Wie DHL mit seiner Paketshop-Offensive kleine Läden gegeneinander aufbringt

Wie DHL mit seiner Paketshop-Offensive kleine Läden gegeneinander aufbringt

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Meine neue Packstation hat einen eingebauten Geldautomaten, drei Laugenstangen für zwei Euro im Angebot und brüht mir frischen Kaffee auf, wenn ich dort mein Paket abhole. Sonntags hat sie auch geöffnet. Und freundlich ist sie ohnehin. Meine neue Packstation ist ein Berliner Späti: ein Mini-Supermarkt, der so ziemlich alles bietet, was man braucht, wenn andere Läden schon zuhaben oder zu weit weg sind. Und der von der Deutschen Post liebevoll „Filiale“ genannt wird, weil er auch Briefmarken verkauft und Pakete annimmt.

13.200 „Postfilialen“ gibt es bundesweit, und noch einmal 11.000 sogenannte Paketshops. Die meisten davon sind kleine Läden: Kioske, Copyshops, Computer- oder Elektrofachgeschäfte, Supermärkte, Schlüsseldienste, Nagelstudios, Schreibwarenhändler.

Wie eine Packstation, nur unelektronischer

Wer keine Lust hat, seine Weihnachtspakete bis zur echten Post zu schleppen, kann sie schon länger einfach dort abgeben. Ab sofort funktioniert das auch anders herum: Online-Bestellungen können direkt in die Paketshops geschickt werden, um sie dort abzuholen. Dafür brauchen Kunden lediglich eine „Postnummer“, die in der Adresse angegeben werden muss. Wenn das Paket da ist, kommt – wie bei der Packstation-Nutzung – eine Benachrichtigung per SMS, E-Mail oder App. Im jeweiligen Laden müssen dann bloß der Ausweis und die DHL-Karte vorgezeigt werden. „Postfiliale Direkt“ heißt der Service auf Postalisch.

Die DHL-App informiert den Empfänger, sobald sein Paket in der "Filiale" oder im Paketshop abholbereit ist.

Screenshot: psr/DHL

Von der Neuregelung profitieren nicht nur die Kunden, die ihre Bestellung im Laden ihrer Wahl abholen können, anstatt sich einmal durch die Nachbarschaft zu klingeln.

Auch für DHL hat die Ladenadressierung Vorteile: Weil die Zusteller dann seltener umsonst an Wohnungstüren klingeln müssen, die niemand öffnet, weil keiner zu Hause ist. Und weil das Unternehmen zusätzliche Abholmöglichkeiten schafft, die dringend benötigt werden, um die steigende Paketzahl zu bewältigen. (Ohne dafür teure Packstationen anschaffen zu müssen.)

„Alle DHL-Paketshops, die neu ans Netz gehen, bieten den Service Postfiliale Direkt grundsätzlich mit an, das heißt, dieser Service ist jetzt ein Vertragsbestandteil“, erklärt eine DHL-Sprecherin gegenüber Krautreporter. Die Betreiber bestehender Paketshops spreche man derzeit an, um zu fragen, ob sie den Service ins Angebot aufnehmen wollten. „Die endgültige Entscheidung hierüber obliegt jedoch natürlich dem jeweiligen Kooperationspartner.“ Der braucht dafür vor allem: Platz. Weil die von DHL abgelieferten Pakete ja irgendwo lagern müssen, bis die Empfänger sie abholen. Das Unternehmen erklärt, man prüfe vorab, ob es genügend Lagerkapazität gebe. „Sollte die Prognose im Einzelfall übertroffen werden, wird eine entsprechende Lösung geschaffen.“

Ein guter Deal?

Noch lässt sich nicht auf Anhieb erkennen, ob ein Paketshop oder eine „Filiale“ die Direktadressierung anbieten. Im Netz kennzeichnet die Post die Läden mit dem Hinweis „Paket hierhin liefern lassen“; Amazon.de hat sie in seine Liste mit Abholstationen aufgenommen.

Obwohl die neue Regelung wie ein guter Deal für alle Seiten klingt, hat sie das Zeug dazu, Unfrieden in deutschen Innenstädten zu stiften. Weil längst nicht alle Händler begeistert davon sind. Im Gegenteil: Viele sehen die Zunahme des Online-Handels mit Sorge, weil davon vor allem große Internetkonzerne profitieren. Und weil weniger Kundschaft direkt in die Läden kommt, um dort einzukaufen.

