Lena Dunhams Haar ist jetzt ein Superstar

Lena Dunhams Haar ist jetzt ein Superstar

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Man muss Lena Dunham derzeit kaum vorstellen. Das Cover mit den softeisfarbenen Buchstaben auf ihrem aktuellem Buch “Not that kind of girl” macht derzeit die Runde und hängt sogar am Times Square in New York. Dunham gilt seit ihrer Serie „Girls“ auf dem US-Sender HBO als Wunderkind einer jungen Brooklyn-Intelligentia mit Aussichten in Hollywood. Was macht Dunham? Lena schaut sich die Realität, die Sprache, die Psychosen ihrer Millenial-Generation an und macht diese für alle sichtbar.

Das gilt auch für Dunhams Buch “Not that kind of girl”: eine frühe Biografie, eine Abhandlung über ihr Leben als Künstlerkind in New York und über “jerk recovery”, das Ablegen von falschen Boyfriends, die sich in einer Beziehung unmöglich verhalten. Lena Dunham: Erst Künstlerschule, dann Künstlercollege Oberlin und dann auch noch die Künstlereltern im Nacken. Als sie in der Internet-TV-Serie “Delusional Downtown Divas” auftrat, eine Vorstufe zu “Girls”, nahmen Vater und Mutter ihre Tochter zur Seite und sagten “Versuch größer zu denken! Du brauchst keine Satire über die Kunstwelt zu machen. Versuch es mit Satire über Politik.”

Lena Dunham ist mit 28 Jahren etabliert, hat Fanbriefe von Steven Spielberg und Tom Hanks an der Wand hängen, gehört laut Time Magazin zu den 100 wichtigsten Menschen der Welt, und repräsentiert außerdem einen neuen Feministinnen-Typus. Einen, der sich in “Girls” auszieht, wenn es mit der Nacktheit etwas zu erzählen gibt. Dunham besetzt in einer neuen Feminismus-Debatte außerdem ein großes Thema neu: „Body-Anxiety“. Der Kampf mit dem eigenen Körper, wenn er nicht Modelmaßen gehorcht, und wie damit umzugehen ist. Und was passiert, wenn man sich nicht an die vorgegebenen Körperregeln hält. Dunham bespielt geschickt die neue, öffentliche Welt mit Twitter, Instagram und HBO. Ihr Name, ihr Gesicht und einige ihrer nackten Körperteile sind 2014 zu einem Produkt, zu einer Marke geworden.

Zusätzlich hat Dunham in den vergangenen Jahren das etwas in Vergessenheit geratene Mittel des schnellen, irrationalen Frisuren- und Haarfarbenwechels angewandt, um ihrer Karriere eine stabile Grundlage zu verleihen. Sie durchlief dabei verschiedene Phasen.

Phase Eins: Der haselmausbrünette, stumpfe 08/15-Cut, oder: Verschmelze mit deiner Serien-Persona.

Es ist die Zeit, als die Welt Lena Dunham kennenlernte. Circa 2012, als „Girls“ zum ersten Mal auf HBO läuft. Zwischen Hannah Horvath, der Serienfigur aus „Girls“, und Lena Dunham, der echten, besteht kein Unterschied. Denn Dunham ist nicht nur Regisseurin, sondern auch Autorin der Serie. Kurz gesagt: Sie schreibt circa 90 Prozent über sich selbst. Lena und Hannah sind eigentlich eins. Sie tragen diesen haselmausigen, dumpfen Brünettton spazieren. So wirbt Dunham erstmal um eine stabile Fan-Gemeinde für „Girls“. Viele Mädchen und Genossinnen ihres Alters tragen diese Nicht-Farbe, da erstens Anfang zwanzig kein Friseurgeld vorhanden ist und zweitens das Konzept Friseur und Frisur, also dass man sich richtig um gut sitzende, gut frisierte Haare kümmert, ohnehin noch nicht verstanden wird.

Damals habe ich Lena zum ersten Mal getroffen. Sie kam mit ihrem Vater zur HBO-Party und trug ein viel zu großes Spitzenkleid, in dem sie versank. Niemand trug diesen mädchenartigen Pixiehaircut wie Lena, und niemand trug kurzes Haar. Um Lena herum nur blonde Mähnen, brünette Locken, Frisuren und Blowouts im Wert von mehreren hundert Dollar. Wir sprachen eine Weile über Lenas Tattoos auf ihrem Rücken, aber viel Zeit blieb nicht. Dunham stand da wie eine Baum, zu dem verschiedenen Tiere pilgerten und versuchten, sich in der Nähe dieses Baums aufzuhalten, ja ihn zu bedrängen. Niemand hatte jemals so ein Mädchen auf dieser Art von Partys gesehen.

Lena als nicht sehr dünne Brünette wirkte zugänglich, offen, nicht Hollywood. Ihr Haar spielte nicht die Hauptrolle, daher starrte jeder auf Lenas Körper, um den es ja, thematisch, in Lenas bisherigen Produkten gehen sollte. Dieser Körper war schwerer, breiter, ungequälter, als viele andere Körper im Raum. Und er sollte im Mittelpunkt stehen. Dunham folgte folgender Logik: Uninteressantes, durchschnittliches Haar lenkte den Blick auf Busen, Po, Beine, die jeder „Girls“-Fan schon einmal nackt gesehen hatte. Der Körper war an diesem Abend Lenas Marketinginstrument, ein “Tool”, wie sie sagte, um in “Girls” Geschichten zu erzählen. Der Körper, den Lena zur Schau stellte, war außerdem der von Hannah, ihrer Serien-Persona. Es sollte keinen Unterschied geben. Die weiblichen Lena-Fans, die an diesem Abend zu ihr hinströmten, sahen Hannah vor sich und wollten ihre hannah-ähnlichen Probleme mit Hannah besprechen. Lena existierte in dem Sinne noch nicht. Nur Hannah Horvath. Das ändert sich in der zweiten Phase.

Phase zwei: Der blonde “platinum bowl” -Topfschnitt, oder: Entferne dich von deiner Serienfigur, denn du selbst musst der Star werden.

Mitte 2014 hatte Lena genug vom Dasein als Hannah und trat in eine neue Phase ein. Die der platinblonden Auffälligen, die sich von Hannah Horvaths ungekämmtem Mopp befreit. Dunham beschrieb in einem Interview mit dem „Parade“-Magazin die innerliche Trennung von ihrer Serienfigur so:

Nach dem Blondieren fühlte Dunham, sie sei jetzt „eine richtige Frau“.

Dunham präsentierte ihren blonden Bob und ihre neues Image als „richtige Frau“ zu den Emmys 2014. Der Unterschied zu den brünetten Tagen hätte nicht größer sein können. Dunhams Hand lag geschickt und geübt auf dem Arm ihres Verlobten Jack und zwar genau richtig, um auf den Fotos vom roten Teppich gut auszusehen. Ihren Körper, eben diesen berühmten Körper aus der brünetten Phase, hatte sie unter einem riesigen Giambattista-Valli-Kleid versteckt. Es sollte jetzt bitte um ihren Kopf, ihr Gesicht, ihre leuchtende Haarkugel gehen, die uns sagen wollte: Hört mal, ich bin nicht mehr die Endzwanzigerin, die falsche Männer datet. Dunham verwandelte sich an diesem Abend in eine Frau, die es langsam mit den anderen Hollywood-Gesichtern aufzunehmen begann. Eine, die nicht mehr Freak-Territorium betreten möchte.

Das neue Platinblond half, Paparazzi anzuziehen, die Dunham ab sofort auf Flughäfen belagerten und ihr Fragen stellten, die sie normalerweise an Britney Spears hätten. Dem Online-Portal „E! News“ sagte sie über die ersten Konsequenzen als Blondine und die Perückentheorie:

Dunhams Selbstverständnis als Frau hat sich durch ihr blondes Haar weiterentwickelt:

Im September 2014 hatte Lena Dunham sich von Hannah Horvaths Problemen und ihrem ungekämmten Look verabschiedet. Sie hatte Dinge erfahren, die nur Blondinen zuteil werden. Der Schalter in Lenas Hirn Richtung Star-Verhalten war umgelegt.

Phase drei: Die unkontrollierbare „Seapunk Green“-Matte, oder: Werde ein Superstar, spiele mit Referenzen anderer Superstars und lerne, dich gegen dein Land zu verteidigen.

In dieser Phase von Dunhams Leben als Star geht es um Verfeinerung, um die Sprache mit Details. Mit einfachem Blond war das nicht mehr zu schaffen. Mit einem „Seapunk“-Grün, auch von Superstars wie Kate Perry getragen, war es möglich, den nächsten Schritt zu gehen. Für ihre Buchtour zu “Not that kind of girl” in Kanada im Oktober färbte sich Lena um und erklärte, ihre “newly minted” Haarfarbe sei extra zum Kanadabesuch aufgetragen. Dunham läutete damit die endgültige Zugehörigkeit zum Superstartum ein und spielte ab sofort auf dessen Klaviatur. Eine überschaubare Seapunkgrün-Phase gehört dazu, denn damit bekennt man sich zur Bereitschaft endgültiger, unkontrollierbarer Internetprominenz. 2011 begann eine Gruppe von Social-Media-Enthusiasten, die Internet-Nostalgie der 90er Jahre wiederzuentdecken und sich die Haare grün zu färben, als Referenz an die revolutionären Punkrock-Zeiten des Internets in den 90er Jahren. Daraus entstand in den USA eine Art Seapunk-Bewegung, die dem Träger eine durchaus beauty-bewusste, aber underground-affine, zukunftsorientierte Attitüde zuschreibt.

Dunham gab sich mit der Seapunk-Referenz nicht zufrieden und führte zusätzlich noch Margot Tenenbaum aka Gwyneth Paltrow im Film „The Royal Tenenbaums“ an, in Dunhams Fall “Margreen Tenenbaum”, wie sie auf Instagram neben einem Foto vermerkte. Mit Grünstich reiste Lena durch die Städte, und zwar mit ihrer ureigenen Lena-Literatur-Show, gemacht für die Millenials ihrer Generation. Das bedeutete: Keine Buchpartys mit Armani-tragenden Menschen, die Champagnergläser halten.

Dunham suchte per Open Call auf ihrer Website, 600 Leute meldeten sich. Darunter Ukulele-Spieler, Sandkünstler, A-capella-Sänger und Performance -Künstler - und sie stellte dazu ein paar Foodtrucks vor die Lesungshallen.

Seit einigen Tagen nun bekommt Lena Dunham die Konsequenzen ihres Star-Daseins und der grünen Phase zu spüren. Denn ihre Oversharing-Geschichten aus “Not that kind of girl” werden nicht mehr nur in der Hipsterwelt von Williamsburg und Brooklyn bewertet. Eine breite Masse beginnt auf Lena zu reagieren, und das beinhaltet auch das rechts-konservative Blog „Truth Revolt“. In einer Besprechung von “Not that kind of girl” wird Dunham dort beschuldigt, ihre Schwester Grace als Kind sexuell belästigt zu haben. Als Beleg dienen Zitate aus dem Buch, obwohl es sich dabei um eine Geschichte handelt, die Lena und Grace als Siebenjährige in einem völlig anderen Kontext erlebt haben. Plötzlich findet sich Lena Dunham als Thema einer nationalen Debatte wieder, die sich um Kindesmisshandlung dreht und weit über die Befindlichkeiten eines normalen New Yorker Millenials-Lebens hinausgeht.

Dunham entzweit gerade auch Feministinnen, die sich wegen der Textpassagen und Lenas großem Erfolg nicht einigen können, Lena zu hassen oder zu lieben. Vor ein paar Tagen sagte sie schließlich die restlichen Termine ihrer Europatour ab. Angeblich krankheitsbedingt.

Diese Begründung bringt jedoch jeder echte Star hervor, wenn er gerade mit seinem ersten PR -Supergau umgehen muss. Lenas Anwälte verklagen derzeit „Truth Revolt“, weil sich so ein Kampf mit Twitter alleine nicht mehr führen lässt. Lenas nächste Haarfarbe könnte demnach ein hartes, drastisches Rot sein, mit dem Dunham ihren ersten Sieg als Superstar hoffentlich feiern kann.


Das Audiofile wurde erstellt von detektor.fm

Aufmacher-Foto: Autumn de Wilde