Die Fettwelle

Die Fettwelle

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Hähne, schwarz wie die Nacht, schreien in den Regenwald. Umschlossen von Dunkelheit, um fünf Uhr am Morgen, öffnet Galuega Avau die Augen. Die Matratze, die er sich mit seiner Frau teilt, liegt feucht am Boden neben dem Fenster. Es hat geregnet in der Nacht, über Stunden prasselten die Tropfen auf das Wellblechdach. Galuegas Haus presst sich flach und weiß an den Fuß eines Berges, direkt dahinter streckt seine Plantage sich Hunderte Meter den Hang empor.

Auf dem Bett türmt sich die Frau des Bauern wie ein Wal an der Meeresoberfläche. Galuega sieht mager aus neben ihr. Er steht auf, streckt sich, schaut zurück. „Sie ist viel zu fett“, sagt Galuega über seine Frau. „Ich hasse sie dafür.“ Er lacht dann jeweils, denn er hat sie ja gern. Germaima keucht und zieht sich die Decke über den Kopf.

Sie wird einige Stunden später den Tag beginnen, in dem kleinen Verschlag neben der Küche duschen, sich ein Handtuch um ihren schweren Körper und eins um die langen, nassen Haare schlingen. Sie wird ihrem Mann ein Frühstück aus Toast, Eiern und Obstsalat zubereiten, es ihm an den kleinen Tisch vor seinem Lieblingssessel bringen und selber bunte Froot Loops essen, in Blau und Grün und Rot eingefärbte Getreideringe mit Fruchtaroma. Essen aus den USA, in einer großen Schale mit fast einem halben Liter Milch. Galuega wird sie ansehen, mit den Händen auf seinen Bauch trommeln und sie ermahnen. „Dein Gewicht bringt dich um“, wird er sagen. „Aber vorher lasse ich mich scheiden.“

Einer der letzten Normalgewichtigen

Galuega Avau ist 57 Jahre alt und jeden Morgen der Erste seiner Familie, der den Tag beginnt. Neben ihm und Germaima leben noch die längst erwachsenen Kinder Ross, 28, und Roselyn, 26, in dem einfachen Betonbau. Galuega braucht vier Schritte vom Bett bis zur grün lackierten Zimmertür, von dort sechs in die kleine Küche. Das Wohnzimmer liegt dazwischen. Ein leerer Raum mit einem Flachbildfernseher an der einzigen freien Wand, ringsum reihen sich Plastikstühle und ein Matratzenlager.

Galuega legt sich seinen Lavalava um, ein orangefarbenes Wickeltuch, das er elegant um die Hüften und über seine Unterhose knotet, und geht hinaus in die noch anhaltende Finsternis. Sein karamellfarbener Oberkörper bleibt nackt, beide Enden seiner traditionellen Tätowierung, vom Bauchnabel bis zum Knie, schauen hervor. Nasse Blätter rascheln um seine Waden und die Füße in den Badelatschen, links und rechts von ihm traben bald sieben Hunde. 25 Grad, 93 Prozent Luftfeuchtigkeit. Eine Stunde Laufen, bevor es zu heiß dafür wird, sein tägliches Sportprogramm vor dem Frühstück. Den schroffen Pfad hinab ins Dorf, am Hafen entlang, zurück durch das Nachbardorf, den Berg empor. Überall die Hähne. Manchmal sieht er einen riesigen schwarzen Umriss und grüßt ins Dunkel.

Galuega ist einer der letzten normalgewichtigen Einwohner von Amerikanisch-Samoa. Rund 55.000 Menschen leben hier, ungefähr 95 Prozent von ihnen sind fettleibig. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) verkündete 2009, dass Amerikanisch-Samoa das Land mit dem weltweit größten Anteil krankhaft Übergewichtiger an der Gesamtbevölkerung ist. Daran hat sich seitdem nichts geändert. Nahezu jeder auf der Straße, im Supermarkt oder im Bus ist unfassbar dick. Frauen wie Männer, inzwischen auch Kinder. Einige können kaum laufen, zu weit sind die Füße durch das Fett in den Beinen voneinander entfernt, zu schlecht ist ihre Kondition. „Alle denken, Essen ist etwas Gutes“, sagt Galuega, „aber es ist schlecht für uns geworden.“

Der zweigeteilte Archipel

Samoa ist eine Inselgruppe im südlichen Pazifik, auf halber Strecke zwischen Hawaii und Neuseeland. Im späten 19. Jahrhundert wurde der Archipel zweigeteilt, eine Hälfte, die westliche, ging an Deutschland und ist inzwischen unabhängig, die östliche übernahmen die Vereinigten Staaten. Das größte US-Territorium südlich des Äquators, Amerikanisch-Samoa, setzt sich aus fünf Vulkaninseln und zwei Korallen-Atollen zusammen.

