Verschwörungen

Die Wahrheit ist irgendwo da draußen – aber was ist, wenn sie keinen interessiert?

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  • Zahlen aktualisiert 21. September, 19:07 Uhr
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Vor einer halben Ewigkeit hat Fox Mulder das letzte Mal in seinem alten Büro gesessen. Jetzt kramt er durchs Archiv und seine Laune ist genau dort, wo die vielen X-Akten die ganze Zeit schon waren: im Keller. Die mysteriösen Fälle, die UFO-Sichtungen, die extraterrestrischen Begegnungen – war das vielleicht alles nur Spuk, oder schlimmer noch: Einbildung? „Als wir weg waren, ist von dem Unerklärbaren ziemlich viel erklärt worden“, meckert Mulder (gespielt von David Duchovny) und wirft mit spitzen Bleistiften auf das „I want to believe“-Poster hinter ihm an der Wand.

Mit einem Mal ist tatsächlich etwas passiert, das niemand für möglich gehalten hätte: FBI-Special Agent Fox Mulder ist zum Zweifler geworden. Ausgerechnet der Mann, der das Fernsehen Anfang der 90er Jahre mit dem Übersinnlichen bekannt gemacht hat.

Seit ein paar Wochen ermittelt er zusammen mit seiner Kollegin Dana Scully (Gillian Anderson) nach 14 Jahren Fernsehpause wieder. Mittenrein in das sechsteilige „Akte X“-Revival haben ihm die Serienautoren allerdings eine kleine Sinnkrise geschrieben. Die führt nicht nur dazu, dass eine der beliebtesten Mystery-Serien aller Zeiten für 45 Minuten mal eben in ein anderes Genre formwandelt und vorübergehend zur Satire wird. Die Folge „Mulder und Scully gegen das Wer-Monster“, die am Montagabend (22.02.) bei ProSieben läuft (Trailer ansehen), lässt sich darüber hinaus auch als Seitenhieb auf die Invasion der Verschwörungstheorien in den sozialen Medien verstehen.

Zu Beginn seiner Karriere ist Mulder als Spinner verlacht worden und war Außenseiter. Im Jahr 2016 gehört die Außenseiterposition eher denen, die noch nicht davon überzeugt sind, dass die Welt von fremden Mächten gelenkt wird. „Leute erfinden Sachen, einfach nur, weil sie gelangweilt sind. Oder verrückt. Oder beides“, beschwert sich Mulder und kommt zu dem Schluss: „Vielleicht ist es Zeit, die Kindereien sein zu lassen.“

https://www.youtube.com/watch?v=seEJCXxI7fw

Erst muss aber noch dieser Fall geklärt werden, bei dem eine Transgender-Prostituierte behauptet, von einem Eidechsenmenschen angegriffen worden zu sein und ihn mit der Handtasche in die Flucht geschlagen zu haben. „Klingt ein bisschen albern, oder?“, meint Mulder bei der Zeugenbefragung und ist sich diesmal sicher: Alles Quatsch, es wird schon eine rationale Erklärung geben.

Viele Leute sind da nicht mehr so sicher und haben das Gefühl, ständig angelogen zu werden oder etwas vorgegaukelt zu bekommen, das nicht den Tatsachen entspricht. Egal, wie absurd es sich anhört. Ein einzelner Eidechsenmensch ist ja noch harmlos! Anhänger des Briten David Icke, ehemals Profifußballer und Sportkommentator, sind zum Beispiel der Ansicht, dass eine außerirdische reptiloide Rasse auf die Erde gekommen ist, um sich dort mit den Menschen zu kreuzen. Und dass neben der britischen Queen auch fast alle amerikanischen Präsidenten zu den Reptiloiden gehören, die eine neue Weltordnung erzwingen wollen, um die Menschheit zu versklaven.

Haben Sie diesen Eidechsenmann gesehen? Scully (Gillian Anderson) und Mulder (David Duchovny) bei der Arbeit.

Foto: © 2016 Fox and its related entities. All rights reserved.

Es geht natürlich auch ein paar Nummern kleiner. Aber das macht die Situation nicht übersichtlicher. Im Internet verbreiten sich Verschwörungstheorien, Gerüchte, Fakes, Hoaxes oder gezielte Desinformationen heutzutage in rasender Geschwindigkeit. In der Flüchtlingskrise scheint der vorläufige Höhepunkt erreicht zu sein. Doch was passiert, wenn sich Gerüchte zu Verschwörungstheorien verfestigen? Und was lässt sich dagegen unternehmen? Um das zu verstehen, lohnt sich ein Blick in die aktuelle Forschung zum Thema.

1. Wie plausibel sind einzelne Verschwörungen?

„Es wäre unfair, Verschwörungsbehauptungen generell als paranoid abzutun, weil sie es in einigen Fällen nachweislich nicht waren“, schreibt der britische Forscher David Robert Grimes in seiner Ende Januar erschienenen Studie. Das bedeute im Umkehrschluss aber nicht, dass alle Verschwörungstheorien plausibel seien. Grimes hat deshalb eine mathematische Formel entwickelt, mit der sich die Glaubwürdigkeit von Verschwörungstheorien ausrechnen lässt.

