„Der Tod kann auch sehr schön sein“

„Der Tod kann auch sehr schön sein“

Esther Göbel monogram
Verfasst von
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Eine Altbaupraxis in Berlin-Schöneberg, parterre. Durch das deckenhohe Fenster blickt man auf die Hektik der Straße draußen, drinnen: viel Ruhe, auf dem Tisch drei Teelichter, an den Wänden pastellfarbene Pinselstriche, die im Abstrakten enden. Alles wirkt freundlich. Angela Fournes kommt herein, sie entschuldigt sich kurz für die wenigen Minuten Verspätung; sie musste zu einer Einäscherung, wie so oft. Das ist ihr Job: Die 55-Jährige arbeitet als alternative Bestatterin. Ich hatte mir sie ernster vorgestellt, schwermütiger. Wird man nicht zwangsläufig so in ihrem Beruf, hatte mich das Klischee in meinem Kopf während der Vorbereitung zu diesem Gespräch gefragt. Oder hippiesker. Aber Angela Fournes ist nichts von dem. Ihr Gesicht strahlt Frische aus, ihre Augen wirken wach und interessiert. Ich fühle mich schnell wohl in ihrer Gegenwart, entschleunigt. Fournes trägt Lagenlook; weinrot, türkis, violett, grau. Das sind ihre Farben. Viel Klamotte um eine sympathische Frau, die so warm und gleichzeitig so entspannt-pragmatisch über den Tod spricht, als wäre der nichts weiter als ein Familienereignis, von dem man weiß, dass es eben kommen wird und bewältigt werden muss.

Frau Fournes, Sie sind als Sterbebegleiterin tätig, in der Trauerarbeit und als alternative Bestatterin. Zudem veranstalten Sie das Café Tod, in dessen Rahmen sich Interessierte bei Kaffee und Kuchen über ihre eigene Sterblichkeit austauschen können – ist Ihnen der Tod lieber als das Leben?

(Lacht). Nein, gar nicht. Ich würde sagen, bei mir verhält sich das 50:50. Für mich ist der Tod nichts Endgültiges. Sondern nur ein Übergang zu einem Leben nach dem physischen Sterben. Das Leben vor dem Tod und das Leben danach sind für mich zwei Welten, die zusammengehören. Man kann die Verstorbenen zum Beispiel ins eigene Leben integrieren; indem man für sie betet, ihnen etwas vorliest, sie weiter in den Alltag miteinbezieht. In Japan etwa stellt man den Verstorbenen zu den Mahlzeiten ein Schälchen Reis zur Seite. Nachdem man sein eigenes Essen verspeist hat, isst man den Reis der Toten auch noch; man sagt, das gebe einem umso mehr Leben. So bleiben die Verstorbenen also präsent.

Was genau heißt das: Sie bleiben präsent?

Ich kann sie spüren. Es ist schwer zu erklären, aber ich fühle in manchen Momenten die Anwesenheit der Toten, so als ob ein Wesen ganz in der Nähe ist. Fast so wie eine physische Berührung. Oder ich muss in manchen Momenten sehr stark an die Verstorbenen denken. Manchmal führe ich dann ein Gespräch mit ihnen.

Woher kommt Ihre Faszination für das Thema, das ja im wörtlichen Sinne morbide ist?

Einerseits durch meine Biographie: Meine Eltern sind früh gestorben, erst mein Vater, dann meine Mutter. Mit 20 war ich Vollwaise. Der Tod war also schon sehr früh Teil meines Lebens. Darüber hinaus finde ich für mich viel Wesentliches an der Schwelle zwischen Leben und Sterben. Die Leute denken immer, dass ich einen schrecklichen Beruf habe, der sehr traurig sein muss. Und klar: Trauer ist ein Teil davon. Aber in der Begleitung Verstorbener erlebe ich viel mehr die Erleichterung und die Freude derer, die gehen, als die Trauer jener, die zurückbleiben. Im Moment des Übertritts in die andere Welt liegt eine unglaubliche Dichte. Da ist ganz viel Kraft, ganz viel Energie. Der Tod kann also auch etwas sehr Schönes sein.

Das meinen Sie nicht ernst, oder?

Doch. Menschen, die zum Beispiel Nahtod-Erlebnisse gehabt haben wie meine eigene Großmutter, berichten, dass sie ein wunderschönes Licht erlebt haben und ein Gefühl von tiefer Liebe. Meine Großmutter erzählte von einer Blumenwiese, auf der ihr verstorbener Mann auf sie wartete und ein kleiner Junge, den sie verloren hatte. Sie wurde also empfangen und war gar nicht allein. Allerdings sagte mein Großvater ihr, dass sie noch eine Aufgabe hätte und deshalb noch nicht bleiben könne. Meine Oma war jahrelang stinksauer, dass man sie aus dem Moment des Sterbens herausgerissen und mit Medikamenten zurück ins Leben geholt hatte. Es war schwer für sie, nach diesem Erlebnis zurückzukommen in die kalte und beengte Welt der Körperlichkeit.