Tutuila, die Hauptinsel, ist das Zuhause von Galuega und seiner Familie. Wie die Rückenflosse eines großen grünen Fisches ragt das Eiland aus dem Ozean. Von der Mitte, spitz und hoch, fällt zu beiden Seiten tropischer Regenwald hinab auf einen schmalen Rand Lebensraum, durch den sich die einzige Straße, die Route Number 1, von Nordosten bis in den Nordwesten zieht. Immer an der Küste entlang. Die Hauptstadt Pago Pago hat ihre Bezeichnung nicht verdient. Sie liegt als ein Haufen Dörfer an der Verkehrsader. Ihr Tiefseehafen, der sich weit ins Inselinnere zieht, war ein Grund für das Interesse der Amerikaner an Samoa und wurde im Zweiten Weltkrieg zu einem wichtigen Stützpunkt der US-Marine im Pazifik.

Ein Großteil der wenigen Weißen, die in Pago Pago umherlaufen, gehört noch immer zum Militär. Galuega nennt sie Palagis und kichert jedes Mal, wenn er das Wort sagt. Es setzt sich zusammen aus „Pa“ für „Knall“ und „Lagi“ für „Himmel“ und meint „die, die mit einem Knall vom Himmel fielen“, sagt Galuega. Angeblich, erklärt er, habe im 18. Jahrhundert der König von Samoa das Wort verwundert ausgesprochen, als er die ersten Europäer an seinem Strand fand.

„Sie wollen nur das, was die Palagis essen“

Noch heute schreien Kinder aufgeregt „Palagi, Palagi“, wenn sie hellhäutige Ausländer sehen. Es gibt nahezu keinen Tourismus in Amerikanisch-Samoa, obwohl die Inseln paradiesisch schön sind. Niemand scheint daran interessiert, um Touristen zu werben oder an ihnen Geld zu verdienen. Galuega findet das einerseits schade, denn er mag fremde Menschen, andererseits freut er sich darüber, denn seine Heimat verändert sich ohnehin viel zu schnell. „Unsere jungen Leute kaufen mein Obst und Gemüse nicht, sie wollen nur noch das, was die Palagis essen“, sagt Galuega und klatscht wieder mit der offenen Hand auf seinen nackten Bauch. Vor ihm ragen seine Kokosnuss-Palmen in den Himmel. In den nächsten zwei Stunden wird er über den nassen Hang klettern, mit einem langen Stock mehr als 40 Nüsse abschlagen, sie im Gestrüpp suchen, anschließend aus ihrer grünen Hülle pulen und dann in Körben verstauen, damit seine Frau sie am Mittag auf dem Markt verkaufen kann. Mit Glück für zwei Dollar das Stück.

„Mein Name ‚Galuega‘ bedeutet übersetzt ‚Arbeit‘“, erklärt er, während er mit seiner Machete einen morschen Palmenstamm aus dem Weg schlägt. „Meine Mutter sagte: ‚Ich nenne dich Arbeit, denn so sollst du leben. Ich will eine starke Familie.‘“ Dafür hat Galuega alles getan. Er ist stolz auf seinen Hang voller Nutzpflanzen, seine Kinder und seine Figur.

Das Geheimnis der Fettleibigkeit

In Tafuna, am anderen, südwestlichen Ende der Insel begrüßt der Palagi Stephen McGarvey in seinem Hotel die Rezeptionistin: „Malo! 'O a mai 'oe, Becca?“ Das heißt: „Hallo! Wie geht es dir?“ Becca geht es gut, sie lacht und lobt McGarveys Aussprache. Er hat sich ihren Namen vor einigen Jahren gemerkt. Tutuila ist so etwas wie seine Arbeitsheimat. Seit mehr als 30 Jahren reist der Wissenschaftler ein- bis zweimal pro Jahr an, um das Geheimnis der nationalen Fettleibigkeit zu erforschen.

McGarvey, Anthropologe und Epidemiologe an der renommierten Brown-Universität im US-Gliedstaat Rhode Island, hat als einer der Ersten erkannt, dass die Menschen auf Samoa ungewöhnlich viel zunehmen, und als Einziger über Jahrzehnte nicht aufgehört zu fragen, warum das so ist. Er hat verfolgt, wie sie immer dicker und schließlich, jetzt, lebensbedrohlich dick geworden sind. Und er hat versucht, das zu verhindern.

„Das Fett ist wie eine Welle über die Insel geschwappt, hat alle erreicht und Tausende in den Tod gerissen“, sagt Stephen McGarvey, 65 Jahre alt, 1 Meter 80 groß, 86 Kilogramm schwer, ein Langstreckenläufer mit breiten Schultern und sehr kurzem grauem Haar. Seine blauen Augen scheinen immer wach. Jeder kennt ihn hier. Er hat selbst in den abgelegenen Dörfern Samoaner auf Diabetes und Bluthochdruck getestet und im Notfall sofort ins Krankenhaus gebracht. Er hat inselweite Studien durchgeführt, Daten und Dörfer verglichen, Gene untersucht und unermüdlich jeden persönlich begrüßt. Er hat sich Hunderte Namen gemerkt.

Besucht er Amerikanisch-Samoa, bedeutet das vor allem ununterbrochene Kommunikation. Eine der vielen Formen der Respektsbekundung in Samoa ist die Unterhaltung. Sich grüßen und vorstellen, Menschen ansprechen, Komplimente machen und nach der Familie fragen, Interesse zeigen und lächeln. Für McGarvey, der gern ruhig und zurückgezogen lebt, eine Tortur, der er sich dennoch immer wieder stellt.

