An African City

Überprüft eure Vorurteile!

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Sitzen fünf bildhübsche Single-Frauen in tollster Klamotte in einem Lokal, Samstagabend, frau trifft sich auf ein paar Drinks, alle sind gerade erst nach langen Jahren im Ausland in ihr Heimatland zurückgekehrt. Es geht um neue Jobs beziehungsweise die Suche danach, um Männerprobleme, Sex und Bad-Hair-Days. Hat man so schon zigmal in irgendwelchen Serien gesehen, wäre demnach nichts Besonderes – würde diese Szene nicht in Accra spielen, der Hauptstadt Ghanas.

Genau dort nämlich ist „An African City” angesiedelt. Eine Low-Budget-Videoproduktion, geschrieben und gedreht von einer jungen Ghanaerin, aufgewachsen in New York, die noch nicht einmal besonders viel filmisches Fachwissen vorzuweisen hatte, als sie 2014 mit den Dreharbeiten begann. Macherin Nicole Amarteifo hatte einfach viele Folgen von „Sex and the City” geschaut – und dann beschlossen, sie wolle in ähnlichem Format eine Serie über das Leben junger Frauen aus ihrem Heimatland erzählen.

Also castete sie die fünf heißesten Darstellerinnen im subsaharischen Raum, legte los und streamte die zehn Episoden der ersten Staffel über Youtube. Mit Erfolg: Bislang waren mehr als eine Millionen Zuschauer rund um den Globus am Bildschirm mit dabei, wenn die kühle Harvard-Absolventin Sadé (Nana Mensah), die NGO-Mitarbeiterin und keusche Christin Ngozi (Esosa E), die frisch in Oxford graduierte Anwältin Makena (Marie Humbert), die Start-up-Unternehmerin Zainab (Maame Adjei) und schließlich die Hauptdarstellerin und junge Journalistin Nana Yaa (MaameYaa Boafo) sich durch die chaotischen Straßen Accras und die eigenen Lebenswege kämpfen.

https://www.youtube.com/watch?v=kg7hUuWKe2U

Mehr als nur eine Kopie des US-Vorbilds

Die hohe Zuschauerzahl spricht also für „An African City”. Aber kann die Serie mehr sein als nur eine „schwarze“ Kopie des amerikanischen Serien-Vorbilds? Sind die Geschichten rund um Nana Yaa nicht nur für echte „Sex-and-the-City”-Fans interessant?

Mitnichten. Klar, es geht auch in „An African City” um Mode, Männer und Make-up. Und so könnte man der Serie denselben Vorwurf machen, den sich auch die Macher von „Sex and the City” haben gefallen lassen müssen: Dass die Serienerzählung ein uraltes Motiv bedient, nämlich das der Beziehung zwischen Frau und Mann. Am Ende des Tages, so die genaue Kritik, drehe sich das Leben der ach so emanzipiert vor sich hin stöckelnden Serien-Ladys eben doch nur um zwei Fragen: Wo ist sie, die Liebe des Lebens? Wie finde ich ihn, den Mann meiner Träume?

Wer besonders fies austeilen wollte, verglich das Serien-Vorbild aus New York mit einer in Bewegtbilder gegossenen Frauenzeitschrift. Genau genommen wäre „Sex and the City” (und auch das Pendant „An African City”) somit alles andere als modern. Sondern ziemlich reaktionär. Teilweise ist diese Kritik berechtigt: Die neuesten Modetrends und abgefahrensten Outfits waren in „Sex and the City” immer mindestens so sehr Protagonisten wie all die Männer, die in einer fast rasenden Fluktuation die Szenerie betraten und genauso schnell wieder verließen. Und die Tage und Gedanken von Hauptprotagonistin Carie Bradshaw drehten sich tatsächlich sehr viel um „Mr. Big“, ihren On/Off-Partner. Auch Charlotte hatte sich als Lebensziel gesetzt, den perfekten Mann zu finden. Doch da waren auch noch die beiden anderen Protagonistinnen: Miranda, die toughe Anwältin und Karrierefrau, und allen voran Samantha, die unersättliche Nymphomanin, die die Männer wechselte wie andere Menschen den Kaugummi.

All das findet sich auch in „An African City”. Samantha beispielsweise wird hier durch Sadé verkörpert, Mirandas Pendant heißt Makena. Und die Frage, wie sich Nana Yaas mal mehr, mal weniger vorhandene Beziehung zu ihrem Ex-Freund entwickelt, zieht sich wie ein roter Faden durch die einzelnen Folgen. Doch die Suche nach „Mr. Right“ ist in „An African City” nur ein geliehenes, ein vorgeschobenes Motiv, noch mehr als das teilweise schon bei „Sex and the City” der Fall war.

