Die Ankunft des kostenlosen Bahn-WLAN verzögert sich um wenige Monate

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Beim Katzenbaum-Shoppen in der nächsten Fressnapf-Filiale ist es kein Problem, auch nicht, während Sie Waschmittel und Creme bei dm einkaufen, und in Cafés ist es sowieso selbstverständlich: gratis über WLAN im Internet zu surfen (und das, obwohl in Deutschland immer noch über die Abschaffung der Störerhaftung diskutiert wird – Zeit Online hat einen Überblick). Nur wer als Kunde der Deutschen Bahn während der Reise Mails checken, Texte online lesen oder seinen alten Katzenbaum auf Ebay einstellen will, kriegt erstmal ein Preisschild vor die Nase gehalten:

4,95 Euro kostet das Bord-WLAN der Deutschen Telekom für ICE-Reisende in der 2. Klasse – pro Tag.

Wer sowieso Telekom-Kunde ist, hat in älteren Tarifen den Hotspot-Zugang kostenlos dazu bekommen. Für neue Tarife gilt das nicht mehr. Ergänzung: Lediglich im derzeit teuersten Tarif „MagentaMobil L Plus“ ist eine „HotSpot Flat“ enthalten.

Surfen für 4,95 Euro pro Tag: Selbst Platzreservierungen sind günstiger.

Screenshot: Deutsche Bahn/KR

Das ist ärgerlich. Doch die Deutsche Bahn hat bereits versprochen, das 2016 zu ändern. Weil das aber noch ein ganzes Stück entf... – nein, Moment mal. Wir schreiben das Jahr 2016, seit einer Woche schon. Bislang ist das Surfen im ICE aber nur ein ganz kleines bisschen kostenlos: Dafür hat die Deutsche Bahn vor zwei Monaten ihr eigenes kleines Internet gegründet. Es heißt „ICE Portal“ (bzw. im Bahndeutsch: „individueller und kostenfreier Reisebegleiter, der das Reiseerlebnis in vielen ICE der Deutschen Bahn einfacher und entspannter gestaltet“) und ist zumindest eine Mini-Verbesserung im Vergleich zum Status Quo.

„Echt schööön“, so kurz vor Hildesheim

Wer sich während der Reise mit seinem Tablet oder dem Laptop ins „Telekom_ICE“-WLAN einloggt und http://ice.portal in den Browser eingibt, kriegt eine Oberfläche mit Reiseinformationen angezeigt. Über die lässt sich zum Beispiel der aktuelle Aufenthaltsort anzeigen, Informationen zu Verspätungen und Fahrtzeiten werden eingeblendet, und man kann nach alternativen Zugverbindungen suchen, ohne das Datenvolumen des eigenen Smartphones oder den Schaffner zu beanspruchen.

Mit ein paar Klicks lässt sich prüfen, ob es im Bordbistro „Kohlroulade mit Kartoffelstampf“ gibt; Kurznachrichten der „Tagesschau“ gibt es als Video oder Text. Außerdem können Fahrgäste prüfen, was am nächsten Halteort so los ist. (In Fulda, weiß ich jetzt seit meiner Bahnfahrt Ende Dezember, ist nächsten Sommer wieder „Musicalsommer“ – praktisch, ne?) Damit sind die Möglichkeiten des kleinen Bahn-Internets aber schon weitgehend ausgeschöpft.

Das ICE-Portal zeigt unter anderem an, wie schnell der Zug gerade fährt; rechts ist bereits der Menüpunkt für die künftige Mediathek zu sehen.

Screenshot: Deutsche Bahn/KR

Endlich ganz genau wissen, wo der Zug gerade rumsteht: Positionsanzeige im neuen ICE-Portal.

Screenshot: Deutsche Bahn/KR

Offiziell ist der Service in „vielen ICE in Deutschland“ verfügbar, genauer wird die Bahn bislang nicht. Sie war aber zuversichtlich genug, um schon mal einen irren Werbefilm für das Portal zu produzieren, in dem eine Kundinnen-Darstellerin ein sensationelles Selbstgespräch führt:

Wo bin ich denn hier gerade, sieht ja ziemlich einsam aus hier – aber irgendwie auch echt schööön. Und ich bin jetzt: Aaah, kurz vor Hildesheim.

Bisschen merkwürdig, dass das noch nicht viral gegangen ist („5 Fakten zu Hildesheim? Das klingt interessant!“ und „Apropos trinken: Wir wollten doch abends noch schön essen gehen!“).