Ein Meilenstein seiner Karriere

Nach dem Frühstück läuft McGarvey zum Meer. Er stellt sich an die schroffe Lavaküste, im Rücken das abgelegene Hotel, und schaut still, wie die Sonne aufgeht. Er ist seit einigen Tagen in Amerikanisch-Samoa, und heute wird er eine wichtige Rede halten. Einen Vortrag, der einen Meilenstein seiner Karriere markiert. Am liebsten würde er bis dahin gar nichts mehr sagen. Er hat lange an seiner Präsentation gefeilt, die Anspannung zeichnet sich in seinem sehnigen Körper ab.

Vor ihm klatscht das Meer gegen die schwarzen Steine, spritzt hoch empor, fast, als wolle es ebenfalls mit ihm sprechen. Er kneift ein wenig die Augenbrauen zusammen, blickt lange auf den inzwischen goldlilarot gefärbten Himmel und das tiefblaue Meer. „Diese Fett-Epidemie muss gestoppt werden, das Ausmaß ist erschreckend“, sagt er. McGarvey sucht in Amerikanisch-Samoa eine Formel gegen das Verfetten. Denn hier geschieht mit rasender Geschwindigkeit, was auf der ganzen Welt zu einem erheblichen Problem geworden ist: Alle werden immer dicker.

Zwischen Galuega in seiner Plantage und McGarvey am Meer windet sich die Route Number 1 vorbei an blendend weißem Strand, acht Dörfern, 13 Kirchen, vier koreanischen Waschsalons, dem städtischen Krankenhaus, einem im Dschungel verborgenen Wasserfall, 18 Busstationen, zwei Banken und drei Supermärkten. Wer auf der Route Number 1 fährt, ist selten schneller als 40 Kilometer pro Stunde, auf der einen Seite liegt immer das Meer, auf der anderen der Regenwald. Überall Pick-up-Trucks, auf deren Ladefläche meist eine Handvoll Samoaner von gewaltigem Ausmaß mitfahren. Dazu klapprige alte Busse, die alle von ihren Besitzern bunt bemalt wurden. „God is good“ ist auf vielen oben über die Frontscheibe geschrieben, das Fahrzeug versehen mit zwei Boxen auf jeder Seite, aus denen Hip-Hop-Bässe die Straße beschallen.

Invasion des American Way of Life

Viele Samoaner wollen so sein wie die Menschen in den USA. Die Vereinigten Staaten stehen für Fortschritt und Coolness, für Technologie und Freiheit. Das Problem: Auf den samoanischen Inseln wird amerikanisches Essen mit amerikanischem Lebensstil gleichgesetzt. Chips, Käsenudeln zum Aufgießen, Donuts, Schweinefleisch und Softdrinks sind hier der American Way of Life. Ein importierter Lebensstil, der nahezu täglich mit Flugzeugen auf den Inseln landet. Eine Invasion.

Noch vor dreißig Jahren hatten die Einwohner Samoas kaum Bezug zu westlichem Essen. Als McGarvey 1976 zum ersten Mal die Insel besuchte, wurde ihm in einem der Dörfer ein halbes Kilo Spaghetti mit Tomatensauce aufgetischt – kalt, noch in der Dose. Fremde Nahrung für den Fremden. Ein respektvoller Akt, eine Ausnahme. Die Einheimischen ernährten sich vorwiegend von frisch gefangenem Fisch, Kokosnüssen und dem Obst und Gemüse, das sie selber anbauten. Nach und nach verfielen sie dann der amerikanischen Nahrung, den Fertiggerichten und dem Fast Food. Es hat sich allerdings nie ein Bewusstsein für die Gefahren dieser Ernährungsweise entwickelt.

„Die Dritte Welt ist auf unsere schlechte Nahrung nicht vorbereitet“, sagt McGarvey. Seine Studien aus Indien und Afrika zeigen, ähnlich denen aus Samoa, wie die Globalisierung die Menschen überall auf der Welt verfetten lässt. Ehemals gesunde Nationen, manchmal sogar hungernde, werden mit der Ankunft der westlichen Zivilisation in ihren Breitengraden innerhalb weniger Jahrzehnte dick. Fettleibigkeit ist eine neue Todesursache. Inzwischen sterben auf der Welt mehr Menschen an Übergewicht als an Untergewicht, ein Drittel der Weltbevölkerung gilt heute als fettleibig. Künstlich verarbeitete Lebensmittel, Arbeitsplätze in Büros und vor Computern sowie moderne Transportmöglichkeiten machen die Menschen fett.

Früher gingen die Polynesier zu Fuß, fischten und aßen Fisch, kochten Gemüse, arbeiteten wie Galuega auf dem Feld. Sie aßen auch damals extrem viel, das ist ein wichtiger Teil ihrer Tradition, aber keine Kokosnuss und keine Banane macht so dick wie drei Burger mit Pommes und zwei Litern Cola.

Als der erste McDonald’s im Jahr 2000 auf Tutuila eröffnet wurde, blockierte eine Schlange aus Hunderten Besuchern wochenlang die komplette Straße vor der Einfahrt. Noch immer gilt dies als die weltweit erfolgreichste Filialeröffnung der Firmengeschichte. Im Jahr 2003 verkaufte die Filiale in Tafuna von über 30.000 McDonald’s in der ganzen Welt die meisten Mahlzeiten. Davon zeugt noch immer ein gerahmtes Dokument an der Wand neben den Kassen. Wer sich das Essen bei McDonald’s leisten kann, gilt als wohlhabend und modern.