Um dem entgegen zu arbeiten, hat sich die Initiative Buy Local gegründet. Bundesweit engagieren sich etwa 700 Mitglieder, vor allem mittelständische Fachgeschäfte, für eine Stärkung des regionalen Einkaufens. Mit guten Argumenten und Überzeugungskraft. Andere Händlerinitiativen (mit ähnlichem Namen) setzen eher auf Aktionen: Im Münchner Stadtteil Haidhausen klebten im vergangenen Herbst 22 Einzelhändler nach Ladenschluss ihre Schaufenster mit Packpapier zu. Darauf zu lesen war der Spruch: „Erst wenn der letzte Laden verschwunden ist, werdet ihr feststellen, dass online shoppen doch gar nicht so toll war.“

Buy Local betont, nicht gegen das Online-Einkaufen zu sein, viele Mitglieder betrieben erfolgreich eigene Shops im Netz. Der Verein kritisiert insbesondere die Konzentration auf wenige große Anbieter. Die könnte durch die DHL-Paketshop-Offensive weiter zunehmen.

Außenstellen von Amazon und Zalando

Daran ist der Paketversender gewiss nicht alleine schuld. Prognosen von Handels- und Logistikverbänden besagen, dass die Umsätze im E-Commerce weiter steigen werden, und mit ihnen die Zahl der versendeten Pakete. Außerdem bietet die Konkurrenz die Direktzustellung in Partnerläden schon länger an. Hermes hat im vergangenen Jahr Hamburger U-Bahn-Kioske zu „Paketshops“ gemacht, bundesweit sind es nach eigenen Angaben 14.000 Geschäfte, die kooperieren; bei DPD heißen die Läden „Pickup Paketshops“. Mit DHL kommt nun aber nochmal eine fünfstellige Zahl potenzieller Abholstationen hinzu.

Und im Zweifel sind Läden, die sich fürs lokale Einkaufen engagieren, direkte Nachbarn derjenigen, die sich als Außenstellen von Amazon und Zalando einspannen lassen.

Packstation ohne Fächer: Kioske und kleine Läden nehmen DHL-Pakete an für Kunden, die tagsüber nicht zu Hause sind.

Foto: Deutsche Post DHL

„Die mittelständischen Händler sollten erkennen, dass sie nur gemeinsam stark sind, und sich zu Netzwerken zusammenschließen. Es ist leider immer noch so, dass viele Einzelhändler nicht nur so heißen – sondern auch genau so agieren“, sagt Ilona Schönle, Geschäftsführerin von Buy Local. „Wir wollen Überzeugungsarbeit leisten und Einzelhändler zu Gemeinschaftshändlern machen.“

Womöglich ist vielen Inhabern noch gar nicht richtig bewusst, welche Konsequenzen mit ihrer Entscheidung verknüpft sind. Viele hoffen darauf, als Post-Partner mehr Kunden in ihre Läden zu locken, die dann vielleicht auch andere Sachen kaufen. Im Zweifel erreichen sie aber das Gegenteil, wenn Kunden günstig bei Amazon bestellen und den regionalen Händler nur noch als Empfangsstation nutzen. Kiosken kann das egal sein, weil niemand ein kaltes Getränk, ein belegtes Brötchen online ordert (obwohl Amazon vermutlich schon hart daran arbeitet). Aber auch der Späti hat wenig davon, wenn um ihn herum der Leerstand wächst, weil die Nachbarn nicht mehr genug verdienen.

Wie soll das alles bloß ankommen?

DHL beschwichtigt: Viele Kunden würden auch weiterhin andere Zustellmöglichkeiten wie die Packstation nutzen oder Pakete zu Hause selbst in Empfang nehmen. Aber das bisherige System ist längst an seine Grenzen gekommen, wie das Unternehmen mit unterschiedlichen Initiativen selbst belegt.

Im Grunde genommen sollen die kleinen Geschäfte mit ihrem Standortvorteil das Problem großer Online-Händler und Logistiker lösen, die zunehmend vor der Herausforderung stehen, die Bestellungen auch bei ihren Empfängern ankommen zu lassen.

Wer da als Händler nicht mitmachen will, wird selbst kreativ, um seinen Kunden ein bequemeres Einkaufen zu bieten. Buy Local testet gerade eigene kleine Abholstationen, die direkt vor den Läden aufgestellt werden. Dort können Kunden auch außerhalb der Öffnungszeiten ein vorbestelltes Buch abholen. Ganz ohne DHL und Amazon. Geschäftsführerin Schönle sagt: „Wir können den großen Internethändlern ihre Geschäftsmodelle ja nicht verbieten. Aber wir können mit guten Ideen dagegen halten.“


Aufmacherfoto: Deutsche Post DHL.