Bloß: Wann genau bietet die Bahn endlich das echte Internet in ihren Zügen kostenlos für alle Reisenden – also denselben Service, den ihr die aufholende Fernbuskonkurrenz längst voraushat? Vor wenigen Wochen erklärte das Unternehmen, es wolle „bis 2020 schrittweise das größte mobile WLAN-Netz Deutschlands“ aufbauen; im Laufe des Jahres 2016 könnten Kunden über das ICE-Portal bereits online gehen, ohne dafür extra zahlen zu müssen. Darüber hinaus solle es eine Mediathek mit „umfangreichem Film- und Musikprogramm“ geben.

Neue Technik muss her

Zunächst gilt das wohl für ICE-3-Züge. Künftig solle das Angebot aber „auch für Kunden im Bahnhof und IC-Zügen sowie in Absprache mit den Aufgabenträgern auch in Nahverkehrszügen zur Verfügung stehen“.

Verkehrsminister Alexander Dobrindt hat diese Woche dem „Focus“ erklärt, er habe „die Länder aufgefordert, auch bei Bestellungen des Regionalverkehrs kostenloses WLAN zur Pflicht zu machen“.

Die Frage ist bloß: Warum braucht die Deutsche Bahn überhaupt ein neues WLAN-Netz für ihre Züge, wenn sie doch schon eins hat, über das sich kostenlos „Tagesschau“ gucken lässt und das in der 1. Klasse komplett kostenfrei und ohne Portal-Beschränkung genutzt werden kann? Warum schaltet die Bahn das nicht einfach für alle Reisenden frei?

„Dafür sind momentan die technischen Voraussetzungen noch nicht erfüllt“, erklärt ein Unternehmenssprecher auf Krautreporter-Anfrage. „Kostenloses WLAN in der 2. Klasse bedeutet ein wesentlich höheres Datenvolumen. Dies stellt uns vor immense technische Herausforderungen. Ein Beispiel: Ein vollbesetzter ICE 3 in Doppeltraktion befördert rund 850 Fahrgäste. Angenommen, nur die Hälfte surft im Internet, bedeutet dies allein über 400 Nutzer. Zwischen Köln und Frankfurt ist der Zug mit bis zu 300 km/h unterwegs, sprich: er wechselt sehr häufig die Funkzelle. Hinzu kommt, dass die Strecke ein ständiger Wechsel von Brücken, Tunneln und Einschnitten ist, was die Datenfunkversorgung erschwert.“ Anders gesagt: Die Bahn fürchtet sich davor, dass ihr WLAN schnell die Biege machen würde, wenn wir unterwegs alle unsere Lieblingsserien online gucken.

Alternativ lässt sich im „Netzradar“ der Bahn nachschauen, auf welchen Teilstrecken der Reise mit dem Smartphone eine halbwegs funktionierende Internetnutzung möglich ist:

Screenshot: Deutsche Bahn/KR

Man arbeite daran, die Züge technisch umzurüsten. Wie genau das passiert, erklärt die Bahn auf Anfrage leider nicht.

Polnische Topografie schlägt deutsche Tunnel

Vielleicht hätte sie einfach ihre Kollegen in Polen fragen sollen. Die polnische Bahn-Tochter PKP Intercity bietet nämlich bereits seit 2014 kostenloses Internet in ihren Express InterCity-Zügen (EIC) sowie in einzelnen internationalen Verbindungen, zum Beispiel dem Berlin-Warschau-Express. Für die Nutzung lässt man sich einen Freischaltcode aufs Handy schicken, gibt den im Browser ein und kann problemlos lossurfen. Die Technik kommt – wie bei der Deutschen Bahn – von der Deutschen Telekom, die sich vor zwei Jahren damit rühmte, einen neuen Standard in der Transportbranche zu setzen.

Warum dauert es dann bei uns so lange?

„Die Topografie in Polen ist eine andere“, sagt der Deutsche-Bahn-Sprecher, „außerdem sind die Züge dort maximal mit einer Geschwindigkeit von 200 km/h unterwegs“. Und der Starttermin für das kostenlose ICE-WLAN bleibt weiter vage: „Voraussichtlich ab Mitte 2016.“

Bis es soweit ist, hat Focus Online einen Spitzen-„Bahn-Trick“ auf Lager, um „auch in der 2. Klasse“ Gratis-Internet in den Zügen „abzustauben“: „Suchen Sie sich einen Sitzplatz möglichst nah am Abteil der 1. Klasse. Bestenfalls sitzen Sie direkt neben der Trennwand.“ (Das ist alles. Deshalb müssen Sie gar nicht mehr hier klicken.)


Aufmacherbild: Deutsche Bahn AG / Volker Emersleben (ICE 3 mit WLAN-Hotspot)