Als Trump noch nicht US-Präsident war

Klickt extrem gut? Die Medien und die Populisten

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Räumen wir zu Beginn mit einem Vorurteil auf. Es geht so: „Die Medien berichten so viel über Donald Trump und die AfD, weil das viele Zuschauer, Hörer und Leser bringt.“ Stimmt so nicht. Donald Trump bringt keine Klicks! Zumindest nicht mehr als andere Kandidaten im Rennen um die US-Präsidentschaft.

Der US-Web-Dienstleister parse.ly bietet Auswertungssoftware für Redaktionen an und hat die eigenen Datensätze analysiert, rund 100.000 Artikel mit etwas mehr als einer Milliarde Seitenaufrufen. Während Trump fast 50 Prozent aller Artikel auf sich vereint, liegt die Zahl der Leser pro Artikel bei ihm rund 6 Prozent unter dem Niveau von Hillary Clinton und nur knapp über dem von Bernie Sanders. Wenn es darum geht, wer durch Shares und Weiterempfehlungen mehr Leser aus sozialen Netzwerken auf die Nachrichtenseiten bringt, liegt Trump sogar hinter dem Demokraten Bernie Sanders, der vor allem junge Leute anspricht .

Während mehr Artikel über Donald Trump als über Hillary Clinton geschrieben werden, werden die Berichte über die ehemalige Außenministerin im Schnitt knapp mehr gelesen, wie parse.ly auswertete.

Bild: Screenshot parse.ly

Diese Zahlen hat parse.ly Mitte Juni 2016 veröffentlicht – User können selbst mit den Daten experimentieren. Sie erscheinen zu einem Zeitpunkt, der wie eine Wende im Umgang der Medien mit dem schillernden Kandidaten wirkt. In die seit Monaten herrschende Faszination für Trump mischt sich seit Kurzem eine immer größere Ernsthaftigkeit. Plötzlich stellen viele Journalisten den mutmaßlichen Multimillionär sehr viel konkreter infrage. Sie haken mit Zahlen nach, lassen sich nicht ohne Antwort abspeisen und hinterfragen viel konkreter als noch vor ein paar Wochen seine politischen Ideen und sein früheres Handeln. Seit einigen Tagen schaut es so aus, als ob Hillary Clintons Vorsprung im Schnitt aller Wahlumfragen wieder wächst.

In der aggregierten Wahlumfrage von Real Clear Politics wächst erstmals seit Monaten wieder der Vorsprung von Clinton gegenüber Trump.

Bild: Screenshot http://www.realclearpolitics.com/

Ein Grund für Trumps Aufstieg: Er hat Ahnung von Kommunikationswissenschaft

Über Donald Trump wurde schon viel berichtet, als er noch kein Präsidentschaftskandidat der US-Republikaner war, sondern nur ein etwas zwielichtiger Immobilienmagnat mit Reality-Show-Vergangenheit und wenig Aussichten auf das Weiße Haus. Warum? Warum haben die Journalisten sich auf ihn konzentriert?

Die Kommunikationswissenschaft liefert Antworten: Forscher haben für die Nachrichtenwerttheorie einen Katalog mit ursprünglich zwölf Charakteristika erstellt, die ein Ereignis entweder erfüllen kann oder nicht. Je mehr Merkmale vorhanden sind, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass über das Ereignis oder die Person berichtet wird. Zum Beispiel sind Eindeutigkeit, Überraschung, Bezug zu Elite-Personen und Negativität vier davon. Diese Faktoren bedient Trump in der Praxis hervorragend: Er ist klar in der Sprache, überrascht, ist selbst eine Elite-Person und zielt extrem auf Konflikt und Kontroverse ab.

https://www.youtube.com/watch?v=_aFo_BV-UzI

Video: Wie Donald Trump auf Fragen antwortet, eine Analyse.

Zudem weiß Trump ganz genau, wie man die Anforderungen des modernen Medienbetriebs bedient. Er ist zugänglich und verfügbar, bietet eine Underdog-Geschichte und hat jahrelang extrem viel über das System gelernt. Der Mann tut zwar, als könnte er die Medien nicht leiden, aber er ist dauerverfügbar und gibt morgens bereits ein halbes Dutzend Telefoninterviews für die Morgenshows im Fernsehen – für Journalisten ist das extrem bequem.

