Wie realistisch ist Bio-Fastfood?

Wie realistisch ist Bio-Fastfood?

, etwa %minutes% Minuten Lesedauer

McDonald's-Deutschland-Chef Holger Beeck war sichtlich stolz, als er im vergangenen Herbst den „weltweit ersten McDonald's-Burger mit 100 Prozent Bio-Rindfleisch“ ankündigen konnte. In der Werbung flatterte ein Bio-Siegel über einen sonnenbeschienenen Bauernhof bis ins Burger-Restaurant. Dazu hieß es: „Verändert vielleicht nicht die Welt. Aber dein Mittagessen.“ Die Veränderung war allerdings nur von kurzer Dauer. Vor zwei Wochen erklärte die Fastfood-Kette, dass weder der „McB“ noch der „Long McB“ dauerhaft ins Sortiment aufgenommen werden.

In einer Mitteilung des Unternehmens heißt es:

Zwei Tage später meldete der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) ein zweistelliges Wachstum des Umsatzes mit Bio-Lebensmitteln in Deutschland. „Die Nachfrage wuchs 2015 noch einmal stärker als schon in den Jahren zuvor“, erklärte BÖLW-Geschäftsführer Peter Röhrig, „und das Potenzial am Bio-Markt ist längst noch nicht ausgeschöpft“.

Wie passt das zusammen? Ist Bio jetzt Nische – oder Massenmarkt?


1. Die Umsätze steigen, aber nicht überall gleich schnell.

Laut BÖLW liegt der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln 2015 bei 8,62 Milliarden Euro. Das klingt viel, entspricht aber lediglich 4,4 Prozent des Umsatzes im gesamten deutschen Lebensmittelmarkt. (Zum Vergleich: In Schweden sind es bereits 6,0 Prozent, in Frankreich erst 2,6 Prozent.) Und nicht von allen Lebensmitteln wird gleich viel abgesetzt. Milch und Eier zum Beispiel kaufen viele Verbraucher inzwischen ganz selbstverständlich in Bio-Qualität. Beim Fleisch ist es komplizierter.

Im Jahr 2014 wurden nach Berechnungen u.a. der Bonner Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) in Deutschland 39.300 Tonnen Bio-Rindfleisch und 20.800 Tonnen Bio-Schweinefleisch produziert. Im Vergleich zum konventionellem Fleisch sind diese Mengen verschwindend gering. Laut Statistischem Bundesamt sind im Jahr 2015 in Deutschland rund 5,56 Millionen (!) Tonnen Schweinefleisch und 1,1 Millionen Tonnen Rindfleisch erzeugt worden. (Hier stehen die Tonnagen aus 2014 zum Vergleich; in den Gesamtwerten sind auch die Bio-Tiere drin, die das Statistische Bundesamt nicht separat ausweist; mehr zur Berechnung in den Anmerkungen rechts.)

Außerdem sind die Tonnagen des in Deutschland produzierten Biofleischs in den vergangenen Jahren nicht gerade massiv gestiegen – im Gegenteil: 2014 lag die Tonnage beim Rindfleisch nur knapp über dem Niveau von 2012 (und unter dem von 2011 mit 39.500 Tonnen); die Menge des Bio-Schweinefleischs war 2014 sogar rückläufig.

Im vergangenen Jahr gab es wieder einen stärkeren Aufwärtstrend, sagt Diana Schaack, Marktexpertin für Ökologischen Landbau bei der AMI: „2015 war die Nachfrage nach Schweinefleisch sehr groß, weil Discounter und Supermärkte ihre Produktpalette stark ausweiten wollten. Auch die Verkäufe von Rindfleisch in Bio-Qualität sind im Vorjahr zweistellig gestiegen.“


2. Wer große Mengen Bio-Rindfleisch benötigt, muss sich anstrengen

Aber bleiben wir doch beim Burger: Rund 600 Tonnen Bio-Rindfleisch habe McDonald's eingekauft, um den McB im vorher festgelegten Zeitraum von Anfang Oktober bis Mitte November produzieren zu können, ist in der Branche zu hören. McDonald's will die Zahl nicht bestätigen und nennt lediglich „mehrere hundert Tonnen“. Im Gespräch mit Krautreporter sagt Unternehmenssprecher Philipp Wachholz:

„Es hat rund 12 Monate gedauert, die Aktion vorzubereiten und die entsprechenden Mengen an Biofleisch einzukaufen. Das hat in diesem Umfang in der Systemgastronomie noch kein anderes Unternehmen in Deutschland gemacht.“

Die lange Vorbereitungszeit ist darauf zurückzuführen, dass McDonald's Fleisch kaufen musste, das sonst in dieser Menge nicht einfach als Überkapazität auf dem Markt verfügbar ist. Dazu, wie das passiert ist, sagt McDonald's ebenfalls nichts. Branchenkenner gehen davon aus, dass Fleischbestände aus verschiedenen Bundesländern zusammengekauft wurden, ein Teil davon vermutlich als Tiefkühlware, die im Sommer eingefroren wurde, weil dann die Nachfrage nach Rindfleisch im Markt am geringsten ist. Kleine Bestände, die sonst gar nicht als Bio vermarktet werden, mussten ausfindig gemacht und erworben werden. Ein Teil des Fleisches kam dem Vernehmen nach aus Österreich, weil es dort viele Milchkühe gibt, deren Fleisch (sobald sie als „unproduktiv“ eingestuft sind) häufig für Burger verwendet wird.