„Je moderner Menschen leben, desto ungesünder leben sie meistens auch“, sagt McGarvey. Er schüttelt jedes Mal den Kopf, wenn er den flachen roten Bau mit dem gelben M nahe seinem Hotel passiert. In der Einfahrt prangt ein Schild, auf dem steht: „Hühnchen ist die Quelle der Glückseligkeit.“ Drinnen wälzen sich Samoaner durch die breiten Gänge, auf ihren Tabletts stapelt sich frittiertes Fleisch. Einige haben tiefschwarze Waden, eine Folge von schwerem Diabetes.

Gastvortrag auf der Gesundheitskonferenz

McGarvey fährt in das zentrale Dorf Utulei und steigt vor dem Kongresszentrum aus seinem Mietwagen, einem kleinen roten Nissan, den er stets mit komplett heruntergelassenen Fenstern fährt. An die tropische Hitze hat er sich gewöhnt, an Klimaanlagen nicht. Der Forscher trägt nicht wie sonst Shorts und T-Shirt, sondern lange Khakihosen und ein kariertes Hemd. McGarvey hält heute einen Gastvortrag auf dem Health Summit, der Gesundheitskonferenz von Samoa und Amerikanisch-Samoa. Zur Begrüßung legt ihm eine Frau eine Blumenkette um den Hals. Sie ist einen Kopf größer als er, hat Oberarme in Oberschenkelbreite und ein umwerfendes Lächeln.

Es ist sehr wichtig, eine Blumenkette zu tragen. Sie wird jedem Gast umgelegt, damit er sich willkommen fühlt. Es ist unhöflich, sie abzunehmen. Die Orchideen in Lila und Weiß schmiegen sich kalt in McGarveys Nacken. Ab jetzt heißt es warten. Bevor einer der Redner zu Wort kommt, werden offizielle Respektsbekundungen und Geschenke ausgetauscht. Die Kollegen aus West-Samoa sind nicht oft zu Besuch, unter ihnen einige hochrangige Direktoren und Vorsitzende von Krankenhäusern und Gesundheitsgremien.

Die Inselgruppen trennen ein 25-minütiger Flug und die Datumsgrenze, das Problem Fettleibigkeit haben beide. Inzwischen wird dieses Problem sehr ernst genommen – das Verdienst von Stephen McGarvey. Jahrzehntelang hat er sich abgemüht, ein neues Gesundheitsbewusstsein zu schaffen und die Einwohner Samoas davon zu überzeugen, dass der Gang zum Arzt nicht bedeutet, krank zu werden. Viele Samoaner vertrauten ihm zuerst nicht, als er bei ihnen Bluthochdruck und Diabetes diagnostizierte. In ihrem Denken hatte er ihnen die Krankheit überhaupt erst gebracht.

Kein Verständnis für chronische Krankheiten

Die traditionellen samoanischen Heiler stufen Erkrankungen, die in ihrem mythischen Glaubenssystem nicht überliefert wurden, als nicht-samoanisch ein und behandeln sie auch nicht. Wer die Diagnose einer „westlichen“ Krankheit erhält, tendiert dazu, sie zu verleugnen oder zumindest nicht richtig behandeln zu lassen. Besonders deutlich wird das bei Diabetes, an dem nach neuen Studien 52,3 Prozent der Männer und 42,4 Prozent der Frauen im Alter von 25 bis 64 in Amerikanisch-Samoa leiden. Die meisten von ihnen achten nicht auf ihre Insulinwerte, spritzen sich nicht, stellen nicht ihre Ernährung um und treiben auch keinen Sport.

Vielen von ihnen müssen daher ein oder zwei Gliedmaßen amputiert werden, oft zumindest ein Fuß. Viele von ihnen werden jung sterben. Das Prinzip „chronische Krankheit“ findet kein Verständnis auf der Insel und in den Familien. So etwas gab es in ihrer jahrtausendealten Kultur zuvor noch nicht.

In der Kongresshalle mit dem hoch gewölbten Dach, von den Samoanern „Schildkröte“ genannt, haben sich rund 400 Teilnehmer versammelt, die sich alle täglich mit diesem Problem auseinandersetzen müssen. Überall hängen Plakate und liegen Broschüren aus, auf denen steht „Wie Männer mit Diabetes leben können“ oder „Was Fettleibigkeit für meine Familie bedeutet“.

Die Mediziner, Krankenpfleger, Mitarbeiter diverser Forschungseinrichtungen und Wissenschaftler sind festlich gekleidet, die Frauen in bodenlange geblümte Kleider, die Männer meist in schwarze Lavalavas mit Jackett. Selbst sie, die sich jeden Tag mit gesunder Ernährung befassen, sind allesamt stark übergewichtig. In der Masse sehen sie deshalb fast normal aus.