Die Formel greift auf Parameter bekannter Skandale zurück, die an die Öffentlichkeit gebracht und aufgedeckt wurden (z.B. Watergate, Prism, eine FBI-Affäre). Grimes geht davon aus, dass die Geheimhaltung einer Verschwörung immer schwerer wird, je mehr Leute ursprünglich davon wissen und je länger sie dauert. Er ermittelt die Zahl der Beteiligten, die bei bekannten Verschwörungstheorien eingeweiht sein müssten, und errechnet darüber, wann sie hätten auffliegen müssen, wenn sie real wären. Die Mondlandung war bloß eine Inszenierung? Hätte angesichts der hohen Zahl der Mitwisser nicht länger als 3,68 Jahre geheim bleiben können. Impfungen verursachen Autismus, die WHO sagt uns nicht Bescheid und die Pharmaindustrie sitzt mit im Boot? Aber höchstens 3,15 Jahre (34,8 Jahre ohne Pharmaindustrie-Beteiligung). Der Klimawandel ist frei erfunden? Nach allerspätestens 26 Jahren müsste das eigentlich ausgeplaudert sein. Rechnet man wissenschaftliche Gremien als Mitwisser ein, wäre die Lüge schon nach 3,7 Jahren aufgeflogen.

Unter idealen Bedingungen sei die langfristige Geheimhaltung einer Verschwörung nur möglich, wenn weniger als 1.000 Eingeweihte davon wüssten, bilanziert Grimes.

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2. Wie setzen sich die Theorien im Netz fest?

Um zu verstehen, wie sich Verschwörungstheorien im Netz verbreiten, haben Forscher des Laboratory of Computational Social Science im italienischen Lucca verglichen, wie Facebook-Seiten genutzt werden: solche, die hauptsächlich Verschwörungstheorien posten und verlinken, und solche, die sich auf Wissenschaftsmeldungen konzentrieren.

Eine der wesentlichen Erkenntnisse: Verschwörungstheorien breiten sich sehr viel langsamer aus als Wissenschaftsmeldungen, setzen sich aber viel hartnäckiger im Netz fest und werden auch nach längerer Zeit immer noch geteilt. Das liege unter anderem daran, dass die Nutzer vor allem Inhalte verbreiten, die sich mit ihren eigenen Annahmen decken. Weil sich die Mitglieder der Gruppen ständig gegenseitig bestätigten, entstünden Gerüchte, Misstrauen und Paranoia. Das lasse sich nur sehr schwer wieder korrigieren, schreiben die Forscher.

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3. Wieso ist Aufklärung so schwierig?

Walter Quattrociocchi nennt dieses Phänomen „Echokammern“ („echo chambers“). Durch den ständigen Widerhall in einer Gruppe wird eine vermeintliche Information mit jedem Mal plausibler. Der Wissenschaftler gehört zu dem zuvor genannten Team und forscht intensiv zur Verbreitung von Verschwörungstheorien. Quattrociocchi geht davon aus, dass diese aus dem Bedürfnis nach einer eindeutigen Antwort auf komplexe Sachverhalte entstehen und Unentschiedenheit vermeiden helfen. Das ist in der Wissenschaft kein neues Phänomen. Der „Bestätigungsfehler“ („confirmation bias“) beschreibt die Tendenz eines Individuums, sich Informationen so auszuwählen, dass sie den eigenen Erwartungen entsprechen.

Problematischer ist die Schlussfolgerung, die Quattrociocchi aus seiner bisherigen Forschung ableitet: nämlich, dass es oft nichts hilft, Verschwörungstheorien Fakten entgegenzusetzen, um sie zu entkräften. „Das macht es nur noch schlimmer“, sagt er. Weil bei denen, die damit überzeugt werden sollen, das exakte Gegenteil erreicht werde.

„Je mehr Informationen eine Person erhält, die im Gegensatz zu einer Verschwörungstheorie steht, an die sie glaubt, desto stärker wird das [ursprüngliche] Nutzungsmuster. Aufklärungsversuche in einer Echokammer können nach hinten losgehen und die Überzeugung der Angesprochenen verstärken.“ Wenn die Leute einmal vermeintliche Beweise für ihre Theorie gefunden hätten, würden Widersprüche einfach ignoriert. (Im Grunde genommen funktioniert so die komplette Präsidentschaftskampagne von Donald Trump.)

Das geht auch ohne Echokammer: Die Mitteldeutsche Zeitung erkundigte sich Ende des vergangenen Jahres bei der Polizei, was an dem Gerücht dran ist, dass der Hausmeister einer Flüchtlingsunterkunft angegriffen und zu Tode geprügelt worden sei. Die Polizei erklärte, das sei nicht passiert, dem Hausmeister gehe es gut. Zahlreiche Kommentatoren glaubten das nicht, schwenkten auf andere Gerüchte um oder erklärten, die Zeitung habe sich von den Behörden täuschen lassen: unbedingt die Diskussion in der Kommentarspalte lesen.

