Krautreporter

Wenn Hacktivisten wie Mönche leben

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Tagsüber ist die Höhlenstadt von Matera fast noch gespenstischer als in der Nacht. Es ist zehn Uhr morgens, die Straßen sind, abgesehen von ein paar Touristen, völlig leer. Doch in einer ehemalige Klosterschule am unteren Ende des Abhangs, auf dem die Höhlen vor Tausenden von Jahren gebaut wurden, tut sich etwas. An diesem uralten Ort im Süden Italiens wird gerade über die Zukunft nachgedacht.

Künstler, Politiker, Hacker und Unternehmer sind hierher gereist, zur Konferenz „LOTE #4 – Living on the Edge", die an diesem fahlen Oktobermorgen ihren Anfang nimmt. „Stewardship“, im weitesten Sinne mit Verantwortung übersetzbar, ist das Schlagwort des Treffens. Schnell wird deutlich, dass der Begriff großen Interpretationsspielraum hat. Erklärungsversuche der Konferenzteilnehmer reichen von „Die gemeinsame Verwaltung von Ressourcen – für einen gemeinschaftlichen Zweck“ bis hin zu: „Die Aktivierung eines Peer-to-Peer-Netzwerks, das eine Gemeinschaft ermöglicht, die sich um sich selbst kümmern kann.“

Hier sind einige der Konferenzteilnehmer, die beschreiben, was der Begriff „Stewardship“ für sie bedeutet. Die Interviews führte Sam Muirhead, Video: CC-BY-SA Edgeryders/Sam Muirhead.

Peer-to-Peer (P2P) ist ein Begriff, der eigentlich auf ein Netzwerk aus Rechnern bezogen ist, in dem jeder Computer ebenbürtig ist, im Gegensatz zu einem Client-Server-Modell, bei dem ein Server den Dienst anbietet, den der Client nutzt. Das Peer-to-Peer-System wird häufig für das Teilen von Dateien angewandt. Der Begriff wird mittlerweile auch sinnbildlich für politische Strukturen gebraucht.

Bembo Davies, Schauspieler und Theatermann, wird am Ende der Konferenz vergnügt sagen, er habe immer noch nicht die geringste Ahnung, was damit gemeint sei. Ganz ernst meint er das wohl nicht, schließlich war Davies einer von 13 Leuten, die von Februar bis Juli diesen Jahres an einem Projekt teilnahmen, das durchaus als ein anschauliches Beispiel von „Stewardship“ gelten könnte – die unMonastery.

Im Inneren der unMonastery

Foto: Elvia Wilk

Das Projekt fand in demselben Gebäude statt, in dem wir jetzt sitzen. Die alte Klosterschule stand leer und gehörte der Gemeinde; einer Gemeinde, die zu dem Zeitpunkt im Begriff war, sich auf den Titel „Kulturhauptstadt Europas 2019“ zu bewerben. Beste Voraussetzungen, um dort den Prototypen eines tech-utopischen Modells zu platzieren: Eine Gruppe von Leuten verwaltet und bewohnt ein leerstehendes Gebäude und arbeitet gleichzeitig an Projekten, die dem Wohl der Gemeinde dienen sollen – mit nichts als Code, gutem Willen und ihren eigenen Fähigkeiten.

Die unMonastery blickt auf eine kurze, aber etwas verworrene Geschichte zurück. 2011 stellten der Europarat und die Abteilung der Europäischen Kommission für Beschäftigung, Soziales und Integration Geld zur Verfügung, um die Gründung eines Think Tanks mit dem Namen „Edgeryders“ zu ermöglichen. Der Think Tank sollte online und durch eine Reihe von Konferenzen operieren und allen offen stehen. Das Ziel war es, einen Bericht zu erstellen – möglichst außerhalb institutioneller Rahmenbedingungen –, der EU-Politikern einen Einblick in die Lebenswelt junger Europäer ermöglichen sollte.

"Netzwerke haben keine Grenzen"

Foto: Elvia Wilk

Der Bericht „The Edgeryders Guide to the Future“ erschien im Dezember 2012, im selben Monat,in dem die zweite Konferenz der Organisation in Brüssel stattfand. Dort stellte sich heraus, dass die EU-Gelder bald versiegen würden. Die Edgeryders beschlossen, trotzdem weiterzumachen. Die Motivation verdankten sie wohl nicht zuletzt einer Idee, die schon bei der ersten Konferenz in Straßburg entstand, die aber auch auf der Online-Plattform sofort auf Begeisterung stieß: die der unMonastery.

Edgeryders agiert mittlerweile als Non-Profit-Unternehmen und bietet Consulting an, zum Beispiel für das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen. Mit dem Projekt „Spot the Future“ sollen die Edgeryders der UNO helfen, Kontakt zu örtlichen Grassroots-Bewegungen in Armenien, Ägypten und Georgien zu finden.

