Die Antwort: Verringern oder erhöhen niedrige Zinsen die Inflation?

Die Antwort: Verringern oder erhöhen niedrige Zinsen die Inflation?

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Die Frage von Henning

Krautreporter-Leser Henning liest in den Zeitungen immer wieder, dass die Zinssätze der verschiedenen Zentralbanken zurzeit niedrig seien, um die Inflation in den entsprechenden Staaten zu erhöhen. Dazu schreibt er: „Ich war immer davon ausgegangen, dass ein hoher Zinssatz die Schulden vergrößert und damit auch die Geldmenge und damit die Inflation. Aber das wäre das Gegenteil dessen, was die Chefs der Zentralbanken sagen, und ich schätze, die beschäftigen sich damit etwas mehr als ich.“ Deshalb nun seine Frage: „Die Geldmenge selbst wird doch durch höhere Zinsen viel stärker erhöht?! Bei einem Darlehen mit hohen Zinsen ist die Schuld und damit gewissermaßen auch die erzeugte Geldmenge größer. Wie geht das zusammen?“

Henning ist 25 Jahre alt und studiert Elektrotechnik an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg. Der gebürtige Magdeburger macht gerade seinen Master.

Foto: Selfie

Die Antworten der KR-Experten

Ihr, liebe Krautreporter-Experten, habt mir zahlreiche Antworten geschickt. Ich fasse sie in diesem Beitrag zusammen.

1. Bei höheren Zinsen werden weniger Kredite nachgefragt

„Hallo Henning, dein Denkansatz ist ganz interessant“, antwortet Martin, Controller. „Nach deiner Theorie müssen bei hohen Zinssätzen viele Zinsen gezahlt werden (so weit richtig) und demnach müsste die Geldmenge größer werden (ab hier dann falsch).“ Inwiefern, das erklärt Diplom-Anglistin Maria: „Henning hat einen zentralen Denkfehler: Er denkt in Beträgen. 1.000 Euro plus 100 Euro Zins ist betraglich mehr als 1.000 Euro plus 10 Euro Zins. Das ist richtig, aber der Zins beeinflusst ja, ob bzw. wie viel Geld man aufnimmt.“

Bankkaufmann Wolfram erklärt: „Zinssenkungen verbilligen Kredite, sowohl für Konsumenten als auch für Unternehmen. Dadurch soll ein Anreiz gegeben werden, um mehr zu konsumieren oder zu investieren.“

David erklärt, wie die Theorie der Notenbanker lautet: „Günstige Kredite durch niedrige Zinsen = mehr Investitionsbereitschaft.“ Das heißt, „dadurch erhofft man sich, dass mehr Investitionen getätigt werden, die bei höheren Zinsen zurückgestellt würden. Wenn es mehr kreditfinanzierte Investitionen gibt (zusätzlich zu den eigenkapitalgedeckten Investitionen) gibt es eine höhere Nachfrage. Eine höhere Nachfrage bei gleichbleibendem Angebot erhöht den Preis. Höhere Preise = Inflation“, schreibt der Redakteur und studierte Volkswirt. Umgekehrt also: „Bei höheren Zinsen erhöht sich zwar die Schuld, aber es werden weniger Kredite nachgefragt, dadurch weniger investiert und dadurch sinkt die Geldmenge (gesamtwirtschaftlich gesehen)“, so Uwe, Chef von www.greenchannel.de.

2. Ein Kredit sorgt für neue Kredite – also mehr Geld

Noch genauer wird Jörg Stefan, Unternehmensberater: „Eine Niedrigzinspolitik erlaubt den Geschäftsbanken, mehr Kredite zu vergeben. Durch Negativzinsen für Einlagen bei der Zentralbank werden sie sogar aktiv angeregt, Kredite an Privatpersonen und Unternehmen zu vergeben. Da eine Geschäftsbank für jeden Euro Einlagen, den sie erhält, eine gewisse Menge neue Kredite geben kann, kommt es durch die Kreditvergabe zur Schaffung neuen Buchgeldes (Giralgeldschöpfung). Da das Geld, was von einem Institut als Kredit vergeben wird, bei einem anderen Institut wieder zur Einlage wird und damit dort ebenfalls wieder teilweise als Kredit vergeben werden kann, etc., sorgt die Vergabe von mehr Krediten entsprechend für die Schöpfung neuen Geldes. Während eine Politik hoher Zinsen dafür sorgt, dass weniger Kredite vergeben werden und entsprechend weniger Giralgeldschöpfung passiert.“