Das Weltwirtschaftsforum hat die Verbreitung von Fehlinformationen im Internet bereits 2013 in seinem „Global Risks Report“ als Bedrohung für unsere Gesellschaft aufgenommen.

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4. Wer profitiert von Hoaxes?

Im Dezember hat die Washington Post bekanntgegeben, ihre wöchentliche Kolumne „What was fake on the Internet this week“ nicht mehr fortzuführen. Weil die Fakes immer absurder würden und sich viele Leute (wie Quattrociocchi sagt) kaum noch von Fakten überzeugen lassen. „Diese Kolumne ergibt keinen Sinn mehr“, schrieb Autorin Caitlin Dewey. Die Art der Fakes habe sich verändert: Früher hätten Missverständnisse dafür gesorgt, dass Gerüchte entstanden sind. Heute würden viele gezielt erfunden und so platziert, dass sie größtmögliche Verbreitung finden, um daraus Profit zu schlagen.

Dewey: „[Professionelle Hoaxer] betreiben komplette Websites, die nichts anderes machen als Minderheiten zu trollen oder widerliche Vorurteile auszunutzen.“ Der Betreiber einer solchen Seite habe ihr erklärt, dass er mit speziellen Hoaxes gezielt Konservative mittleren Alters provoziere, weil die am häufigsten Inhalte auf Facebook teilten und das ideale Publikums seien.

Quattrociocchi hat herausgefunden, dass selbst satirische Übersteigerungen von Verschwörungstheorien irgendwann als Argumente in die Debatte Einzug finden.

Also, bitte nehmen Sie diesen The Atlantic-Text nicht ernst, er ist als Scherz gemeint. Als Scherz!

„Ist das jetzt der Punkt, an dem wir alle in alternative Realitäten abdriften?“, fragt Dewey.

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Die Erklärung liefert die „Akte X”

Zumindest ist das der Punkt, an dem sich (zum Beispiel) Journalisten überlegen müssen, ob es noch reicht, Fakten gegen Behauptungen zu setzen, wenn sich die Leute, die damit aufgeklärt werden sollen, überhaupt nicht mehr dafür interessieren. Vielleicht müssen wir sehr viel grundsätzlichere Diskussionen führen und öfter darüber reden, warum und wie Gerüchte und Verschwörungstheorien zustande kommen. Und dass zwar jeder skeptisch sein und das Handeln etablierter Gruppen oder Institutionen in Frage stellen darf; dass er deswegen aber nicht automatisch die Empörung darüber gepachtet hat, der Betrogene zu sein.

Ausgerechnet „Akte X“ erklärt das ganz gut: Sie brauchen bloß den Fernseher einzuschalten.

Alternativ können Sie einfach weiterlesen, dann müssten Sie allerdings auf den hiermit angekündigten Spoiler gefasst sein und dürften sich nachher nicht beschweren, dass ich Ihnen die Folge vermasselt habe.

Auf Mulders kleine Sinnkrise folgt jedenfalls ziemlich bald die Begegnung mit dem gesuchten Eidechsenmann, den der FBI-Agent erst über einen dunklen Parkplatz jagt, dann durch ein schmieriges Hotel, um ihn schließlich auf einem Friedhof in einer überaus zivilisierten Unterhaltung zur Rede zu stellen.

Bis dahin gibt es zahlreiche Anspielungen auf die Serie selbst: Mulders Smartphone klingelt mit der „Akte X“-Titelmelodie; Leute, die der Serie verbunden sind, haben kleine Gastrollen; auf den Grabsteinen in den Friedhof-Szenen stehen die Namen von Leuten, die an der Originalserie mitgearbeitet haben und seitdem verstorben sind. Vox.com hat den Überblick.

Dort erfährt Mulder, was sich wirklich zugetragen hat: Dass der Gesuchte gar kein Mensch ist, der von einem Monster gebissen wurde und sich deswegen selbst in eins verwandelt; sondern eine unschuldige Eidechsenkreatur, die von einem irren Menschen angefallen wurde, nun das Schicksal erleidet, zum Humanoiden zu mutieren und ständig den Drang verspürt, Klamotten zu tragen und sich einen langweiligen Job zu suchen. Das ist eine wunderbare Pointe: Wenn Sie mögen, glauben Sie ruhig daran, dass es in diesem Kosmos andersartige Wesen gibt – aber das gibt Ihnen noch lange nicht das Recht, sich als deren Opfer zu fühlen. Möglicherweise ist es genau andersherum. („Nenn mich nicht Reptil, das ist rassistisch“, maßregelt der Eidechsenmann seinen FBI-Bekannten zum Schluss noch, bevor der vom Zweifler dann doch wieder zum Mulder wird.)

Anders gesagt: Die Wahrheit ist ganz sicher irgendwo da draußen. Es ist nur vielleicht nicht die, die man sich am festesten einzubilden versucht.


Aufmacherfoto: © 2016 Fox.