Ist in Wahrheit jeder Mensch ein Egoist?

Ist in Wahrheit jeder Mensch ein Egoist?

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An den Anfang der Diskussion gehört zweifellos eine Definition, wie Krautreporter-Leserin Beate und andere zu recht fordern. Denn kaum ein Begriff ist moralisch, literarisch, psychologisch so aufgeladen wie der des „Egoisten“.

Also fange ich mit dem eigentlichen Wortsinn an und schlage im Standardwerk, dem Herkunftswörterbuch, nach: „Ego“ (lat.) heißt zunächst erstmal nichts anderes als „ich“. Der Begriff „Egoismus“ aber wird zu Beginn des 18. Jahrhunderts vom Aufklärer Christian Wolff aus dem Französischen ins Deutsche eingeführt. Anfangs bezeichnete er die philosophische Richtung eines extremen subjektiven Idealismus, später dann bedeutete er wie heute noch üblich „Selbstsucht, Eigennutz, Eigenliebe“. Er ist sprachwissenschaftlich den Bedeutungsgruppen Menschenhass, Habsucht, Geiz und Selbstsucht zugeordnet – all das stimmt nicht gerade positiv und macht vielmehr deutlich: Der Begriff ist tatsächlich wertend, wir verwenden ihn für diejenigen, die nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind.

Danke, Achim, für den Hinweis zu dem Philosophen Max Stirner, der sich intensiv mit dem Egoisten beschäftigt hat und als Klassiker des Ethischen Egoismus gilt (was das ist, erklärt die Stanford Enzyklopädie der Philosophie).

Nun heißt es häufig, und darauf zielt ja deine Frage, Matthias, dass es doch in der Natur des Menschen liege, egoistisch zu sein. Und das ist nicht von der Hand zu weisen: Spätestens seit Charles Darwin ist bekannt, dass Menschen sich wie alle Lebewesen eigennützig verhalten. Es geht um Fortpflanzungserfolg. Wie andere sozial lebende Tiere aber auch verhalten sie sich altruistisch, das heißt kooperativ und helfend, weil es ihnen hilft zu überleben. Der Evolutionstheoretiker Franz Wuketits meint: „Gruppenbildung setzt ein Mindestmaß an kooperativem und helfendem Verhalten voraus. Auch die Mitglieder einer Gruppe sind zwar in erster Linie an ihrem eigenen Überleben interessiert. Da ihnen aber ihre Gruppe entscheidende Vorteile bietet, müssen sie auch an deren Stabilität interessiert sein und daher mit anderen Gruppenmitgliedern kooperieren.“ Deshalb ist es auch nur folgerichtig, wie neuere Forschungen belegen, dass auch Hilfsbereitschaft und Einfühlungsvermögen dem Menschen angeboren sind (ich empfehle in diesem Zusammenhang den aufschlussreichen Artikel „Evolution der Fairness – Warum die Hilfsbereitschaft in unserer Natur liegt“ im Magazin Brand Eins).

Etwa „The Selfish Gene” („Das egoistische Gen“) des britischen Biologen Richard Dawkins aus dem Jahr 1976.

Wuketits widerlegt einen weit verbreiteten Irrtum: „Gene sind weder egoistisch noch altruistisch. Diese Eigenschaften machen ihren Sinn erst auf der Ebene des ganzen Organismus in seinen Beziehungen zu Artgenossen.“ Die angeborenen Dispositionen zu kooperativem und helfendem Verhalten werden durch individuelles und soziales Lernen beeinflusst beziehungsweise verstärkt. Und damit, Matthias, kommen wir einer Antwort zu deiner Frage schon näher. Denn entscheidend ist doch, wie stark sich diese Anlage tatsächlich bei jedem Einzelnen im sozialen Gefüge ausprägt.

Umgekehrt ist es natürlich genauso gut möglich, die Dispositionen bei den Kindern durch Erziehung zunichte zu machen, wie diese Studie der US-amerikanischen Akademie der Wissenschaften jüngst gezeigt hat.

Ich möchte mit einem Beispiel beginnen, das mir KR-Leser Henrik geschickt hat: „Wenn ich einer alten Oma helfe, freue ich mich auch über das gute Gefühl, was ich danach habe. Ich weiß nicht, in wieweit dieses Wissen bereits im Vorfeld mein Handeln bestimmt. Wenn es das aber tut, dann helfe ich der Oma eigentlich auch nur aus egoistischen Gründen.“ Ähnlich hat mir auch KR-Leserin Karin geschrieben: „Ich betreibe in meiner Freizeit ein Ehrenamt, und das genauso sehr aus Egoismus als aus Altruismus. Klar, ich bin überzeugt von einer guten Sache, die ich gerne unterstütze. Aber da fängt es ja schon an: Ich fühle mich super, wenn ich etwas Sinnvolles tue, von dem auch andere profitieren. Ich lerne Leute kennen, die ähnliche Einstellungen haben wie ich, und mit denen ich gern zusammen bin. Ich habe Spaß beim Ehrenamt: reiner Egoismus meinerseits. Ohne den Spaß würde ich es auch nicht machen. Und Anerkennung kriege ich auch noch, Balsam für mein Ego.“