Alles ist der allgemeinen Fettleibigkeit angepasst, der Abstand zwischen den Stühlen, die Breite der Gänge, die XXL-Blumenketten. Sogar die Träger der Jutetaschen mit Info-Broschüren sind extralang, damit sie über die dicken Arme gestreift und seitlich der Bauchringe getragen werden können. Zwei junge Frauen an einem der Anmeldestände, beide um die 1 Meter 70 groß und 75 Kilogramm schwer, stechen geradezu mager aus der Versammlung heraus.

Normalgewichtige leiden

Absurderweise leiden die wenigen Normalgewichtigen der Insel häufig unter ihrem Gewicht, denn in dem alten gesellschaftlichen Glauben sind die Kranken dünn und die Gesunden wohlgenährt. Und wo alle dick sind, sind die Dünnen plötzlich die, die merkwürdig aussehen. „Sie befördern außerdem die eigene Scham“, sagt McGarvey. „Normalgewichtige sind wie winzige Erinnerungen an ein Leben, das kaum noch jemand führt, das man aber eigentlich führen könnte.“ Ein Leben ohne Bluthochdruck, ohne nässende Wunden zwischen verfetteten Hautlappen, ohne Antriebslosigkeit, ohne amputierte Gliedmaßen und ohne die Angst vor dem eigenen, viel zu frühen Tod.

McGarvey sitzt einige Stuhlreihen von den jungen Frauen entfernt auf einem der Ehrenplätze, vor der Bühne. Als sein Name bei der Eröffnungszeremonie genannt wird, geht ein Raunen durch die Halle, einige winken ihm aufgeregt zu. Sein Vortrag steht für 11 Uhr 50 im Programm und wird um 12 Uhr 30 auf den Nachmittag verschoben. Alle Redner haben überzogen, alle Teilnehmer wollen zu Mittag essen. Es wird niemand zuhören, jetzt, wo alle ans Essen denken.

Adipositas wird nicht ohne Grund auch als Fettsucht bezeichnet. Wie Junkies drängeln sich die Health-Summit-Teilnehmer in den breiten Gang Richtung Buffet. Es gibt 30 Zentimeter lange Bratwürste und frittierten Fisch und Schweinefleisch mit dickem Fettrand und glänzendes Kartoffelpüree und gebackene Taro, eine kartoffelähnliche Wasserbrotwurzel, und sämige Saucen und Sahnekuchen mit neongelber Zuckerglasur.

Drei chinesische Nudelsuppen

Ross, der Sohn von Galuega, steuert den rostigen alten Familien­Pick-up auf der Route Number 1, neben ihm sitzt sein Vater, die Rückbank füllt Germaima aus. Wie immer schweigt die schwere Frau die meiste Zeit, Schweißperlen fließen ihr Gesicht entlang. Sie deutet auf die frische Ware auf der Transporterfläche, nickt heftig mit dem Kopf und sagt zu mir: „Gesund.“ Galuega dreht sich nicht um, als er ihr entgegnet: „Du solltest davon essen.“ Seine Frau kichert, wie sie das oft tut, wenn ihr Mann sie auf ihr Übergewicht anspricht, und öffnet wenig später, beim Aussteigen, im Rücken ihres Mannes, die Tasche, die sie mit zu ihrem Stand nimmt. Darin zeigen sich kurz drei chinesische Nudelsuppen in Bechern à 500 Millilitern und zwei Handvoll frittierte Hühnerbeine in einem Plastikkorb. Schnell macht sie die Tasche wieder zu, legt ihren Zeigefinger an die vollen Lippen und zwinkert mir zu. Galuega wird nichts erfahren. Er weiß es trotzdem – es ist ja schwer zu übersehen.

Germaima wird den ganzen Tag auf dem Markt verbringen. Von ihren Kokosnüssen, Bananen und Papayas wird sie kaum etwas verkaufen. Sie wird neben der ausgelegten Ware im Schatten der zu allen Seiten offenen Halle sitzen und mit den anderen Bäuerinnen auf Kunden warten. Sie alle bieten das Gleiche an, das Obst und Gemüse, das bis vor wenigen Jahren jeder auf der Insel zum Kochen benötigte und heute kaum jemand mehr haben will.

Die Markthalle wird im Rückspiegel langsam kleiner, als Galuega und Ross zu einer der Plantagen weiterfahren, um Taro-Knollen zu ernten. Die Bestellung eines Nachbarn für ein Familienfest, immerhin. Taro ist Teil der traditionellen Küche, die zumindest bei repräsentativen Veranstaltungen und größeren Familienzusammenkünften nicht fehlen darf.

Doppelt so schwer wie der Vater

Im Radio läuft Ross’ Lieblingssong: „Stay With Me“ von Sam Smith. Er dreht die Lautstärke hoch, lehnt sich tief in den abgewetzten Sitz, klopft mit seinem Daumen auf das Lenkrad, wippt mit dem Kopf im Takt. Er ist genauso groß und doppelt so schwer wie sein Vater Galuega, über dem Gürtel seiner kurzen Hose fällt zu allen Seiten seine Taille als wabbeliger Ring. Ross träumt davon, einen richtigen Job und eine Frau zu finden, seine eigene Familie zu gründen. Manchmal träumt er auch davon, ein berühmter Football-Spieler in den USA zu werden. Das haben tatsächlich einige gewichtige Sportler aus Samoa geschafft.

