es etwas zu tun gibt, eigentlich eine einfache Haltung, die in Angestelltenverhältnissen einer Revolution gleichkommt. Daraus ergibt sich: Wer Arbeit und Freizeit nicht mehr trennen will, muss sehen, dass er selbstbestimmt arbeitet. Mit diesen Gedanken können Sie auf Wirtschaftskongresse keinen Anzugträger mehr überraschen. Gerade deswegen ist es erstaunlich, wie weit weg wir noch von dieser Welt sind.

Ich beschließe, die 270 Euro Ben nicht auf einmal zu überweisen, weil ich glaube, dass regelmäßige Zahlungen über Monate hinweg wertvoller sind als eine große Summe. Sie zeigen: Ich unterstütze dich, auch wenn du nichts mehr für mich tust. So kann Ben auch im Winter, wenn er die Schulden abarbeitet, die er bei diesem Experiment wohl machen wird, mit einem Blick aufs Konto deutlich sehen: Ganz umsonst war das alles nicht.

Update: Ben erreicht sein Ziel voll und ganz: Nachdenken über Geld, Wert, Arbeit. Denn ich habe die Summe, die ich ihm gebe, erhöht. Warum steht in den Kommentaren.


Mehr Infos über die Trips von Ben findet ihr auf seiner Homepage.