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Der Islamische Staat

Warum der IS ein anti-muslimisches Europa will

von Youssef Osman
etwa 4 Min. Lesedauer

In einer weltweit beachteten Stellungnahme hat der „Islamische Staat“ Verantwortung für die Anschlagsserie in Paris übernommen. Der IS bezeichnete den Konzertsaal Bataclan als einen Ort, an dem „Hunderte Ungläubige zusammen eine Party der Perversion feierten“. Die Terrorgruppe warnte Frankreich und seine Alliierten, sie blieben ganz oben auf der Liste von Angriffszielen des Islamischen Staates. Der „Geruch des Todes“ werde nicht aus ihren Nasen verschwinden. Dieses Bekenntnis – in Kombination mit dem Fund eines syrischen Passes am Tatort einer der Attacken – schürt jetzt eine „Wir gegen die“-Mentalität – genau das, was die die Terrorgruppe so fördern will.

Angenommen, der Angreifer wollte nicht gefasst werden. Dafür, dass er seinen Pass während des Angriffs bei sich trug, müsste man ihn zum dümmsten Terroristen aller Zeiten ernennen. Das ist er aber sicher nicht; es handelt sich um eine der am gründlichsten geplanten Terrorattacken, die Europa seit den Zugbomben in Madrid im Jahr 2004 getroffen hat. Alles, was am Tatort aufgefunden wurde, fand man aus einem bestimmten Grund. Der IS wollte die Welt wissen lassen, dass der Täter ein syrischer Muslim war. So sollen viele annehmen, die Flüchtlingskrise sei eng mit dem Anschlag verbunden – obwohl das Gegenteil der Fall ist.

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„Mist, ich hab meinen Pass vergessen“, sagt der Selbstmordattentäter in dieser Karikatur. In den Nähe der Tatorte in Paris wurden Ausweise der Täter gefunden.

Frankreich und Europa befinden sich in ihrem Kampf gegen Extremismus und den IS an einem Scheideweg. In einer Zeit, in der extrem rechte Anti-Einwanderungsparteien großen Zulauf erleben, werden Regierungen gezwungen sein, ihre Flüchtlingspolitik und ihren Umgang mit dem Syrien-Krieg zu überprüfen. Viele Parteien in Europa sind gegen die Einwanderungspolitik der EU. Dank dieses Terrorangriffs werden ihre Stimmen Gehör finden – was den IS freuen wird.

Viele Muslime lobten Europa für seine Akzeptanz von syrischen Kriegsflüchtlingen, besonders, weil diese Anteilnahme den Golfstaaten fehlt. Der Westen wird als Retter wahrgenommen, nicht als Feind. Und das ist für den IS nicht wünschenswert. Stattdessen möchte die Terrororganisation einen gemeinsamen Feind aller Muslime schaffen, um ihre Ideologie einfacher verbreiten zu können.

Ein Artikel unter dem Titel „Die Beseitigung der Grauzone“ aus Dabiq, dem englischsprachigen IS-Magazin, betont diese Logik: Darin ruft die Gruppe dazu auf, die Welt in zwei Teile zu spalten: In das Lager des Islam (repräsentiert durch den IS) und das Lager des Westens. Der Autor ruft dazu auf, die „Grauzonen“ zu beseitigen, in denen Muslime und der Westen friedlich koexistieren. Er fordert Muslime auf, sich für eine der beiden Seiten zu entscheiden, für die einer Version des Islam, der sich vom Westen streng abgrenzt, und zum Islamischen Staat überzulaufen. Dessen Ziel sei es, die „Teilung der Welt voranzutreiben und die Grauzone vollkommen zu zerstören“, schreibt der Autor.

Das Ziel der Attacken auf Paris war es, Angst in den Herzen der Franzosen zu schüren und sie zu entfremden, also Hass gegenüber dem Islam und Muslimen zu wecken. Das dient der IS-Vision, Grauzonen zu beseitigen. Der IS will, dass rechtsextreme, anti-muslimische Parteien überall in Europa an Popularität gewinnen, so dass die Europäer schließlich ihre Außenpolitik daran ausrichten müssen.

Ein Beispiel ist der Front National, ein wichtiger Treiber des anti-muslimischen Diskurses in Frankreich. Die Vorsitzende der Partei, Marine Le Pen, stand letzten Monat vor Gericht, weil sie islamische Gebete in der Öffentlichkeit mit einer Nazi-Invasion verglich. In einer Stellungnahme zu den Attacken machte Le Pen den Islam insgesamt verantwortlich statt den IS. In ihrer Rede forderte sie, Frankreich befinde sich im Krieg gegen islamischen Extremismus, müsse seine Grenzen kontrollieren und Länder mit Verbindungen zum Islam zu Feinden erklären. Sie forderte die Schließung von Moscheen, die sie als „radikal“ einordnete, und die Abschiebung radikaler Imame.

Genau das will der IS erreichen. Die Terrorgruppe möchte kein progressives, liberales Europa, das Muslime toleriert. Genau aus diesem Grund war das Zentrum von Paris Ziel des Terrors – eine der facettenreichsten und liberalsten Gegenden Frankreichs. Aus dem gleichen Grund wurden ein Rockkonzert und ein Fußballspiel mit jungem Publikum angegriffen. Der IS will kein Europa mit „Refugees Welcome“-Schildern auf allen Straßen und Plätzen, sondern eines mit möglichst vielen anti-muslimischen Protesten. Der IS hätte gern ein Europa, in dem rechtsextremistische Gruppen wie Pegida Hunderttausende Demonstranten anlocken.

Europa darf das nicht zulassen. Es sollte nicht der Terrorgruppe in die Hände spielen, indem es zulässt, dass Rassisten an Einfluss gewinnen. Denn sie stimmen in einem wichtigen Punkt mit dem IS überein: dass Muslime und Islam grundsätzlich anders sind als Europa und folglich in einen anderen Teil des Erdballs gehören. Sollten Muslime wirklich Außenseiter in Europa werden, dann hat der IS die erste Etappe zur Errichtung eines Kalifats erfolgreich bewältigt. Dann wird der IS ein Europa geschaffen haben, das bereit ist, in den Krieg zu ziehen.

https://twitter.com/Markus_Soeder/status/665508235894464512


Diesen Beitrag veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung unserer Freunde von Egyptian Streets, einem unabhängigen, englischsprachigen Magazin in Kairo. Übersetzung: Amina Rayan. Aufmacher-Bild: Titel des englischsprachigen IS-Magazins „Dabiq“.