Der 4.000-Kilometer-Hürdenlauf

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Los geht's, sagt Möwe, ein Kurde aus Syrien, und tritt Khaled auf den Oberschenkel - einem 20-jährigen Syrer, der in einem ungarischen Maisfeld schnarcht, über ihm ein kalter September-Mond. Sie haben seit Tagen nicht geschlafen. Khaleds Füße bestehen nur noch aus Schwielen und Rissen, er kann kaum noch seine Stiefel anziehen. Er hat sich erkältet, er ist dehydriert, allein die letzte Stunde hat er sechs Mal gepinkelt. Seit sie auf europäischem Boden sind, ist die ungarische Grenze die größte Herausforderung. Und Khaled schläft. Dabei hat er noch gesagt: „Wenn ich jetzt einschlafe, stehe ich einen Tag lang nicht mehr auf.“

Zwei Stunden sind sie im Kreis herumgelaufen, geführt von einer Stimme auf WhatsApp und Karten auf dem Handy. Dessen Lichtschein verstecken sie unter einer Mütze, damit sie nicht von der Polizei entdeckt werden. Sie flüstern, diskutieren über den Weg, jedes Mal, wenn sie halten. Sie sind nicht 4.000 Kilometer weit gekommen, um jetzt in Ungarn zu verrotten. Einige Maispflanzen entfernt, sucht ein Mann nach einem Handy-Signal, um seine Position zu bestimmen. Hunderte Flüchtlinge verstecken sich vor der Polizei und voreinander in Feldern und Dornenbüschen.

Im Schutz der Büsche schleichen wir entlang einer stillgelegten Bahntrasse – vorsichtig, um keinen Lärm zu machen, zügig, um keine Zeit zu verlieren. Ameen, der Syrer, und ein Mann aus dem Irak führen den Konvoi an. Zwei Männer folgen, jeder mit einem Kind im Arm. Sie haben Schlaftabletten bekommen, damit sie nicht die Stille der Nacht unterbrechen. Ameen schaut sie vorwurfsvoll an - es gibt sichere Gebiete in Syrien, sie mussten ihren Nachwuchs nicht mitbringen, sagt Ameen, der selbst keine Kinder hat. Aber mit Kindern können sie leichter die Behörden beeindrucken und einfacher davonkommen.

Ihren Weg beleuchten nur die Sterne und einige Lichter in weiter Ferne. „Wer ist da?“, fragt jemand in Panik. "Ist da jemand in den Büschen?“ Aber Ameen beruhigt ihn - wahrscheinlich nur eine Gruppe wie die unsrige.

Wewuffwewuffwewuff, die Rotorblätter eines Hubschraubers zerschneiden die Luft. Mit dem Suchscheinwerfer patrouillieren sie die Felder. Fluchtartig verlassen wir die Schienen und suchen Deckung in den Büschen. Das Scheinwerferlicht entfernt sich. Puh, wir haben es geschafft.

Einige Menschen verlieren die Geduld – sie machen sich zur nächsten Tankstelle auf und wollen ein Taxi nach Budapest nehmen. Khaled kennt diesen Plan seit Athen und macht sich zu einem Parkplatz auf. Er fällt in einen Fünf-Meter-Graben. Er rappelt sich auf. Ich bin okay. Ich bin okay.

Einige Ungarn arbeiten als Mittelsmänner. Sie führen sie zu den Transportmöglichkeiten und machen dann ihr Angebot: Die Flüchtlinge bleiben hier und finden sich in einer Polizeistation wieder, oder sie legen 250 Euro für Bus oder Taxi hin. Aufgeregt wollen sie in die fahrende Klapperkiste einsteigen, aber geraten nur in einen Hinterhalt der Polizei. Möwe verschwindet, Khaled versteckt sich in den Büschen.

In den vergangenen Monaten haben hunderttausende Menschen aus dem Nahen Osten, Afrika und Asien versucht, die europäischen Grenzen auf Autobahnen zu überwinden, sind durch Felder und unter Zäunen gekrochen, auf der Flucht vor Kriegen und Schicksalsschlägen, oder einfach nur, weil es möglich ist.

Wir sind den Flüchtlingen von Griechenland aus nach Deutschland gefolgt, sechs Länder in zwei Wochen. Wir haben europäische Grenzen überschritten, eigentlich imaginäre Linien, die jetzt einige Menschen mit Stacheldraht nachgezogen haben.

Normalerweise hätten wir mit Taxis, Zügen und in Flugzeugen über die Grenzen kommen können. Aber die Reise mit den Flüchtlingen war chaotisch – versteckt im Kofferraum einiger Schlepper oder im Wald. Oder wir sind über Zäune gesprungen und gerannt. Los, los, los!

Athen

Es ist sechs Uhr morgens, kalt, die Sonne ist gerade erst aufgegangen. Der Hafen von Piräus ist voll. Die Menschen hängen an ihren Handys, telefonieren über WhatsApp, studieren Karten und diskutieren über den sichersten Weg zum europäischen Traum. Unbeirrt vom kalten Wind, verkauft ein Mädchen mit Basecap über dem Pferdeschwanz
Telefonkarten: Für eine Zehn-Euro-SIM-Karte bekommt man ein Gigabyte Internet-Nutzung und 50 Minuten für internationale Anrufe.

Riesige Touristenschiffe liegen dicht gedrängt im vollgepackten Hafen. Es riecht nach Fisch und Gewürzen. Zehntausende Flüchtlingen, von den griechischen Inseln gefischt, kommen hier durch. Wer in der Nacht ankommt, legt sich hier schlafen und wartet auf die erste U-Bahn, die ihn zum Bahnhof oder zum Bus bringt. Yallah, Yallah!