Ross hat Automechaniker gelernt, aber seine Ausbildungswerkstatt wollte ihn nicht übernehmen. Er würde zwar gern in die USA umsiedeln, aber sagt, dass das wegen seiner Familie hier nicht gehe. Galuega schaut ihn an. Der Vater runzelt seine Stirn und sagt: „Ross, du kannst kaum Englisch.“ Ross sagt nichts mehr und stellt den Wagen ab.

Die Taro-Pflanzen wiegen sich kniehoch im flirrenden Mittagslicht, und die Sonne steht senkrecht über dem Land, wie sie das nur nahe am Äquator tut. Galuega stapft, ohne auch nur einmal anzuhalten, den Hang empor und zeigt auf die Stelle, wo sein Sohn ernten soll. Er versucht, ihm beizubringen, ein gesunder Mann und guter Bauer zu sein. Ross trottet ihm hinterher, sein T-Shirt klebt ihm am Körper. Galuega schaut ihn an wie ein fremdes Insekt, sagt: „Du wärst schneller, würdest du auf dich achten.“

Sein Sohn antwortet nicht, bückt sich tief hinab und zieht mit voller Kraft die Knollen aus dem festen Boden. Mit dem Gelenk seines Zeigefingers klopft er auf eine der rötlichen Wurzeln. Pock, pock, pock. Er nickt, sie ist reif. Die Blätter schlägt er mit seiner Machete ab und stapelt sie am Rand des Feldes. „Sogar die Deutschen haben in West-Samoa Kokosnüsse, Bananen und Taro angebaut“, sagt Ross. „Die Plantagen erkennt man daran, dass alle Bäume in Reihen gepflanzt sind. Ich mag die Deutschen, sie sind sehr ordentlich.“

Ross hat noch nie einen Deutschen getroffen. Mit den Palagis unten im Hafen hat er nie gesprochen. Er kennt sie nur aus dem Fernsehen. Das schaut er manchmal sogar zusammen mit seinem Vater, ihre Lieblingssendung ist „Der Preis ist heiß“. Galuega lacht dabei so viel, dass ihm Tränen kommen. Er findet es lustig, wie die Weißen aussehen, wenn sie jubeln. Ross lacht nicht, er würde gern ein Auto gewinnen. Er will kein Bauer sein.

Die Kultur aus dem Meer

Auf dem Berg über dem Dorf, hier oben in der Taro-Plantage, sieht Ross über alle Hänge und Häuser bis aufs offene Meer. „Unsere ganze Kultur in einem Blick“, sagt er. „Alles, was man zum Leben braucht, die Felder und der Ozean.“ Es klingt aufgesagt. Die samoanische Kultur entspringt in den alten Geschichten, die auch Galuega gerne erzählt, immer dem Meer.

Das Dreieck, das sich um Hawaii, die Osterinsel und Neuseeland im Pazifik spannt, ist eines der größten zusammenhängenden Siedlungsgebiete der Erde – Polynesien. Viele der darin liegenden Inseln sind Tausende Kilometer voneinander entfernt. Niemand weiß genau, wie und wann Polynesien besiedelt wurde. Sicher ist jedoch, die Ureinwohner kamen über das Meer. Sie waren nicht nur ausgezeichnete Seefahrer, sondern auch meisterhafte Fischer und Taucher; der Ozean bildete die Basis ihrer Existenz.

Oft wird der den Polynesiern eigene Körperbau, ihre große Gestalt und Kraft, diesem Umstand zugeschrieben. Wer es schaffte, den Pazifik zu durchqueren, der musste zu den Stärksten gehören und dessen Körper musste Nährstoffe besonders gut speichern können. Ein genetischer Vorteil, der sich mit der heutigen Ernährung gegen die pazifischen Bewohner kehrt. Ross zieht die letzte Wurzel aus dem Boden, er schnauft. „Als Menschen hiervon lebten, waren sie nicht fett. Früher gab es hier auch keinen Diabetes oder so.“ Ross schaut zurück aufs Meer, ihm tropft Schweiß von der Nase.

Ross zögert, wirft aber dann die letzte Knolle auf den Ernte-Haufen, greift in seine Hosentasche, holt ein kleines Paket aus Bananenblättern heraus und öffnet es. Darin liegt sein Handy. Ross hat vor einer Stunde zu Mittag gegessen und ruft nun den Lieferservice Formosa an. Er bestellt gebratenes Rindfleisch, Omelett mit frittierten Shrimps und Reis bei dem Asiaten, für gleich, wenn er von diesem verdammten Hang runter ist. Galuega schüttelt den Kopf, steht auf und geht. Die Taro muss Ross allein zum Auto tragen.

Fa'a als Lebenseinstellung

Fa’a Samoa nennen die Samoaner ihre Lebenseinstellung. Das, was Palagis nicht verstehen, wurzelt meist im Fa’a. Zu spät oder gar nicht zu Verabredungen kommen zum Beispiel. In der Muttersprache gar kein Wort für „Zeit“ zu haben, nicht Nein sagen können. Oder die Verantwortung, die jeder in seiner Familie trägt und nie loswird. Die polynesische Gesellschaft ist hierarchisch streng geordnet, die Familie steht immer an der Spitze.