Außerdem war der Zeitraum für die Aktion klug gewählt. AMI-Expertin Schaack erklärt: „Nach dem Sommer, wenn die Rinder von der Weide kommen, werden die meisten Tiere geschlachtet, weil die Bauern dann mit ihnen nicht in die Winterfütterung gehen müssen, die wegen des Futters deutlich mehr kostet.“

Das bedeutet aber auch: Wenn der McB bei zum überragenden Erfolg geworden wäre, hätte er sich gar nicht so leicht dauerhaft im Sortiment etablieren lassen. Jedenfalls nicht mit einem Fingerschnippen. 600 Tonnen Bio-Rindfleisch klingen (wenn wir mal annehmen, dass die Zahl stimmt) zwar im Vergleich zur produzierten Jahresmenge von etwa 39.000 Tonnen nicht nach viel. Allerdings handelte es sich dabei nur um die eingekaufte Fleischmenge für rund sieben Wochen. Aufs Jahr gerechnet hätte der Biofleisch-Bedarf der Fastfood-Kette also grob überschlagen bei 4.800 Tonnen gelegen – mehr als ein Zehntel der aktuellen Jahresproduktion in Deutschland. Um das organisiert zu kriegen, hätte der Konzern einen gewissen Vorlauf benötigt.

„Wenn ein Unternehmen wie McDonald's langfristig Biofleisch anbieten wollte, wäre es möglich, sich dafür Vertragsbauernhöfe zu suchen, die kontinuierlich die gewünschten Mengen liefern könnten“, sagt Diana Schaack.

Das hätte auch der BÖLW begrüßt, erklärt Sprecherin Joyce Moewius: „Wenn ein großes Unternehmen wie McDonald's dauerhaft größere Mengen heimisches Biofleisch für seine Restaurants beziehen würde, gäbe das zusammen mit der steigenden Nachfrage nach Bio-Produkten im Handel einen Ausschlag dafür, dass die deutschen Landwirte eine größere Planungssicherheit hätten.“


3. Für mehr Biofleisch braucht's – Überraschung! – mehr Bauern, die ihre Höfe umstellen

Dass in Deutschland – im Vergleich zum konventionellen Fleisch – so wenig Biofleisch produziert wird, liegt auch daran, dass vielen Landwirten die Umstellung auf eine Bio-Bewirtschaftung zu risikoreich ist, wenn sie sich nicht sicher sein können, dass sich die hohen Investitionen lohnen. Ein Bauer muss, wenn er seinen Betrieb über einen Zeitraum von drei Jahren auf Bio-Bewirtschaftung umstellt, zahlreiche Auflagen erfüllen, in den Bau eines neuen Stalls investieren und den Tieren mehr Platz zur Verfügung stellen. Der muss erstmal da sein und bezahlt werden können.

„Ein Betrieb, der Biogas erzeugt, hatte es in den vergangenen Jahren durch die höhere Förderung sehr viel leichter, hohe Pachtpreise zu zahlen, als ein Betrieb, der Bio-Lebensmittel erzeugt“, sagt BÖLW-Sprecherin Moewius. Ihr Verband pocht deshalb auf verbesserte Bedingungen für Bio-Bauern, die auf EU-Ebene durchgesetzt werden müssten.

Nochmal zusammengefasst: Unabhängig davon, wie man über große Fastfoodketten und das dort angebotene Essen denkt – um die Biofleischproduktion in Deutschland anzukurbeln, hätte ein erfolgreicher Bio-Burger ziemlich hilfreich sein können.

Stattdessen sorgen jetzt Handelsketten wie Lidl dafür. Auf Krautreporter-Anfrage erklärt ein Sprecher des Discounters, das Sortiment sei im vergangenen Jahr ausgeweitet worden: „Regional haben wir in der Spitze bis zu 25 Prozent unseres Rindfleischangebots im Bereich Frischfleisch auf Bio-Ware umgestellt.“ Ein Großteil des Fleisches komme aus Deutschland. „Um eine dauerhafte Warenversorgung sicherzustellen, wird teilweise auch Rohware aus Österreich oder Dänemark verwendet. Unser Ziel ist es jedoch, Biofleisch zukünftig nur noch von Lieferanten aus Deutschland zu beziehen, dazu stehen wir in engem Austausch mit unseren Lieferanten.“


4. Bio und Nicht-Bio müssen strikt getrennt sein – das ist für Fastfood-Ketten gar nicht so einfach

Dass der McB nicht zum Knaller geworden ist, könnte auch daran gelegen haben, dass er gar kein richtiger „Bio-Burger“ war: weil ausschließlich das Fleisch Bio-Qualität hatte, alle anderen Zutaten aber nicht. War die Aktion von McDonald's deshalb nur ein Marketing-Gag, wie manche Medien schreiben?