Mitten in Athen sitzen fünf junge Männer in der brennenden Mittagshitze auf dem heißen Asphalt und kämpfen mit einer Schachtel Pralinen und Brot mit etwas Käse gegen ihre Erschöpfung an. Der sechste, Khaled, starrt gebannt auf den Bildschirm des Sony-Smartphones, Kopfhörer auf den Ohren. Er hockt in einer Telefonzelle und will die Ladung seines Handys klug nützen: Er muss die Anweisungen in seinen Kopf bekommen, muss Karten speichern und den nächsten Schritt seines Plans vorbereiten.

Seit Monaten hat er sich vorbereitet, hat mit etwa 50 Freunden gesprochen, die bereits in Westeuropa leben, hat alle Neuigkeiten verfolgt und ist für die anderen fünf verantwortlich, obwohl er der Jüngste ist. Sie sind alle aus Syrien, aber er ist der einzige, der Englisch spricht.

Der Plan ist ziemlich einfach: Sie überqueren die Grenzen nach Mazedonien und Serbien, Länder, die Flüchtlinge passieren lassen, legal; dann illegal nach Ungarn, dort sind sie nicht erwünscht; dann einen Fahrer bezahlen, der sie zu einem Unterschlupf in Budapest bringt. Und dann wird ihnen hoffentlich jemand ein Zugticket kaufen, mit dem sie nach Wien kommen, mit nicht mehr als ein paar anständigen Kleidungsstücken auf dem Leib. Dann wird jeder von ihnen seinen eigenen Weg gehen...

Sie haben den Weg durch Ungarn gewählt, weil es die kürzeste und einfachste Route ist. Obwohl die Ungarn einen Zaun errichtet haben und ihn von Soldaten bewachen lassen, um Europa vor dem Islam zu schützen. Obwohl sie die schlechteste Einstellung haben, was Flüchtlinge betrifft.

Khaled ist 20 Jahre alt und studierte Englische Literatur in Damaskus, der syrischen Hauptstadt, die von den Regierungstruppen kontrolliert wird, aber voller Scharfschützen ist und von den Frontlinien mehrerer Interessengruppen umgeben ist. Seit seiner Kindheit spricht er Englisch. Da liegt sein Talent, glaubt er. Er lernt schnell und kann sich leicht anpassen. Er hätte gern eine private Wirtschaftshochschule besucht, aber der Krieg hat das syrische Pfund entwertet, die Preise haben sich versiebenfacht. Die Gehälter reichen nicht einmal für Lebensmittel, sagt er.

Geld war knapp, und er lief Gefahr, auf dem Weg zum Unterricht getötet zu werden. Die Tage wurden von einer grausamen Routine bestimmt: "Du wachst auf, du gehst zur Schule, du gehst den Heckenschützen aus dem Weg, du kommst zurück, du isst, du wartest auf Strom, um ins Internet zu kommen, du schläfst und wartest auf den nächsten Tag, der genau gleich abläuft. Nichts Neues. Es ist schrecklich!“

Sein bester Freund ist neben ihm gestorben, von einem Heckenschützen erschossen. „Wir haben seine Großeltern besucht, da wurde er erschossen… Ich will nicht darüber reden. Es war schrecklich, ihn so zu sehen. Du lebst zehn Jahre mit jemandem, und dann wird er für nichts und wieder nichts erschossen.“

Nach einem Jahr voller Diskussionen und Verhandlungen mit seinen Eltern entschied sich Khaled zu gehen. Sein Vater arbeitet immer noch, sie kommen so über die Runden, aber niemand weiß, wie lange das noch so weitergeht. Khaled nahm die Ersparnisse, die die Familie für schlechte Tage beiseitegelegt hatte, und packte seine Koffer.

Aus Damaskus kam er leicht raus. Er fuhr mit dem Bus zur libanesischen Grenze. Dort musste er sechs Stunden warten, weil er nicht bereit war, das Bestechungsgeld zu zahlen. Dann reiste er in die Türkei, für einen Tag nach Mersin und für einen halben Tag nach Izmir. Er verbrachte acht Tage an der Grenze in einer Hütte, bis ein Schmuggler ihm ein zusammengeflicktes Boot mit Motor verkauft und er die Türkei verlassen kann.

Er teilte sich das Boot mit 45 Personen. Auf der Insel Lesbos stand er einen Tag und eine Nacht für einen Pass in der Warteschlange. Viel Elend, weinende Babys und Kinder, Menschen, die einander prügeln und von der Polizei verprügelt werden. Am nächsten Tag nahm er die Fähre nach Athen.

Der Bahnhof Larissa in Athen ist voller Flüchtlinge, die Richtung Thessaloniki wollen. Ein paar Jungs sitzen auf ihren Rucksäcken oder ihren Schlafsäcken und warten auf Mitternacht. Dann fährt der Zug.

Ich fange ein Gespräch mit einem Typ an, kurze Haare, Vollbart. „Bist du Christ?“ Ich zucke mit den Achseln. „Weil mein Name Amin ausgesprochen wird.“ Er trägt Armeehosen, ein graues T-Shirt und ein Paar Adidas Superstars. Ich habe kein Ticket gekauft, und der Zug ist voll. Ameen kommt mir zu Hilfe: Von einem Freund erhält er einen Fahrschein, ich muss nur dafür zahlen. Super, danke.

Ameen ist 25 und kommt aus Deir ez-Zor, einer Stadt im Osten Syriens mit 200.000 Einwohnern. ISIS kontrolliert 80 Prozent der Stadt, der Rest ist unter Kontrolle der Regierung. Die Terroristen vom Islamischen Staat belagern das Gebiet, es gibt weder Nahrung noch Wasser. Deshalb lässt Präsident Baschar die Bürger flüchten, vorausgesetzt, sie zahlen 175 Dollar für das Militärflugzeug, das sie dort herausfliegt.