Der tiefe christliche Glaube gehört in Samoa neben den traditionellen Göttern inzwischen ebenfalls zum Fa’a. Damit verbunden ist der Gang in die Kirche an jedem Sonntag, ohne Ausnahme. Galuega hängt dann ein Tuch über den Fernseher und duscht am Morgen. Jeder in der Familie zieht sich weiße Kleidung an, kämmt sich das Haar und geht mit einem großen, geflochtenen Fächer zur Messe. Es ist stickig und heiß im Kirchenschiff, alle fächeln sich Luft zu. Der Kirchenbesuch dauert mehrere Stunden, zwischen den einzelnen Abschnitten der Predigt wird lauthals gesungen. Die Besucher sehen dabei aus wie ein weißes Meer, das schwer in einer Bucht hin und her schwappt. Der Pfarrer spricht viel von der Gemeinschaft und der Herausforderung für jeden Einzelnen, aufeinander achtzugeben.

Im Anschluss essen die Familien gemeinsam, stundenlang, bis es Zeit zum Schlafen ist. Kein Sonntag ohne Festmahl. Das ist eine wichtige Tradition, die es aber zugleich niemandem ermöglicht, eine Diät einzuhalten. Es ist respektlos, nicht mit der Familie zu essen, es gibt keine kleinen Portionen und kaum etwas auf den Tellern, was als kalorienarm durchginge. Eine Studie McGarveys besagt, dass die Menschen in Samoa am fettesten sind, die ihre Dorfgemeinschaft als besonders angenehm empfinden. Fa’a ist irgendwie auch Abhängigkeit. Früher nur von der Gemeinschaft, heute zusätzlich von Fett und Zucker.

Eine Ehre und einmalige Chance

„Wir wissen alle um die unglaublich hohen Adipositas- und Diabetes-Zahlen“, sagt McGarvey endlich auf der Bühne. Nach all den Jahren kann er tatsächlich diesen Satz sagen. Diesen sehr wichtigen Satz. Nach der Mittagspause hat erst noch ein anderer Teilnehmer einen Vortrag gehalten. Da stand McGarvey unten neben der Bühne, sein Körper angespannt, die Hände nervös am Hosenbund, und sprach zum ersten Mal seit Tagen mit niemandem mehr.

Es ist nicht nur eine Ehre, dass er hier vor allen wichtigen Samoanern aus dem Gesundheitswesen sein Anliegen präsentieren kann. Vor allem ist es eine einmalige Chance. Wird er heute zu ihnen durchdringen, ist er seinem Ziel ein großes Stück näher. Seit Jahrzehnten besucht er Klinikleiter, Mediziner und Krankenstationen, um sie für seine Forschung zu gewinnen. Ohne die Fachkräfte vor Ort kann ein Wissenschaftler hier nichts erreichen. Unabhängig davon, wie sehr er respektiert wird, ist er immer noch ein Palagi. Mit kerzengeradem Rücken steht McGarvey nun am Rednerpult und sagt, was so lange niemand hören wollte. „Wir alle kennen die Situation.“

Es ist still im Saal. McGarvey schaut in die dicken Gesichter und spricht über Möglichkeiten, Diabetes in Samoa zu behandeln und einzudämmen, jetzt, wo alle sich eingestanden haben, dass diese Krankheit existiert und viele Menschenleben bedroht. Er ermahnt jeden Einzelnen von ihnen, die Patienten nicht nur ausfindig zu machen, sondern davon zu überzeugen, dass eine konstante Behandlung lebensrettend ist. Dass die Veränderung im Kopf und nicht bei den Medikamenten beginnen muss. „Wichtig ist vor allem die Akzeptanz von Dorfgemeinschaft und Familie. Ohne Unterstützung kann hier niemand abnehmen oder regelmäßig Medikamente nehmen“, sagt er. „Das wissen Sie alle besser als ich, ich musste es über all die Jahre lernen.“

Für samoanische Verhältnisse spricht McGarvey erschreckend ehrlich. Er legt keine Blumen um seine Worte, wie es hier heißt und gern getan wird. Da er aber nie respektlos ist, wird er dafür geschätzt. Der Applaus ist lauter und länger als bei jedem anderen Redner an diesem Tag. McGarvey ist erleichtert, nickt dem klatschenden Publikum zu und steigt in den Zuschauerraum hinab. „Das lief gut“, sagt er. „Aber wir werden erst viel später sehen, ob es auch etwas gebracht hat.“

Ein riesiger, schwarzer Umriss

Galuega ist am Fuße seines Dorfes angekommen. Hier, vom Rand des Hafenbeckens, sehen die Boote aus wie Treibgut. Sie liegen schwarz im türkisfarbenen Wasser vor dem Rainmaker Mountain, einem Berg, an den die pazifischen Ostwinde immer wieder Wolken herantragen, aus denen es dann zu regnen beginnt. Im Hafen wellt sich von all der Feuchtigkeit ein Plakat an einer Häuserwand. Darauf steht: „Der Ozean und das Land sind unser Geschenk Gottes.“ Es wird dunkel. Flughunde kreisen über der Insel, ihre Bäuche heben sich vor dem letzten Licht des Himmels ab.