Der Name ist durchaus nicht zufällig gewählt. „Wir wollten einen Ort erschaffen, der nicht einem festgeschriebenen Ziel dient, sondern der mehrere Zwecke haben kann“, sagt Ben Vickers, einer der Initiatoren des Projekts und Director of Digital bei der Serpentine Gallery in London. Die Geschichte der Klöster mit ihren Bierbrauereien, Gärten, Gebeten und heiligen Schriften bietet eine passende Parallele.

https://www.youtube.com/watch?v=Ckj-0yRY7Rw

Video: CC-BY-SA Sam Muirhead. Hier mit deutschen Untertitel.

Doch wie lässt sich dieses Modell für das 21. Jahrhundert umformen? Die Antwort liegt im „un“ von unMonastery: An die Stelle von Religion, Hierarchien und Geschlechtertrennung tritt hier der Ethos der Open-Source-Bewegung, mit ihrem Fokus auf Zugänglichkeit, Dokumentation und Transparenz. So wie die Klöster im Mittelalter ein Licht der Zivilisation darstellten, so soll die unMonastery als Gegenstück zu der scheinbar unaufhaltsamen Privatisierung des Internets wirken.

Als Inspiration dienen auch Hackerspaces, erklärt Vickers, wenngleich diese „nicht unbedingt einen sozialen Vertrag mit den Gemeinden, in denen sie ihren Sitz haben, eingehen“. Ausgerüstet mit ungefähr 30.000 Euro vom Komitee für Matera 2019 und dem Vorsatz, diesen Aspekt anders und besser anzugehen, bezogen die unMönche im Februar also ihre neue Heimat in Matera, eine der ältesten Siedlungen der Welt und passenderweise eine Stadt mit einer langen klösterlichen Tradition.

Kommune, aber mit Internet

Im Vorfeld hatten sie mit den Bewohnern von Matera gesprochen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, worin die Probleme der Gemeinde bestanden. Daraus entwickelten sie zwölf Aufgaben, denen sie sich über die nächsten Monate widmen wollten, unter anderem der Programmierung einer App für öffentliche Verkehrsmittel, der Entwicklung eines Solar-Tracking-Systems sowie offene Kurse im Programmieren – alles quelloffen, versteht sich. Dahinter steckt auch der Gedanke, das Projekt zu replizieren und ein europäisches Netzwerk von unMonasterys zu schaffen.

Diese Ansätze sind kleine Schritte zur Lösung der großen Probleme, die Kleinstädte wie Matera in ganz Europa plagen: massive Landflucht, Senkung sozialer Dienste im Zuge der europäischen Sparmaßnahmen und nicht zuletzt ungenutzter Wohnungsbestand. Die Bescheidenheit der Lösungsvorschläge ist bewusst gewählt und wohl ein Zeichen dafür, dass der Idealismus seit den Kommunen der sechziger Jahre pragmatischer geworden ist. Ein Vergleich, der sich natürlich aufdrängt und selbstironisch aufgegriffen wird – die unMonastery sei „eine Kommune, aber mit Internet“, so der interne Witz.

Bei aller Selbsterkenntnis, die Fallstricke sind ähnlich. Wenn eine Gruppe von Außenseitern kommt und eine bestehende Gemeinschaft zu politischer Selbstbestimmung auffordert, ist das nicht nur ein Widerspruch in sich selbst, sondern auch mit hohen Erwartungen verbunden. Matera ist ein Ort, an dem die Menschen es seit Jahrzehnten gewöhnt sind, ihr Überleben selbst in die Hand zu nehmen. 1945 beschrieb der italienische Autor Carlo Levi die Gegend als eine „andere, in Schmerz und Brauchtum verstrickte, unendlich geduldige Welt, die abseits von Geschichte und Staat liegt“; als ein Land, „wo der Bauer in Elend und Verlassenheit auf karger Scholle im Angesicht des Todes seiner starren Sitte lebt“.

Carlo Levis autobiografischer Bericht „Christus kam nur bis Eboli“, in dem der Protagonist ins politische Exil nach Süditalien verbannt wird, erschien 1945. 1979 wurde das Werk von Francesco Rosi verfilmt. Matera diente auch Pasolini und Mel Gibson als Filmkulisse.

Die Höhlensiedlungen von Matera

Foto: Elvia Wilk

Die elenden Zustände der Höhlensiedlungen in der Nachkriegszeit gaben der Regierung Anlass, sie in den fünfziger Jahren zu räumen und ihre Bewohner umzusiedeln. Die Höhlen wurden zugenagelt und weitestgehend vergessen. Erst Ende der 80er-Jahre erkannte die Stadt das touristische Potenzial und begann mit der Renovierung. Seit 1993 gehören die „Sassi“ zum UNESCO Weltkulturerbe. Am 17. Oktober 2014 gab die Europäische Kommission bekannt, dass Matera den Wettbewerb um den Titel „Kulturhauptstadt Europas 2019“ gewonnen hat. Das Interesse von außen wird in den nächsten Jahren also mit Sicherheit steigen.