Ameens Vater ist Manager einer Ölgesellschaft. Er verkaufte sein Auto, um ihm Geld für die Reise zu geben. Seine Mutter ist eine Lehrerin, und seine Schwester war eine Freiwillige beim Roten Kreuz, bevor sie einen Job bei einer Bank bekam.

Er flog von der Fakultät für Schiffsmaschinenbau, weil er eine Strafe absaß. Es ist nicht schwer, in Syrien ins Gefängnis zu kommen: Wenn jemand einen Groll gegen dich hegt, geht er einfach zu den Behörden und erfindet Dinge. Ameen wurde vorgeworfen, er habe Menschen geschlagen und sogar getötet, aber er schwört, er würde so etwas niemals tun. Der Richter glaubte ihm nicht und steckte ihn mehrere Monate ins Gefängnis.

Er beißt Nägel und erzählt mir von einem Freund, der inhaftiert wurde, weil ihn sein zwölfjähriger Sohn denunziert hat - das Kind wurde angeblich gezwungen zu erklären, sein Vater sei ein ISIS-Mitglied.

Ameen spricht Englisch wie ein Amerikaner, er hat es nicht in der Schule gelernt, sondern von Filmen und Musik. Er hört Elton John und Frank Sinatra. Er singt fröhlich auf dem Bahnhof: Ain’t no sunshine when she’s gone.

Auf seinem Facebook-Profil und Cover-Foto hat er Bilder seiner Freunde gepostet, die angeschossen wurden, und seiner Verwandten, die bei einer Bombenexplosion starben. Einer von Ameens Freunden, der für das Rote Kreuz arbeitete, wurde von einem Scharfschützen in den Kopf geschossen – als er auf den Krankenwagen wartete, der ihn in ein von Bomben getroffenes Gebiet bringen sollte. Ein Cousin, der in einer Rebellenarmee diente, bekam von einem Scharfschützen der Regierung eine Kugel in den Hals. Offiziell war Waffenstillstand, aber als er aus seinem Versteck kam, tat der Scharfschütze seinen Job.

Wer kein Student ist, den zwingt die Regierung dazu, sich in die Armee einzuschreiben. Wer sich davor drücken kann, den fordern die Freie syrische Armee / die Islamische Front / die kurdische Armee / die christlichen Milizen / ISIS auf, sich ihnen anzuschließen. Du willst nicht? Sie werden dich wahrscheinlich umbringen. Alle diese Interessensgruppen bringen sich entweder kaltblütig um, oder sie schließen sich zu Bündnissen zusammen, je nach Interessenlage, sagt Ameen, und dreht sich eine Zigarette.

Aber er will keine unschuldigen Menschen umbringen. Deshalb ist er aus Syrien geflüchtet.

„Die EU ist nicht das Paradies, es ist ein langer Weg hin zu einem besseren Leben“, sagt Khaled. Er wartet auf den Bus nach Athen. "Vielleicht werden wir ihn finden, vielleicht auch nicht... das weiß nur Gott.“ In Damaskus gab es zuletzt nur ihn und die Mädchen an der Universität, die in Cafés abhingen. Die meisten seiner Freunde hatten Syrien schon verlassen, es gab kaum noch jemanden zum Reden.

Seine Eltern wollten ihn nicht gehen lassen, aber sie hatten keine andere Wahl. Jetzt weint er, wenn er mit ihnen am Telefon spricht. „Ich habe noch nie geweint. Als mir das erste Mal die Tränen kamen, lachten die Leute. Wie kann ein erwachsener Mann weinen? Männer sollten nicht weinen, oder so ähnlich... “ Er will nicht, dass ihm die Stimme versagt. Und er lügt die Jungs an, sie verstehen ohnehin kein Englisch.

Mazedonien

Die Busse aus Thessaloniki entladen ihre Fracht in den Hof eines Motel-Restaurants in der Nähe der mazedonischen Grenze. Der Parkplatz ist voll mit Zelten und Schlafsäcken. Der Besitzer kommt raus. Er ist wütend auf die Leute, die die Büsche unter seinem Fenster in Aborte verwandelt haben. Er stößt sie herum und flucht wie ein Kesselflicker.

Yallah, Yallah! Keine Zeit zum Ausruhen. Die Jungs schließen sich einer Gruppe von etwa 50 Syrern an, und morgens um 5.00 Uhr gehen sie in der Dämmerung Richtung Mazedonien, auf einem steinigen Weg, durch Büsche und Dornen.

Sie gehen schweigend auf der Hauptstraße, ein Licht vorn in der Gruppe und eines am Ende. Frauen und Kinder laufen geschützt in der Mitte. Einige der Männer sind mit Knüppeln bewaffnet. Banden räuberischer Afghanen durchstreiften die Gegend, sagen sie.

Von Zeit zu Zeit stoppt der Anführer der Gruppe und ruft so etwas wie „Sabotage“. Saba-tashar ist Arabisch und heißt siebzehn. Denn sie sind die siebzehnte Gruppe, die an diesem Morgen zur Grenze will. Der Kerl sagt an, wenn es Zeit ist, wieder ein paar Meter weiter zu gehen. Zwei- bis dreitausend Menschen kommen hier täglich durch und bleiben dann im Bahnhof von Idomeni stecken.

Um von hier weiterzukommen, brauchen wir eine Nummer. In der Nähe des Kontrollpunktes gibt es den Bahnhof, der zu einem Ghetto geworden ist: Tausende von Menschen ruhen sich auf den beiden Bahnsteigen aus - in Zelten, auf Decken, auf scharfkantigen Steinen, in Schlafsäcken, mit ihren Köpfen auf den Schienen oder auf dem Boden, im Staub und zwischen Müllhaufen.