Galuega läuft an den Neubauten der Amerikaner vorbei, an den grell beleuchteten Supermärkten, den Nachbarn, die sich nur noch in ihren Autos fortbewegen. Er steigt den steilen Hang zu seinem Haus empor. Ein Bekannter hat ihn vom Feld mitgenommen, Galuega wollte nicht mit seinem Sohn zurückfahren. „Manchmal bin ich wütend“, sagt er. „Ich weiß gar nicht so genau, warum.“ Galuega zeigt auf sein Haus, auf das hell erleuchtete Küchenfenster, in dem sich Germaima als riesiger, schwarzer Umriss abzeichnet. „Vielleicht, weil niemand auf mich hört.“

Im Matsch seines Gartens kommt er zum Stehen, setzt sich auf eine Bastmatte neben einen Stapel Palmenblätter und beginnt die Transporttaschen für die Kokosnüsse, die auch am nächsten Tag niemand kaufen wird, zu flechten. Kunstvoll verknüpft er die sperrigen Blätter zu Körben, hält sie dann zu beiden Seiten fest und tritt mit einem Fuß hinein, um zu testen, ob sie halten. Sie halten alle. Aus dem Haus in seinem Rücken ist der Fernseher zu hören. Galuega blickt in das Sternenmeer über seinem Kopf. Er lacht laut auf, greift nach einer Kokosnuss, schlägt mit seiner Machete erst ihren grünen Mantel ab und dann die harte Schale entzwei. Er nimmt einen Schluck, noch einen. „Ich glaube, wenn man rohe Sachen isst, kann einem nichts passieren.“ Er leert die Nuss und pult ihr saftiges Fleisch mit seinem Daumen in einem Stück heraus. Beim Kauen schmatzt Galuega laut, manchmal lacht er plötzlich auf, als sei ihm gerade ein besonders guter Witz eingefallen.

Eine Nachfolgerin für das Forschungsprojekt

Am anderen Ende der Insel lenkt McGarvey seinen Wagen zum Flughafen. Er hat sich frühzeitig vom Festbankett der Gesundheitskonferenz verabschiedet. In den vergangenen Tagen hat Stephen McGarvey den Ärzten, Krankenschwestern und Leitern von mehreren medizinischen Institutionen Nicola Hawley vorgestellt. Hawley, 31, hat vor kurzem als Jungprofessorin an der Elite-Universität Yale angefangen. Sie war eine Studentin von ihm, beide verwirklichten gemeinsam Forschungsprojekte sowohl in Samoa als auch Amerikanisch-Samoa.

Eine Nachfolgerin ist wichtig für McGarvey. Denn er fragt sich, wie viel Zeit ihm noch bleibt. Bis jetzt ist er gesund, bisher ließ ihn das Schicksal der Menschen Samoas nie los. „Aber man weiß ja nie“, sagt er. McGarvey suchte lange jemanden, der sein wissenschaftliches Erbe würde übernehmen können, und hat schließlich Hawley gefunden. Gemeinsam planen sie ein Großprojekt. Sie wollen samoanische Frauen und ihre Kinder von der Schwangerschaft an über einen Zeitraum von 15 Monaten medizinisch begleiten.

Denn in Samoa wiegen bereits die Babys zu viel, und Kinder, die in den ersten Lebensmonaten dick sind, bleiben das mit neunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit ein Leben lang. Hawley stellte fest, dass 35 Prozent aller Kleinkinder und 54 Prozent aller Kinder und Teenager in Amerikanisch-Samoa übergewichtig bis fettleibig sind. Die junge Wissenschaftlerin wird McGarveys Ziel weiterverfolgen: in Samoa den Schlüssel zu finden, um die Welt vor dem globalen Verfetten zu retten.

Auf dem Parkplatz vor dem winzigen Flughafenterminal direkt am Meer versteckt McGarvey den Autoschlüssel unter der Fußmatte und schlägt die Tür zu. Er wirft sich seinen Rucksack über die Schulter. Er freut sich auf sein Zuhause, auf seine Frau und auf die Ruhe. Im Flugzeug will er noch aufschreiben, was ihm heute gesagt wurde. Viele der samoanischen Kollegen haben ihn nach seiner Rede angesprochen, er will ihre Bedenken und Anregungen ernst nehmen. Im grellen Licht der Abflug- und Ankunftshalle steht ein Samoaner auf einem Podest und singt Leaving on a Jetplane, den amerikanischen Abschiedssong von John Denver, dazu spielt eine Band Ukulele und Keyboard. Neben ihnen verkaufen Frauen Blumenketten zu 1 Dollar 50 das Stück. McGarvey geht so, wie er immer geht, ohne sich ein letztes Mal umzudrehen, als würde er nie wiederkommen, und wird schon bald von der Masse der großen fetten Menschen verschluckt.

Illustrationen: Sibylle Jazra für Krautreporter.


Diese Geschichte erscheint bei Krautreporter mit der freundlichen Genehmigung vom Magazin „Reportagen“, mit dem wir uns inhaltlich sehr verbunden fühlen. In dem zweimonatlich erscheinenden, unabhängigen Magazin berichten großartige Autorinnen und Autoren in spannenden Reportagen aus dieser Welt. Vor Ort recherchiert, persönlich bei den Protagonisten und abseits der ausgetretenen Pfade.