Superhelden erwartet

Bis vor kurzem war die Gemeinde recht isoliert von der Außenwelt. Kaum verwunderlich, dass die Bewohner der unMonastery, die zum Teil nicht einmal Italienisch sprachen, nicht gerade herzlich empfangen wurden. Die Konferenz LOTE #4 war teilweise als Ausblick und teilweise als Rückblick für die unMonastery gedacht. Eine der Sitzungen lud Bewohner von Mater_a_ dazu ein, ihre Sicht auf die Dinge darzustellen. „Uns wurde gesagt, diese Amerikaner würden kommen und unsere Probleme in drei Monaten lösen. Wir hatten Superhelden erwartet“, sagte einer von ihnen.

Ganz offensichtlich hatte die unMonastery die hohen Erwartungen der Menschen in Matera enttäuscht. Die Stimmung der Konferenzteilnehmer an diesem Tag war sichtlich gedämpft. Doch wer an Open Source glaubt, der glaubt auch daran, dass Fehler unvermeidlich sind, dass sie dokumentiert und zugänglich gemacht werden müssen, damit die gesammelte Kraft der weiteren Gemeinschaft zu Verbesserungen beitragen kann. Bembo Davies’ Projekt während seiner Zeit in der unMonastery bestand darin, die Geschichte auf seinem Blog in einen größeren Kontext zu setzen und währenddessen an einem „Buch der Fehler“ zu arbeiten.

Aspekte der unMonastery in ungewohnt analoger Form

Foto: Elvia Wilk

Für jemanden, der mit der Thematik nicht vertraut ist, mag das Gebot der Dokumentation etwas Exzessives haben. Die unMonastery legt ihre Finanzen komplett offen, alle Sitzungen der Konferenz werden auf einem Hackpad aufgezeichnet, und ein Wiki dient dazu, alle denkbaren Informationen festzuhalten – von „täglichen Ritualen“ bis hin zum „politischen Klima“. Das ist zwar löblich, das Risiko besteht jedoch darin, dass ein unübersichtlicher Haufen aus Tabellen und Dokumenten seine virtuelle Existenz ungelesen fristet.

Außerdem ist diese Art der lückenlosen Dokumentation äußerst zeitaufwändig. In einer weiteren rückblickenden Sitzung zur unMonastery stellt sich heraus, dass die wöchentlichen Abendessen für die Gemeinde, die ein großer Erfolg waren, einer regelmäßigen Berichterstattung an den weiteren Kreis der Edgeryders (die zuhause vor ihren Computern saßen) geopfert wurde.

Und so ist es auch ein wenig seltsam, in den Höhlen der Jahrtausende alten Stadt zu sitzen und von Projekten zu hören, die zwar unter den Begriff „Stewardship“ fallen, aber keinerlei Bezug zu dem Ort haben. Interessant ist es trotzdem, wenn der Programmierer und Aktivist Vinay Gupta von seinen Hexayurts erzählt, die bezahlbaren Wohnraum für alle möglich machen sollen – durch Bauanleitungen, die man sich herunterladen kann, ohne Copyright und ohne institutionellen Rahmen. Oder wenn die Kuratorin Helen Kaplinsky von Islington Mill berichtet, einem Gebäude, das von Künstlern gemeinsam verwaltet und benutzt wird. Auch Diskussionen über die Gefahren und den Nutzen der Sharing Economy mit Robin Chase, der Gründerin von Zipcar (eine der ersten Carsharing Firmen), sind heutzutage sicherlich relevant.

Vielleicht entsteht aus der Konferenz ein weiteres Projekt mit politischem Wert und weitreichendem Anspruch. Immerhin erschienen zu dieser Konferenz auch Politiker, Fabrizio Barca zum Beispiel, ehemaliger Minister für Regionale Hilfen unter der Monti-Regierung. Oder Amelia Andersdotter, Vorsitzende der Europäischen Piratenpartei und ehemalige Abgeordnete im EU-Parlament. Der unMonastery wurden schon weitere Gebäude in Griechenland und Spanien angeboten. Und wenn man den Optimismus dieser Gemeinschaft miterlebt, glaubt man gerne an Kinderkrankheiten, die sich durch ein wenig Schwarmintelligenz beheben lassen.


Offenlegung: Edgeryders hat durch einen „Travel Grant“ einen Teil meiner Reisekosten bezahlt. Daran waren kei__nerelei Bedingungen geknüpft.

Titelbild: Elvia Wilk