Man hört Musik, klingelnde Handys, weinende Kinder, Schnarchen, das vom Lärm eines Generators überdeckt wird. Ein Mann mit einem Bein zeichnet mit der Spitze seiner Krücke Linien in den Staub. Ein Stand verkauft Kartoffeln und Wasser. Der Duty-free-Shop kann den Ansturm kaum bewältigen. Noch nie haben so viele Menschen hier die Grenze überschritten.

Meine Gruppe hat die Nummer 45. In einem ganzen Tag kamen sie gerade bis Nummer 39. Fast geschafft. Ameen führt die Bande. Er stellt immer fünf Menschen in eine Reihe, eine hinter der anderen. Insgesamt zehn Reihen. Er will sich nicht dem Vorwurf aussetzen, er bevorzuge seine Freunde. Deshalb stellt er die Frauen in die ersten Reihen, dahinter ihre Verwandten und schließlich die anderen.

Jemand macht ein Feuer. Der Rauch steigt nach oben zum Halbmond. Ein Mann wirft ein Holzscheit ins Feuer. Seine Gruppe hat die Nummer 134. Sie werden die Grenze morgen, vielleicht übermorgen überqueren. Oder sie nehmen das Risiko auf sich und gehen illegal nach Mazedonien.

Wir passierten den Kontrollpunkt. Ich packe mein Zelt zusammen, lege meine Sachen und meinen Schlafsack zurecht. „Bruder, wir ziehen um. Wir müssen gehen.“ Prima! Wir kommen in ein Flüchtlingscamp, alles ist organisiert. „Schreiben Sie Ihren Namen, Vornamen und Herkunftsland auf ein Stück Papier", treibt uns ein Polizist mit dickem Bauch an.

Ich sage ihm, wer ich bin und was ich mache. „Das ist nicht richtig„, verkündet er mit fester Stimme. “Gehen Sie dahin zurück, wo Sie herkommen, und reisen Sie legal ein.“ Okay, nur lässt mich die Militärpolizei, ein anderer Schlag mit anderen Vorgesetzten, nicht aus dem Land raus. Sie setzen mich über Nacht im Bezirksamt fest und brummen mir eine Geldstrafe von 510 Euro auf.

Ich schleiche durch die Büsche und gehe entschieden und schnell in die Morgendämmerung. Ich sehe eine Autobahn, ich sollte nicht länger als anderthalb Stunden brauchen. Ein brauner SUV aus einem anderen Zeitalter kommt plötzlich aus dem Nichts. Ich verstecke mich hinter einem Busch und warte, bis die Patrouille vorbei ist. Einige Kilometer weiter schleiche ich durch eine Deponie und höre Stimmen.

Buro, buro, buro – treibt ein kleiner, stämmiger Kerl seine Gefährten an, zwanzig Männer aus Afghanistan, jung, der jüngste ist 13, mit Haarschnitten wie Fußballspieler, farbigen Sonnenbrillen, Rucksäcken auf dem Rücken, traditionellen Hosen und Adidas Schuhen.

Ich folge ihnen. Ich renne, als hätte ich die Polizei mit Schlagstöcken auf den Fersen. Ich schlittere durch Zweige, springe über Rohre und quäle mich durch Brombeersträucher. Einer von ihnen hält mir die Hand hin, packt mich und zieht mich über einen Graben. Ich klettere über Steine.

"Buro, buro, buro“, treibt mich der Boss an. Wir überqueren einen Parkplatz, ein Huhn mustert uns misstrauisch, meine Beine rennen schneller als ich bergab, ich knicke ein und falle in den Staub. Ich renne, als wäre es meine einzige Hoffnung, setze auf einem schmalen Pfad vorsichtig meine Schritte, um nicht in die Schlucht und den Fluss da unten zu fallen. Wir werden langsamer, halten kurz an, schweißnass, trinken einen Schluck Wasser.

"Wir wollen nichts zu essen, das wollen wir nicht. Wir wollen Freiheit und Sicherheit“, erklärt ein Typ auf Englisch. Er sagt, dass in Afghanistan seit 40 Jahren Krieg herrscht. Er mag es nicht, wie verrückt durch den Wald zu rennen, aber er hat keine andere Wahl. Er kann nicht bleiben, der Gnade der Taliban und des Islamischen Staates ausgeliefert. Der Weg bis hierher war ein Alptraum.

Wir eilen in Richtung des nächsten Dorfes. Dort wollen wir auf einen Zug in die Hauptstadt Skopje warten. Wir kommen zu einer Schalterhalle, zwei Pakistaner ruhen sich inmitten der Ruinen aus. Anscheinend sind sie schon seit zwei Tagen dort, und kein Zug hat gehalten. Kardar, der Anführer der Afghanen, schaut gequält. Elf Syrer kommen vorbei, Kardar erzählt ihnen, dass seit zwei Tagen kein Zug gehalten hat. Die Syrer ziehen weiter.

Er ist 22, und sie alle gehorchen ihm wie Soldaten. Als einige schneller laufen, schimpft Kardar sie, sie sollen auf die anderen warten. Dann treibt er die Langsamen mit einem Stock an. Er trägt ein ärmelloses T-Shirt mit dem Bild eines Skorpions und ein Paar ausgelatschte Sportschuhe. Er kam illegal über die Grenze, weil sich die mazedonische Polizei so scheiße verhalten habe. Er hätte ohnehin nicht die Geduld gehabt, ein paar Tage in einer Schlange anzustehen.

Prdejtsi ist sauber, die Häuser scheinen solide, und die Menschen - viele von ihnen sprechen Englisch - laden uns zum Mittagessen ein. Sie geben uns Brot und hausgemachte Zacusca, Paprika-Auberginen-Tomaten-Paste, Gurken, Obst, Kaffee, Saft, Wasser. Der Zug hält in der Schalterhalle um fünf Uhr, jeden Tag, sagt ein Typ.
Um fünf Uhr legt der Afghane sein Ohr auf die Schiene, aber er hört nichts. 05.10 Uhr, nichts. 05.30 Uhr, immer noch nichts. Dann stellt er zehn Schritte entfernt eine Flasche auf die Schiene, und die Jüngeren testen ihre Zielsicherheit. Eine 15-jähriger Jugendlicher gewinnt und geht rüber, um die Flasche wieder aufzustellen. Aber er wird selbst zum Ziel. Dann entdecken zwei Jungs einen Hund, das Tier wird zum dritten Ziel. Kardar tadelt sie, dass sie ihre Energie mit unnützem Zeug vergeuden.

Es ist jetzt sechs. Wir gehen nach Gevgelija zurück, der Stadt an der Grenze. „Gute Leute sind gut, schlechte Menschen sind schlecht, es ist egal, ob sie Muslime, Christen oder Atheisten sind“, sagt ein Afghane, als ob die ganze Welt ihn hören könnte. Der Mann ist 35, er war der beste Fußballspieler seiner Stadt, aber was nützt das, wenn man in Afghanistan nicht Fußball spielen darf. Er ist bereit, auf alles zu verzichten, um in Schweden ein neues Leben anzufangen. Er kann den Krieg nicht mehr ertragen, und weil die reichen Länder der muslimischen Welt keine Flüchtlinge wollen, kam er nach Europa.

Wir teilen uns auf - sie gehen zu einem Bus. Ich schaffe es gerade noch rechtzeitig, den Zug nach Skopje zu erwischen. Los, los, los! schreit mich ein Mann mit einem reflektierenden Band an und schwenkt seine Laterne. Ich finde mich im Schlafwagen wieder. Die Polizisten patrouillieren die Gänge und verjagen die Dunkelheit mit ihren Laternen. „Papiere? Haben Sie Papiere?"

Die Grenze zwischen Mazedonien und Serbien ist ein weißer Grenzstein auf einem Feld. „Niemand fragt nach Ihren Papieren, aber wenn Sie geschnappt werden, können Sie sechs Monate bekommen“, sagt ein netter Freiwilliger. Konvois von Menschen schlängeln sich in Richtung Norden, folgen einem Fluss, durchqueren einige schlammige Schluchten. Nur ein Mann kommt zurück. Er ging das Gelände sondieren, er schlägt sich zusammen mit seiner Mutter durch, die in einem Rollstuhl sitzt. Er fragt sich, ob er sie zum serbischen Bahnhof tragen kann. Aber da ist nichts zu machen.

Die Hitze blieb hinter den mazedonischen Hügeln, auf denen Kiwis wachsen. Es ist kalt und voller serbischer Schlepper, die Flüchtlinge für 200 Euro nach Belgrad karren.

Belgrad

In der serbischen Hauptstadt gibt es Unterstützung für die Migranten. Die Behörden haben Toiletten und fließendes Wasser in einem kleinen Park neben der Bushaltestelle organisiert. Polizisten geben ihnen Ratschläge, und Menschen kommen mit Geschenken. Selbst die örtlichen Bettler profitieren davon, syrische Frauen teilen Essen mit ihnen. Aber die glücklichsten Menschen sind immer noch die Besitzer von Verkaufsständen und die Manager der Busunternehmen, die zehntausende Euro einnehmen. Es kostet 15 Euro von Belgrad an die Grenze, eine Nonstop-Route.

Neben einem öffentlichen WC behandelt Khaled seine Schwielen mit Talkumpuder. Die Gruppe will einkaufen gehen. Sie wollen wie Europäer aussehen. Sie gehen in einen chinesischen Laden laufen und kaufen alle Arten von beschissenen Sachen. Sie sind jetzt zwölf junge Männer, was ihre Chance halbiert, unbemerkt nach Ungarn hineinzukommen. Sie versuchten, in ein Hotel einzuchecken, wurden aber wieder rausgeschmissen. Alle sind todmüde und schlecht gelaunt. In einem Bistro essen sie alles, was es an Halal-Gerichten gibt, kaufen ihre Busfahrkarten und singen auf dem Weg zur Grenze patriotische Lieder. Bis der Schlaf sie auf schmutzigen Sitzen festklebt.

Kanjiža, eine kleine Stadt im serbischen Nordbanat, erlebt gerade ihre Blütezeit im neuen Jahrtausend. Als vor einigen Monaten die ersten Flüchtlinge eintrafen, waren die Taxifahrer sehr zufrieden, wenn sie am Tag fünf Kunden hatten, manchmal auch zehn. Jetzt haben sie fünf Kunden pro Fahrt, und tausende warten... Die Fahrer halten nur an, um die Autos aufzutanken. Nach einem Monat Arbeit können sie ein Transportunternehmen gründen oder eine Villa bauen. Oder beides.

Die Serben richteten einen Parkplatz ein und bauten einige Militärzelte auf, mit einer Menge Stromverlängerungskabel und kostenlosem WLAN. Khaled kauert wieder über seinem Handy, will wissen, wie man über die Grenze kommt, aber wird nicht so richtig schlau, die Ungarn ändern jeden Tag ihre Taktik. Am besten überquert man die Grenze um Mitternacht. Oder vor dem Morgengrauen. Oder nach Sonnenuntergang. Aber es ist gerade erst mal 19 Uhr.

Als es dunkel wird, setzen sich billige Busse in Richtung Grenze in Bewegung. Es gibt einige Tumulte, als Menschen ihre Koffer und Kinder durch die Fenster werfen, damit sie auch mitgenommen werden. Gereizte Polizisten schreien sie an und schicken sie zu den Taxis. Niemand darf laufen, aus Sicherheitsgründen, auch wenn man ziemlich schnell durch die Felder zum Ziel kommt. Aber die Flüchtlinge müssen Taxis nehmen.

Eilig sammeln die Jungs ihre Sachen aus den Zelten ein und stürzen sich ins Getümmel. Khaled wartet ruhig, seine Freunde drängeln an allen Bustüren.

Wir sind 15 Kilometer von der serbischen Grenze entfernt. Die Polizei teilt die Flüchtlinge in zwei Gruppen ein: diejenigen, die mit dem Taxi fahren, und diejenigen, die mit dem Bus fahren. "Wenn Ihr laufen wollt, werden wir Euch kriegen“, drohen die Gesetzeshüter. Der Taxifahrer verlangt zehn Euro für die Fahrt. Wir quetschen uns zu siebt in den Wagen - Pech gehabt. Zehn Euro pro Person, erst dann geht es los in Richtung Ungarn.

Direkt an der Grenze starren Flüchtlinge auf ihre Smartphones und planen die Route. Ein Iraker bietet Ameen an, dass wir mit ihm gehen. Er war schon einmal auf dieser Route, ist aber zurückgekommen, weil ihn das Gerücht in Panik versetzt hat, dass seine Fingerabdrücke genommen werden. Eine der größten Befürchtungen der Flüchtlinge ist, dass sie in Ungarn registriert werden und niemals zu ihrem Traumziel gelangen.

Ungarn

Wir klettern aus dem Innenraum des Taxis. Die serbischen Polizisten zeigen uns den Weg und wünschen uns Glück. Die zahlreichen Busse leeren sich, winzige Gruppen laufen zu den Eisenbahnschienen und in Richtung des ungarischen Zauns.

Einige in Khaleds Gruppe streiten sich wie verrückt, einer von ihnen verschwindet im Gebüsch und kommt nach ein paar Minuten zurück, bereit, mit der ganzen Welt zu kämpfen. Stress und Mangel an Schlaf fordern ihren Tribut, auch wissen sie nicht, wohin sie gehen sollen und wie sie sich von der Menge fernhalten, überall sind zu viele Menschen, wenn die Polizei sie erwischt, wäre das echt scheiße! Ein junger Betrüger bietet ihnen an, sie für 15 Euro auf einem sicheren, unbewachten Weg zu führen. "Er lügt und die Menschen glauben ihm“, sagt Möwe, will das Thema aber nicht vertiefen.

Khaled konzentriert sich ausschließlich auf den Bildschirm seines Handys, hält nicht Schritt, diskutiert nicht. Er hat den Plan geändert, aber es hat keinen Sinn, das zu sagen, weil ihm ohnehin niemand mehr zuhört. Je weniger sie sind, umso leichter wird es sein.

Sie entfernen sich von den Schienen, überqueren einige Gräben und laufen zickzack durch die Felder, bis sie herausfinden, wie die Karten zu lesen sind. Der Zaun liegt hinter ihnen, jetzt sind sie auf der Suche nach dem richtigen Zeitpunkt, um in eine Tankstelle zu rennen und eine Fahrt nach Budapest zu erhaschen. Khaled ist erschöpft, er schläft im Maisfeld ein, macht seinen kurdischen Begleiter wütend. Schließlich bekommt Khaled mit großer Mühe die Augen auf, und sie nähern sich weiter ihrem Ziel. In einem offenen Feld treffen sie auf einen alten Mann, der ihnen anbietet, sie zum Bus zu bringen. "Die Polizei kommt! Sagen Sie ihnen in ihrer Sprache, sie sollen zurückgehen“, flüstert der alte Mann. Aber Khaled fällt in einen fünf Meter tiefen Graben und kann danach kaum noch stehen.

Hinter dem Graben gibt es eine Asphaltstraße, auf der laute Klapperkisten und Busse fahren. Auf der anderen Straßenseite gibt es einen riesigen Parkplatz, mit einer OMV-Tankstelle in der Mitte. Viele Gelegenheitsarbeiter aus Rumänien, Ungarn und Serbien verschlingen hier Energydrinks und Gebäck: Sie warten darauf, dass neue Flüchtlinge aus dem Gebüsch kommen. Die Schlepper locken Familien zu ihren Fahrzeugen, auch Khaled und Möwe wollen einsteigen, aber die Polizei taucht auf. Verzweifelt suchen sie nach einem Versteck, die Schlepper springen in ihre Autos oder verstecken sich in den Toiletten.

Wir schleichen vorsichtig durch die Dunkelheit. Wir biegen nach links in ein Maisfeld ein, laufen in Spurrillen und durch Schlamm. Wir kommen an den Straßenrand. Ein weit entferntes Licht spiegelt sich auf dem Pflaster. Wir überqueren die Straße, immer zu zweit.

Wir müssen den Stacheldraht finden, am Zaun entlanglaufen, bis wir ein Loch finden, um drunter durchzukommen, und schon sind wir sicher. Aber wir verirren uns und laufen im Kreis durch die Felder, wie in einem unsichtbaren Labyrinth. Niemand will erwischt werden. Wir rennen, wir kriechen, wir springen durch die Brombeersträucher.
Wir folgen einer Straße. Zwei blaue Lichter von hinten. Polizei, Panik! Wir springen ins Gebüsch. Ich lande auf Disteln, sie durchbohren meine Hände und Beine. Ich stehe auf und laufe davon. Der Polizeiwagen fährt vorbei, dann dreht er um.

„Sssst!„ Jeder ist totenstill. Wir verstecken uns im hohen Gras, liegen auf dem Bauch, vor Angst wie versteinert. Schritte kommen immer näher. “Taxi?", fragt eine Frauenstimme. - Wie teuer? – Pro Person 250 Euro. Viel zu teuer, aber andere nehmen das Angebot an. Manche haben 300 Euro für eine Fahrt nach Budapest bezahlt, aber sie wurden nur ein paar Kilometer weit bis Szeged mitgenommen.

Wir bleiben auf der Straße. "Schau, Budapest – 180 Kilometer, das ist gut.“ Quietsch, stoppt ein Lieferwagen vor uns.

Woher kommt ihr?

Syrien.

Herein mit Euch.

Und der Polizist öffnet die Tür. Verdammt, gerade als wir dachten, wir kommen durch. Ameen erwägt, ihn zu bestechen, damit er uns laufen lässt. Besser nicht.

Wir steigen aus, danke! „Ciao!“ Wir sind in einem Flüchtlingslager, immer noch in Ungarn. Einige bekommen ihre Fingerabdrücke abgenommen, andere nicht. Die Regeln ändern sich stündlich.

"Wenn wir das gleiche Manöver in Saudi-Arabien versucht hätten, hätten sie uns des Landes verwiesen. Oder hätten uns erschossen.“ Freiwillige Helfer versorgen uns mit Kleidung, Seife, Shampoo, Zahnpasta, Zahnbürsten, Lebensmittel, Süßigkeiten und Wasser. Das alles haben die Menschen gespendet.

Wir essen ein paar Sandwiches und trinken eine kalte Gemüsesuppe. Das einzige Loch im Zaun ist direkt neben uns, eine Menge Leute kommen hierher und zelten hier eine Nacht, 90 Prozent von ihnen sind syrische Flüchtlinge, erzählt mir ein deutscher Freiwilliger.

Die Kälte kriecht in meine Kleidung, ich atme die kalte, feuchte Luft ein, will mich beruhigen. Ich baue das Zelt auf, krieche in den Schlafsack und falle in einen tiefen Schlaf.

Es ist Morgen, windiger Sonnenschein, um mich herum hunderte von verlassenen Zelten, Decken, Müll und Menschen, die wie Zombies aussehen und durch die Überreste der Nacht streifen. Ich habe eine Nachricht über WhatsApp von Ameen erhalten - er konnte entkommen und ist in Budapest.

Ein Iraker tritt gegen Khaleds Kopf, als er im Wald schläft. Er versteckte sich, als etwa zwanzig Polizeiwagen kamen und war eine Weile bewusstlos. Er kann nicht mehr, dann sollen sie seine Fingerabdrücke nehmen, und er bleibt in Ungarn, aber der irakische Kerl lässt ihn nicht los, er gibt ihm Wasser, packt ihn und trägt ihn in Richtung Szeged. Er will aufgeben, er fühlt, dass er stirbt. Er versucht, drei Polizeiautos zu stoppen, aber sie ignorieren ihn. Er bittet eine Patrouille, ihn zu verhaften, aber sie schicken ihn zum Bezirksamt.

Das Büro ist geschlossen, er sackt nur dort auf dem Bürgersteig zusammen, resigniert. Er verliert das Zeitgefühl. Dann hält ein winziges Auto neben ihm. Taxi nach Budapest? 300 Euro. Eine brandneuer, luxuriöser Benz kommt von hinten. Sie sammeln einige Iraker von der Straße auf und rasen mit 190 Kilometer pro Stunde nach Budapest.

Erschöpft checkt er in ein Billighotel am Stadtrand ein. Er ist total verängstigt, er will nicht verhaftet werden, er kann nicht schnell genug aus Ungarn rauskommen. Ein Schlepper will ihn für eine 450-Euro-Fahrt nach Deutschland ködern. Er ruft jemanden an, der Bahnhof ist sicher, du kannst den Zug nehmen, er schüttelt den Schlepper ab, besorgt sich einen Döner, eine Pizza, ein bisschen Käsekuchen, kauft ein Ticket und macht sich auf den Weg in die Hauptstadt Österreichs.

Wien

Als ich den Zug in Wien verlasse, komme ich in einer anderen Welt an. Der Bahnhof ist ein Flüchtlingszentrum, junge Freiwillige verteilen Lebensmittel, Wasser, Tee und Kleidung, es gibt kostenloses WLAN und eine Spielecke - Spielzeug, Süßigkeiten und Clowns; die Polizei sorgt dafür, dass alles glatt läuft, medizinisches Personal kümmert sich um Beschwerden, „Flüchtlinge, hier sind Sie sicher“, heißt es auf Plakaten an den Wänden. Leute klatschen und singen, Wachen machen Witze mit den Obdachlosen und erklären ihnen in zivilisierter Art und Weise, auf Englisch, dass es nicht gestattet ist, im Bahnhof schlafen.

Obwohl Österreich einen starken rechten Flügel hat, wollten viele Bürger den Flüchtlingen helfen, nachdem die Nachricht vom Tod von 71 Menschen in einem verlassenen Lkw-Container die Runde machte. Wer keine Zeit hatte, spendete Geld für Kleidung, Ausrüstung, Lebensmittel, alles Mögliche; andere kamen nach der Arbeit oder nach der Schule, um in den Wiener Bahnhöfen zu helfen. Ab einem gewissen Punkt gab es so viele Freiwillige, dass einige von ihnen nichts zu tun hatten. All das stellte eine reibungslose Weiterreise des Flüchtlingsstroms nach Deutschland sicher.

Ich treffe Ameen in einem Café. Seine beiden Begleiter kamen vor ein paar Monaten nach Europa und ließen sich in Österreich nieder. Er erzählt mir, nachdem er entkommen war, sei er noch eine Stunde oder so weitergekrochen, habe dann ein Taxi genommen und sei so nach Budapest gekommen. "Der Fahrer wollte 350 Euro pro Person, aber wir sagten ihm, go fuck yourself!, und er ging mit dem Preis auf 250 runter. Ich bin sicher, die arbeiten mit der Polizei zusammen, weil die Autos nie angehalten werden.“

Mohammad Balcjaji unterbricht Ameen und fragt ihn nach einer Zigarette. Er ist 22 und hat es nicht geschafft, sein Studium der Betriebswirtschaft zu beenden. Sein Freund und Namensvetter, Mohammad Othman, 24, dunkle Haut, dicker schwarzer Bart, hat Architektur studiert. Er entschied sich für Österreich, weil sein Onkel in Ungarn ist und er nahe bei ihm sein will. Aber er würde gerne nach Syrien zurückgehen, wenn der Krieg vorbei ist. Um das Land wieder aufzubauen.

Sie führen hier ein normales Leben, wie es in Syrien fast unvorstellbar ist. Balcjaji wurde fünfmal von der Polizei aufgegriffen, in Ungarn und Serbien. Er verbrachte zwei Wochen im Gefängnis, musste Schläge und den Spott der Wachen erdulden. Othman wurde in Mazedonien ausgeraubt, er verlor 1.500 Euro. Deshalb musste er nach Griechenland zurückgehen, um sich Geld von Freunden zu borgen.

Er streicht durch seinen Bart und erklärt mir, dass Europa nicht seine Tore öffnen wird, aus Angst, von der ganzen arabischen Welt überschwemmt zu werden. „Das Ergebnis wäre ein großes Durcheinander, unmöglich zu kontrollieren.“

„Ein Teil der Flüchtlinge könnte Bösewichte sein, kein Problem, sollen sie die Folgen tragen“, ergänzt sein Namensvetter. Wie auch immer, “extremistische Muslime aus Europa gehen nach Syrien, um im Dschihad zu kämpfen“, meint Ameen abschließend.

Wir rauchen Hasch, und er sagt mir, dass ich wie ein Araber aussehe. Oder wie ein Zigeuner. Wir trennen uns: Ameen fährt in Richtung Hamburg, ich gehe nach München.

München

Ich wache in einem Bahnhof wie aus der Zukunft auf. Es ist kalt und dunkel. Ich halte mich an eine Gruppe, die in ein Lager geht, das im Olympiastadion aufgebaut wurde.

Ich verlasse den Bahnhof und laufe durch das Sanitätszelt. Zwei Männer in weißen Kitteln fragen mich, woher ich komme, ob ich verletzt bin, ob es mich juckt, ob ich andere Probleme habe. Sie suchen mich nach Flöhen ab, bandagieren meine Wunde und geben mir ein grünes Armband.

Ich steige in einen Bus und schlafe sofort ein. Das Fahrzeug rast auf die Autobahn, und der Fahrer informiert uns, dass wir nach Hermsdorf fahren, eine kleine Industriestadt zwischen Berlin und München.

Ich komme vor einem Lager an. Ein langes Banner hängt vom Zaun - "Willkommen Flüchtlinge“. Zwei große Kerle mit weißen Latex-Handschuhe erteilen Anweisungen. Soldaten in Tarnfarben entladen Bettpfosten, Bänke und Tische, die Polizei passt auf, das Rote Kreuz registriert die Neuankömmlinge. Ein Mann im Overall, mit runder angelaufener Sonnenbrille, passt auf die kostenlosen Toiletten auf und erklärt, dass man die Hände waschen muss, sobald man fertig ist.

Das Lager fasst 600 Personen. Vier verschiedene Nationalitäten sind hier versammelt: Iraker, Syrer, Afghanen und Nigerianer. Flüchtlinge erhalten drei Mahlzeiten am Tag, ein Bett, können duschen und in einem Laden kostenlos Kleidung und Spielzeug für die Kinder bekommen.


Die Polizei griff Khaled schließlich auf, nachdem er ein paar Tage ziellos durch das Land gezogen war. Sie brachten ihn in ein bewachtes Lager in Bischofswerda, einer kleinen Stadt in der Nähe von Dresden, wo eine Gruppe von Neonazis die Asylsuchenden belästigte.

Khaled sagt, es ist beschissen. Er kann nicht raus, er weiß nicht, wie lange das Verfahren dauert, wann und ob er Asyl bekommen wird. Aber er hat ein Bett und Essen. Er lädt sein Handy und durchsucht das Netz, dann schläft er, er isst, er lädt sein Handy und durchsucht das Netz. "Es ist kein Paradies, aber es ist besser als zu Hause.“


Ameen lebt in einem Lager in Hamburg. Er hat keine Probleme mit Extremisten, er geht zu Partys und hat Spaß beim Warten aufs Asyl. Er ist praktisch integriert, er braucht nur Deutsch lernen, sein Studium beenden, einen Job und einen Platz zum Leben.

"Jetzt kann ich in Frieden leben“, vermutlich.


Wir waren in der ersten Septemberhälfte unterwegs. Reporter: Matei Bărbulescu, Ștefan Mako (Editor: Vlad Ursulean), Fotograf: Thomas Câmpean, Illustration: Giorge Roman, Infografik: Sergiu Brega, (Übersetzung: Silvana Doboș, Vera Fröhlich)

Casa Jurnalistului ist ein unabhängiges Journalistenkollektiv aus Bukarest, Rumänien.