Sie wirken so entspannt, wenn man mit Ihnen über das Sterben spricht. Für die meisten Menschen ist der Tod aber ein extremes Problem. Sind Sie wirklich so ruhig oder täuscht das?

Nee, das täuscht nicht. Das ist tatsächlich so. Weil der Tod für mich das Natürlichste der Welt ist. Ich sehe darin nichts Schreckliches. Das Sterben ist eine Verwandlung für mich, und danach geht es weiter. Vielleicht ist das der Grund, warum ich keine Angst habe vor dem Tod. Krankheiten sind natürlich eine Herausforderung, aber ich bin der Meinung, dass jemand, der lange krank war und gelitten hat, sein Leiden im Moment des Todes mit dem Körper hier lässt und wieder gesund und voller Kraft ist. Man erleichtert sich das Leben, wenn man den Tod als einen Bestandteil des Menschseins annehmen kann. Jeder muss ihn erleben. Ob man den Tod als Kränkung verbucht oder nicht, ist Auffassungssache.

Ist es das, was Sie den Menschen durch Ihre Arbeit begreiflich machen wollen?

Ich will für die Menschen erlebbar machen, dass sie keine Angst haben müssen vor dem Tod. Aber auch nicht vor den Verstorbenen. Wenn ich die in ihren letzten Stunden begleite, bin ich wie eine Hebamme, die ihnen hinüberhilft auf die andere Seite. Es geht mir bei meiner Arbeit um einen menschlichen Umgang. Mit den Lebenden – und den Verstorbenen.

Sie wollen also nicht nur den Verstorbenen hinüberhelfen, sondern auch den Hinterbliebenen mit einer alternativen Bestattung ein heilsames Ritual schenken. Wie sieht das aus?

Ich biete den Hinterbliebenen zum Beispiel an, dass sie den Verstorbenen selbst waschen, anziehen und danach einige Zeit im engsten Kreis aufbahren. Ich begleite sie dabei und erkläre, was natürlicherweise in den einzelnen Stadien des Sterbens und kurz danach passiert. Wie schnell baut ein toter Körper physisch ab? Was sind das für Flecken, die ich auf der Haut des Verstorbenen sehen kann und warum bilden die sich? Wann wird der Körper starr und wie muss ich ihn anfassen? Wenn man diese Sachen erklärt, geht schon viel Angst verloren. Weil die Hinterbliebenen dann besser verstehen: „Okay, das gehört einfach alles dazu.“

Aber wieso soll ich Handlungen wie das Waschen oder Anziehen des Toten selbst durchführen? Ich kann doch ein Bestattungsunternehmen beauftragen und muss mir diese Arbeit gar nicht zumuten. Ist doch viel einfacher.

Genau das ist der Trugschluss: Dass Trauer einfacher zu verarbeiten wäre, wenn man sie wegschiebt. Aber genau das Gegenteil ist der Fall: Man muss sich als Hinterbliebener erst einmal begreifbar machen, dass ein geliebter Mensch gestorben ist. Indem man den Toten selbst wäscht, anzieht, den Sarg schmückt und anschließend in die Erde lässt, hilft man der Seele zu verstehen, was passiert ist. Dadurch wird die Trauerarbeit erfüllter. Für den Verstorbenen ist ein solcher Umgang natürlich auch schöner: Ihn oder sie auf dem letzten Weg zu begleiten und die Bestattung selbst zu gestalten sind letzte Liebesdienste, die die Hinterbliebenen für ihren Toten leisten können.

Haben wir heute den richtigen Umgang mit dem Tod verlernt?

Früher war das tatsächlich anders: Der Tod fand zu Hause statt, im Kreise der Angehörigen. Wenn die Großmutter gestorben ist, wurde sie von der Familie gewaschen, angezogen, aufgebahrt – und die Kinder gingen ab und zu zur Oma und spielten im Nebenzimmer weiter. Weil es einfach dazu gehörte. Die Nachbarn haben sich um die Familie gekümmert, Essen gebracht, den Sarg zum Friedhof getragen und die Senke geschlossen. Der Tod und die Bestattung waren also ein Gemeinschaftserlebnis.

Warum ist das nicht mehr so?

Weil es heute eine Entsorgungsmentalität gibt; man will das Thema Tod möglichst weit von sich wegschieben.

Wie kam es dazu?