Eher gilt die Suche nach dem richtigen Mann als Aufhänger, um zu erzählen, was die Protagonistinnen der Serie in ihrem Leben sonst noch beschäftigt. Im Falle der fünf Damen aus Accra sind das beispielsweise: völlig überteuerte Wohnungspreise; Typen, die denken, sie könnten auf Kondome verzichten, wenn sie vorher einen „HIV-Gesichts-Check“ durchgeführt haben; das Recht auf eine befriedigende und freie Sexualität; das traditionelle Frauenbild der kochenden „Big Mama“, von dem Nana Yaa und ihre Freundinnen nichts wissen wollen; Selbstverwirklichung-Sackgassen; die schwierige Suche nach einer eigenen Identität der fünf zurückgekehrten Frauen; regelmäßige Stromausfälle und schlechte Straßen – ghanaische Alltagsprobleme eben.

Ein neues Bild für die Europäer

Deswegen ist die Serie sehenswert. Weil sie ein völlig anderes Bild von Afrika und seinen Frauen zeichnet als das, was die meisten Europäer im Kopf haben. Die Lebenswirklichkeit der ghanaischen Protagonistinnen mag überzogen sein, fair enough. Letztlich aber ist das egal. Worum es bei „An African City” geht: um einen Möglichkeitsraum, eine neue Narration von afrikanischem Leben und (weiblicher) Kultur.

https://www.youtube.com/watch?v=DbAYko2Foko

„An-African-City”-Erfinderin Nicole Amarteifo (links) und Co-Produzentin Millie Monyo (rechts) im Interview über ihre Serie.

Man könnte der Serie zwar entgegenhalten, dass sie ein verzerrtes Bild Afrikas wiedergibt; denn – genau wie bei der großen Schwester „Sex and the City” – gehören die Protagonistinnen auch hier mindestens zur Oberschicht, wenn nicht sogar zur Landeselite. Nana Yaa und ihre Freundinnen haben im Ausland studiert, fahren dicke Autors, tragen Designerkleidung, wohnen in teuren Wohnungen. Sie führen ein teilweise exzentrisches, weil glamouröses Leben. Wer in Ghana kann sich so ein Leben schon leisten?

Trotz dieser Kritikpunkte ist die Serie wichtig. Denn wer sie anschaut, lernt nicht nur etwas über Ghana, sondern auch über sich selbst – beziehungsweise über die eigenen Stereotypen im Kopf. Seien wir doch mal ehrlich: Was weiß der europäische Durchschnittsbürger schon über Ghana? Weiß sie oder er von der aufstrebenden Wirtschaftskraft des Landes? Von der florierenden Videofilmindustrie? Oder der Tech-Start-up-Szene? Von den umwerfenden, vor Farben und Mustern sprühenden Roben des ghanaischen Designers Christie Brown (die natürlich in An African City zu sehen sind)? Oder von ghanaischer Hip-Hop-Musik?

Smarte, schöne und erfolgreiche Afrikanerinnen

Nichts wissen wir. Oder zumindest nicht viel. Die meisten Westler wandeln noch immer mit dem Klischeebild der ausgehungerten, in Tüchern gehüllten Afrikanerin im Kopf durch ihre ach so moderne Welt. „An African City” gibt dem Zuschauer die Chance, dieses Bild um eine Facette zu erweitern, die alten Stereotypen im Kopf zu überprüfen. Schon allein die Reflexion über die eigene Verwunderung angesichts der atemberaubenden Outfits und wunderschönen Gestalt der fünf Protagonistinnen sollte einem Lehre genug sein – ja, natürlich gibt es auch in Afrika smarte, schöne und erfolgreiche junge Frauen, die jede Berliner Hipsterine schneller ausstechen würden als die ihren Dutt zusammenbinden kann. Eigentlich unverschämt, dass man sich erstmal über diese Beobachtung wundert.

In einem Fernseh-Interview mit dem Sender Sahara Television sagte Drehbuchautorin Nicole Amarteifio auf die Frage, warum sie die Serie geschrieben habe: „Mir ist aufgefallen, dass wir uns immer nur auf das Thema Armut konzentrieren, wenn es um afrikanische Frauen geht.“ Amarteifio, selbst aufgewachsen im englischsprachigen Ausland und schließlich zurückgekehrt zu ihren Wurzeln nach Ghana, hatte einige Jahre lang in der Entwicklungshilfe gearbeitet, als Social-Media-Strategin bei der Weltbank.

Als sie „An African City” schrieb und drehte, hatte sie einfach nur die Nase voll. Von dem immer gleichen Bild von Armut und Tragödie, mit dem der Westen sich an Afrika bedient.

https://www.youtube.com/watch?v=FM_2RndbAJk

Hauptdarstellerin MaameYaa Boafo, die in der Serie die Journalistin Nana Yaa spielt, auf der TEDx-Konferenz in Accra über ihren persönlichen Weg einer afrikanischen Frau ins Schauspieler-Business.


Aufmacherbild: An African City (© offizielle Homepage An African City).

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