Und man kann seinen Aufstieg als Helden-Geschichte erzählen, ein seit Jahrtausenden etabliertes Muster: Da macht sich einer auf eine Reise, bekommt Hindernisse in den Weg gelegt und setzt sich schließlich gegen alle Widerstände und gegen das Establishment durch. Woche für Woche lässt sich diese Erzählung ausbreiten und dank Umfragen auf einen messbaren Zwischenstand hin abklopfen.

Und schließlich: Seit Jahrzehnten hat Trump sich auf die Rolle als Kandidat vorbereitet. In Washington ist er seit langem Teil des Establishments, selbst seine heutige Gegnerin Hillary Clinton kam 2005 zu seiner dritten Hochzeit. Seit Jahren gibt er beim Nachrichtensender Fox News Kommentare zur Lage der Nation ab – und was es in den Niederungen des Reality-Fernsehens braucht, um zu bestehen, hat er über 14 Staffeln lang als Gastgeber in „The Apprentice“ gelernt (die Ursprungsversion dessen, was bei uns als „Big Boss“ mit Reiner Calmund lief). Wie sehr muss es ihn da anfassen, dass sich in der jüngsten Zeit der Wind deutlich gedreht hat.

Trump profitierte vom Nicht-Angriffspakt in US-Medien

Für US-Medien ist das ungewöhnlich: Auch, wenn der linke Newssender MSNBC und der konservative Kanal FOX News andere Eindrücke erwecken, so gibt es doch in den USA noch mehr als in Deutschland die Tendenz zur ausgewogenen Berichterstattung. Noch die unmöglichsten Ansichten werden wertungsfrei nebeneinandergestellt. „Einige behaupten dies, andere sagen jenes“, heißt es da selbst bei Themen wie Evolution oder Klimawandel.

Trump hat nicht nur von diesem seltsamen Ausgewogenheits-Nichtangriffspakt profitiert, sondern auch davon, dass alle lange fasziniert von ihm waren. Die Suche nach küchenpsychologischen Erklärmodellen seines schillernden Charakters und der Spaß an einer Außenseiterkandidatur standen im Vordergrund, die Auseinandersetzung mit politischen Behauptungen war zweitrangig. Lieber wurde ein tweetfähiges Kracherzitat im Interview gesucht anstatt wirklich einmal zu fragen, wie denn die Mauer nach Mexiko bezahlt werden könnte.

Illustration: Thomas Weyres

Drei Beispiele, wie jetzt die Stimmung gegen Trump kippt

Seit ein paar Wochen ist das anders. Plötzlich checkt CNN live Fakten in der unten am Bildschirm durchlaufenden Einblendung und schreibt nicht mehr nur ein „Trump: Ich habe nie gesagt, Japan solle eine Atombombe haben“, sondern ergänzt in Klammern: „(Hat er wohl)“.

Im schon vor zwei Monaten erschienenen Außenpolitik-Interview in der New York Times folgt eine sachliche Nachfrage auf die nächste. Als Trump behauptet, Iran sei der wichtigste Handelspartner Nordkoreas, sagt Journalist David Sanger schlicht: „Bei allem Respekt, ich denke China ist der wichtigste Handelspartner von Nordkorea.“ Trumps Flucht spricht für sich: „Ich habe das auch gehört, sicherlich, aber ich habe auch aus anderen Quellen gehört, dass es der Iran sei.“

Auch bei der Berichterstattung zur dubiosen Trump University grillen die US-Kollegen plötzlich den Kandidaten mit gut vorbereiteten Fragen zu Drückermethoden beim Anwerben neuer Studenten, schlechten Zufriedenheitsraten und hohen Studiengebühren. Kurz: Sie haken ausgiebig nach – übrigens etwas, das bei den TV-Debatten der Republikaner vor allem bei den von FOX geleiteten Veranstaltungen passiert ist; die CNN-Debatten waren deutlich zahmer.

Aktuell klebt ihm besonders die Aussage an den Fersen, dass der Richter im Prozess zur Universität ja „wie wir glauben Mexikaner“ sei und deshalb wohl kaum neutral urteilen könne. Kaum ein Bericht, der nicht sofort klarstellt, dass es sich bei Gonzalo Curiel um einen in Chicago geborenen Mann mit mexikanischen Eltern handelt. Trumps frühere Forderungen zum Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko oder zum Einreisestopp für Muslime wurden eher vorsichtig als ernsthafte Vorschläge behandelt, Lügen werden inzwischen deutlich stärker so genannt.

