Krautreporter

Die wilde Novemberjagd

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W. zeigt Tuli sein Zimmer, neben dem Tor zum Friedhof. Hier lernt Tuli auf dem Weg zur GROSSEN REPORTAGE, sich selbst zu vergessen. Lass hinter dir, wer du warst. Vergiss auch, wer du sein wirst. Dein Wille zählt nicht mehr. Das Material übernimmt die Regie, die große Mutter, in der du nur ein Schräubchen bist. Sieh, dass du dich endlich da befindest, wo du hingehörst, hart am Rand zum Nichts. W. hat seine Lektion bei Gene Hackman und Edward Snowden gelernt. Tuli muss daher sein gesamtes elektronisches Equipment in die Tiefkühltruhe packen. Erst jetzt versteht er, worauf er sich eingelassen hat.

Zara kehrt im Wachtraum zurück nach Kabul. Wieder hört er den geilen Zwerg. Heute singt er nicht Umm Kulthum. Heute singt er ein Lied von Nina Simone. Seine Baritonstimme ein Echo von Zaras Begegnung mit dem Tod.

Seinen Companion hat er erwischt. In dieser Nacht sieht Zara ihn von hinten, wie es den Dahingegangenen gebührt. Der Rückflug mit dem Teppichtransporter rettete Zara vor der Rachsucht des geilen Zwergs. Eingewickelt in einen erlesenen unverzollten Afghanen wurde Zara über Usbekistan ausgeflogen, zu Wuffwuff, den wir bis auf Weiteres nur noch W. nennen, um unseren Lesern einen Gefallen zu erweisen. W.s Remise nennen sie an den Einsatzorten von Kabul bis Port-au-Prince The Quadruped Veterans´ Nursery Home.

Dieser Augenblick ist noch immer gefroren. Zara gerät aus dem Tritt. Die erhobene Pfote katapultiert ihn aus der Routine des Bombenschnüfflers. Er erfasst ein neues Ziel, wie ein Vorstehhund. Die GoPro auf dem Hunderücken ist nach hinten gerichtet und lässt den Operator in der Einsatzzentrale im Dunkeln darüber, was gleich passiert.

Am nächsten Morgen geht W. mit den Hunden auf Jagd. Heute suchen sie in der Hasenheide nach Dachskacke, einem erlesenen Duft, der literarisch in Misskredit geraten ist. Aber was wissen Hunde von Literatur? Dachskacke hat für sie einen Hautgout, den wir vielleicht mit Lakritzkonfekt im Kino vergleichen können, nur dass wir uns darin nicht wälzen, um mit diesem Aroma im Fell eins zu werden.

Tuli schaut skeptisch. Ach - wäre die Skepsis der Journalisten doch noch, was sie vielleicht einmal gewesen ist, ein Zeichen für unabhängiges Denken. Doch Tuli scheint sich nur zu fragen, was W. mit dem Dachskackenglas vorhat.Wohin führt das? Tulis Haltung scheint zu sagen: Ich glaube an nichts. Das Nichts aber ist größer, als Tuli ahnt, ganz unabhängig davon, was er glaubt oder nicht.

In diesen Novembertagen liegt über der Hasenheide etwas, was die Menschen nur ahnen, die Hunde aber wittern. Sie jagen nach Dachskacke - und mit ihnen jagt der Große Kurfürst durch sein Revier. Darüber liegen die Schuttberge des Zweiten Weltkriegs. Für die Hundenasen ist das kein Problem. Ein Molekül reicht, und sie jagen im Gleichklang mit dem Schemen des Großen Jägers.

Anti hat Witterung aufgenommen. Weit und breit kein Dachs in Sicht. Aber der Geruch ist da, und dann etwas, was nur sie spürt, die Veteranin aus Port-au-Prince. Nein, nicht die Trümmer des großen Kriegs. Um die Rentner am Kaffeetisch der Hasenschenke weht etwas Anderes. Die Trümmer, unter denen sie begraben liegen, tragen sie mit sich herum. Anti, der reine Hund, der sie ist, spürt das.

Anti hüpft auf den Schoß der alten Frau und schnurrt wie eine Katze. Leise singt die vor sich hin. Anti kennt das Ännchen von Tharau nicht, auch nicht Simon Dach oder die nach ihm benannte Straße in Berlin-Friedrichshain. Sie hört, wie die alte Frau das Lied singt, mit hoher dünner Kopfstimme, und verwandelt sich für diesen Augenblick aus freien Stücken in eine Katze, als Joker und Platzhalter einer ausfransenden Realität. Anti hat nicht nur den Dachs gefunden (im Futter der Weste), sie hat auch einen Weg gefunden, für diesen Augenblick der Wirklichkeit abhanden zu kommen, die die alte Dame unter den Trümmern ihrer Geschichte begräbt.

Die alte Dame, nennen wir sie E., lebt im Pflegeheim des Heiligen Hieronymus in Kreuzkölln. Was hat Anti, die Erdbebenveteranin, zu ihr geführt? Was macht übrigens die Bombe in der Hasenheide? Und warum ist Tuli in W.s Veteranenheim gezogen? Das erzählen wir nächste Woche in Episode 4.


Zum Nachlesen: Was geschah zuvor in Episode eins und Episode zwei? Was ist der Hintergrund der Geschichte?


Kynästhesie ist eine Graphic Novel von Josefina Capelle (Grafik) und Hans Hütt (Text)