Vor dem Hintergrund des eben Gesagten halte ich euch Folgendes entgegen. Niemand wird in Abrede stellen, dass ihr nicht letztlich auch etwas davon habt, wenn ihr der Oma helft oder ein Ehrenamt bekleidet, aber niemand wird euch deshalb als Egoisten im oben genannten Sinn bezeichnen. Entscheidend ist doch auch, wie KR-Leser Johann meint, welche Werte euer Handeln leiten. „Hilft man anderen gerne? Freut man sich, wenn es anderen (auch Fremden) gut geht? Leidet man, wenn es anderen schlecht geht? Wie groß ist die Gruppe, die man bei seinem Handeln bedenkt." Tatsächlich egoistisches Handeln sollte nicht damit legitimiert werden, dass der Unterschied zwischen Altruismus und Egoismus für nicht existent erklärt wird.

Nun der Blick in die Daten. Statistisch kann man der Frage nur über einen Umweg beikommen. Ich habe dazu drei Parameter ausgewählt: Solidarität üben, Erste Hilfe leisten und Familie leben.

Die jüngste Shell-Jugendstudie hat gezeigt, dass für die meisten Jugendlichen Familie und Freunde vor der Karriere kommen. Mehr als 90 Prozent der Jungen und Mädchen pflegen ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern. Materielle Werte, wie ein hoher Lebensstandard sind ihnen im Vergleich dazu weniger wichtig.

Die Erwachsenen wurden im Mikrozensus befragt, wie wichtig ihnen Familie und Kinder sind. Mit dem Ergebnis: Drei Viertel der Befragten halten sie für sehr wichtig, noch vor Beruf und Arbeit. Mehr als jeder Dritte der über 14-Jährigen engagiert sich freiwillig, ein weiteres Drittel ist laut Monitor Engagement öffentlich aktiv ohne Ehrenamt. Dabei handeln besonders die Jüngeren auch nicht uneigennützig, sie geben an, dass sie über ihr Engagement auch Qualifikationen erwerben möchten, die im Leben wichtig sind (49 Prozent der 14 bis 24-Jährigen, 21 Prozent der 55 bis 64-Jährigen).

Hilfsbereitschaft zeigt sich auch darin, in Notfällen für andere da zu sein, Erste Hilfe zu leisten. Der ADAC hat vor einigen Jahren das Verhalten der Deutschen untersucht. Das Ergebnis: Während jeder vierte Bundesbürger durchschnittlich einmal in seinem Leben auf Erste Hilfe angewiesen ist, unterbleibt in 80 Prozent der Fälle die Hilfeleistung.

Dazu passt, dass die Zahl der Blutspender deutschlandweit mit drei Prozent sehr niedrig ist, insbesondere, wenn man gegenüberstellt, dass nach Schätzungen von Experten 80 Prozent aller Bundesbürger irgendwann einmal darauf angewiesen sind. In anderen medizinischen Bereichen sieht es hingegen besser aus. Beim Zentralen Knochenmarkspender-Register Deutschland sind 6,5 Millionen potenzielle Spender gemeldet, die im Ernstfall einem Leukämiekranken das Leben retten könnten. Wenngleich nur ein Prozent tatsächlich Blutstammzellen spenden werden, kann neun von zehn Patienten geholfen werden. In einer repräsentativen Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gaben 38 Prozent der Frauen und 31 Prozent der Männer an, im Besitz eines Organspende-Ausweises zu sein, die überwiegende Mehrzahl (87 beziehungsweise 85 Prozent) stimmen darin der Spende zu.

Zum Schluss möchte ich noch den Parameter Solidarität herausgreifen. Vor einiger Zeit hat das Meinungsforschungsunternehmen Forsa in einer repräsentativen Studie (PDF, S. 10) gefragt: „Wären Sie bereit, angesichts der immensen Staatsverschuldung höhere Steuern zu zahlen?“ Erstaunliche 80 Prozent der Befragten (wohlgemerkt mit einem monatlichen Haushaltsnettoeinkommen zwischen 3.000 und 4.000 Euro) waren bereit, dem Gemeinwesen mehr abzugeben, wenn es das Geld „für sinnvolle und notwendige Maßnahmen“ verwendet. Selbst unter den geringer Verdienenden würden noch mehr als zwei Drittel den Staat mehr unterstützen.

Lieber Matthias, theoretisch, aus evolutionsbiologischer Sicht, handeln die Menschen an sich tatsächlich egoistisch, um ihr Überleben zu sichern. Wenn man aber den Begriff ernst nimmt und sich einzelne gesellschaftliche Bereiche näher anschaut, ist doch nicht jeder ein Egoist. Das stimmt doch optimistisch.


Danke an euch, liebe KR-Leser Johann, Beate, Henrik, Karin, Nicole, Matthias und Achim, für eure E-Mails.

Aufmacherbild: Jack Nicolson als Warren Schmidt im Kinofilm „About Schmidt“ (©: Warner Home)