Im 19. Jahrhundert wurden aus hygienischen Gründen Leichenschauhäuser gebaut, so wurde die Aufbahrung von zu Hause an einen anonymeren Ort verlagert. Durch den Ersten und Zweiten Weltkrieg sind wahnsinnig viele Leute gestorben. Die Hinterbliebenen aber mussten funktionieren, das Trauma war groß. Es gab so viele Tote. Die mussten schnell beerdigt werden. Das Kriegstrauma wurde weitervererbt; man wollte mit dem Thema Tod nichts zu tun haben, denn man hatte zu viel Leid und Sterben selbst erlebt.

Spielt auch der heutige Kult um Jugendlichkeit eine Rolle?

Ich glaube, ja. Das kommt aus Amerika. Dort soll man nicht nur bis ins hohe Alter jung ausschauen – sondern sogar noch über den Tod hinaus. Auch als Verstorbener. In den USA ist es beispielsweise normal, die Toten zu balsamieren. Das heißt, die Körperflüssigkeiten werden durch formaldehydhaltige, desinfizierende Lösungen ausgetauscht. So bleibt der Körper länger frisch und sieht auch nach dem Tod noch rosig aus.

Warum sind Beerdigungen in unserer Kultur ein solch negatives Ereignis?

Das größte Problem ist die Angst vor dem eigenen Sterben. Es geht also auf einer Beerdigung nicht nur um den Verstorbenen – sondern auch um sich selbst. Aber wenn man es schafft, den Tod als Freund und nicht als Feind zu sehen, ist es genauso wie mit Schmerzen: Wenn Sie leiden, sich aber gegen den Schmerz wehren, ist es viel schwerer als wenn Sie den Schmerz annehmen. Ich nenne eine Beerdigung zum Beispiel auch nicht Trauerfeier, sondern Lebensfeier.

Sie sind in Mexiko aufgewachsen. Wie geht man dort mit dem Tod um?

Ich weiß noch, wie ich als Kind manchmal den Satz hörte: „Da ist ein Engelchen gestorben.“ Das sagt man dort, wenn ein Kind stirbt. Man bezeichnete es also als Boten zwischen den Welten. Ich finde das eine tolle Sache: direkt nach dem Ableben eine neue Aufgabe zugesprochen zu bekommen. Die toten Kinder wurden aufgebahrt, meine Freunde und ich sind mit unseren Fahrrädern hingeradelt und haben uns die Engelchen angeschaut. Nebenan gab es etwas zu essen und zu trinken, es war ein ständiges Kommen und Gehen. Das war ganz normal.

Die Mexikaner sind also entspannter, was den Tod betrifft?

Schon die Azteken erlebten, dass die Toten weiter unter ihnen weilten. Einmal im Jahr, von 31. Oktober bis 2. November, kehren die Verstorbenen zu den Lebenden zurück, so der Glaube. Deswegen feiern sie noch heute das Mexikanische Totenfest als ein buntes, fröhliches Volksfest – auf dem Friedhof. Es beginnt am 31. Oktober: Man baut ihnen zu Hause einen kleinen Gabentisch mit ihrer Lieblingsspeise und dem Lieblingsgetränk auf, damit sie sich nach ihrer Reise stärken können. Aus Blumen legt man ihnen einen Weg vom Friedhof bis nach Hause, so dass sie den richtigen Gabentisch finden. Dann geht man am 1. November zum Friedhof, schmückt das Grab mit Blumen und Kerzen. Dort betet man, isst, trinkt und tanzt mit den Verstorbenen zusammen, 48 Stunden lang. So feiert man den Tod im Leben.

Wissen Sie schon, wie Ihre eigene Beerdigung aussehen soll?

Ja: Ich will ein großes mexikanisches Fest mitten in Berlin! (Lacht)

Wie stellen Sie sich Ihren Moment des Sterbens vor?

Sehr hell, da ist ganz viel Licht. Wie ein freudiges Ausbreiten. Geborgenheit und Erfüllung.


Image caption: Angela Fournes, 55 Jahre alt, wurde in New York geboren. Sie hat Theologie studiert, danach in der Hauspflege gearbeitet und eine Ausbildung zur Heilpraktikerin und Masseurin durchlaufen, bevor sie Sterbebegleiterin und Bestatterin wurde. Seit 24 Jahren lebt sie in Berlin, seit neun Jahren arbeitet sie als selbstständige Bestatterin. Angela Fournes gehört zu dem Netzwerk „PortaDora“, das alternative Bestattungen anbietet. Sie war die erste, die vor drei Jahren das Café Tod nach Berlin holte.


Illustration: Sibylle Jazra für Krautreporter; Foto: Mali Lazell