Gut möglich. Dann aber ein ziemlich teuer erkaufter, selbst für einen großen Konzern wie McDonald's. Nicht nur wegen des langwierigen Einkaufs. Um Bio-Buletten braten zu können, hat die Kette in der Vorbereitung sämtliche deutschen Restaurants von Öko-Kontrollstellen zertifizieren lassen und musste u.a. garantieren, dass es bei der Produktion nicht zur Verwechselung zwischen herkömmlichen Buletten und Bio-Buletten kommt. „Das Fleisch war separat abgepackt und die Verpackung farblich speziell gekennzeichnet“, erklärt Sprecher Philipp Wachholz. Bevor das Bio-Rindfleisch gegrillt werden konnte, musste der Grill jeweils nach einer vorgegebenen Prozedur gereinigt werden.

Ähnliche Maßnahmen hätten auch für alle anderen Zutaten eingehalten werden müssen, z.B. Salat und Tomaten. Sowas wäre am ehesten über getrennte Anrichtplätze möglich gewesen. Dafür ist aber vor allem in kleineren Restaurants schlicht kein Platz. Das ist ein viel naheliegender Grund dafür, dass McDonald's keinen „kompletten“ Bio-Burger angeboten hat. (Das Unternehmen äußert sich dazu nicht.)


5. McDonald's will sich verändern, um keine Kunden zu verlieren

Das ändert natürlich nichts daran, dass McDonald's sehr viel Geld dafür ausgibt, sich ein besseres Image zuzulegen. Gleichzeitig muss die Kette gegen sinkende Umsätze ankämpfen, weil Kunden zu Konkurrenten mit „gesünderem“ Fastfood wechseln. (In den USA zum Beispiel zu Chipotle, das aber gerade ganz andere Probleme hat. In Deutschland schreiben viele Journalisten, die Kunden würden stattdessen hochwertigere Burger in neuen Restaurantketten wie „Hans im Glück“ futtern. Ich glaube eher, sie ernähren sich anders ungesund.)

In jedem Fall ahnt Steve Easterbrook, seit knapp einem Jahr neuer CEO von McDonald's in den USA, dass sich der Konzern verändern muss, um noch den Geschmack der Kunden zu treffen. Dafür werden unterschiedliche Strategien ausprobiert.

Zum Beispiel Kanada: In Toronto hat das Unternehmen Ende des vergangenen Jahres zum ersten Mal ein eigenständiges McCafé eröffnet und verkauft dort z.B. Linsen- und Süßkartoffel-Hummus-Wraps mit Grünkohl, Pulled-Beef-Burger und Salat mit Edamame und Mandarinen.

 

Zum Beispiel China: In Hong Kong können sich Kunden in einer neuen Filiale („McDonald's Next“) Spinat und Spargel auf den Burger legen oder Quinoa-Couscous mit Flusskrebsmayonnaise in den Salat mischen lassen und zusehen, wie ihre Bestellung an einem Glastresen zubereitet wird. Vermutlich hat der Konzern dafür einen eigenen Glasputzer einstellen müssen.

 

Zum Beispiel Australien: Bei dem bereits Ende 2014 in Sydney eröffneten Café „The Corner“ verzichtet McDonald's fast komplett auf sein Logo und serviert Kaffee, Sandwiches, Suppen und belegte Brötchen in einer Art Hipster-Kantine. Der Laden soll als Testlabor für neue Gerichte funktionieren, erklärte ein Sprecher des Konzerns australischen Medien.

 

Zum Beispiel Deutschland: Bei uns hat das Unternehmen versucht, an die Bio-Begeisterung der Deutschen anzuknüpfen. Sprecher Wachholz sagt: „Wir werden uns weiterhin mit dem Thema Bio beschäftigen. Dabei bietet unser Angebot viele Möglichkeiten, es muss nicht automatisch wieder Fleisch sein.“ (Quinoa ist ja auch schon im Veggie-Burger drin.)

Vielleicht wird sich die Fastfood-Kette am Ende aber auch mit der Erkenntnis begnügen müssen, dass ihre Kunden einfach das wollen, was McDonald's schon immer am besten konnte. Ende Januar gab der Konzern bekannt, wieder steigende Umsätze zu verzeichnen und nannte als einen der Gründe für das Wachstum, dass seit Oktober in amerikanischen Filialen ganztägig Frühstück angeboten wird: Egg McMuffins, Pancakes, Bacon-Biscuits. Das alles hat garantiert noch kein Spinatblatt auch nur aus der Nähe gesehen.


Aufmacherfoto: obs/McDonald's Deutschland

Das interessiert Sie vielleicht auch: