Der Syrien-Krieg verständlich erklärt (auch für dich)

Der Syrien-Krieg verständlich erklärt (auch für dich)

Rico Grimm monogram
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Der Krieg in Syrien begann vor vier Jahren. Ich verstehe die ganzen Meldungen schon gar nicht mehr, und eigentlich ist ja nur eine Frage wichtig: Wann ist der Krieg denn endlich mal vorbei?

Diese Frage beschäftigt sehr viele Menschen, aber leider kann keiner von ihnen sie beantworten. Jedenfalls, wenn er sich nicht unglaubwürdig machen will. Was möglich ist: Wir können skizzieren, wie er enden könnte. Aber vorher müssen wir erstmal klären, was wir mit „Syrien“ meinen. Zur Zeit gibt es nämlich sehr viele davon.

Bevor du anfängst: Zeig mir doch mal bitte, wo Syrien liegt?

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Copyright: Rico Grimm/mapz.com

Das Syrien, wie es noch auf den Landkarten eingezeichnet ist, liegt am Mittelmeer, vier Flugstunden von Berlin entfernt. Im Westen grenzt das ehemalige Bürgerkriegsland Libanon an, im Osten das aktuelle Bürgerkriegsland Irak, das 2003 von den USA besetzt wurde. Im Süden liegt das friedliche Jordanien sowie Israel, mit dem sich Syrien bis heute offiziell im Krieg befindet. Nördlich liegt die Türkei. Dass Syrien so nahe an aktuellen Konfliktherden liegt, ist sehr wichtig, um seine heutige Situation zu verstehen.

Du solltest dir auch merken, dass Syrien vor dem Krieg nicht gleichmäßig bevölkert war. Der Großteil der Einwohner lebte im Westen des Landes, nahe der Küste. Der weite Osten besteht zu sehr großen Teilen nur aus Wüste.

Okay. Bürgerkriegsländer als Nachbarn und mehr Menschen nahe der Küste. Verstehe. Was für ein Staat war Syrien bevor der Krieg begann?

Ganz offiziell gibt es in Syrien ein Mehrparteiensysten. Praktisch ist und war Syrien ein Ein-Parteienstaat, in dem die so genannte Baath-Partei seit ihrem Putsch 1963 regiert. Die Baath-Partei ist auf dem Papier eine nicht-religiöse, sozialistische Partei. Dementsprechend verfolgt sie Islamisten und stand der ebenfalls sozialistischen Sowjetunion politisch und militärisch während des Kalten Krieges nahe. Der Vorsitzende der Partei ist auch der Präsident Syriens. Er hat weitreichende Vollmachten, einem Diktator nicht unähnlich.

Okay, das meinte ich eigentlich gar nicht. Sondern ich wollte eher wissen, wie es sich so lebte in Syrien vor dem Krieg?

Ah! Okay… puh. Ich hätte schon Probleme, das für Deutschland in Worte zu fassen. Aber David Roberts hat prägnante Worte gefunden:

Besser wäre es, wenn du einfach ein paar Syrer fragst. Und sprich sie doch bei der Gelegenheit auch einmal auf Omar Suleyman an, auf diesen Sänger hier:

Der hat einen unfassbaren Werdegang. Er startete als Hochzeitssänger in Syrien und hatte dort die unglaubliche Zahl von 500 Alben und Kassetten veröffentlicht, ehe ihn 2007 ein Plattenvertrag mit einem obskuren US-Label im Westen so bekannt machte, dass er nur wenige Jahre später beim weltberühmten britischen Glastonbury-Festival auftrat. Sein neues Album haben zum Teil die Berliner Techno-Titanen Modeselektor produziert.

Äh, du schweifst ab…

Entschuldigung.

Schauen wir vielleicht einmal auf die Daten (immer von 2011, weil danach der Bürgerkrieg begann).

Das Bildungssystem ist konkurrenzfähig.

Aber die Menschen haben im Schnitt sehr wenig Geld.

Und bevor der Krieg begann, waren viele Syrer arbeitslos. Vor allem die jungen fanden keine Stelle.

Viele arbeitslose junge Männer, die sich langweilen…

Ganz genau. Sie werden die Reserve des kommenden Krieges bilden. Aber wichtig ist auch, dass es in Syrien viele verschiedene Religionen gibt.

Religion und Ethnie sauber zu unterscheiden, ist nicht immer ganz einfach, aber wir folgen mal der gängigen Methoden. In Syrien leben Araber, Kurden, Armenier, Turkmenen, Tscherkessen. Schwirrt der Kopf? Es geht noch weiter: Assyrer, Aramäer und Palästinenser. Die beiden größten und für diesen Krieg wichtigsten Gruppen bilden die Araber und Kurden. Die Araber machen gut 90 Prozent der Bevölkerung von Syrien aus, die Kurden gut 9 Prozent. Die Kurden sprechen eine eigenen Sprache („Kurdisch“) und werden immer wieder als das „größte Volk ohne eigenen Staat“ bezeichnet. Beide, Araber wie Kurden, sind zum größten Teil Muslime, und zwar so genannte sunnitische Muslime. Es gibt auch noch schiitische Muslime.

Muss ich wissen, was einen Kurden von einem Schiiten und einem Sunniten und einem Alawiten unterscheidet?

Wenn du verstehen willst, warum gerade in Deutschland Hunderttausende Flüchtlinge ankommen, solltest du das wissen, ja. Aber überhaupt: Der Islam ist eine Weltreligion mit mehr als 1,6 Milliarden Anhängern und die zwei wichtigsten Strömungen auseinanderhalten zu können, sollte drin sein. Oder etwa nicht?

Nun denn.

Der Unterschied zwischen sunnitischen und schiitischen Muslimen ist ein theologischer, das heisst einer des Glaubens. Wie auch in anderen Religionen interpretieren die Anhänger des Islams einzelne Aspekte ihrer Religion auf unterschiedliche Weise. In diesem Fall ist der wichtigste Unterschied, nicht der einzige, aber der wichtigste Unterschied, dass sie unterschiedlicher Meinung sind, wer der legitime Nachfolger des Religionsgründers Mohammed ist. Die Sunniten wollten nach dessen Tod im Jahr 632 seinen Nachfolger frei bestimmen während die Schiiten der Meinung waren, dass sein Nachfolger aus dessen Familie stammen sollte. Sie legten sich auf einen Cousin Mohammeds fest, Ali. Die Sunniten waren in der Mehrzahl und konnten sich durchsetzen, was die Schiiten aber nicht davon abhielt, trotzdem einen eigenen Nachfolger zu bestimmen. Im Laufe der nächsten Jahrhunderte entwickelten sich beide Strömungen auseinander: Sie dominierten verschieden Herrschaftshäuser, Länder, Philosophien. Sie führten mehrmals Krieg gegeneinander. Was als ein Streit um Religion begann, ist heute eine Auseinandersetzung um Geld, Macht und Ansehen geworden. Über den legitimen Nachfolger von Mohammed redet eigentlich kaum noch jemand.

Ganz ehrlich: Das kann ich mir schon merken, aber wer von beiden die Schiiten und wer von beiden die Sunniten sind… damit habe ich immer Probleme.

Ganz ehrlich: ich auch. Da müssen wir jetzt durch.

(Wer eine Eselsbrücke kennt, bitte melden.)

Aber wenn ich die Grafik oben richtig lese, spielen die Schiiten ja gar nicht so eine große Rolle in Syrien. Die Alawiten sind wichtiger. Wen halten die für den Nachfolger von Mohammed?

Auch Ali. Aber: Sie sind keine Schiiten im klassischen Sinne. Ein Jahrtausend lang lebten sie als geheime Sekte, über die kaum ein Außenstehender Genaueres wusste, bis sie Ende des 19. Jahrhunderts begannen, sich als Schiiten zu verstehen. Das ist wichtig, weil Alawiten die Elite Syriens stellen. Der derzeitige Regierungschef Baschar al-Assad ist ein Alawit, genauso wie viele seiner Getreuen im Militär und bei den Geheimdiensten.

Oh, die Sunniten bilden mit 74 Prozent die Mehrheit, aber die Minderheit von 13 Prozent regiert? Kann das gut gehen?

Stimmt, viele Sunniten sind verärgert, aber die Familie Assad baut im Laufe ihrer Herrschaft einen Polizeistaat auf, der seinesgleichen sucht in der Region. Mit harter Hand führt Hafiz al-Assad, ein Luftwaffengeneral und Vater von Baschar, das Land von 1970 bis 2000. Syrer werden systematisch benachteiligt, wenn sie die falsche Religion haben, verschwinden ohne Gerichtsprozess im Gefängnis, werden gefoltert und ermordet.

Assad, der Vater, wird seit dessen Machtergreifung von der gemäßigt religiösen sunnitischen Muslimbruderschaft herausgefordert. Sie ermorden Mitglieder der Regierung, wollen Assad umbringen. Der antwortet mit Härte und schafft 1982 einen Präzedenzfall, an den sich sein Sohn erinnern wird, als er vor der gleichen Entscheidung wie sein Vater steht. Im Februar 1982 bricht in Hama, der Hochburg der Muslimbruderschaft, der offene Aufstand los. Hafiz al-Assad muss sich entscheiden: Soll ich gütig sein und nur die schlimmsten Revolutionäre bestrafen oder mich ihrer entledigen, ein für allemal? Assad der Vater wählt Letzteres und radiert in einer 27-tägigen Belagerung große Teile der syrischen Stadt Hama aus. Bis zu 20.000 Menschen sterben, die Stadt ist verwüstet. Es ist kein Zufall, dass das beliebteste Anti-Assad-Lied während des Arabischen Frühlings in dieser Stadt entsteht.

Okay, Syrien ist ein autoritärer Staat. Aber das war doch nicht die einzige Ursache für den Bürgerkrieg, oder? Ägypten war ja auch ein autoritärer Staat und da blieb es ruhig.

Tatsächlich nicht. Wir im Westen haben den Arabischen Frühling eine „Facebook-Revolution“ genannt. Über Facebook konnten sich die Aktivisten unkompliziert vernetzen und ihren Protest koordinieren. Dabei hätte man die Aufstände und Proteste auch „Brot-Revolutionen“ nennen können. Denn in den Jahren vorher sind die Preise für Nahrungsmittel in allen Ländern der Welt stark gestiegen. Das wissen viele nicht. Aber zusammen mit der grassierenden Arbeitslosigkeit dürfte die hohen Nahrungsmittelpreise genauso entscheidend für die Aufstände in der Region gewesen sein wie das autoritäre System.

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Copyright: Jonathan Rashad/Wikipedia

Es kommt mir so vor als wäre das schon ewig her. Die Bilder vom Tahir-Platz in Ägypten. Wie wir alle vor dem Fernseher saßen und gestaunt haben über diese Demonstrationen. Eine andere Welt.

Vier Jahre und sechs Monate ist der syrische Bürgerkrieg schon alt. Davor sah das Land so aus:

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Image caption: Umajaden-Moschee in Damaskus

Copyright: Arian Zwegers/Flickr/CC BY 2.0

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Image caption: Gebäck auf dem Markt in Aleppo

Copyright: Yeowatzup/Flickr/CC BY 2.0

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Image caption: Die Kreuzfahrerburg Krak des Chevaliers

Copyright: Upyernoz/Flickr/CC BY 2.0

Heute sieht es so aus:

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Image caption: Markplatz in Aleppo nach einem Selbstmordattentat

Copyright: Govorkov/flickr/CC BY 2.0

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Image caption: Die Umayyaden-Moschee in Aleppo

Copyright: Wikipedia/CC BY 3.0

Oh Mann.

Ja.

Vier Jahre Bürgerkrieg haben das aus Syrien gemacht. Dabei beginnt der Krieg genauso wie der Arabische Frühling in der ganzen Region anfängt: Mit ein paar Demonstrationen. Allerdings enden die in der südsyrischen Stadt Der’a blutig. Dort eröffnen Sicherheitskräfte im März 2011 das Feuer auf die unbewaffneten Demonstranten. Assad versucht kurz darauf, die Situation zu schlichten, in dem er die Regierung entlässt, den Notstand aufhebt und politische Gefangene befreit. Aber es ist zu spät. In Hama, Damaskus und Homs, im ganzen Land verlangen Syrer den Sturz seiner Regierung.

Assad antwortet mit noch mehr Härte. Er schwört, die „Terroristen“ zu vernichten. Im April 2011 sterben am „blutigen Freitag“ mehr als 120 Menschen im ganzen Land. Jeder Tote Zivilist bedeutet eine neue Beerdigung, die wiederum eine neue Demonstration gegen die Regierung bedeutet. Ein tödlicher Kreislauf, der dadurch verstärkt wird, dass im Mai 2011 der Iran die Assad-Regierung offen unterstützt.

Was hat der Iran damit zu tun?

Assad ist eine Alawit. Die Alawiten sind Schiiten. Die Iraner sind das größte schiitische Land der Welt und verstehen sich selbst als Schutzmacht dieser Konfession. Deswegen greifen sie ein. Aber auch, weil sie über den Verbündeten Assad Einfluss auf das Geschehen in Syrien und sogar im Nachbarort Libanon nehmen können. Würde Assad stürzen, würde der einzige echte Verbündete der zu diesem Zeitpunkt international isolierten Iran-Regierung stürzen. Zudem gibt es Pläne für eine Gaspipeline, die vom Iran über den Irak nach Syrien und weiter zum Mittelmeer verlaufen soll. Eine sunnitische, dem Iran womöglich weniger freundlich gesinnte syrische Regierung dürfte den Bau dieser Pipeline erschweren.

Diese ausländische Hilfe ist ein Teil der Überlebensstrategie Assads. Der andere Teil ist folgende Überlegung des Diktators: Wenn die Welt zwischen mir und islamischen Terroristen wählen muss, wird sie mich wählen.

Damit die Welt auch wirklich vor diese Wahl gestellt wird, verlegt Assad eigentlich unpolitische und kaum religiöse Jugendverbrecher in Gefängnisse für Islamisten, damit sie dort indoktriniert werden. Er geht aber noch einen Schritt weiter und dieser Schritt zeigt, dass Assad schon im Sommer 2011 mit dem Rücken zur Wand steht: Er lässt die Islamisten aus seinen Gefängnissen frei. Männer, die seine Familie 40 Jahre lang bekämpft hat, die seinen Vater ermorden wollten, können plötzlich wieder frei agieren. Sie sinnen auf Rache – und genau das will Assad.

Wie reagiert denn Deutschland?

Deutschland, Frankreich und Großbritannien veröffentlichen im August 2011 eine Erklärung, in der sie den Rücktritt der Assad-Regierung fordern, da er „jede Legitimität verloren habe“. Auch US-Präsident Barack Obama fordert den Rücktritt. Der Westen verhängt Sanktionen. Der UN-Sicherheitsrat verhandelt über eine Resolution, die das Vorgehen Assads verurteilen soll. Aber Vetos von Russland und China verhindern diese. Die Golfstaaten Saudi-Arabien, Bahrain und Kuwait berufen ihre Botschafter aus Damaskus ab. Ein paar Monate später im November 2011 macht die Arabische Liga, ein Zusammenschluss fast aller arabischen Staaten, einen historischen Schritt: Sie schließt Syrien aus ihrer Runde aus und legt einen Friedensplan vor. Es ist der erste in einer langen Reihe von Friedensplänen, die wirkungslos bleiben.

Mit wem soll Assad denn auch offiziell Frieden schließen? Mit den Menschen, die geschworen haben, ihn zu entmachten?

Frieden muss man doch mit seinen Feinden schließen, oder? Zumal zu diesem Zeitpunkt noch nicht so viele Parteien im Bürgerkrieg aktiv sind. Eine Einigung wäre um einiges leichter zu erzielen gewesen als heute. Damals sind die wichtigsten Akteure die Assad-Regierung mit ihren offiziellen Sicherheitskräften, die inoffiziellen Shabiha-Milizen und die so genannte Freie Syrische Armee, kurz FSA. Die FSA besteht am Anfang vor allem aus Armeeinheiten, die zu den Oppositionellen übergelaufen sind. Die Kämpfer der FSA sind sehr unterschiedlich. Mal wollen sie nur ihr Heimatdorf verteidigen, mal sind sie religiös, mal sind sie kurdisch. Wenn westliche Politiker, vor allem US-amerikanische von „moderaten“ Rebellen sprachen (und immer seltener sprechen), meinen sie die FSA.

Im Sommer 2012 ist die FSA auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Damals gelingt es der Gruppe, sich in mehreren Regionen des Landes festzusetzen und daraufhin im Ausland immer mehr als die Stimme des anderen Syriens wahrgenommen zu werden. Bei einer Konferenz im türkischen Antalya treffen die Kommandeure der FSA auf Militärs aus den USA, Großbritannien, Frankreich, Jordanien und den Golfstaaten – womit ziemlich klar umrissen ist, wer die FSA unterstützt, zumindest politisch… Jetzt wird es nämlich etwas kompliziert.

Als ob es das nicht schon längst wäre…

Wenn etwas unklar ist, poste deine Fragen in den Kommentaren. Ich werde jede Frage beantworten.

Cool.

Also weiter. Die verschiedenen Unterstützer der Rebellen wollen alle Assad stürzen, aber was danach kommen soll, unterscheidet sie. Deswegen unterstützen sie jene Rebellen-Einheiten, die am Besten zu ihren politischen Zielen passen. Die USA würden gerne die Demokratie und Stabilität in der Region stärken, die Türkei will vor allem Assad stürzen, dabei aber verhindern, dass die Kurden einen eigenen Staat bekommen - und die Golfstaaten wollen einen islamisch-sunnitischen Staat aufbauen. Dabei gibt es auch Unterschiede in der Art der Hilfe. Während die USA zunächst zurückhaltend sind und nur nicht-tödliche Ausrüstung an moderate Rebellen-Einheiten liefern, investieren die Golfstaaten Hunderte Millionen Dollar, um islamistische Gruppen aufzurüsten. Die Waffen gelangen dabei über türkisch-syrische Grenzpunkte, die unter Kontrolle der FSA stehen, zu den Rebellen.

Gleichzeitig landen jeden Tag mehrere iranische Transportflugzeuge in Damaskus, die nicht nur Gerät in das Land bringen, sondern auch Kämpfer. Im Sommer 2013 mischt sich die schiitische Miliz Hisbollah aus dem benachbarten Bürgerkrieg auf der Seite von Assad ein und verhindert, dass er mehrere strategisch sehr wichtige Städte verliert.

Aus lokal begrenzten Aufständen ist inzwischen ein echter Stellvertreterkrieg der regionalen Mächte geworden. Auf der einen Seite finden sich die sunnitischen Mächte Katar, Türkei und Saudi-Arabien, auf der anderen Seite die schiitischen Mächte Hisbollah und Iran. Dieser Gegensatz ist kein neuer. Schon seit Jahren konkurrieren Saudi-Arabien und der Iran um die Vorherrschaft in der Region. Die Türkei steht als nicht-arabisches Land etwas am Rand, träumt aber seit langem wieder von der Vormachtstellung, die das Land zu Zeiten des Osmanischen Reiches 100 Jahre früher inne hatte. Damals war Syrien osmanische Provinz.

Bald aber taucht eine neue Macht auf, die diese vergleichsweise übersichtliche Ordnung erschüttert – und vom Iran wie von Saudi-Arabien als Gegner betrachtet wird.

Der Islamische Staat.

Der Islamische Staat bzw. damals heißt die Organisation noch „Islamischer Staat in Irak und Syrien“, kurz ISIS. Und diese Abkürzung werde ich auch weiterhin im Text verwenden, schließlich muss man nicht jede Propaganda-Volte dieser Truppe mitmachen. Denn zum „IS“ wird die Organisation erst später, die neue Abkürzung soll ihren globalen Anspruch unterstreichen.

Um den Aufstieg von ISIS verstehen zu können, müssen wir nochmal kurz zurückspringen in der Zeit. In die Zeit, um den Jahreswechsel 2011/2012. Damals verübt Al-Qaida im Irak eine ganze Reihe sehr tödlicher Angriffe, die das Land destabilisieren. Ein gewisser Abu Bakr-al-Bagdadi führt den irakischen Ableger von Al-Qaida. Er hatte schon ein paar Monate zuvor begonnen, Kämpfer nach Syrien zu schicken, um dort eine weitere Qaida-Filiale aufzubauen. Als der weltweite Chef von Al-Qaida im Januar 2012 die Muslime der Welt dazu aufruft, den heiligen Krieg auch nach Syrien zu tragen und die Regierung von Assad zu stürzen, formiert sich dort die so genannte Nusra-Front geführt von dem jungen, ehrgeizigen Syrer Abu Mohammed al-Golani. Katar füttert sie mit Geld. Manche mutmaßen, dass Katar mit seinem Engagement im syrischen Bürgerkrieg vor allem eine eigene geplante Gaspipeline zum Mittelmeer sichern will, in Konkurrenz zur iranischen.

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Image caption: Abu Mohammed al-Golani - das Foto entstand sehr wahrscheinlich während seiner Gefangenschaft im Irak

Copyright: Foto: Irakische Regierung

Wieso macht der Westen nichts dagegen? Die USA haben doch sehr gute Beziehungen in den Golf?

Die USA versuchen es, haben aber keine überzeugenden Argumente. Womit sollten sie Staaten drohen, die sich alles kaufen können? Die besten Waffen, Ruhe in ihrem Land und im Falle von Katar vielleicht auch eine Fußball-WM. Erschwerend kommt hinzu, dass sich auch die Golfstaaten uneins sind, wen sie unterstützen sollen. Katar liefert an die Nusra-Front, weil die aber schnell zur kampfstärksten Rebellengruppe aufstärkt, fängt Saudi-Arabien an, eine eigene Miliz aufzubauen.

Wie konnte die Nusra-Front so mächtig werden?

Im Sommer macht die Nusra-Front mit mehreren Selbstmordanschlägen in der syrischen Hauptstadt Damaskus und in der größten Stadt des Landes, in Aleppo, auf sich aufmerksam. Dabei zielt sie vor allem auf syrische Armee-Einheiten. So kann sie sich als kampfentschlossene Alternative zur FSA etablieren. Sie nutzt aber nicht nur Selbstmordattentate, eine Guerilla-Taktik, sondern agiert streckenweise auch wie eine normale Armee.

Im Januar 2013 scheint es höchst wahrscheinlich, dass die Nusra-Front eine Rolle in einem Nachkriegssyrien spielen wird. Damit ist das Kalkül von Assad aufgegangen. Islamisten sind plötzlich eine ernstzunehmende Kraft im Land. Für die westlichen Mächte wäre jede Intervention gegen Assad nur schwer vor der eigenen Heimatbevölkerung zu verteidigen. Denn jede Intervention gegen Assad ist ab sofort auch immer eine für die Islamisten.

Aber dann geschieht etwas, das in der jüngeren Geschichte der islamistischen Organisationen einmalig ist.

Moment, Moment. Du redest immer nur von Kriegern und Waffen und Strategien. Jetzt ist der Krieg fast zwei Jahre alt. Wie geht es den Menschen Syriens?

Wo am Anfang vielleicht noch vorsichtiger Optimismus herrschte, steht jetzt pure Verzweiflung. Sehr viele Syrer sind im Sommer 2013 bereits auf der Flucht. Die Vereinten Nationen zählen zu diesem Zeitpunkt 2,8 Millionen Flüchtlinge allein in den Nachbarländern. Die Weltgemeinschaft hat sich an den Krieg gewöhnt und ignoriert ihn. Die Hilfsorganisationen, allen voran das wirklich wichtige Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen, haben Probleme die Flüchtlinge zu versorgen. Jordanische Statistiker müssen plötzlich die Liste der größten Städte des Landes ändern. Denn auf Platz vier steht da Zaatari, ein Flüchtlingslager im Norden des Landes. 80.000 Syrer leben dort.

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Image caption: Das Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien im Herbst 2013

Copyright: Rico Grimm

Die Menschen fliehen vor den Kämpfen, sie fliehen aber auch vor einer ganz speziellen Waffe, die primitiv, billig und fürchterlich ungenau ist. Ihr Debüt hatte sie in den 1990er Jahren im Südsudan, jetzt setzt sie die syrische Armee gegen ihre eigene Bevölkerung ein. Sie füllt Fässer, Wasserbehälter, Heizkessel mit Sprengstoffen und Metallteilen und wirft sie dann über den syrischen Städten ab. Fassbomben heißen diese Waffen. Ihr Einsatz gegen Zivilisten ist ein Kriegsverbrechen. Tausende sterben.

Wie viele genau?

Es ist schwer, die Toten zu zählen, wenn jeder gegen jeden zu kämpfen scheint und die öffentliche Ordnung langsam zusammen bricht. Deswegen sind diese Zahlen mit Vorsicht zu behandeln. Aber im Auftrag der UN hat eine Mannschaft von Statistikern Todeslisten ausgewertet. Ende April 2013 sollen 92.901 Menschen im syrischen Bürgerkrieg gestorben sein. Damit zählte er schon damals zu den tödlichsten Kriegen des Jahrhunderts.

In den Flüchtlingslagern und Städten Libanons, Jordaniens, des Iraks und der Türkei hoffen die Syrer noch, dass der Krieg bald zu Ende gehen wird. Vergleichsweise wenige von ihnen machen sich auf den Weg nach Europa. 9427 syrische Geflüchtete melden zwischen Januar und Oktober 2013 in Deutschland Asyl an, zum Vergleich in diesem Jahr sind es laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 73.615 im gleichen Zeitraum.

Okay. Bevor ich dich unterbrochen hatte, hattest du erwähnt, dass etwas Einmaliges geschehen sei 2013. Was war das?

Es kommt zum offenen Bruderkrieg. Die beiden mächtigen, ehrgeizigen Jihadis, Abu Bakr al-Bagdadi von ISIS, und Abu Mohammed al-Golani von der Nusra-Front geraten aneinander.

Ermutigt von den Erfolgen seiner syrischen Brüder, tritt Bagdadi am 8. April 2013 vor ein Mikrofon und verkündet der Welt, dass die Nusra-Front Teil seiner Organisation sei, die fortan „Islamischer Staat im Irak und Syrien“ heißen solle. Aber mit seinem Vorstoß verärgert er Golani. Der veröffentlicht einen Tag später eine Meldung, in der er die Fusion der beiden Milizen ablehnt. Der Chef der beiden, Aiman al-Zawahiri, versucht zu vermitteln, beißt damit aber wiederum bei Bagdadi auf Granit, der nach Syrien reist, um dort Kämpfer der Nusra-Front zu rekrutieren. Die Lage eskaliert.

Golani beschuldigt ISIS, einen befreundeten Kommandeur ermordet zu haben. ISIS reagiert, in dem es einen Chef der Nusra-Front mit seiner ganzen Familie tötet. Im Mai 2014 beginnen im Osten von Syrien, in Deiz Ez-Zoor, offene Kämpfe zwischen den beiden islamistischen Gruppen. ISIS gewinnt und zusammen mit der Stadt Raqqa, die die Gruppe mehr als ein halbes Jahr vorher erobert hatte, bilden die beiden Städte das Sprungbrett für die nächsten Eroberungen in der Region.

Muss ich wirklich diese ganzen Details wissen?

Ja, denn wer Motivationen und Geschichte der Kämpfer nicht versteht, kann auch nicht verstehen, in welcher Situation sie sich heute befinden und wird Probleme haben, das aktuelle Geschehen einzuordnen. Ein gutes Beispiel dafür ist das Verhalten der USA im Syrien-Krieg, aber ganz besonders im Herbst 2013. US-Präsident Barack Obama hatte schon in einem frühen Stadium der Kämpfe klar gemacht, dass es für sein Land eine rote Linie gebe: der Einsatz von chemischen oder biologischen Waffen. Sollte Assad diesen Waffen nutzen, würde Obama einschreiten. Das Tabu dürfe nicht gebrochen werden

Am 21. August 2013 benutzt jemand diese Waffen in Ghouta, einem Vorort der Hauptstadt Damaskus. Mehrere Raketen, die mit Sarin-Gas gefüllt sind, treffen auf den Stadtteil – bis zu 1400 Menschen sterben, darunter sollen mehrere Hundert Kinder sein. Die syrische Regierung und Russland behaupten, dass die Rebellen das Giftgas eingesetzt haben, auch der angesehene Investigativ-Journalist Seymour Hersh verteidigt diese Theorie. Aber die Mehrheit der Experten und Geheimdienste macht die Assad-Regierung verantwortlich. Ich kann nicht entscheiden, wer Recht hat. Wichtig ist die Reaktion der USA.

Denn Barack Obama ist danach bereit, in den Krieg in Syrien zu ziehen. Im August 2013 kündigt er Luftangriffe an, will aber vorher den US-Kongress um Erlaubnis fragen.

Warum macht Obama das?

Er müsste es nicht tun. Anders als die deutsche Bundeskanzlerin kann ein US-Präsident Militärgewalt anwenden ohne das Parlament zu befragen. Der Vietnam- und der Korea-Krieg begannen beide ohne offizielle Kriegserklärung.

Also warum macht das Obama?

Jetzt müssen wir auf das Jahr 2008 zurückblicken. Damals wird Obama auch dafür gewählt, die ganzen verlustreichen und teuren und in den Augen vieler US-Amerikaner sinnlosen Kriege im Nahen Osten zu beenden. Würde er jetzt in den syrischen Bürgerkrieg eingreifen, riskiert er, dass die USA wieder in so einen Krieg hineingezogen werden. Deswegen will er auf der sicheren Seite sein die Verantwortung nicht allein tragen. Er will das Parlament fragen – und das ziert sich. Viele US-Abgeordnete sind nicht überzeugt. Dass die Luftschläge beginnen können, ist nicht sicher.

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Image caption: US-Präsident Barack Obama verspricht 2009 an der Kairoer Universität einen Neuanfang in den Beziehungen zur arabischen Welt.

Copyright: US-Regierung/gemeinfrei

Erst diese Unsicherheit bereit die Bühne für einen ganz anderen Akteur: Wladimir Wladimirowitsch Putin, Präsident der Russischen Föderation. Auf einen eher rhetorisch gemeinten Vorschlag des US-Außenministers John Kerry, dass Syrien auch alle seine Chemiewaffen vernichten könne, geht Syrien plötzlich ein, auf Druck Russlands. Eine Resolution passiert den UN-Sicherheitsrat, ein Jahr später vermelden die Inspekteure Vollzug. Die Assad-Regierung hat alle ihre Chemiewaffen vernichtet – und Russland einen US-Angriff auf seinen wichtigsten Verbündeten in der Region abgewandt.

Glück für Assad.

Pech für die Rebellen. Die geraten in den nächsten Monaten immer stärker unter Druck. Die Freie Syrische Armee ist nur noch ein Schatten ihrer selbst, ISIS gelingt Geländegewinne und im Juni 2014 ihr bis dato größter Coup: die Einnahme der irakischen Millionenstadt Mosul. Auf einen Schlag wird ISIS weltberühmt, dann enthaupten sie in einem Video den US-amerikanischen Journalisten James Foley und bedrängen Mitglieder der religiösen jesidischen Minderheit im Irak. Die USA müssen reagieren – und ohne den Kongress abstimmen zu lassen gibt Obama den Befehl für Luftangriffe auf ISIS. Ab sofort sind die USA eine aktive Kriegspartei im syrischen Bürgerkrieg. Zusammen mit den kurdischen Militäreinheiten auf dem Boden bilden die Kampfjets der USA die wichtigste Front gegen ISIS.

In den sunnitisch-arabisch geprägten Teilen des Iraks kann ISIS fast ungehindert agieren, aber im Norden des Landes, dort, wo die Kurden leben, treffen sie auf erbitterten Widerstand. Die Kurden haben dort im Schatten der US-Militärintervention im Irak – die war 2003 – einen de-facto-Staat errichtet, den sie nicht wieder hergeben wollen. Die syrischen Kurden hoffen auf eine ähnliche Entwicklung. Deswegen kämpfen die Kurden verbissen und bekommen dabei Unterstützung des Westens. Deutschland schickt Ausbilder und Waffen in den Irak.

Wie bitte? Wohin?

Ja, Waffenlieferungen in ein Kriegsgebiet. Das hat es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben. Der Syren-Krieg reißt die letzten Tabus ein.

Den Kurden gelingt es, an mehreren entscheidenden Stellen, die Jihadis zurückzuschlagen. Besonders heftig umkämpft ist das syrische Kobanê. Der Kampf um die strategisch unwichtige Stadt wird zu einem PR-Krieg, den ISIS wie die Stadt im Januar 2015 verliert. Seit dem Siegessommer 2014 ist das die erste ernsthafte Niederlage für die islamistische Miliz.

Aber richten die US-Luftschläge nichts aus? Ich meine, ISIS kann denen ja nichts entgegensetzen.

Doch. Aber nachdem sie am Anfang sehr hohe Verluste erleiden muss, ändert die Miliz ihre Taktik. Keine Konvois mehr, ständige Ortswechsel ihrer Führungskräfte. Der US-Luftwaffen gehen deswegen die Ziele aus. Sie fliegt im Frühjahr 2015 nur noch wenige Angriffe pro Tag. Ohne Bodentruppen wird ISIS nicht zu besiegen sein. Experten hatten das voraus gesagt, jetzt ist es offiziell.

Okay. Aber, was ich nicht verstehe: Wenn es den USA schon nicht gelingt, ISIS aus der Luft zu schwächenwarum bombardiert dann Russland die Miliz? Nur ein Idiot macht zweimal das Gleiche und erwartet ein unterschiedliches Ergebnis.

Das stimmt. Aber mit sehr, sehr großer Wahrscheinlichkeit bombardiert Russland eben kaum ISIS – auch, wenn die Sprecher der russischen Regierung nicht müde werden, das zu betonen.

Ach, das ist doch nur wieder anti-russische Propaganda.

Vermutlich nicht. Denn, wo Russland angreift, lässt sich recht präzise festhalten. Erstens, weil Russland selbst Videos von den Luftanschlägen veröffentlicht, die durch eine genaue Analyse bestimmten Orten zugeordnet werden können. Zweitens, weil aus den unterschiedlichsten Regionen Syriens Luftschläge von voneinander unabhängigen Beobachtern gemeldet werden, die sich im Laufe der Kriegsjahre als verlässlich erwiesen haben. Diese Meldungen alle zu fälschen, ist unmöglich.

Wen bombardiert Russland dann?

Die Rebellen. Nusra-Front, FSA, lokale Milizen, einige davon werden direkt von den USA unterstützt. Die Verteilung der Luftschläge zeigt, dass Russland dort angreift, wo die Assad-Regierung militärisch in Bedrängnis geraten ist. Nur fünf Prozent der russischen Angriffe sollen ISIS gelten.

Warum gerade jetzt? Warum hat Russland nicht schon in den vergangen Jahren eingegriffen?

Erinnern wir uns: Syrien ist der wichtigste Verbündete Russlands in der ganzen Region. In dem kleinen Örtchen Tartus unterhält Russland seine einzige Militäranlage außerhalb des Gebiets der ehemaligen Sowjetunion: einen Hafen, der den Aktionsradius der russischen Marine im Mittelmeer deutlich vergrößert. Während des ganzen Krieges hatte Russland Assad mit Waffen versorgt.

Dass das Land ausgerechnet jetzt aktiv in das Geschehen eingreift, dürfte nicht den einen Grund haben. Vielmehr dürfte dem russischen Präsidenten Putin, dem immer wieder nachgesagt wird, ein großer Taktiker zu sein, die Situation günstig erschienen sein, könnte er doch mit einem Militäreinsatz gleich mehrere Ziele erreichen:

1. Die Regierung Assad stützen, damit Russland seine Militärbasen und diesen wichtigen Verbündeten behält.

2. Als prominenter Akteur kann Russland bei keiner etwaigen Friedensregelung ignoriert werden.

3. Das spielt dem Land in die Hände, weil es durch den Ukraine-Krieg außenpolitisch kaum noch Spielraum hatte. Westliche Länder hatten Sanktionen verhängt. Russland begleitet seine militärische Offensive mit einer diplomatischen. Es macht dem Westen das Angebot, eine „Anti-Terror-Allianz“ gegen ISIS zu bilden. Assad wäre natürlich Teil dieser Allianz und damit auch erst einmal Teil der syrischen Zukunft.

Okay, ich habe das jetzt endlich verstanden, aber es ist schon schwer, den Überblick zu behalten.

Hier habe ich nochmal alle Akteure des Syrien-Krieges und ihre Kernziele aufgelistet. Ihr könnt die Karte gerne ausdrucken und im Netz teilen.

Wie ist die aktuelle Lage in Syrien?

Diese Karte zeigt die Frontverläufe. Wie ihr sehen könnt, sind diese alles andere als klar. Es gibt Einschlüsse von Rebellen und Regierungstruppen und ISIS-Einheiten. Fast alle von ihnen bauen eigene Verwaltungsstrukturen auf. Das meinte ich als ich am Anfang davon sprach, dass es zur Zeit viele „Syriens“ gibt. Andere ziehen Vergleiche zu Somalia.

Hey sorry, das war echt lang, was du hier geschrieben hast. Ich habe das mal alles übersprungen, um herauszufinden, wie es nun enden könnte. Ich will Frieden!

Wie der Syrien-Krieg ausgeht, kann niemand sagen. Und glaubt Leuten nicht, die meinen, dieses sei unmöglich oder jenes. Gerade Kriege sind so verworren, so unvorhersehbar, dass sich immer wieder Gelegenheiten auftun, die niemand vorher erahnt hätte. Die Geschichte ist voller Prophezeiungen, die sich hinterher als substanzlos herausstellten („Zu Weihnachten sind wir wieder zu Hause“, sagten die jungen, deutschen Kämpfer und zogen im Sommer 1914 gen Frankreich). Das einzige, was gesichert ist, sind die Ziele der ganzen Mächte. Behaltet sie im Gedächtnis bei allem, was in den nächsten Monaten passiert.

Dennoch will ich in die Zukunft blicken. Ich will nicht mögliche End-Szenarien skizzieren, sondern Wege zum Frieden. Dabei stütze ich mich auf das „Norwegian Peace Building Centre“. Es beschreibt drei Ansätze:

1. Interne Lösung – Ohne Vermittlung von außen wird Syrien befriedet. Entweder, weil eine Seite gewinnt oder weil alle Seiten miteinander verhandeln.

2. Ein internationales Abkommen, von außen vorangetrieben – Der Weltgemeinschaft, wohl in Form der Vereinten Nationen, gelingt es, Frieden zwischen den verschiedenen Parteien zu vermitteln und das Ganze in ein bindendes Abkommen zu überführen.

3. Syrische Kräfte und jeweilige Unterstützerstaaten einigen sich – Alle Parteien, die direkt oder indirekt, an diesem Krieg beteiligt sind, verständigen sich auf ein Abkommen.

All diesen Szenarien hängt ein entscheidender Makel an: Dass ISIS wohl nicht mitmachen wird. Die Miliz will ein Kalifat errichten, das die Welt umspannt. Für sie ist der Syrien-Krieg nur ein Puzzleteil in einem größeren Plan.

Hand aufs Herz: Was könnte Deutschland tun?

Deutschland wird in der ganzen Region sehr respektiert. Während der Ukraine-Krise hat es bewiesen, dass es auch Russland an den Verhandlungstisch bringen kann. Außenminister Frank-Walter Steinmeier ist Mitte Oktober zuerst nach Teheran, in die iranische Hauptstadt und danach nach Riad, in die saudi-arabische Hauptstadt gereist. Die Ergebnisse sind ernüchternd.

Also sind die Aussichten nicht sonderlich gut?

Am schlimmsten ist die Situation weiterhin für die ganz normalen syrischen Menschen. 4,1 Millionen von ihnen sind im Oktober 2015 auf der Flucht, mehr als 200.000 tot. Dieser Krieg ist eine Katastrophe.


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Aufmacher-Foto: Christian Triebert/flickr/CC BY 2.0