3. Allerdings funktioniert das im Moment nicht

Allerdings gibt Martin, Filialleiter im Handel, zu bedenken, dass diese Rechnung im Moment nicht ganz aufgeht, was womöglich auch zu deiner Verwirrung führt, lieber Henning: „Wenn mehr Geld frei ist, steigt die Nachfrage, was bei gleichbleibendem Angebot die Preise steigen lässt. Steigende Preise führen zu Inflation. Klappt allerdings derzeit nicht wirklich, weil trotz niedriger Zinsen die Leute, die viel kaufen könnten, nicht genug Geld haben, um die Nachfrage zu erhöhen und die, die Geld haben und sich grämen, dass es keine Zinsen auf Anlagen gibt, trotzdem nichts kaufen, weil sie schon alles haben. Also schafft das freigewordene Geld keine Nachfrage und nichts wird's mit der Inflation und dem Wirtschaftswachstum.“

„Der Leitzins“, so Uwe, „ist ja quasi der Zins, zu dem Banken bei der Zentralbank Geld leihen können. Bei einem niedrigen Zins geht man davon aus, dass viel Geld geliehen wird, da es ja günstig ist und dann in den Wirtschaftskreislauf injiziert wird und es zu Investitionen kommt.“

„Ist der Leitzins niedrig, bedeutet das, die Banken können sich günstiger Geld bei der EZB leihen und selbiges auch günstiger an Betriebe und Privatleute in Form von Krediten rausgeben. Der niedrige Leitzins sorgt also dafür, dass Kapital billig ist und (der ökonomischen Theorie zufolge) daher mehr Kredite aufgenommen werden. Je stärker die sich im Umlauf befindliche Geldmenge im Verhältnis zum Produktivitätszuwachs zunimmt, umso schneller wird sie entwertet“, erklärt auch Björn, Betriebswirt. Aber „leider funktioniert das alles gerade nicht so gut, es gibt viel Geld, wenig Investitionen und die Preise steigen nicht, dafür die Schuldenberge, weil es ja gerade günstig ist, Geld zu leihen“, resümiert Uwe.

4. Es gibt noch eine andere Theorie, um Inflation zu erklären

An dieser Stelle sollte deshalb auch noch einmal darauf aufmerksam gemacht werden, dass allzuoft ökonomische Berechnungen und Gedankenspiele als Tatsachen genommen werden und nicht als das, was sie eigentlich sind, nämlich zunächst einmal Annahmen. Übrigens hat der Satiriker Kurt Tucholsky schon vor knapp 100 Jahren darauf hingewiesen, dass die „Nationalökonomie die Metaphysik des Pokerspielers“ sei. Natürlich überzeichnet er in seinem „Kurzen Abriss der Nationalökonomie“, wenn er schreibt: „Der Wohlstand eines Landes beruht auf seiner aktiven und passiven Handelsbilanz, auf seinen inneren und äußeren Anleihen sowie auf dem Unterschied zwischen dem Giro des Wechselagios und dem Zinsfluss der Lombardkredite; bei Regenwetter ist das umgekehrt.“ Aber das „theoretisch“, das eine ganze Reihe Krautreporter-Leser wie Maria, David, Uwe und Max ihren Ausführungen beigefügt haben, muss in diesem Sinne ernst genommen werden.

Soweit zu der einen Theorie. Stephan macht noch auf einen weiteren Erklärungsansatz aufmerksam. „Der Monetarismus ist jedoch nicht die einzige Theorie, die versucht Inflation zu erklären“, schreibt der Student der Gesellschaftstheorie. Eine weitere sei der Keynesianismus.„Keynesianer wie Heiner Flassbeck argumentieren, dass die Preise vor allem von der Produktivität und den Löhnen abhängen.“

Auch Achim, Informatiker, zitiert Heiner Flassbeck: „Er sagt relativ klar: Der Monetarismus hätte sich als Theorie nicht bestätigt. Als Beispiel führt er die aktuelle Situation in der Eurozone aber auch die seit Jahrzehnten mit Deflation kämpfenden Japaner an. Seiner Meinung nach steigt die Inflation, wenn die Kosten für Produkte steigen. Der höchste Kostenfaktor für Produkte sind auch heute noch Gehaltszahlungen. Wenn also Gehälter steigen, steigt auch die Inflation.“


Vielen Dank für eure Antworten an Wolfram, Martin, Björn, Maria, Martin, Christoph, David, Edgar, Jörg Stefan, Uwe, H., Daniel, Nicolas, Martin, Stephan, G., Florian, Max, C., Hauke, Kevin, Achim, D., Robert, Marius, Rolf, Thorsten und Joachim.

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