Trump ist selbst schuld am Liebesentzug der Medien

Ein Grund für den jüngsten Stimmungswandel könnte darin liegen, dass auch Trump aufgerüstet hat. Seine Angriffe werden persönlicher, daran, dass er, wie selbst angekündigt, sanfter wird, wenn er erst einmal Kandidat ist, glaubt laut David Brooks in der New York Times keiner so recht – dafür sei Trump das eigene Temperament schon zu häufig in die Quere gekommen. Auf Twitter pöbelt er ohnehin seit Ewigkeiten für seine 8,8 Millionen Follower, bei seinen Wahlkampfveranstaltungen sowieso, doch in den direkten Pressekonferenzen gab er sich bisher zahm. Er spielt häufig den harten Hund vor anderen, ist dann aber im direkten Umgang schmeichelnd. Sein „Du bist ein schmieriger Typ!“ über einen ABC-Journalisten ist da ein echter Umschwung – und dürfte trotzige Gegenreaktionen auslösen.

Was Trumps Behandlung mit der AfD bei uns zu tun hat

Neben den möglichen Einsichten zur überschätzten wirtschaftlichen Klick-Wirkung Trumps und den gekränkten Eitelkeiten der Journalisten gibt es also noch einen dritten Grund für die neue Anti-Trump-Stimmung, und das ist schlicht die Besinnung auf simple journalistische Tugenden, allen voran konkrete Nachfragen entlang der Sache statt entlang der Person.

Darin liegt auch ein Schlüssel, wie in Deutschland mit Rechtspopulisten der Sorte Trump und Alexander Gauland umgegangen werden kann. Zu oft funktioniert das derzeit nach alten journalistischen Mustern: An Tag 1 werden eine abseitige Forderung oder ein extremes Zitat veröffentlicht, Tag 2 bringt die entsetzten Reaktionen des politischen Gegners, Tag 3 das Zurückrudern und Relativieren des Zitategebers. Trump beweist es: Statt den Extremen fasziniert einen dreitägigen Nachrichtenzyklus nach dem anderen zu schenken, hilft Hinschauen und Infragestellen von Anfang an.

Dass die Trump- und AfD-Themen gut funktionieren, wird auch in deutschen Medienhäusern anerkannt: „Man schaut lieber dorthin, wo was neu ist und es recht laut knirscht. Das ist nicht mal journalistisch gedacht, sondern vermutlich urmenschlich”, sagt Stefan Plöchinger, Onlinechef der Süddeutschen Zeitung. „Wir diskutieren in Konferenzen und am Newsdesk regelmäßig darüber, wie wir mit solchen emotionalen Themen und Emotionalisierung generell umgehen”, erklärt er. Dann fügt er aber an: „Wir lassen uns sicher von aufschaukelnden Kommentaren oder aufputschenden Traffic-Zahlen nicht dazu verleiten, auf Teufel-komm-raus eine Debatte noch mehr anzuheizen, indem wir blind mehr Texte machen oder wütende Thesen aufschreiben.“ Langfristig schade das dem Produkt. „Wir glauben nicht, dass man uns deshalb liest oder kauft. Uns liest oder kauft man, weil man sich das Gegenteil erwartet.“

Auch Plöchinger bemerkt, dass es nicht immer allein um die Rechtspopulisten gehen kann, sondern dass es Zusammenhänge und umfassendere Darstellungen braucht. „Trump und AfD polarisieren, insofern sehen auch wir durchaus ein großes Interesse an diesen Themen – aber nach unserer Erfahrung durchaus auch an dem Zweikampf Sanders/Clinton oder der Flüchtlingseuphorie des vergangenen Sommers.“

Und weil Plöchinger damit das Stichwort vorgibt, sei noch einmal kurz die Brücke von Trump zur AfD in Deutschland geschlagen: Auch dort zeigen sich ja hohe Emotionalität, Überraschung, Verfügbarkeit und ein großes Verständnis für mediale Notwendigkeiten. Also könnte auch hier die Reaktion die gleiche sein: Kein reines Nacherzählen von Umfragewerten, keine Reduktion auf schillernde Zitate aus der Boateng-Grenzschuss-Kanzlerdiktatorin-Ecke, sondern stattdessen Nachhaken. Lieber ausgeruht zeigen, wie Frauke Petry sich im Interview der Deutschen Welle von Conflict Zone selbst entzaubert. Wer Trump oder die AfD nach konkreten Zahlen und Handlungsideen fragt, wird spüren, wie oberflächlich sie antworten. Es passierte bisher zu selten.


Illustration: Thomas Weyres für Krautreporter.